Kommentar: Auf der Mauer, auf der Lauer … sitze ich und weiß nicht wo ich hingehöre

Berliner Mauer

30 Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland noch immer nicht richtig vereint. Das wirkt sich auch auf die Generation, die nach dem 9. November 1989 geboren wurde aus. So auch auf unsere Autorin, die im Westen geboren und im Osten aufgewachsen ist. Ein Kommentar.

In der Grundschule merkte ich zum ersten Mal, dass ich anders bin – dass ich ein Wessi bin.

Die Frühstückspause begann da nämlich um viertel 10, nicht um viertel nach 9. Der Unterricht endete um dreiviertel 12, nicht um viertel vor 12. Damals wusste ich noch nichts von einem geteilten Deutschland. Ich wusste nichts von Vorurteilen und Unterschieden, von Ossis und Wessis. Und vor allem wusste ich nicht, dass ich mich wahrscheinlich für den Rest meines Lebens schon alleine mit der Art und Weise wie ich die Uhrzeit ausdrücke, als Wessi outen würde – und dass das eventuell zu einem Problem werden könnte.

Ich wurde 11 Jahre nach dem Mauerfall geboren. Mein Vater kommt aus Werl, meine Mutter aus Recklinghausen. Acht Wochen war ich alt, als wir in eine kleine Stadt in Südthüringen zogen, die ich noch heute mein zuhause nenne.

Ich kenne die ehemalige DDR nur aus Erzählungen. Erzählungen von Stasi Mitarbeitern die ihre eigene Familien ausspionierten. Vom heimlichen Westradio hören, Westpaketen und Bananen, die es nicht gab. Von Leuten die erschossen wurden, bevor sie es überhaupt in die Nähe der Mauer beziehungsweise dem Zaun schafften. Aber auch von kostenlosen Kindergärten.

Erzählungen von der DDR und der BRD

Ich kenne die ehemalige BRD nur aus Erzählungen. Erzählungen davon, dass da alles besser war. Von Udo Lindenberg, der sich in seinen Liedern beklagt, dass er nicht im Osten auftreten darf. Von meinem Vater, der bei seiner Klassenfahrt nach Berlin zusammen mit Freunden den Namen seines Kunstlehrers an die Mauer sprayte.

Vor 30 Jahren wurde diese Mauer (theoretisch) geöffnet. Ich sollte eigentlich nicht mehr viel damit zutun haben. Ich bin ja 11 Jahre danach geboren. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass das alles erst vor kurzem passiert ist. Denn:

Im Studium merkte ich zum zweiten Mal, dass ich anders bin – dass ich ein Ossi bin.

Nach den ersten Reaktionen auf meine „Herkunft“ fühlte sich auch hier jede meiner Antworten auf diese Frage an wie ein Outing. Von „Ach ausm Osten!“ über „Streite es doch nicht ab, du bist ein Ossi!“ bis hin zu „Wir haben den Osten aufgebaut und was machen die – wählen AfD!“ war alles mit dabei.

Was anfänglich vielleicht noch lustig war, machte mich nach einer Weile ein bisschen wütend und dann begann ich mich zu fragen, was ich überhaupt damit zu tun habe, was meine Generation überhaupt damit zu tun hat.

Ich wähle keine Afd. Du hast den Osten nicht aufgebaut. Wir wurden beide nach dem Mauerfall geboren, dachte ich mir. Und trotzdem wiederholen sowohl die jungen Leute aus dem „Osten“, die ich von Zuhause kenne, als auch die jungen Leute aus dem „Westen“, die ich hier im Studium kennengelernt habe, die Vorurteile ihrer Eltern und Großeltern. Sie sprechen sie wie Papageien nach und in den meisten Fällen, haben sie selber noch nie die ehemalige Grenze überquert, obwohl sie das im Gegensatz zu ihren Eltern und Großeltern damals, theoretisch tun könnten.

Vorurteile müssen abgebaut werden

In extrem vielen Bereichen wird heute versucht, Vorurteilen entgegenzuwirken und diese abzubauen. Die „Fridays for Future“-Bewegung und andere Proteste zeigen, dass nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt unsere Generation, die jungen Leute, Dinge in die Hand nehmen wollen, die die Generationen vor uns anscheinend nicht hinkriegen oder eventuell sogar selber verbockt haben. Aber eigene Vorurteile abzubauen, die man gegenüber Menschen oder Regionen im eigenen Land hat, dafür reicht es oft nicht. Die Wiedervereinigung selber in die Hand nehmen, das machen wir, die jungen Leute, auch nicht.

Eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag von McDonalds zeigt, dass 42 Prozent der ostdeutschen Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren ihre Zukunftsperspektive als ungünstig einschätzen. Im Westen sind es nur 19 Prozent. Ein Drittel der ostdeutschen Jugendlichen ziehen für ihre Ausbildung in eine andere Region um. Im Westen sind es wieder nur 19 Prozent. Und das obwohl 60 Prozent der ostdeutschen Jugendlichen eigentlich gerne in ihrer Heimatregion bleiben würden.

Und nochmal: sie alle wurden nach dem Mauerfall geboren.

Während die Leute im Osten sich ständig mit der Vergangenheit und dem geteilten Deutschland konfrontiert sehen, habe ich das Gefühl, dass viele Leute im Westen sich in ihrem Alltag kaum mit diesem Thema auseinandersetzen (müssen).
Trotzdem gibt es auch viele Ostdeutsche, die sich dem Westen gegenüber extrem ignorant verhalten. Wie gesagt, das kommt auf beiden Seiten gleichermaßen vor.

Wenn weiterhin so viele ostdeutsche Jugendliche den Osten verlassen, obwohl sie das eigentlich gar nicht wollen, wird die Annäherung von Ost- und Westdeutschland auch in Zukunft nicht besser.

All dem kann man nicht nur mit politischen oder wirtschaftlichen Maßnahmen entgegenwirken. Denn vielleicht ändert sich ja auch schon etwas, wenn jeder von uns versucht, eben nicht die Vorurteile unserer Eltern nachzuplappern, wenn wir alle mal „rüber“ in den Westen oder Osten fahren und uns miteinander unterhalten und wenn wir unsere Gesellschaft nicht zwanghaft versuchen, in „Ossis“ und „Wessis“ einzuteilen.
Denn das hilft nun wirklich keinem – vor allem Leuten wie mir nicht, die dann außen vor bleiben.

Beitragsbild: Peter Dargatz/pixabay.com

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