Die Welt der Wikipedianer

Wann war nochmal die erste Mondlandung? Einmal auf Wikipedia klicken und wir sind schlauer: 1969. „Bloß nicht als Quelle benutzen“, heißt es dagegen an den Schulen und Universitäten. „Bei Wikipedia kann ja schließlich jeder was schreiben.“ Aber wer tut das eigentlich? Und warum? Zu Besuch auf einem Wikipedia-Stammtisch.

Herr Halama hat sich gut vorbereitet auf den großen Tag. Er hat die Einladungen erstellt, mit den Museumsleuten telefoniert, einen Tisch bestellt und sich um die Versicherung gekümmert. Und er hat Namensschilder eingepackt, für jeden Gast eins. Es sind rechteckige Kärtchen, wie man sie bei einer Tagung oder einer Konferenz bekommt. Der Eingangsbereich des Museums für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund ist darauf zu sehen und das Wikipedia-Logo, die berühmte Kugel mit den Schriftzeichen. Die Kärtchen sind laminiert, bloß kein Fleck soll darauf kommen. Mit grauen Schlüsselbändern können die Gäste sie locker um den Hals tragen. Herr Halama hat ihre Namen darauf drucken lassen. „Dat doris.“ „Enyavar.“ „Karsten Schulze.“ Ein paar mehr noch. Und natürlich seinen eigenen: „Wuselig“. So heißt Herr Halama, seit 15 Jahren, in der Welt der Wikipedianer.

13.30 Uhr: Treffpunkt vor dem Museumseingang an der Hansastraße. Herr Halama hat alles genau geplant. Nur eine Sache hat er nicht bedacht: Dass heute der BVB gegen den FC Bayern spielt. Ein paar Kärtchen bleiben darum in der Plastiktüte, die Besitzer haben abgesagt. „Heute sind wir für einen Ruhrgebiets-Stammtisch eher wenige Leute“, sagt Herr Halama. Er ist ein kleiner Mann mit Brille und strahlend blauen Augen. 60 plus – sein genaues Alter will er nicht sagen. Herr Halama schaut sich um. Vor dem Eingang steht schon „Dat doris“: Eine Frau mit braunen Locken und schwarzem Hut. Ein Mann kommt dazu. Er hat sich nicht angemeldet. Herr Halama reicht ihm einen Stift, mit dem er seinen Namen auf ein Schild schreiben soll. Der Mann verzichtet. „Keine Angst, wir beißen nicht“, sagt Dat doris zu ihm und fängt kurz darauf an zu fauchen: „ARRRGGHH“.

Zehn Gäste sind es am Ende vor dem Museum. Acht Männer und zwei Frauen, darunter Herr Halamas Frau. Bis auf den spontanen Gast kennen sich alle, die Namensschilder werden trotzdem herumgereicht. Sicher ist sicher. Heute soll es vor dem eigentlichen Stammtisch noch in das Museum gehen. Herr Halama hat das Museum ausgewählt, weil er da schon im Januar war, um alles abzufotografieren für Wikipedia. „Viele nutzen die Seite. Aber dass Leute wie wir dahinterstecken, das ist ja gar nicht allen bekannt“, sagt Herr Halama.

Was sind die Grundsätze von Wikipedia?

Die Plattform baut auf vier zentralen Prinzipien auf:

1.) Wikipedia dient dazu, eine Enzyklopädie aufzubauen.

2.) Durch einen neutralen Standpunkt versucht man, eine Thematik so zu präsentieren, dass sowohl deren Gegner als auch deren Befürworter die Darstellung tolerieren können.

3.) Die Inhalte müssen unter einer freien Lizenz stehen.

4.) Keine persönlichen Angriffe: Die Teilnehmer kommen aus unterschiedlichen Regionen, Ländern und Kulturen und haben oft sehr unterschiedliche Ansichten und alle eine verletzliche Seite.

Strenge Regeln schrecken ab

Wikipedia gibt es seit 2001. Herr Halama ist seit 2004 dabei. Eine Plattform, bei der jeder mitschreiben kann – das war der Traum. Ein riesiges Lexikon voll mit Artikeln, die es aus Platz- und Relevanzgründen wahrscheinlich in keine Brockhaus-Ausgabe geschafft hätten. In dem Fehler einfach nach und nach ausgemerzt werden, weil viele Augen eben mehr sehen als wenige. Etwa 20.000 Menschen arbeiten in Deutschland pro Monat bei der Plattform mit. Alleine auf Deutsch gibt es darum heute mehr als zwei Millionen Wikipedia-Artikel. Geballte Schwarm-Intelligenz: Das ist das Wiki-Prinzip. Zumindest in der Theorie. „Im Prinzip sind wir doch alle Einzelkämpfer“, sagt Herr Halama und lacht hell.

Die Zeiten, in denen auf Wikipedia jeder alles schreiben konnte, sind vorbei. Die Spielregeln haben sich verändert. Mit der Zahl der Nutzer stieg wenige Jahre nach der Gründung der Plattform auch die Zahl der Trolle und der Lobbyisten. Ganze Artikel wurden zerstört, Menschen in ihren eigenen Artikeln beleidigt oder falsche Behauptungen aufgestellt. Neben Grundsätzen, die unter anderem die Neutralität der Artikel sichern sollten, wurden darum strenge Relevanzkriterien eingeführt, die zum Beispiel genau festlegen, wann über einen Film oder eine Firma geschrieben werden darf und wann nicht. Die Ansprüche sind hoch. So hoch, dass viele Nutzer abgeschreckt werden. Während die Zahl der Artikel steigt, nimmt die Zahl der aktiven Bearbeiter seit 2007 stetig ab.

Die große Masse macht nur wenig

Doch noch eine weitere Entscheidung hat die Plattform gravierend verändert: Die Einführung von verschiedenen Hierarchie-Stufen. Ganz unten in der Hierarchie sind die Nutzer ohne Benutzerkonto, die Artikel hauptsächlich lesen und nur einige Bearbeitungen vornehmen dürfen. Ihre Änderungen an den Artikeln müssen immer von anderen Nutzern freigeschaltet werden. Wer sich anmeldet, eine gewisse Zeit aktiv ist und eine bestimmte Anzahl an Bearbeitungen vorgenommen hat, kann aufsteigen. Der Nutzer kann dann etwas verändern, ohne dass nochmal jemand darüber schaut. Und er kann sich als Administrator aufstellen lassen. Ein Administrator wird von den stimmberechtigten Wikipedianern gewählt und hat zum Beispiel das Recht, Artikel zu löschen oder Benutzerkonten zu sperren. In Deutschland gibt es aktuell 188 Administratoren. Eine kleine Mehrheit verwaltet, was Millionen von Menschen täglich lesen.

Wie ist die Hierarchie bei Wikipedia genau aufgebaut?
Der „Nicht angemeldete Benutzer“ ist auf der untersten Hierarchie-Stufe. Meldet er sich an, wird er zum „Angemeldeten Benutzer“ und nach vier Tagen automatisch zum „Bestätigten Benutzer“. Nach einem Monat Aktivität und 150 Artikel-Bearbeitungen steigt der Nutzer zum „Passiven Sichter“ auf. Die Bearbeitungen dieses Nutzers müssen jetzt nicht mehr kontrolliert werden, bevor sie auf Wikipedia zu sehen sind. Nach zwei Monaten Aktivität und 200 Artikel-Bearbeitungen bekommt der Benutzer Stimmrechte: Er darf nun an Wahlen innerhalb der Wikipedianer teilnehmen. Bearbeitet er noch 100 weitere Artikel (hat also insgesamt jetzt 300 Artikel bearbeitet) kommt die nächste Stufe: der „Aktive Sichter“. Er kann jetzt selbst Änderungen von anderen Benutzern freigeben. Auf die nächste Hierarchie-Stufe – die „Administratoren“ – kommt man nur noch, wenn man von den anderen Nutzern gewählt wird. Und auch weitere höhere Stufen (z.B. „Bürokraten“) können ausschließlich durch eine Wahl erreicht werden.

Christian Stegbauer ist Professor an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Thema Netzwerkforschung. Er sagt: „Vielleicht klappt die Idee des gemeinsamen Schreibens gar nicht.“ Um dabei zu bleiben, müsse man sich gerade als Anfänger durch viele Diskussionen quälen. Das führe dazu, dass wenige Nutzer für extrem viele Bearbeitungen verantwortlich seien, während die große Masse nur wenig mache. „Nicht jeder wird an jedes Thema gelassen“, sagt Stegbauer. Anders als in der Wissenschaft gewinne man sein Ansehen auf Wikipedia außerdem nicht durch große Publikationen, sondern vor allem in der Community. So wäre es zum Beispiel unwahrscheinlich, dass jemand zum Administrator gewählt werde, der nicht zumindest schon einmal auf einem Stammtisch war. Und komme es bei einem Artikel zu einem Streit zwischen zwei oder mehreren Wikipedianern – ein sogenannter „Edit-War“ – gewinne laut einer Untersuchung von Stegbauer immer die Version des Nutzers, der in der Hierarchie der Plattform höher stand. „Diese Version des Artikels stimmte auch öfters“, sagt Stegbauer. „Öfters aber auch nicht.“

Endlich ein Platz für das eigene Wissen

Auch Herr Halama hat sich auf Wikipedia als „Wuselig“ schon seinen Namen gemacht. Eigentlich habe er Volkswirtschaftslehre studiert, erzählt er, sich in seiner Freizeit aber tief in die deutsche Geschichte eingelesen. Ein Werk habe es ihm dabei besonders angetan – die Zimmerische Chronik: Eine Familienchronik aus dem 16. Jahrhundert. Herr Halama hat alle vier Bände in einem Antiquariat in gekauft und genauestens studiert. „Durch Wikipedia konnte ich mein Wissen dann plötzlich publik machen“, sagt er. Darum habe er auch gleich angefangen eine Liste der schwäbischen Adelsgeschlechter zu erstellen: Von A bis Z – mit Wappen und allem drum und dran. Mittlerweile fotografiere er auch viel, besonders Denkmäler und Architektur. „Wie ein Jäger, der einen möglichst perfekten Schuss machen will.“ Der Adel und die Fotos sind seine kleine Nische auf Wikipedia. Etwa zwei bis drei Stunden pro Tag nistet er sich dort ein. So wie er würden es viele Leute auf Wikipedia machen, sagt Herr Halama: Manche mit Eichhörnchen, manche mit Städten, manche nur mit Rechtschreibfehlern. Es gebe sogar zu jeder deutschen Autobahn einen eigenen Wikipedia-Artikel. Aber wie man daran Spaß haben könne? „Keine Ahnung.“

Wie kann ich selbst bei Wikipedia mitmachen?
Jan Apel (Sprecher von Wikimedia Deutschland) empfiehlt, sich nicht gleich an einen ganzen Artikel zu wagen. Stattdessen solle man erst einmal klein anfangen: Rechtschreibfehler korrigieren oder Kommata überprüfen zum Beispiel. Auch Bebilderungen von Artikeln sind seiner Meinung nach eine Möglichkeit, um sich mit Wikipedia vertraut zu machen. Wer dann Lust bekommen habe, könne die Aktualität einiger Absätze kontrollieren und einzelne Teile eines Artikels verbessern. Das Wichtigste dabei: die Quellenangaben. „Die sind das Herzstück von Wikipedia“, sagt Apel

Vor dem Museum regnet es in Strömen. Die Wikipedianer versammeln sich vor der Tür. Um 17.30 Uhr ist ein Tisch im Gasthaus „Zum Alten Markt“ reserviert. Also geht es durch den Regen und das Gedränge der Innenstadt. Im Gasthaus mischen sich die Stimmen mit den Stadion-Geräuschen aus dem Fernseher. Das BVB-Spiel – da war ja was. „Verpisst euch, ihr seid keine Fußballfans“, brüllt ein Mann der Gruppe zu. Herr Halama lächelt nur ruhig. „Ist doch wahr“, sagt der Mann. Herr Halama setzt sich dazu, bestellt ein Pils und stellt die Ellenbogen auf den Tisch. Jetzt wird diskutiert. Darf man ein Kreuz als Zeichen für das Todesdatum auch bei Muslimen oder Buddhisten verwenden? Ab wann zählt eine Person zu den „Söhnen und Töchtern“ einer Stadt? Und sollte man auf Wikipedia so viele Artikel wie möglich zulassen? Oder gerät sonst alles außer Kontrolle?

Nur wenige Frauen bei Wikipedia

Herr Halamas Frau ist nach dem Museum schon gegangen. „Dat doris“ ist jetzt die einzige Frau am Tisch. Kein seltener Anblick – beim Stammtisch und generell bei Wikipedia. Weil die Plattform keine personenbezogenen Daten abfragt und viele Nutzer gerne anonym bleiben, gibt es zwar keine genauen Angaben zu der Geschlechterverteilung. Bei einer Umfrage aus dem Jahr 2016 zur Willkommenskultur bei Wikipedia waren jedoch nur 10% der Stichprobe von 675 Teilnehmern weiblich. Der Verein Wikimedia Deutschland betont, dass man sich an alle Geschlechter richte. Warum also dieser Unterschied? „Männer haben eben ein anderes Bedürfnis sich zu profilieren“, sagt Herr Halama. Er merke das ja bei seiner Frau: Sie unterstütze ihn dabei, dass er in Ruhe zuhause Artikel bearbeiten könne. Aber den richtigen Zugang gefunden, sagt er, habe sie nie. Daran sei auch das raue Klima bei Wikipedia schuld. „Viele Frauen ziehen sich zurück, weil sie denken: Auf den Scheiß lass ich mich erst gar nicht ein“, sagt ein Mann mit gestutztem Schnurrbart und umklammert sein Bierglas. Man müsse sich eben einfach einen zynischen Humor aneignen, antwortet Dat doris. Das Essen kommt nicht, die Blicke der Gruppe wandern jetzt öfter zum Kellner. Dat doris fängt an mit den Fäusten rhythmisch auf den Tisch zu schlagen und beginnt zu singen: „Wir haben Hunger Hunger Hunger, haben Hunger Hunger Hunger, haben Hunger Hunger Hunger, haben Durst.“ Der Kellner schaut kurz rüber und geht weiter. Die Gruppe lacht.

Spiegel der Gesellschaft

„Oft sind die Diskussionsseiten bei Wikipedia spannender als die Artikel selbst“, sagt Herr Halama und trinkt einen Schluck. Gerade bei politischen Themen müsse man vorsichtig sein. „Wikipedia schreibt sich immer auf die Fahne, neutral zu sein. Aber das ist nicht möglich.“, sagt Herr Halama. Der Artikel über den Zweiten Weltkrieg lese sich zum Beispiel auf jeder Sprache anders. Und auch Gender-Themen würden jetzt schon anders behandelt werden, als noch vor ein paar Jahren. „Im Prinzip spiegelt Wikipedia nur wider, was gerade akzeptiert wird“, sagt Herr Halama. Er legt die Hände auf den Tisch. Wer wirklich etwas wissen wolle, müsse sich die Versionsgeschichte eines Artikels anschauen, auf der Nutzer zurückverfolgen können, was bei jeder einzelnen Bearbeitung einer Seite geändert wurde. Und eben eines: „Wer überhaupt schreibt bei Wikipedia.“

Beitragsbild: No machine-readable author provided. Tobias Wolter assumed (based on copyright claims). (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wikipedia-Stammtisch_Koeln_(Januar_2005).jpeg), „Wikipedia-Stammtisch Koeln (Januar 2005)“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

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