30 Jahre Mauerfall: Republikflucht, Arbeitslager, Freikauf, TU Dortmund – die unfassbare Geschichte von Falk Mrazek

Es ist eine Geschichte, wie im Blockbuster. Rebellion, Freiheitsdrang, Flucht aus der DDR, Festnahme, Arbeitslager, Leid, Schmerz, Einsamkeit, Hoffnung, Verzweiflung, und ein Happy End – ein Leben in Freiheit und die Möglichkeit, an der TU Dortmund zu studieren. Was Falk Mrazek im Alter zwischen 17 und 19 Jahren passiert ist, ist unvorstellbar. KURT-Reporter Matthew Schön hat ihn getroffen und mit ihm über seine unglaubliche Lebensgeschichte gesprochen, seine Gefühle, seine Erlebnisse und seine Sicht auf den Mauerfall vor 30 Jahren und heute.

Matthew: Falk, bevor wir auf die ganz krassen Ereignisse in deinem Leben zu sprechen kommen, lass uns von vorn beginnen. Wie verlief deine Jugend, deine Kindheit in der DDR?

Falk: „Geboren wurde ich am 27. November 1960 in Radeberg, da wo auch das Bier herkommt. Aufgewachsen bin ich dann in einer kleinen Stadt, Bischofswerda, das liegt zwischen Bautzen und Dresden. Und zuerst war ich ein ganz normaler DDR-Bürger, machte mir auch noch keine Gedanken über Politik.  Mein Vater hatte sehr viele Verwandte im Westen – zwei Brüder und seine Mutter – die sind in den 50ern rübergegangen. Meine Mutter hatte ihre Verwandtschaft im Osten, hatte zwei Brüder und eine Schwester. Das heißt also die Teilung in Ost- und Westdeutschland, die verlief genau durch meine Familie hindurch. Und das wir dem System DDR nicht wirklich freundlich gegenüberstanden, das wusste jeder in Bischofswerda. Daraus machten wir auch keinen Hehl, mein Vater war auch ein bekannter Fußballspieler, also wir waren in dem kleinen Ort auf jeden Fall bekannt. Je älter ich wurde, desto mehr machte ich mir auch Gedanken über die politisches Situation und auch meine eigene Perspektive.“

Falk, kurz bevor er sein Studium an der TU Dortmund begann

Matthew: Wann hattest du denn die ersten Gedanken daran, die DDR zu verlassen?

Falk: „Angefangen haben die Gedanken an eine Ausreise damals, als man uns nicht nach Stuttgart reisen ließ, um meine sehr kranke Großmutter zu besuchen. Daraufhin stellte mein Vater einen Ausreiseantrag. Da war ich 15. Um diese Zeit stellte ich auch immer wieder fest, dass die Leute hier im ’sozialistischen Paradies‘ reihenweise abhauen. Und meine Verwandten aus dem Westen, die gingen jedes Mal wieder freiwillig zurück in diese angebliche ‚Hölle für Arbeiter und Bauern‘. Das konnte ich irgendwann nicht mehr begreifen. Und ich sah ja auch im Fernsehen: Auf der Mauer in Berlin, die Soldaten standen ja nicht in Richtung Westen, wo der ‚Klassenfeind‘ ist – sondern die standen Richtung Osten, wo wir waren. Die eigene Bevölkerung. Die wollten nicht den Feind draußen halten, sondern die Bevölkerung drinnen. Da fühlte ich mich immer eingeengter in diesem Staat. Und mit dem gestellten Ausreiseantrag hatte ich eine Chance, mein Leben anders zu gestalten.“

„Ich hatte doch nur dieses eine Leben! Und das wollte ich nicht vergeuden.“

Matthew: Aber aus diesem Antrag wurde dann erstmal lange Zeit nichts. Und drei Jahre später – du warst 17 – hast du beschlossen, das Land zu verlassen?

Falk: „Ich hab das System verlassen – nie das Land. Das ist was anderes. Am liebsten wollte ich Bischofswerda und alles drumherum ausgraben und mit in den Westen nehmen. Aber ich fragte mich, was sind meine Möglichkeiten? Die Welt war so viel größer. In der DDR hätte ich vielleicht mal an die Ostsee gedurft, vielleicht mal in die Tschechoslowakei oder mit Glück mal nach Ungarn oder Bulgarien. Aber ich hätte niemals das Mittelmeer gesehen, nie den Eiffelturm. Und ich hatte doch nur dieses eine Leben! Und das wollte ich nicht vergeuden. Und ich wollte es mir auch nicht von irgendwelchen Funktionären einschränken lassen. Und je älter ich wurde, desto mehr merkte ich, wie sehr ich das wollte – in die Freiheit hinaus.“

Matthew: Der Beschluss zu flüchten, den symbolischen Fluchtversuch zu starten, kam dann vor deinem 18 Geburtstag. Denn: Mit 18 hättest du einen neuen, eigenen Ausreiseantrag stellen – und damit wieder ganz hinten anstehen müssen. Fazit: Bevor du 18 bist, geht es raus.

Falk: „Ich habe auch meinen Eltern erzählt, wenn wir kurz vor meinem 18. Geburtstag noch hier sind, dann werde ich vorher abhauen. Die haben das auch erstmal akzeptiert, wohl in der Hoffnung, dass es gar nicht so weit kommen würde und wir vorher schon ausreisen dürften. Der Gedanke war, dass ich den Versuch mit 17 wage – aber kurz vor meinem 18. Geburtstag – damit ich, wenn ich festgenommen werde, in den Erwachsenenstrafvollzug komme. Denn nur von dort konnte man als politischer Flüchtling von der BRD freigekauft werden.“

Falk (li.) mit seinem Bruder und seinem Vater (hinten) im Urlaub an der Ostsee

Matthew: Das heißt, ihr habt gewusst, dass es die Freikäufe von Seiten der Bundesrepublik gab?

Falk: „Nein. Der Freikauf von politischen Flüchtlingen, das war eines der bestgehütetsten Geheimnisse der DDR. Aber, wie das mit Geheimnissen so ist: Die Gerüchteküche brodelte. Auch durch Leute, die schon freigekauft worden waren. Und unter Ausreisewilligen kursierten diese Informationen. Und darin sah ich die Chance – aber ich musste etwas Politisches machen.“

„In der Nacht vor meiner Flucht habe ich erstaunlich gut geschlafen!“

 

Matthew: Wie zum Beispiel eine Republikflucht nach Paragraph 213 in der DDR – so ein „Verbrechen“ gab es ja nur dort. Also galt das als politisch motiviert. Wie verlief dann dein letzter Tag? Du musstest mit 17 Jahren alles hinter dir zu lassen. Freunde, Familie, Heimat…

Falk: „Das war der 14. September 1978, ein Donnerstag. Am Vorabend habe ich mich bereits von meinem Vater verabschiedet und, ich weiß noch, ich habe erstaunlich gut geschlafen. Obwohl mir klar war – am nächsten Tag, ich gehe vielleicht zu meiner Hinrichtung! Ich bin also an dem Donnerstag aufgewacht, habe morgens meine Mutter in den Arm genommen. Wir waren uns sehr nahe. Mein Bruder war schon in der Schule, der wusste von all dem nichts, der war damals 12. Der wusste nicht, dass ich gehen werde. Das war ein zu hohes Risiko, dass er mich aus Versehen verraten könnte. Und als ich das Haus verlassen habe, die Türklinke losgelassen habe, wusste ich, so wird es nie wieder sein. Auf dem Weg zum Bahnhof habe ich nochmal alle Gerüche wahrgenommen, bin an den Wohnungen meiner Freunde vorbeigelaufen. Und als ich im Zug saß, war ich unheimlich traurig. Traurig, niedergeschlagen und wütend auf das System, dass mir das so auferlegte. Um 13 Uhr war ich dann in Berlin.“

Falk (links) mit Bruder Ralf – zwei Monate vor seinem Fluchtversuch

Matthew: Dann gab es kein zurück. Du standest am Brandenburger Tor, um dich herum auch Touristen. Das war ja dein Plan, weil sie dann hoffentlich nicht so schnell schießen würden, sondern dich eher festnehmen. Was ging dir in den Sekunden vor dem Grenzübertritt durch den Kopf?

Falk: „In meinem Kopf ging alles drunter und drüber. Ich hörte mein Herz klopfen, spürte das Blut durch die Schläfen laufen. Und dann sah ich einen Posten aus dem Wachhäuschen kommen und wusste: Jetzt! Bin dann unter der Schranke durch, er sah mich und zückte sofort die Kalaschnikow, die um seine Schulter hing, entsicherte sie und richtete sie auf mich! Ich riss natürlich sofort die Arme hoch und wir sahen uns in die Augen und gingen aufeinander zu. Und auf einmal fragte er mich „Wohin?!“. Und auf diese Frage war ich überhaupt nicht gefasst und antwortete etwas später „In`n Westen!“. Und er sagte nur: „Mitkommen!“ Das wars. Dann hatte ich meine Festnahme. Aber ich hatte keine Ahnung was auf mich zukommen würde.“

Matthew: Du wurdest dann verurteilt zu einem Jahr und zwei Monaten Haft wegen Republikflucht. Eigentlich eine recht milde Strafe könnte man meinen. Aber du kamst nach zwei Monaten im Gefängnis in ein Arbeitslager – nach Bitterfeld. Und da war es bitterkalt.

Falk: „Genau. Das war am 30. Dezember 1978, das weiß ich noch genau. Da fing dieser extrem strenge Katastrophenwinter an, der ganz Norddeutschland unter Eis und Schnee legte. Da bin ich nachts angekommen. Und am nächsten Tag mussten wir in eisiger Kälte die Lagerstraße freiräumen. In unseren dünnen Sträflingsklamotten, mit unseren dünnen Schuhen. Und mussten jeden Tag Zwangsarbeit verrichten. Irgendwann habe ich meine Füße nicht mehr gespürt. Ich hatte Angst, dass die mir abfrieren. Und das ganze Lager war, ich beschreibe das immer als ein KZ ohne Krematorium.“

„Für die Stasi waren wir – als politische Gefangene – Tiere. Und so haben die uns auch behandelt.“

Matthew: Und später als der Winter vorbei war, war es nicht besser. Du musstest danach unter lebensgefährlichen Bedingungen in einem Chemiekombinat arbeiten. Du hast dann sogar mit Hungerstreik gedroht, wenn du nicht von hier wegkommst. Und kurz darauf – nach einem halben Jahr  in Bitterfeld – wurdest du verlegt.

Falk: „In das Stasi-Gefängnis in Karl-Marx-Stadt. Aber das wusste ich erst gar nicht. Ich hatte nur so eine Ahnung, weil die Soldaten dort andere Uniformen trugen – Stasi-Uniformen. Und ich wusste noch von den Gerüchten, dass die Freikäufe immer aus diesem Gefängnis in Karl-Marx-Stadt heraus stattfanden. Und dort war ich dann mit drei weiteren Häftlingen in einer zwölf Quadratmeter großen Zelle. Vier Holzpritschen, ein Klo, ein Waschbecken, ein Spiegel und eine Klappe in der Tür für Essen. Das war psychische Folter. Wir wussten nicht, wo wir waren, wie lange. Einsamkeit, Verlorenheit, Verlust von Kontrolle, von Raum und Zeit ist auch Folter, ohne das man blaue Flecken sieht. Und für die Stasi waren wir – als politische Gefangene – Tiere. Und so haben die uns auch behandelt. Das war also ein Ort, an den ich nie, nie, nie, nie wieder hinwollte, falls ich ihn jemals verlassen sollte.“

„Sie werden heute in die BRD abgeschoben.“

Matthew: Und zwei Wochen später kam der große Tag. Der wahrscheinlich bedeutendste Tag in deinem Leben – der Tag deines Freikaufes…

Falk: „Ich wusste bis zum Ende nicht, dass ich freigekauft wurde. Das lief dann so ab: Wir bekamen unsere Zivilklamotten wieder. Da fühlten wir uns endlich wieder als Menschen. Das war der Wahnsinn. Und dann sagte uns ein ganz hoher Stasi-Beamter: „Sie werden heute in die BRD abgeschoben.“ Das war wie Musik in den Ohren! Da wusste ich, ich hab es geschafft. Wir alle hatten es geschafft.“

Falk 2017 – als er seine Zelle im heutigen Mahnmal in Chemnitz besuchte

Matthew: Dann ging es mit dem Bus von Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, in den Westen. Knapp 50 Leute waren mit dir da drin. Wie war die Stimmung dort?

Falk: „Da haben sich Szenen abgespielt, das war so extrem. Da haben sich Leute getroffen, Ehepaare, die bei ihrem Fluchtversuch getrennt wurden. Die nicht wussten, ob der andere noch lebt. Und das war so emotional. Das kann man nicht in Worte fassen. Und als wir dann über eine kleine Brücke gefahren sind, sagte der Busfahrer: „Wir sind jetzt im Westen.“ Und da war dann ein Jubel unter den Leuten. Es ging nicht mehr an Freude. Man muss sich vorstellen, am Morgen war ich noch in der Zelle und am Nachmittag bin ich plötzlich da, wo ich hinwollte. Nach all dem, was ich erlebt habe, im Arbeitslager, in U-Haft, die Flucht am Brandenburger Tor, mit der ganzen Angst. Und all das fiel plötzlich ab.“

Matthew: Das Einleben im Westen fiel dir dann recht leicht. In der Zeit deiner Gefangenschaft hat deine Familie den Ausreiseantrag genehmigt bekommen. Die lebten dann schon bei deinem Onkel in Köln. Da bist du auch hin, hast dein Abitur nachgemacht, später sogar an der TU Dortmund Journalistik studiert. Das ging auch alles recht schnell. Aber was war es, das du am meisten genossen hast, als du endlich „drüben“ warst?

Falk: „Da gab es vieles. Die neue Technik, Videorekorder und so weiter. Das war was besonderes. Aber was ich am meisten genossen habe war, dass ich mich endlich wieder frei bewegen konnte, ohne das mir jemand die Tür aufschloss. Ich konnte selber eine Tür aufmachen und zumachen. Das hab ich manchmal auch einfach so gemacht. Ich bin in einen Raum, in ein Gebäude hinein, nur um wieder rausgehen zu können. Dieses freie Gefühl, das war toll! Das kann man sich gar nicht vorstellen! Und dann hab ich auch erstmal die Gerüche wahrgenommen, die Menschen beobachtet, mich in die Fußgängerzone gesetzt.“

„Nach dem Mauerfall 1989 wusste ich: Jetzt steht mir endgültig die ganze Welt offen!“

Matthew: Und dann kam der 9. November 1989. Mauerfall. Deutschland ist nicht mehr durch einen Zaun getrennt. Was hat das in dir ausgelöst? Was löst das noch heute in dir aus?

Falk: „Ich war am Anfang wirklich fassungslos! Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieses System so implodieren konnte. Und ich habe den ganzen Abend nur vor dem Fernseher gesessen und ich habe glaube ich fünf Videokassetten á 4 Stunden Laufzeit bespielt. Ich wusste, das ist ein historisches Ereignis, was da gerade passiert. Und erst ein paar Tage später habe ich realisiert, dass der Osten jetzt ja wieder frei zugänglich ist. Auch für mich. Ich kann wieder nach Hause, kann meine Freunde wiedersehen. Und im Sommer 1990 habe ich das dann auch gemacht. Und es war, als wäre ich nie weg gewesen! Derselbe Geruch, dasselbe Schlagloch vor unserem Haus in Bischofswerda, das ich früher schon mit meinem Moped umfahren musste. Sogar die Lampe vor der Wohnung hat noch geflackert. Und als ich dann nach über 10 Jahren meine Freunde gesehen habe: Das war so emotional, da sind Tränen geflossen – die haben mir immer wieder Briefe in das Lager, in das Gefängnis geschrieben, was für sie ja auch gefährlich war. „Halte durch“, „du schaffst das“, stand da drin. Und diese Freunde, das waren und sind auch heute noch Freunde fürs Leben. Und das bedeutet der Mauerfall für mich. Das war die zweite große Zäsur in meinem Leben. Und hat mir gezeigt, dass mir jetzt wirklich auch die ganze Welt offensteht. Und der Mauerfall hat mir gezeigt, wie stark man sein kann – als Mensch, aber auch als Gemeinschaft. Und dass der Preis der Freiheit – mein Freikauf hat damals knapp 100.000 Mark gekostet – der Preis der Freiheit sinkt, wenn die Nachfrage danach steigt. Das ist das irre.“

Das Interview mit Falk ging insgesamt knapp 90 Minuten. Bei diesem Artikel handelt es sich um Auszüge.

Das ganze Gespräch könnt ihr euch hier anhören:

 

Alle Fotos im Beitrag: Falk Mrazek (Privataufnahmen)

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