Essen wir bald alle Algen? Der grüne Speiseplan der Zukunft

Weizenschnitzel, Linsennudeln und Sojamilch – pflanzliche Ersatzprodukte haben längst Einzug in unsere Supermärkte erhalten. Doch geeignetere Proteinquellen für eine wachsende Weltbevölkerung und knappe Agrarflächen fehlen. Sind Mikroalgen eine wirksame Alternative?

Die Ernährung der Zukunft stellt die Gesellschaft zunehmend vor große Probleme: Eine stetig wachsende Weltbevölkerung und begrenzte Agrarflächen fordern nachhaltige Alternativen. Eine grüne Pflanze aus dem Wasser soll Abhilfe schaffen. „Aus Mikroalgen kann man große Potenziale schlagen“, sagt Dr. Dominik Cholewa, Mitbegründer der Firma Algella. Mikroalgen sind mikroskopisch kleine Einzeller, die häufig gemeinsam mit den bekannten, großen (Makro)-Algen in verschiedensten Gewässern vorkommen, aber selbst in Aquarien oder an Hauswänden zu finden sind.

24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr können die grünen Pflanzen kultiviert werden. Eine Produktivität, die traditionelle Lebensmittel, auf gleicher Fläche, um das Fünffache überschlägt. Wichtige ungesättigte Fettsäuren, Vitamine, Öle und ein hoher Proteingehalt: Die Mikroalge wirkt wie ein Alleskönner für die Nahrungsmittelversorgung. Im asiatischen Raum ist die Pflanze schon lange Teil des Speiseplans, im europäischen Raum muss sie sich jedoch noch beweisen.

Ressourcenschonend oder -verbrauchend?

Die Mikroalgen werden in Bioreaktoren vertikal für die Lebensmittelproduktion kultiviert. Foto: Dominik Cholewa

Das Start-Up Algella stellt Lebensmitteln auf Mikroalgenbasis her. In einem umgebauten Bauernhof in der Nähe von Bielefeld wird die Mikroalge „Chlorella vulgaris“ in Bioreaktoren kultiviert: Mit einem Gemisch aus fünf Prozent reinem Co2 und 95 Prozent Luft, eingeschweißt zwischen zwei Folien und von allen Seiten mit LEDs beleuchtet. Ein Prozess, den das Unternehmen selbst entwickelt hat und stetig optimiert. Das Ziel: ein sauberes, lokales Produkt mit bestmöglicher Ökobilanz.

Nach heutigem Forschungsstand ist die Kultivierung von Mikroalgen in Bezug auf Ressourcen wie Wasser und Strom noch nicht optimiert. Die Anlagen haben einen hohen Energieverbrauch und fordern häufig geschultes Personal. Dominik Cholewa berichtet über Möglichkeiten, die Ressourcen zu verringern, beispielsweise durch die Verwendung von Biogas, kompostierbarem Plastik und der Wiederverwertung von Wasser: „Wir brauchen nicht nur etwas, das viel Nahrung produziert. Wir brauchen letztendlich etwas, das nachhaltig ist und auch in unser klimageschädigtes System reinpasst.“

Ernährungsformen sind bereits im Wandel

Einem Großteil der westlichen Konsument*innen sind Algenprodukte bisher vermutlich nur im Sushi oder der Miso-Suppe begegnet. Prof. Monika Schreiner vom Forschungsprojekt food4future sagt: „Wir hier in Europa sind gar nicht daran gewöhnt, marine Organismen wie Quallen und Algen in unsere tägliche Ernährung einzubeziehen.“ Doch die grundlegende Bereitschaft für neue Lebensmittelformen sei gerade in den jungen Generationen bereits stark etabliert. Eine Ernährungsstudie von Nestlé belegt, dass rund 34 Prozent der Verbraucher*innen offen dafür sind, alternative Lebensmittel auf Basis von Algen zu testen. Um die durchschnittlichen Konsument*innen für die nachhaltigen Optionen zu gewinnen, bieten sich vor allem Ersatzprodukte wie Algennudeln an. Die Lebensmittel sind bekannt und fordern keine großen Umstellungen im Konsumverhalten. „So kann man viele Verbrauchergruppen abholen, und das ist doch das Ziel“, sagt Schreiner.

Ein Beispiel für Lebensmittelprodukten aus Algen: die Nudeln der Firma Algella. Foto: Dominik Cholewa

Für eine weitreichende Veränderung sei dennoch ein zweigeteilter Wandel nötig. Zum einen müssten sich die Forderungen durch die Konsument*innen nach nachhaltigen Lebensmitteln weiter verstärken. Zum anderen ist Unterstützung durch die Politik gefordert. Um sich auf eine kommende Lebensmittelknappheit vorzubereiten, braucht es Anreize und Rahmenbedingungen, damit Lebensmittelalternativen vollständig erforscht und großflächig gewonnen werden können. Dafür tut es laut Algella-Geschäftsführer Dominik Cholewa im Moment noch „zu wenig weh“. Denn für viele seien die Auswirkungen der Erderwärmung noch zu abstrakt. Traditionelle Lebens- und Futtermittel bestimmen aufgrund des niedrigen Einkaufspreises noch immer den Markt.

Die Vorteile der Algen überwiegen dieses marktwirtschaftliche Hindernis jedoch, so die Meinung von Ernährungsforscherin Monika Schreiner. Ob als eigenes Lebensmittel oder reine Proteinquelle, die Mikroalge wird in Zukunft eine bedeutende Rolle in der Nahrungsmittelversorgung spielen.

 

Beitragsbild: Dominik Cholewa

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