Mit einem Schlag

Wenn ein Mann zu Hause seiner Partnerin gegenüber gewalttätig wird, braucht nicht nur sie Hilfe – auch er selbst. Dafür gibt es die Männer-Gewaltberatungsstelle in Dortmund. Von Erfolgsquoten spricht da niemand, einen Weg aus der Krise gibt es trotzdem.

„Meine Freundin und ich, wir prügeln uns.“ Tobias knetet seine Hände, während er spricht, wischt sich über die Hose, als wolle er Flusen entfernen. Zwischendurch stockt er immer wieder, seine Augen sind die meiste Zeit auf den Fußboden gerichtet. „Ich habe ihr schon mal eine Backpfeife gegeben, nachdem sie mir ein Glas auf den Kopf gehauen hat.“ Vor Tobias, dessen richtigen Namen wir hier nicht nennen, steht ein niedriger Tisch, auf dem eine Packung Taschentücher und ein roter Stressball aus Gummi liegen.Ihm gegenüber sitzt Markus Brauckmann. Sein Büro in der Hammer Innenstadt ist klein und freundlich eingerichtet. Die Wände sind weiß gestrichen, die Möbel aus hellem Holz. Normalerweise treffen sich Therapeut und Klient in der neuen Beratungsstelle in Dortmund, aber Tobias wollte schon vor dem nächsten Termin in Dortmund mit seinem Berater Brauckmann sprechen. Die Situation mit seiner Freundin belastet ihn sehr.

Nur wenige Männer kommen freiwillig

Über den beiden an der Wand hängt ein gerahmtes Bild. Ein Junge und ein Mann sitzen an verschiedenen Enden eines Sofas und schauen stur zur Seite. Darüber steht in schwarzen Lettern: „Echte Männer reden.“ So lautet auch der Name der

Markus Brauckmann hilft Männern, einen Weg aus der Gewalt zu finden.

Initiative, die insgesamt 15 Beratungsstellen in NRW und Niedersachsen gegründet haben. Der Spruch bedeutet noch mehr. „Es ist eine Herausforderung für die Männer, die hierherkommen, ihr Rollenbild zu hinterfragen“, sagt Markus Brauckmann, der 2015 die berufsbegleitende Weiterbildung zum Männerberater gemacht hat. Ursprünglich arbeitete Brauckmann als Jurist und dann elf Jahre in der Schuldnerberatung, bevor er in der Beratungsstelle für Männer anfing.

Es gibt verschiedene Gründe, warum die Männer zu ihm kommen. Für manche ist der Besuch eine gerichtliche Auflage, bei anderen eine Empfehlung der Familienhilfe oder des Jugendamts. Das Angebot entstand aus einer Initiative der Diözese Münster sowie des Bundesverbands des Sozialdienstes Katholischer Männer und wird in den meisten Fällen aus Bistumsmitteln finanziert. Die Beratungsstelle wünscht sich eine finanzielle Eigenbeteiligung der Männer. „Die Beratung hat für sie einen größeren Wert, wenn sie etwas investieren“, sagt Brauckmann. Neben denen, die die Beratungsstelle auf Anweisung oder Empfehlung hin besuchen, gibt es Männer, die von sich aus bei der Beratung anrufen. „Diese klassischen Selbstmelder sind allerdings die kleinere Gruppe.“

Gewalt schlich sich langsam in die Beziehung

Eine kleine Gruppe, zu der Tobias gehört. Der 32-jährige Student hat gemerkt, dass die Probleme in der langjährigen Beziehung zu seiner Freundin immer schlimmer wurden und hat gezielt im Internet nach Hilfsangeboten gesucht. „In unserer Beziehung gab es von beiden Seiten aus Gewalt, und ich wollte derjenige sein, der ein Zeichen setzt, dass wir was ändern müssen.“ Mit seiner Freundin ist er seit zehn Jahren in einer Beziehung. Am Anfang war er sich sicher, sie würden für immer zusammenbleiben. Aber nach einer Weile begann das Verhältnis zu bröckeln: Seine Partnerin wurde schnell eifersüchtig und er fühlte sich zunehmend von ihr kontrolliert. So erzählt es Tobias. Nach zwei Jahren kam es das erste Mal zu Gewalt.
„Ich wollte mich damals schon wegen unserer Schwierigkeiten von ihr trennen, aber sie wollte das nicht. Und dann ist sie mich angegangen, hat mich festgehalten und geschubst, hat mich an den Armen gefasst und zu Boden gedrückt. Ich habe es nicht geschafft, mich zu trennen, weil ich sie liebe und immer eine bessere Lösung für uns finden wollte.“

Die Polizei geht von einer hohen Dunkelziffer bei den Fällen von häuslicher Gewalt aus.

Häusliche Gewalt steht nicht im Strafgesetzbuch

Mit solchen Problemen ist Tobias nicht allein. Wie viele Menschen in Deutschland zu häuslichen Gewalttätern werden, ist schwer zu beziffern. Häusliche Gewalt ist kein Delikt im Strafgesetzbuch. Stattdessen fallen verschiedene Straftaten darunter, zu denen unter anderem Körperverletzung, Nachstellung und Bedrohung zählen. Deshalb bietet keine Kriminalstatistik einen Überblick über die Zahl der Fälle. Eine Untersuchung der Dortmunder Polizei hat ergeben, dass es 2018 etwa 1.300 angezeigte Fälle von häuslicher Gewalt im Stadtgebiet gab. Diese Zahl war im Vorjahr mit 1.400 Fällen etwas höher, 2015 mit etwa 1.150 Anzeigen etwas niedriger.

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Da es sich bei diesen Zahlen nur um die bekanntgewordenen und angezeigten Fälle handelt, geht die Dortmunder Polizei von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. So taucht auch der Fall von Tobias und seiner Freundin in dieser Statistik nicht auf, keiner der beiden hat seinen Partner je angezeigt. Tobias‘ Geschichte macht deutlich, dass Gewalttäter und Gewaltopfer manchmal dieselbe Person sein können, dass es den „typischen Gewalttäter“ gar nicht gibt.

Im Beratungsraum herrscht Schweigepflicht

Wer im Internet nach Beratungsstellen für häusliche Gewalt sucht, findet in NRW relativ schnell mehr als fünfzig Angebote. Die richten sich allerdings in den meisten Fällen an Betroffene von Gewalt zu Hause und meistens nur an Frauen. Die Krisen- und Gewaltberatung, die Markus Brauckmann anbietet, ist dagegen speziell für Männer, die Gewalttäter sind. „Ziel der Beratung ist eine Verhaltensänderung. Wir wollen erreichen, dass der Mann, der vorher Täter war, nicht mehr gewalttätig ist. Dafür vermitteln wir unseren Klienten neue Methoden, um anders mit ihren Emotionen umzugehen“, sagt Brauckmann. So sollen die Männer unter anderem lernen, ihre Gefühle besser zu erkennen und wenn nötig, eine Konfliktsituation erstmal zu verlassen, bevor sie unüberlegt reagieren.

Die Beratung laufe ähnlich ab wie eine Gesprächstherapie, erklärt er – aber sie sei keine, schließlich sei er auch kein Psychologe. Wenn weitere psychologische Probleme wie Depressionen oder Abhängigkeiten hinzukommen, verweise er die Männer an Psychotherapeuten. Für alles, was in seinem Büro zwischen ihm und seinen Klienten gesagt wird, gilt erst einmal die Schweigeplicht. Wenn ihm ein Mann erzählt, er habe seine Frau geschlagen, verlässt das nicht den Raum. Ausnahmen für diese Regel sind schwere Delikte wie beispielweise Mord, bei der sich Brauckmann durch sein Schweigen selbst strafbar machen würde. „Wenn ich im Gespräch merke, dass es eine gefährliche Situation zum Beispiel für ein Familienmitglied meines Klienten geben kann. Dann würde ich mit demjenigen Kontakt aufnehmen und ihn warnen. Das sage ich den Männern auch.“ Bisher musste Markus Brauckmann das noch nicht tun.

Wie in einer Spirale

Er sitzt Tobias ruhig gegenüber, ganz auf seinen Klienten konzentriert während Tobias weitererzählt. Auch wenn er und seine Freundin in den vorigen acht Jahren immer wieder für einen gewissen Zeitraum glücklich miteinander waren, wurden die Konflikte mit jedem Jahr schärfer, die Aggressionen häufiger. Tobias weiß genau, wie der heftigste Streit abgelaufen ist. „Ich habe versucht, aus der Streitsituation zu fliehen. Aber sie kam hinter mir her und hat mich gewürgt und mir zwischen die Beine getreten. Dann wollte ich sie zur Vernunft bringen und habe versucht, sie festzuhalten, aber da ist die Situation eskaliert. Auf dem Tisch stand ein Glasgefäß für ein Teelicht, und sie hat es genommen und mir über den Kopf gezogen. Als Reaktion habe ich ihr eine geklatscht. Sie hatte ein blaues Auge und ich habe so stark geblutet, dass ich ins Krankenhaus musste.“ Danach war Tobias sicher, dass er so nicht länger weitermachen konnte. Er nahm Kontakt zur Beratungsstelle auf. „Ich hatte die Hoffnung, meine Freundin würde auch einsehen, dass wir Hilfe brauchen und sich darauf einlassen.“ Bisher sei das noch nicht passiert, so Tobias.

Selbstabwertung als häufiger Auslöser für Gewalt

„Im Laufe der Jahrzehnte hat sich das Rollenverständnis der Männer gewandelt“

Die Anwendung von körperlicher Gewalt, sagt Markus Brauckmann, ist fast immer ein Zeichen von Hilflosigkeit. Seiner Erfahrung nach schlagen viele seiner Klienten nicht zu, weil sie wütend sind, sondern weil sie sich hilflos fühlen und diesem Gefühl nichts entgegensetzen können. Für manche Männer sei Gewalt ein Weg, um mit den veränderten Herausforderungen ihres Umfelds umzugehen. „Im Laufe der Jahrzehnte hat sich das Rollenverständnis der Männer gewandelt“, sagt Brauckmann. „Sie haben andere Verpflichtungen und Anforderungen – und denen gerecht zu werden, ist sicherlich komplexer geworden. Das patriarchalische Männerbild verschwindet zwar nach und nach, trotzdem haben viele Männer das Gefühl, sie dürften ihre Gefühle nicht zeigen, müssten immer alles hinbekommen, weil sie sonst Versager sind.“ Den meisten Männern falle es am Anfang sehr schwer, sich zu öffnen und über ihre Emotionen zu sprechen. „Meistens ist es diese Selbstabwertung, die zu Gewalt führt. Denn wenn man sich selbst abwertet, beginnt man irgendwann auch, den anderen abzuwerten. Erst dann ist es möglich, jemanden zu schlagen.“

Täterberatung als Opferschutz

Für Markus Brauckmann ist es deshalb wichtig, jedem seiner Klienten gegenüber offen und ohne Vorurteile zu sein. „Wir müssen den Mann als Menschen sehen und nicht als Problem oder als Gewalttäter“, sagt Brauckmann. „Täterberatung ist in erster Linie Opferschutz.“ Ob eine Beratung Erfolg zeigt, ist schwierig zu messen. Außerdem: „Erfolgsquoten anzugeben ist unseriös, weil man nicht garantieren kann, dass jemand nicht rückfällig wird.“ Trotzdem sieht er immer wieder Erfolge, zum Beispiel wenn Männer ihm erzählen, dass sie Situationen jetzt anders bewerten und sich anders verhalten können.

Tobias ist sehr dankbar für die Möglichkeiten, die die Beratung bietet: „Es hilft unendlich, mit einem neutralen Beobachter über diese Probleme zu reden, auch weil man dann erst merkt, dass man nicht vollkommen allein ist.“ Er hat schon nach der ersten Sitzung angefangen, sein Leben neu auszurichten. Dazu gehört sein endgültiger Entschluss, seine Partnerin zu verlassen. „Auch wenn es unendlich schwierig ist, sich von jemanden zu trennen, den man eigentlich liebt: Bevor es zu Gewalt in einer Beziehung kommt, sollte man ernsthaft überlegen, ob diese Beziehung noch Sinn ergibt.“

Hier findet man Hilfe bei Häuslicher Gewalt
Gewalt- und Krisenberatungsstelle Dortmund, Markus Brauckmann:
  Tel.: 0176 / 300 400 89
  Mail: brauckmann@ksd-sozial.de
Initiative „Echte Männer reden”
Hilfetelefon für weibliche Betroffene häuslicher Gewalt: 08000 116 016
Notdienst des Jugendamts Dortmund: 0231 50-0

An diese Dienste kann sich jeder wenden, wenn er sich in seiner Beziehung nicht sicher fühlt. Dabei spielt es keine Rolle, ob er oder sie Gewalt befürchtet, sie verbal angedroht bekommt oder schon von ihr betroffen ist.
Auch für potentielle Täter und Täterinnen gilt: Nicht erst Hilfe holen, wenn es schon zu Gewalt gekommen ist. Beratungsstellen sind auch dafür da, Präventionsarbeit zu leisten. Wer befürchtet, sich nicht unter Kontrolle zu haben, kann sich jederzeit an sie wenden.

 

Titelbild: ToNic-Pics, lizenziert nach Creative Commons

Beitragsbilder: Karin König

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