Alternative Hochzeiten: Harry Potter anstatt Kirchaltar

Das ganze Leben füreinander da sein. Heiraten hat für Vanessa und Christina Esch einen hohen Stellenwert. Die beiden sind zusammen groß geworden und sind nun seit 14 Jahren ein Paar. Beide verbindet die Leidenschaft für das Theaterspielen und vor allem: Harry Potter. Ein Jahr lang haben die beiden ihre Motto-Hochzeit geplant und dabei kein Hogwarts-Detail ausgelassen.

Kerrin Wiesener bei einer Hochzeit

Doch wie is es heutzutage überhaupt mit dem Heiraten? Kerrin Wiesener ist selbstständige Hochzeitsplanerin und Mitglied im Bund deutscher Hochzeitsplaner. Sie stellt fest, dass Hochzeiten insofern an Bedeutung gewonnen haben, dass auch noch Jahre danach mit einem Strahlen davon erzählt werde und dass es für alle ein unvergesslicher Tag werden solle. „Ja, Hochzeiten heute haben einen Eventcharakter, aber immer einen höchstpersönlichen“, so Wiesener. Auch wenn sie aus Erfahrung sagen könne, dass auf den Gästelisten deutscher Paare durchschnittlich 80 bis 120 Namen stehen, „geht der Trend vermehrt zu klein und fein“. Brautpaare lägen heute viel Wert auf die Liebe zum Detail, gutes Essen und ausreichend Zeit mit ihren Gästen.

Do-It-Yourself und Motto-Hochzeiten

Christina und Vanessa Esch bei ihrer Hochzeit

Außerdem würden Brautpaare heute nicht mehr bloß diskutieren, ob freie Trauung oder kirchlich, sondern unter welchem Motto die Hochzeit stehen soll.  Dieses Motto entscheide dann über die Kleidung, die Deko und die Location. Christina und Vanessa Esch haben sich aus diesem Grund für eine Harry Potter-Hochzeit entschieden. Beiden war von Anfang an klar, dass es keine normale Hochzeit wird und es „auf keinen Fall langweilig sein soll“, so Christina. Wichtig war ihnen dabei aber nicht die Tatsache, sich von der Masse abzuheben. Beide verbinden viele gemeinsame Erinnerungen mit der Fantasy-Buchreihe. Deswegen waren Familie und Freunde auch wenig überrascht, als in ihrem Briefkasten neben Rechnungen eine Hogwards-Einladung lag. Dadurch, dass ihr finanzielles Limit bei Fünftausend Euro lag, wurde der Großteil selbst gebastelt. Das ist zwar viel Arbeit, dennoch wird der Stress durch die Liebe zum Detail gerne in Kauf genommen.

Heiraten ist längst kein gesellschaftlicher Zwang mehr

Wer früher gemeinsame Kinder hatte, aber nicht verheiratet war, wurde komisch von der Seite angeguckt. Trotzdem wurde der Liebe wegen geheiratet und die Beziehung hielt bis zum Lebensende, so heißt es immer in den Erzählungen der Großeltern. Die heutige Generation hat, was das Heiraten angeht, mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Eines der größten ist wahrscheinlich, dass Paare heutzutage aus einer Laune heraus heiraten. Carsten Wippermann ist Professor für Soziologie und Autor der Studie „Partnerschaft und Ehe“. Die Studie belegt vor allem, dass sich Paare erst dazu entscheiden zu heiraten, wenn sie sich sicher sind, den Partner fürs Leben gefunden haben. Für den Großteil der verheirateten Männer und Frauen sei die Ehe immer noch ein Zeichen von Verbindlichkeit. Die Eheschließung habe immer noch einen hohen Stellenwert und für viele stehe fest: „Ich heirate nur einmal im Leben“. Wippermann erklärt sich das so: „Die Tatsache, dass heiraten kein sozialer Zwang mehr oder Automatismus ist, führt dazu, dass die Bedeutung der Ehe größer wird und das Heiraten somit eine bewusstere Entscheidung ist“. Dies lässt sich auch bei dem Altersdurschnitt der heiratenden Frauen feststellen. Heirateten Frauen vor 25 Jahren noch mit 26,1 Jahren, ist die Zahl mittlerweile auf 31,7 angestiegen.

Carsten Wippermann ist Professor für Soziologie.

Geht Karriere wirklich vor?

Karriere und Eheschließung waren damals schon relevant, jedoch anders miteinander verflochten. Hatte ein 18-jähriger junger Mann eine Freundin und eine Festanstellung, war die logische Konsequenz passend zum Berufseintritt zu Heiraten. Carsten Wippermann sagt, dass die wirtschaftliche Eigenständigkeit heute zunehmend im Vordergrund stehe. „Natürlich gibt es auch Ausnahmen und manche Frauen möchten zu Hause bleiben, aber die Mehrheit der Frauen möchte möglichst wenig von ihrem Partner abhängig sein“, betont der Professor für Soziologie. Kinder und der Steuervorteil spielten nur gering eine Rolle bei der Entscheidung.

Diese Einstellung spiegelt sich auch in Christina und Vanessa wieder. Sie wussten schon immer, dass sie perfekt zusammenpassen. Ihre Liebe mit dem „Ja-Wort“ zu besiegeln, war für die beiden bis Oktober 2017 rechtlich dennoch nicht möglich. Als die Gesetzesänderung schließlich erfolgte und sie als gleichgeschlechtliches Paar auch standesamtlich getraut werden durften, wollten beide diese Chance nutzen. Für Christina sei es keine Notwendigkeit gewesen, zu heiraten. Trotzdem finde sie es schön, nun in Gesprächen von ihrer „Frau“ anstatt von ihrer „Freundin“ sprechen zu können.

„Wer bleibt eigentlich zu Hause und kümmert sich um die Kinder?“

Auch wenn Paare heute bewusster heiraten, gibt es immer noch eine Vielzahl an Scheidungen. Vanessa vermutet, dass Paare heute zu schnell aufgeben: „Natürlich gibt es innerhalb einer Ehe gewissen Auseinandersitzung, dessen muss man sich bewusst sein und man muss auch mal kämpfen“. Ein möglicher Grund könnte also auch die fehlende Kompromiss-Bereitschaft sein. Das ist jedoch nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass das Konzept der Ehe früher besser funktioniert hat. Dass es heutzutage mehr Scheidungen gibt, hat für Vanessa folgenden Grund: „Früher hat man sich entweder geliebt oder war einfach aneinander gewöhnt“. Die fehlende Kommunikation scheint früher wie heute ein Problem gewesen zu sein. Wichtige Gespräche finden oftmals nicht statt, in der Hoffnung alles werde von alleine wieder gut.

Aber auch Veränderungen im Lebenslauf sind oft der Anlass für eine Scheidung. „Das ist vergleichbar mit dem Zusammenziehen: Am Anfang hat jeder Partner die gleiche Verantwortung, jeder macht gleich viel im Haushalt. Nach einem halben Jahr schleicht sich dann bei einigen Paaren unmerklich die traditionelle Rollenverteilung ein. Das sorgt für Unstimmigkeiten und Unruhe“, so Wippermann.

Dass die Art zu Heiraten sich über Generationen verändert hat, ist kaum zu übersehen. Aber die Tatsache, dass das Heiraten immer kreativer wird, verdeutlicht auch die Freiheit, die Paare heutzutage besitzen. Entwicklungen wie Motto-Hochzeiten lenken viele Paare nicht von der eigentlichen Bedeutung des „wichtigsten Tag im Leben“ ab, sondern machen ihn auf gewisse Art sogar noch persönlicher.

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