Fifa zum Anfassen: Beim TC Freisenbruch entscheiden die Fans

Wie bei Fifa: Mannschaftsaufstellung in Freisenbruch.

An einem Tag Ende Mai tritt der TC Freisenbruch zum letzten Heimspiel der Saison an. Auf der Klubanlage im Bergmannsbusch, einem tiefroten Ascheplatz mit kleinem Vereinshaus nebendran, sind es rund 20 Grad. Der Platz ist in einem Wäldchen gelegen. “Asche heißt: Du oder ich”, steht auf einem Plakat, das am Spielfeldrand hängt. Ab und an schlendern Spaziergänger vorbei. Ihr sonntäglicher Ausflug führt geradewegs aufs Waldstadion zu. Manche bleiben stehen, andere gehen weiter, uninteressiert. Am Ende haben 140 Zuschauer bezahlt für 94 Minuten Kreisliga-Fußball. Doch es sind so viele mehr, die ihr Auge auf den Essener Amateurklub geworfen haben. Der TC Freisenbruch ist der einzige Fußballverein Deutschlands, der basisdemokratisch geführt wird. Auf die Geschicke des Kreisligisten können Online-Manager Einfluss nehmen. Aus der ganzen Welt.

Online-Magier zahlen monatlich Geld

Es war ein Tag im Jahr 2014, da kamen drei Männer, schon durchaus verzweifelt, auf diese verrückte Idee. Sie wollten ihren Verein retten, der damals besorgniserregend vor sich hin siechte. Dem die Geldgeber fehlten und der dem Rückfall in die Kreisliga C nur knapp entkam. „Dieser Abstieg in die unterste Spielklasse wäre wohl der Todesstoß gewesen“, sagte Peter Schäfer mal. Er ist einer der Drei, die den Amateurverein aus Essen stabilisierten. Die ihn vollkommen restaurierten mit neuem, innovativen Konzept.

Einblick ins Spiel: Das Profil von Trainer Schäfer.

Gemeinsam mit Peter Wingen und Gerret Kremer kam Schäfer der Einfall, den TC Freisenbruch neu zu strukturieren. 2016, also rund zwei Jahre später, ging das Projekt an den Start. Online-Manager, die sich auf dem Internetportal des Vereins gegen einen monatlichen Geldbetrag anmelden, können die Entwicklung dieser Fußballmannschaft seither aktiv beeinflussen. Sie entscheiden über die Aufstellung, über Zu- und Abgänge, sie können den Trainer stürzen oder den Bierpreis festlegen. Ebenso wie beim Videospiel Anstoß 3, der Computer-Simulation, von der sie sich in Freisenbruch inspirieren ließen.

Aus Essen zur Sportmesse nach Peking

770 Online-Manager beteiligen sich mittlerweile. Darunter sind freilich viele Deutsche. Leute aus fernster Ferne indes haben sich gleichfalls angemeldet, sie kommen aus Australien, Japan, dem Vietnam und seit neuestem auch vermehrt aus China. Woher das kommt? „Wegen unseres Besuchs dort vermutlich“, sagt Schäfer leicht schmunzelnd. Ende Januar brach er mit Wingen und Kremer, seinen beiden Kollegen, auf in Richtung Peking. Ihre Projektes wegen. Aus Essen soll es in die ganze Welt getragen werden.

Fast eine Woche blieben dieses Trio in China, besichtigte die Chinesische Mauer. Und stellte auf einer Sportmesse in Peking ihren volldigitalisierten Klub vor. Sie verteilten ins Chinesische übersetzte Vereinsflyer, präsentierten ihr Maskottchen „Ulv“ im Wolfskostüm – und trafen gleich neben ihrem Stand auf einige Marketingvertreter der deutschen Bundesligisten. „Die haben uns alle erkannt“, lacht Schäfer. „Man kennt uns inzwischen.“

Die Zahl der Online-Manager wächst

Dabei ist dieses Projekt, eine herkömmliche Fußball-Simulation wie Anstoß 3 in der Realität zu erproben, nicht völlig neu. Nur wird es in Essen bislang offenbar mit Erfolg umgesetzt. Sportlich hat sich der TC Freisenbruch in der Kreisliga A festgespielt. Kein Fußball-Hochgenuss ist das, aber durchaus passabel, wenn Zuschauer wie Verantwortliche an noch nicht weit zurückliegende Zeiten denken. Prominente Sponsoren sind hinzugekommen, zum Beispiel der Sportartikel-Hersteller Nike oder Wettanbieter XTip. Außerdem wächst die Zahl der Online-Manager kontinuierlich. „Es geht seit drei Jahren bergauf“, bestätigt Schäfer. Nichts hat derzeit den Anschein, als könnte das Vorhaben in Freisenbruch so kläglich scheitern wie andernorts.

Das Konzept funktioniert nicht überall

Ebbsfleet United, aktuell fünftklassig in England, konnte 2007 zwar zwischenzeitlich rund 32.000 Nutzer begeistern. Diese Euphorie nahm aber schnell wieder ab. Drei Jahre später beteiligten sich nur noch circa 130 Leute an einer Abstimmung über Transferangelegenheiten. Und bei Fortuna Kölns 2008 gestarteten Versuch handelte es sich in der Rückschau wohl allein um eine Geschäftsidee. Die Mitglieder musste zahlen, durften aber, so kritisierten einige, nur Belangloses bestimmen: die Vereinshymne, den Fanschal, das Maskottchen. Als sie über die Zukunft des Trainers entscheiden wollten, versuchten Fortunas Macher, eine Abstimmung zu verhindern. „Die bisherigen Umsetzungen waren nicht attraktiv genug“, meint Schäfer deshalb. Er, inzwischen vom Sportlichen Leiter zum Trainer gewechselt, hat mit seinen Mitstreitern Wingen und Kremer schon klare Pläne für die Zukunft.

„Etwas ganz besonderes, hier zu spielen“

Kameras begleiten Freisenbruchs Kreisliga-Fußballer bei den zweimal wöchentlich stattfindenden Trainingseinheiten zwar schon jetzt. Künftig sollen den Online-Managern aber noch spezifischere Daten vorliegen, die dann für die Bestimmung der Startelf verwendet werden könnten. „Das Trainerteam“, erklärt Schäfer, „soll vergrößert werden, damit wir noch besser auf die Leistungsdiagnostik der Spieler achten können. Regelmäßig soll es Tests geben, daraus soll ein exaktes Spielerprofil mit Stärken und Schwächen erstellt werden – so wie es beispielsweise bei der Fußball-Simulation FIFA auch vorhanden ist.“

Den TC gibt es nicht nur online. Hier zu sehen in Aktion.

Christian Brangenberg, im Winter zum TC Freisenbruch gekommen, gibt wenig überraschend zu Protokoll, dass es „etwas ganz Besonderes ist hier zu spielen. Dauernd passiert etwas Neues, etwas Besonderes.“ Brangenberg – 23 Jahre jung, Typ stabil gebauter Verteidiger – steht nach dem letzten Heimspiel der Saison gemeinsam mit Jörn Parakenings – ebenfalls 23 Jahre, allerdings Angreifer – am Rande der Heimstätte „Waldstadion Bergmannsbusch“. Den eigentlich so souveränen Tabellenführer Werden-Heidhausen hatten sie soeben mit 4:1 geschlagen, trotz mehr als dreißigminütiger Unterzahl. „Dass es die Online-Manager gibt“, sagt Parakenings, „hat man während des Spiels natürlich nicht im Kopf. Da zählt nur, was auf dem Platz passiert.“ Natürlich aber, so stellt er klar, „ist das schon eine außergewöhnliche Geschichte“. Eine, die derzeit kaum besser laufen könnte.

Freisenbruch beendete die diesjährige Spielzeit auf dem fünften Platz, ebenso wie im Vorjahr. Wirklich final allerdings wurde die Saison erst wenig später beschlossen, als sich die Mannschaft zur feucht-fröhlichen Zusammenkunft für ein paar Tage auf Mallorca traf. Als wäre der TC Freisenbruch ein ganz gewöhnlicher Kreisligist.

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