Ein Ziel – mehr braucht es nicht

Foto: Katja Hönes
Herr Bert bietet viele versteckte Stauraum-Möglichkeiten. Foto: Katja Hönes

Daniela und Nils haben sich den Traum vom eigenen Camper erfüllt. Jetzt reisen sie mit ihrem umgebauten Reisemobil um die Welt. Aus dem Campen wie es früher einmal war, hat sich der Trend Vanlife entwickelt.

In drei Tagen geht es für Daniela Krupp und Nils Schulze-Hesselmann in den Urlaub. Das Paar sitzt auf seinem Balkon in Köln. Daniela schreibt eine Liste. Sie sammelt Orte, die sie und Nils auf ihrer Reise mit Herrn Bert besuchen möchten. Herr Bert ist ihr Wohnmobil, das sie sich vergangenes Jahr zugelegt haben. Ganz oben auf ihrer Reise-Liste steht diesmal das Fjordland, eine Region, die für ihre Landschaft im Südwesten Norwegens bekannt ist. Um auch keinen coolen Spot zu verpassen, startet Daniela eine Umfrage auf Instagram. Auf ihrem öffentlichen Account haben Nils und Daniela bereits über 6.000 Abonnentinnen und Abonnenten. Beide überlegen, wie sich die Orte am besten miteinander verbinden lassen. Dank Herrn Bert sind sie bei ihrer Reise flexibel. Das Gefühl von Freiheit, Unabhängigkeit und die Naturverbundenheit.

Foto: Katja Hönes
Durch den Camper können sich Nils und Daniela nun regelmäßig eine Auszeit von ihren Jobs gönnen. Foto: Katja Hönes

Wie Daniela und Nils begeistern sich immer mehr junge Leute für den neuen Trend Vanlife. 2018 waren um die 20 Prozent der Camping-Urlauber zwischen 20 und 29 Jahren alt. Damit waren sie die größte Altersgruppe, die das minimalistische Reisen für sich entdeckt hat. Christian Günther ist Geschäftsführer des Bundesverbands der Campingwirtschaft in Deutschland e.V. (BVCD) und erklärt sich den Camping-Trend so: „Werte wie Freiheit, Individualität und Unabhängigkeit spielen bei jungen Leuten eine große Rolle. All das kann durch das sogenannte #vanlife sehr gut bedient werden.“

Jeden Tag ein neuer Ausblick

Ein paar Tage vor Abfahrt: Nudeln und Pesto einkaufen, Kamera aufladen, Wanderschuhe raussuchen, Softshelljacken besorgen, Wassertank auffüllen, Hotspots raussuchen, Gesellschaftsspiele einpacken, Buchung der Fähre überprüfen – die To-Do-Liste von Nils und Daniela ist gut gefüllt.

Daniela und Nils haben einen Plan: möglichst viel von der Welt sehen. Bei dem Thema Hotel winken beide ab. Das war noch nie ihr Ding. Sie wollen flexibel sein. „Man kann spontan am Wochenende los, aber auch während des geplanten Urlaubs die Route jeden Tag neu festlegen oder ändern“, erklärt Daniela. Dadurch entdecken die beiden Orte, an denen sie sonst vielleicht nicht vorbeigekommen wären und übernachten dort spontan. Für Daniela und Nils geht es darum, aus dem Alltag auszubrechen und das Leben zu genießen.

Für den Umbau gingen viele Wochenenden drauf.  Foto: Nils Schulze-Hesselmann

Nachdem Daniela und Nils zuerst mit dem ausgeliehenen Wohnmobil von Nils‘ Mutter in den Urlaub gefahren sind, haben sich die beiden vergangenes Jahr einen vier Jahre alten Kleintransporter gekauft und umgebaut. Schon zweimal war das Paar mit Herr Bert in Norwegen. „Ein besseres Land für Camper gibt es wohl nicht“, sagt Daniela. Herr Bert ist grau, sechs Meter lang und 2,40 Meter hoch. Mit seinen vier Jahren bringt er bereits über 3000 Kilogramm auf die Waage.

Auch wenn er praktisch umgebaut und liebevoll dekoriert ist, sieht Luxus anders aus. Wie die meisten Reisemobile bietet er wenig Wohnfläche.  Es gibt ein Bett, eine Sitzecke und eine kleine Küchenzeile. Mehr braucht es auch für die neue Generation der Camperinnen und Camper nicht. Nils sagt, dass Vanlife ein Trend ist, der sich auch jetzt in Deutschland immer mehr verbreitet: „In Australien und Amerika leben junge Leute das Vanlife schon seit Jahren. Der Film Expedition Happiness war sicherlich auch ein großer Auslöser und hat einige Leute in Europa begeistert.“ Der Film dokumentiert die Suche des Filmproduzenten Felix Starck und seiner Freundin, der Sängerin Mogli, nach dem wahren Glück. In einem umgebauten Schulbus bereisen sie mit ihrem Hund den amerikanischen Kontinent.

Allein im nirgendwo

Herr Bert ist sehr fotogen und bietet viel Stauraum. Daniela und Nils fühlen sich wohl in ihrem Auto. Campen im Sinne von Reisen mit dem Transporter, Wohnmobil oder Wohnwagen wird immer beliebter. Allein im Monat April wurden laut Zahlen des BVCDs etwa 9.500 Reisemobile in Deutschland neu zugelassen. Verglichen mit den Neuzulassungen 2016, ist das ein Zuwachs von fast 40 Prozent. Nach dem Kauf eines eigenen Campers, bauen viele diesen um. Christian Gühnther vom BVCD sieht das vor allem als Gegentrend zur Urbanisierung. Die Zahlen des Campingverbandes (BVCD) zeigen auch, dass sich Campingfreunde zunehmend für Reisemobile anstelle von Wohnwägen entscheiden. Ein klarer Vorteil der meisten Modelle: Die Käuferinnen und Käufer können so viel umbauen, lackieren oder einrichten wie sie mögen. Aber noch viel wichtiger: „Es ist günstiger als ein bereits eingerichtetes Reisemobil“, sagt Nils.

Dennoch: Bis ein gebrauchter Kleinbus umgebaut in den Urlaub rollen kann, müssen oft viele Tausend Euro ausgeben werden. Bei Daniela und Nils fiel die Wahl im vergangenen Jahr auf einen gebrauchten, aber relativen neuen Citröen Jumper. Insgesamt haben sie ungefähr 22.000 Euro und mehrere Monate Arbeit investiert. Wie zwei stolze Eltern stehen sie vor ihrem Auto. Es ist die Liebe zum Detail, die direkt auffällt. Die Wände sind mit weißem Holz verkleidet, daran hängen stylische Lichterketten und kleine Blumentöpfe. Das Bett ist im hinteren Teil des Campers eingebaut. An der Hintertür hängen Gardinen und ein Traumfänger. Sobald sie die Kofferraumtüren aufmachen, können Nils und Daniela aus dem Bett die Aussicht genießen.

Sonnenaufgänge in Norwegen sind für die beiden etwas Besonderes. Foto: Nils Schulze-Hesselmann

Mehr Luxus muss es für Daniela gar nicht sein: „Wenn du jetzt Anfang zwanzig bist, das Reisen mit dem eigenen Camper dein Traum ist, du aber nicht so viel Geld zu Verfügung hast, warum nicht? Es gibt genauso viele, die sich dann günstig einen älteren Bulli holen, nicht viel umbauen, Matratzen reinlegen und einfach losfahren.“ Für wenig Geld wäre auch ein Hotelzimmer möglich – allerdings mit immer gleichbleibendem Ausblick. Herr Bert bietet mehr. „Den einen Morgen frühstückt man am Flussufer mit Blick auf die Berge und am anderen übernachtet man mit Blick aufs Meer. Auch wenn an dem Ort schon mehrere mit ihrem Bus standen, gehört dieser Platz in dem Moment ganz dir“, schwärmt Daniela. Ihre Augen strahlen.

Am liebsten stehen die beiden mit ihrem Camper frei. Auf Campingplatzen sind sie nur, wenn sie mal wieder ordentlich duschen wollen oder die Lage besonders toll ist. Sobald Wohnmobil an Wohnmobil stehe, sei es ein anderes Feeling, findet Nils. „Dann sind wir wieder beim Camping wie es vor 20 Jahren einmal war.“ Es ist also die Art zu Campen, die sich verändert hat und der Grund dafür, dass zunehmend junge Leute Urlaub auf kleinem Raum für sich entdecken.

Eine riesen Community

Camping hat sich über die Jahre verändert und weiterentwickelt. Es ist eine Lebenseinstellung. Dass zeigt sich auch bei Instagram. Tausende junge Leute teilen in den sozialen Netzwerken Bilder von ihren Reisen und ihren umgebauten Bullis. Allein auf Instagram gibt es zu dem Hashtag campingknapp 24 Millionen Beiträge. Die wohl größte Seite dort ist „project_vanlife“. Die Seite teilt Reisebilder aus der ganzen Welt und erreicht damit mehr als 940.000 Abonnentinnen und Abonnenten.

Gemütlich und praktisch sollte ihr Zuhause auf vier Rädern werden. Für die technische Umsetzung ihres Projekts hat sich das Paar viel Zeit genommen. Nils ist gelernter Schreiner und wollte das alles nicht nur gut aussieht, sondern auch gut verbaut ist. Es sind viele eigene Ideen eingeflossen, die beiden haben sich aber auch viel von Bildern anderer inspirieren lassen. „Wir hatten während der Umbau-Phase viele Fragen, die hätten wir einfach nicht erlesen können. Wir haben dann oft jemanden angeschrieben und immer eine ausführliche Antwort bekommen“, erzählt Nils. Die Vanlife-Community haben sie dadurch erst so richtig kennengelernt. „Die Community ist wirklich kommunikativ, sehr aufgeschlossen und total interessiert. Genauso wie es bei uns am Anfang war, kriegen wir jetzt total oft Fragen: Wie habt ihr das gemacht? Wo habt ihr das her?“, erzählt Nils. Dieses Jahr möchten die beiden zum ersten Mal an einem der vielen Community-Treffen teilnehmen. Dort gibt es die Möglichkeit sich mit Online-Bekanntschaften austauschen, Vorträgen zuzuhören und an Workshops teilzunehmen.

Herr Bert ist mit viel Liebe zum Detail eingerichtet. Foto: Nils Schulze-Hesselmann

Viele Camperinnen und Camper machen ihren eigenen Merch, haben eigene Tassen und Sticker. Die werden innerhalb der Community ausgetauscht. Daniela und Nils haben schon mehrere Sticker aus der Szene zugesendet bekommen. Sie kleben gut sichtbar an der Rückwand des Campers.

Plattformen wie yescapa.de verleihen Reisemobile an Urlauberinnen und Urlauber, die keinen eigenen Camper haben. Levin Klocker ist Countrymanager für deutschsprachige Länder bei Yescapa. Er sieht drei Nutzergruppen: Die Allein-Reisenden, die Paar-Reisenden und Ältere. Neben jüngeren Familien nehme die Zahl an jüngeren Paaren und kleineren Freundesgruppen zu. Der Altersdurchschnitt liege dabei zwischen 23 und Mitte dreißig. „Es sind zunehmend jüngere Paare, die sich meist direkt im Zielland einen Camper mieten und damit ein paar Wochen rumreisen“, sagt Klocker. Es braucht nicht das große Geld, um zu Campen und die Welt zu entdecken. Vanlife sei offen für alle und schließe keine Gruppe aus.

Trotzdem gibt’s viele Vorurteile

Es werde zwar immer von Freiheit und Unabhängigkeit gesprochen. Trotzdem sagen Nils und Daniela auch, dass Campen den ein oder anderen Nachteil mit sich bringe. Ein weit verbreiteter Mythos: Camperinnen und Camper stehen dort, wo sie möchten. An vielen scheinbar perfekten Orten sind Schilder angebracht, die auf ein Camping-Verbot hinweisen. Aber auch wenn an einem Ort theoretisch gecampt werden darf, ist das nicht immer möglich. Irgendwo frei – Camper sagen autark – außerhalb eines Campingplatzes zu stehen, ist aufwendig. Nils und Daniela haben ein Solarpanel auf dem Dach installiert und können mit einem Aggregat maximal zwei Tage ohne Strom- und Wasseranschluss auskommen. „Dann ist man schon wieder an einen Campingplatz gebunden“, sagt Nils.

Auch die Parkplatzsuche wird in Städten zur Herausforderung. Nils erzählt: „Wir haben in unserem Van zum Beispiel kein warmes Wasser und keine Spülmaschine. Wäschewaschen geht auch nicht wie gewohnt. Nach einigen Tagen muss auch mal die Toilette gelehrt werden. Das ist auch nicht jedermanns Lieblings-Job.“ Bei Reisen zu zweit, sollte jedem bewusst sein, dass viel Zeit auf besonders kleinem Raum miteinander verbracht wird. „Bei Regen hockt man dann die ganze Zeit im Wohnwagen. Uns macht das nichts aus. Für manch andere ist das sicherlich nicht immer einfach.“

https://www.instagram.com/p/ByiuzLnoktd/

Eine Stunde nachdem Daniela und Nils auf ihrer Instagram-Seite die Umfrage zu Hotspots in Norwegen gestartet haben, haben 40 Leute geantwortet. Die beiden freuen sich über so viele Rückmeldungen. Einfacher ist die Routenplanung dadurch aber nicht gerade geworden. Jetzt sortiert Daniela erst einmal aus, welche Vorschläge sich doppeln und was sie schon gesehen haben. Nach langem hin und her ist die Route endlich fertig. Daniela und Nils sind sich sicher: Wenn sie erst einmal in Norwegen sind, kommt sowieso wieder alles anders als geplant.

Mehr von Katja Hönes

„Napalm-Girl“ erhält Friedenspreis

Die vietnamesische Friedensaktvistin Kim Phuc Phan wurde mit dem Dresdener Friedenspreis ausgezeichnet....
Mehr...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.