Berufswunsch Jockey: zwischen Risiko und der Liebe zum Pferd

Die Kölnerin Alina-Hannah Klembt ist eine von ingesamt 22 auszubildenden Jockeys in Deutschland. Mit ihrem Berufswunsch hat sie sich für einen Hochleistungssport entschieden. Doch trotz der harten körperlichen Voraussetzungen, die sie für eine Karriere als Jockey erfüllen muss, sieht Hannah ihre Zukunft bei den Pferden. 

Kai Schirmann kommt mit dem Moped zur Arbeit. Es ist Feiertag, kurz nach 7.00 Uhr am Morgen und für einen kurzen Moment wird das Vogelgezwitscher in den Bäumen von dem lautem Geknatter überdeckt. Während die Stadt noch schläft, läuft der Betrieb im Stall Asterblüte an der Kölner Rennbahn schon seit dem frühen Morgen. Die hier fest angestellten Jockeys sind bereits von ihrer ersten Runde auf der Rennbahn zurück. Feiertag ist hier wie der Sonntag und bedeutet, dass weniger Pferde als üblich im Training laufen.

Jockeys müssen eine dreijährige Ausbildung absolvieren

Kai Schirmann, Leiter der Kölner Jockeyschule Foto: Celine Wegert

Kai Schirmann ist Leiter der deutschlandweit einzigen Jockeyschule in Köln. Seine fünftägigen Lehrgänge sind Pflicht für angehende Jockeys. Um beruflich Pferderennen zu reiten, müssen junge Reiter eine insgesamt dreijährige Ausbildung zum Pferdewirt mit der Fachrichtung Rennreiten absolvieren. Ausgebildet werden sie dabei von ihrem jeweiligen Rennstall. Zusätzlich besuchen die jungen Rennreiter einmal während ihrer Ausbildung den Lehrgang bei Kai Schirmann. Dort lernen sie, wie man richtig auf dem Pferd sitzt, mit passenden Sportübungen die Fitness verbessert und sich sinnvoll ernährt. Für das morgendliche Training auf der Rennbahn stellt der benachbarte Rennstall Asterblüte den Azubis einige seiner Pferde zur Verfügung. Insgesamt beherbergt der Kölner Rennstall über 80 Pferde von verschiedenen Besitzern, die von den Mitarbeitern täglich individuell versorgt und trainiert werden.

Die Kölnerin Alina-Hannah Klembt ist eine von insgesamt 22 auszubildenden Jockeys in ganz Deutschland. Zusammen mit drei anderen Mädchen nimmt die 22-Jährige diese Woche an dem Lehrgang von Kai Schirmann teil. Um viertel vor acht reiten Hannah und die anderen Azubis gemeinsam mit den Rennreitern aus Köln vom Hof. Im Gegensatz zu den Kölner Jockeys ist das ihre erste Runde für heute.

Bevor es auf die etwa zwei Kilometer lange Rennbahn geht, traben die Jockeys ihre Pferde auf einem eingezäunten Zirkel warm. Hannahs lange dunkle Haare gucken in einem Pferdeschwanz unter ihrer hellgrün bezogenen Reitkappe hervor. Die Farbe ist Pflicht, damit Schirmann seine Azubis von den anderen Jockeys unterscheiden kann.

Um zu dem Eingang der Rennbahn zu gelangen, durchqueren die Reiter ein kleines Waldstück. Dort angekommen, donnern die Pferde nacheinander durch den Sand. Währenddessen macht Schirmann Fotos für die anschließende Feedbackrunde mit den vier Mädchen.

Ein Jockey darf nicht mehr als 55 Kilogramm wiegen

Die Auszubildenden Alina-Hannah Klembt und Jana Ivancevic (v.l.) Foto: Celine Wegert

Mit ihrem Berufswunsch haben sich Hannah und die anderen Azubis für einen Hochleistungssport entschieden. „Rennreiter müssen zwischen 52 und 55 Kilogramm wiegen“, sagt Markus Feck, der Fitnesscoach an der Kölner Jockeyschule. „Um das Gewicht zu halten, fahren Jockeys 20 Kilometer Fahrrad vor der Arbeit und gehen jeden Tag nach dem Training zehn bis 15 Kilometer laufen.“ Das sei wichtig für die Kondition und die Fettverbrennung.

Bei einem Pferderennen kann das Gewicht der Reiter großen Einfluss auf die Leistung der Pferde haben. Wiegt ein Reiter beispielsweise besonders wenig, kann das seinem Pferd einen erheblichen Vorteil verschaffen. Um diese Vor- oder Nachteile zu vermeiden, werden in den Rennen sogenannte „Handicaps“ verteilt. Für jedes der Pferde wird vorab festgelegt, wie viel Gewicht es auf seinem Rücken tragen muss, erklärt Kai Schirmann. Der Gedanke dahinter: Rein theoretisch kämen so alle Pferde durch die angepassten Voraussetzungen zur gleichen Zeit ins Ziel. Durch diese Methode erreichen die Veranstalter, dass es bei den Rennen ausschließlich um die Leistung des Pferdes geht und nicht um das Gewicht seines Reiters.

Um in allen Rennen mitreiten zu können, sei es besser, zwischen 50 und 55 Kilogramm zu wiegen, sagt Schirmann. So kann ein 52 Kilogramm wiegender Jockey bei einer Voraussetzung von 55 Kilogramm für sein Pferd die fehlenden Kilos beispielsweise durch einen schwereren Sattel ausgleichen.

Um Gewicht zu verlieren, gehen Jockeys in Schwitzanzügen laufen

Auch für Fälle, in denen ein Jockey etwas mehr wiegt, als sein Pferd in dem jeweiligen Rennen tragen darf, haben die Reiter ihre Methoden. Einige von ihnen gehen vor dem Rennen bei warmem Wetter beispielsweise in einem sogenannten „Schwitzanzug“ aus Gummi laufen, erklärt Kai Schirmann. So schwitzen die Reiter ihre wenigen hundert Gramm zu viel einfach aus. Auch Saunagänge sind üblich, um auf das passende Gewicht zu kommen. „Die Jockeys haben ihre Körper so unter Kontrolle, dass sie genau wissen, wie viel Gewicht sie in welcher Zeit verlieren können“, meint Schirmann. Die Krux dabei: An einem Renntag reiten Jockeys mehrere Pferde in den Rennen.

Mit 56 bis 60 Kilo bist du fett. Nicht als Mensch, aber für diesen Beruf.

Auch die 19-jährige Jana Ivancevic besucht den Lehrgang in Köln. Im Gegensatz zu der kleinen, zierlichen Hannah, welche die körperlichen Voraussetzungen für ihren Berufswunsch mitbringt, wird Jana allerdings nie Karriere machen können. Die 19-Jährige ist sehr schlank, aber knapp zwei Köpfe größer als die anderen. „Die Jana hat 60 Kilo. Die wird ein, zwei Rennen reiten und dann ist Feierabend“, meint Kai Schirmann. „Mit 56 bis 60 Kilo bist du fett. Nicht als Mensch, aber für diesen Beruf.“ Das Ende im Rennsport müssen Janas 60 Kilo aber nicht bedeuten. Sie kann mit ihrer Ausbildung und einem anschließenden Meister zum Beispiel als Trainerin arbeiten. Auch Arbeitsreiter werden für das tägliche Training im Rennstall immer gebraucht.

Doch nicht nur die körperlichen Voraussetzungen für eine Karriere auf der Rennbahn sind hart. Das hohe Tempo und der geringe Abstand zu den anderen Pferden bergen auch Risiken. Bis zu 70 km/h schnell kann ein Rennpferd mit Reiter auf dem Rücken werden. Kommt es zu einem Unfall, kann das im schlimmsten Fall für  Pferd und Reiter lebensgefährlich sein. Erst Anfang Juni ist bei einem Renntag auf der Kölner Rennbahn ein Pferd so schwer gestürzt, dass es eingeschläfert werden musste. Tierquälerei, finden Tierschützer von Peta aber auch Privatpersonen.

„Wenn ein Pferd sich das Bein bricht, kommt es immer darauf an, wie es sich das bricht“, sagt Kai Schirmann. „Man kann ein Pferd nicht ruhig stellen.“ Liegt ein Pferd zu lange, wäre dessen Darmfunktion stark gefährdet. „Sollte ein Pferd sich so das Bein brechen, dass es nicht repariert werden kann, wird es getötet“, so Schirmann. Wenn es gehe, versuche aber jeder Besitzer sein Pferd zu retten. „Das sind deren Babys.“

Den Vorwurf der Tierquälerei weist Schirmann ab: „Pferde sind Herdentiere. Die laufen gerne zusammen. Alle Besitzer hier lieben und kennen ihre Pferde.“ Die Auszubildende Jana sieht das ähnlich. „Wenn ein Pferd eingeschläfert werden muss, ist das schrecklich,“ sagt die 19-Jährige. „Wir alle hängen an den Pferden. Aber das Risiko gehört dazu. Wenn das auf der Koppel passiert, interessiert das keinen.“

Neben den echten Pferden trainieren die Reiter auch auf elektronischen Tieren

Gegen 12.30 Uhr haben die Azubis Mittagspause. Gegessen wird im Biergarten der Rennbahn. Während Jana Nudeln Bolognese bestellt, isst Hannah einen Burger mit Pommes. „Eigentlich sollte man drauf achten, aber ich esse, was ich möchte“, sagt sie.

Direkt nach dem Essen geht das Training für die Mädchen weiter – diesmal auf dem elektrischen Pferd. Ziel sei es, dass die Mädchen hier Sitz und Zügelhaltung verbessern und die allgemeine Fitness trainieren, erklärt Fitnesscoach Markus Feck. Das Pferd ist aus schwarzem Plastik, trägt einen Sattel und hat sogar eine Mähne. Tief über den Hals des elektrischen Tieres geduckt, folgt je eines der Mädchen den Anweisungen ihres Coaches. Per Knopf stellt er die Geschwindigkeit ein.

„Weiter runter.“

„Hau‘ mal drauf.“

„Runter mit dem Oberkörper.“

Immer wieder hört man, wie die Peitsche laut auf den gepolsterten Hintern des Pferdes knallt. Konzentriert schauen die Mädchen nach vorn und passen ihren Sitz den automatischen Gallopp-Bewegungen an.

Schluss ist nach dem herausfordernden Training gegen 14.30 Uhr jedoch noch lange nicht. Der Tagesplan der Mädchen beinhaltet noch ein Zirkeltraining mit verschiedenen Fitnessübungen. Feierabend ist heute für 16.00 Uhr angesetzt.

Die Mädchen sind solche langen Trainingszeiten jedoch gewohnt. In ihrem Ausbildungsstall beginnt Hannahs Tag beispielsweise bereits um 5.00 Uhr morgens. Zwei Stunden lang mistet die 22-Jährige am Morgen Boxen aus, dann reitet sie nacheinander vier Pferde. Nach dem Training wird gefüttert und der Stall gefegt. An einem kurzen Tag ist sie gegen 12.30 bis 13 Uhr fertig. An einem langen Tag muss Hannah auch nachmittags arbeiten. „Früher habe ich zwischen 14 und 16 Uhr Nachmittagsschlaf gemacht. Heute brauche ich das nicht mehr.“

Die Top 10 in Deutschland können davon sehr gut leben

Ein ausgebildeter Rennreiter ist in seinem Rennstall fünf Tage die Woche fest angestellt. An den Wochenenden finden dann die Pferderennen statt. Dort engagieren die jeweiligen Pferdebesitzer dann die aus ihrer Sicht gut geeigneten Jockeys, um deren Pferd im Rennen zu reiten. Azubis bekommen dabei pro Ritt eine Pauschale von 40 Euro, Berufsrennreiter bekommen 55 Euro und Jockeys 75 Euro. Den Jockey unterscheidet vom Berufsrennreiter die Zahl seiner Erfolge. Offizieller Jockey ist man erst, wenn man mindestens 50 Rennen gewonnen hat. Vorher gelte man als angehender Jockey, erklärt Schirmann.

Gewinnt ein Reiter das Rennen, bekommt er zusätzlich zu der Pauschale für den Ritt fünf Prozent der ausgeschriebenen Gewinnprämie. „Die Gehälter sind nicht so wie bei Fußballern“, sagt Schirmann. „Aber die ersten zehn können davon sehr gut leben.“ Ein Normalverdiener unter den Rennreitern habe unversteuert etwa 5000 Euro im Monat. Dafür müsse er aber auch regelmäßig an den Wochenenden Rennen reiten.

Trotz der hohen körperlichen Voraussetzungen und der kontroversen Debatte um die Rennreiterei kann Hannah sich nicht vorstellen, einen anderen Beruf zu erlernen: „Das Risiko ist hoch, aber ich mache das gerne“, sagt die 22-Jährige. „Zur Not miste ich Boxen aus. Das ist mein Traumjob.“

 

Beitragsbild: Kai Schirmann

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