Aphantasie und Hyperphantasie: Schwärze oder bunte Bilder im Kopf

Es gibt Menschen, die nichts vor ihrem inneren Auge sehen können. Es gibt aber auch Menschen, bei denen sich das halbe Leben im Kopf abspielt, sodass sie sich unsicher sind, ob bestimmte Vorkommnisse tatsächlich so passiert sind, oder ob es nur in der eigenen Fantasie geschehen ist. Seit 2015 forschen Experten zu Aphantasie und Hyperphantasie und mittlerweile gibt es einige Ergebnisse darüber.

Schließe deine Augen und denke an das letzte Buch, das du gelesen hast. Du siehst die Farben vor deinem inneren Auge, die Hauptpersonen, wie sie in deiner Vorstellung aussehen, wie sie sich bewegen und unterhalten. Nun stelle dir vor, dass alles, was du vor deinem inneren Auge sehen würdest, nichts wäre. Einfach nur Schwärze, ab und zu durchzogen von einigen hellen Flecken, die vom Licht kommen, das durch die Augenlider streift. So ähnlich geht es Philipp Dammer, 46, aus Bochum.

Auf dem Bild ist ein Mann mittleren Alters im weißen Hemd zu sehen, der Aphantasie hat.
Philipp Dammer hat Aphantasie.

Er hat eine Abstufung von Aphantasie, sodass er vor seinem geistigen Auge nur Dinge sehen kann, die er explizit schon einmal gesehen hat. Wenn ihm zum Beispiel jemand sagt, dass er sich sein Haus vorstellen soll, dann kommt ein Bild von seinem Haus zum Vorschein. Wenn ihm aber jemand sagt, dass er sich irgendein beliebiges Haus vorstellen soll, sieht Philipp Dammer nichts als Schwärze in seinem Kopf. Er kann sich also bestimmte Erinnerungen in den Kopf rufen, er kann jedoch keine Bilder aus seiner Fantasie oder zum Beispiel mit Hilfe von Geschichten heraufbeschwören.

Gründe für Aphantasie sind unklar

Es gibt jedoch noch stärkere Formen von Aphantasie, bei denen der oder die Betroffene in ihrem Kopf gar nichts sehen kann. Die wörtliche Bedeutung von Aphantasie (engl. Nicht-Vorstellung) bedeutet aber nicht nur die Abwesenheit von mentalen Bildern, sondern auch die Abwesenheit von anderen Sinneseindrücken im Kopf, wie zum Beispiel Geräusche oder Gerüche. Merlin Monzel, B.Sc. Psychologe und Forschungsgruppenleiter für Aphantasie an der Universität in Bonn, verweist auf Forschungsergebnisse, die zeigen, dass bei Aphantasisten viele verschiedene Gehirnregionen diffus aktiviert werden, wenn sie versuchen, sich etwas vorzustellen. Diese Regionen werden bei Nicht-Aphantasisten nicht aktiviert.

Merlin Monzel forscht zu Aphantasie an der Universität Bonn.

Dazu gibt es verschiedene Theorien: Eine davon besagt, dass es für das Gehirn der Aphantasisten sehr schwer ist, sich etwas vorzustellen. Das Gehirn versucht, dieses Defizit auszugleichen. Dafür probiert es alternative Bewältigungsstrategien aus, die von verschiedenen Regionen im Gehirn repräsentiert werden. Die Theorie passt mit der sogenannten „neuronalen Effizienzhypothese“ zusammen. Die Hypothese besagt, dass die Aktivierung im Gehirn umso geringer ist, je einfacher es eine Aufgabe bewältigen kann.

Eine andere Theorie geht davon aus, dass sich das Gehirn normalerweise gegen Störeinflüsse wappnet, die das Entstehen mentaler Bilder hemmen können. Da es das Gehirn eines Aphantasisten jedoch nicht schafft, diese Störeinflüsse zu unterbinden, kann auch kein Bild entstehen. Merlin Monzel nennt darüber hinaus die Möglichkeit, dass mentale Bilder vom Gehirn absichtlich unterdrückt werden können, zum Beispiel um Erinnerungen an ein Trauma zu vermeiden. Diese Theorie würde allerdings bedeuten, dass alle Aphantasisten in ihrem Leben ein Trauma erlebt haben, von dem sie negative Folgen mit sich tragen, was nach derzeitigem Forschungsstand nicht sehr wahrscheinlich ist.

Aphantasie ist nicht gleich Aphantasie

Bei Aphantasie kann zwischen totaler und willentlicher Aphantasie unterschieden werden. Totale Aphantasie bedeutet, dass Aphantasisten nichts in ihrem Kopf sehen können. Bei willentlicher Aphantasie geht man davon aus, dass Aphantasisten zwar absichtlich kein Bild hervorrufen können, aber manchmal unfreiwillig ein Bild aufblitzen kann, wenn sie sich nicht darauf konzentrieren oder daran denken.

Merlin Monzel zieht zudem die Möglichkeit in Betracht, dass es eine totale Aphantasie in diesem Sinne nicht gibt beziehungsweise, dass sie nur sehr selten vor kommt. Es könnte sich auch in diesen Fällen um willentliche Aphantasie handeln, bei denen unfreiwillige Bilder noch nicht identifiziert werden konnten. Die Vermutung kommt daher, dass ein Großteil der Aphantasisten bildlich träumen kann. Das neuronale Netzwerk für unfreiwillige Bilder und Träume kann vom neuronalen Netzwerk für freiwillige Bilder unterschieden werden. Für eine totale Aphantasie müssten also beide Netzwerke unabhängig voneinander gestört sein, was aber unwahrscheinlicher als die Störung eines einzelnen Netzwerks ist.

Wenn Philipp Dammer träumt, dann träumt er in Bildern, wie es der Großteil der Menschen tut. Wenn er allerdings beschreiben soll, wie seine Lieblingsperson in einem Roman aussieht, ist er ratlos und „weiß nie, wie sie aussieht“. Auch wenn eine Stimme beschrieben wird, kann er sie nicht in seinem Kopf hören. Denn da hört er nur seine eigene Stimme oder die von sehr vertrauten Menschen. Den kompletten Gegensatz zu Philipp Dammer stellt Lilith Dolch, 19, dar. Ihr halbes Leben findet in ihrem Kopf statt. Sie kann Bilder und Filme heraufbeschwören, hört Stimmen, Musik, kann sich den Geschmack von verschiedenen Gerichten ins Gedächtnis rufen. Sie hat das Gegenteil von Aphantasie, nämlich die sogenannte „Hyperphantasie“.

Hyperphantasie: Wenn sich das halbe Leben im Kopf abspielt

Junge Frau mit halblangen, hellbraunen Haaren in einem olivgrünen Pullover
Lilith Dolch hat Hyperphantasie.

Lilith Dolchs Träume sind manchmal in so scharfen Bildern, dass sie sich früher unsicher war, ob diese nur aus ihrer Fantasie kommen oder tatsächlich passiert sind. Als Kind hatte sie sogar manchmal luzide Träume, also Träume, in denen sie selbst bestimmen konnte, was passiert. Lilith Dolch träumt aber nicht nur nachts, sondern auch tagsüber sehr häufig. Dann ist sie in ihrer eigenen Welt und ihr fällt es manchmal schwer, sich dadurch nicht ablenken zu lassen und jemandem zuzuhören.

Beim Schreiben von Vokabeltests in der Schule fiel es ihr dagegen leicht, das Gelernte wiederzugeben. Dafür hat sie einfach die Seite mit den Vokabeln in ihrem Kopf „hochgeladen“ und dann vor ihrem inneren Auge gesehen, was dort stand. Sie erinnert sich auch noch genau an bestimmte Zeitpunkte in ihrem Leben. Wenn zum Beispiel jemand sagt: „It’s your turn“, entsteht in ihrem Kopf sofort das Bild aus der Grundschule, als sie dieses Wort lernen mussten. Manchmal ist sie sich aber unsicher, ob Geschichten aus ihrer Kindheit tatsächlich passiert sind, oder ob sie sich diese nur ausgedacht hat und jetzt denkt, sie wären so passiert.

Wenn Lilith Dolch versucht, etwas zu finden, wie zum Beispiel ihren Haustürschlüssel, macht sie das erstmal so, wie die meisten anderen Menschen vermutlich auch: Sie versucht sich daran zu erinnern, wo er das letzte Mal gelegen hat. Allerdings ruft sie dafür in ihrem Kopf ein Bild von der Stelle auf, an der sie den Schlüssel das letzte Mal gesehen hat. Sieht das Bild „falsch“ aus, sucht sie in ihrem Kopf nach dem nächsten Bild. Es fällt ihr auch leichter, etwas zu finden, wenn alles ein bisschen unordentlich ist, weil die Dinge dann mehr herausstechen.

Phänomene, keine Krankheiten

Geforscht wird zur Hyperphantasie allerdings bisher nicht viel. Laut Merlin Monzel könnte das daran liegen, dass sich Hyperphantasie viel schwerer definieren lässt. Während Aphantasisten Menschen sind, die sich innerlich nichts vorstellen können, gibt es sehr viele Abstufungen davon, wie stark man sich etwas vorstellen kann. Außerdem weiß niemand, wie scharf jemand anderes etwas vor seinem inneren Auge sieht oder hört oder schmeckt, weshalb sich auch nur sehr schwer eine bestimmte Obergrenze festlegen lässt.

Die Aphantasie selbst ist noch ein sehr neues Forschungsfeld, erst seit 2015 wird darüber geforscht. Merlin Monzel und andere Forscher sind noch dabei, Messinstrumente für Aphantasie zu entwickeln. Die können dann in einem zweiten Schritt auch auf Hyperphantasie übertragen werden.

Beide Phänomene sind jedoch nur das: Phänomene, und nicht etwa Krankheiten. Laut Merlin Monzel schränkt Aphantasie die Betroffenen bei alltäglichen Aufgaben nicht ein. Durch Übungen hat sich herausgestellt, dass Aphantasisten für spezielle Aufgaben manchmal etwas länger brauchen, lösen können sie die Aufgaben im Normalfall trotzdem. Philipp Dammer sieht sogar Vorteile darin, denn er kann über noch so ekelhafte Dinge reden, ihn stört das überhaupt nicht und er kann nebenher zum Beispiel auch in Ruhe weiter essen. Lilith Dolch hat zwar manchmal etwas Schwierigkeiten, sich auf ein Gespräch zu konzentrieren, ansonsten wird sie jedoch von ihrer Fähigkeit, sich Sinneseindrücke stark vorzustellen zu können, nicht eingeschränkt.

Nimm an unserem Quiz teil, um noch mehr über Aphantasie zu lernen:

Beitragsbild: Linda Kircheis, Porträtfoto Philipp Dammer: privat, Porträtfoto Lilith Dolch: privat, Porträtfoto Merlin Monzel: Tobias Kuhl.

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2 Kommentare

  1. Avatarsays: Träumer

    Träume lenken, selbst gestalten, unterbrechen, bewußt ausbessern können….das ist eine der Merkwürdigkeiten, die mir andere nicht abkaufen wollten oder konnten. Mit Aphantasie, das Wort ist mir gerade neu, habe ich das nicht verbinden können. Ich erinnere automatisiert in laufenden Bildern. Jemand fragt mich, ob ich diese oder jene Sache erledigt habe, dann sehe ich das wie einen Farbfilm. Das andere das nicht so sehen, war nie bewußt.
    Ich verlebe praktisch den ganzen Tag in zuweilen skurrilen Tagträumen, was bei anspruchsvollen Arbeiten sehr belastend sein kann. Und nervtötend. Stupide Jobs sind erheblich angenehmer. Da läuft mein Privatfilm dann stetig nebenher.
    Das mit dem SDAM kann ich nicht komplett unterschreiben. Ich kann mich, nur in kurzen Sequenzen, an Szenen aus der frühesten Jugend erinnern. Manches geschah im Säuglingsalter klar unterhalb 12 Monaten. Bei einigen Ereignissen, sehr viel später, bin ich aber nicht sicher, ob sie wirklich stattgefunden haben. Das stimmt schon.
    Ehrlich, das ist einigermaßen aufregend. Nach so vielen Jahrzehnten eine Erklärung für Manches zu bekommen. Und das ich nicht völlig allein damit bin. Vielleicht gründet ja mal jemand einen Blog darüber oder ein Forum für solch schräge Vögel 😉

    1. Avatarsays: Jamie

      Es ist so unglaublich interessant zu sehen dass du praktisch das gegenteil von mir bist. ich habe mein ganzes leben lang nie irgendwas gesehen und dachte dass aussagen wie ich hab kopfkino nur redenswendungen wären. im gegenteil zum beispiel aphantasisten sehen ich aber nicht mal etwas wenn ich es sekunden davor vor augen hatte. auch kann ich bildlich und teilweise luzid träumen und mir charaktere aus büchern vorzustellen fällt mir nicht schwer (auch wenn ich sie nie sehen kann was vielleicht auch für meine begeisterung fürs malen gesorgt hat). insgesamt ist es immer ziemlich interessant über andere perspektiven nachzudenken wobei ich wenn ich erlich bin doch lieber bildliche vorstellungskraft hätte.
      [Anm. der Red.: Formatierung angepasst]

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