Erschreckende Zahlen: Wie rassistisch ist Deutschland?

Die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt auf der ganzen Welt haben auch in Deutschland eine Diskussion über Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit ausgelöst. Studien und Befragungen aus allen Lebensbereichen zeigen jedoch: Menschen mit Migrationshintergrund werden auch in Deutschland strukturell und institutionell benachteiligt. Einige Zahlen und Fakten über das Ausmaß dieser Benachteiligung hat KURT für euch zusammengefasst.

Laut dem Mikrozensus des statistischen Bundesamtes hat hierzulande jeder vierte Bürger einen Migrationshintergrund – ist also selber Zugewanderter oder Nachkommen einer zugewanderten Person. Im Jahr 2018 hatten in Deutschland fast 41 Prozent der Kinder unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund.

Was ist der Mikrozensus?
Auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung wird ist der Mikrozensus “die größte jährliche Haushaltsbefragung der amtlichen Statistik in Deutschland.” Dabei werden “mit rund 830.000 Personen in etwa 370.000 privaten Haushalten und Gemeinschaftsunterkünften fast ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland zu seinen Arbeits- und Lebensbedingungen befragt.” Er soll Informationen über die wirtschaftliche und soziale Lage in der Bevölkerung liefern und so zum Beispiel Politikern bei ihren Entscheidungen helfen.
Eine Zusammenfassung der Ergebnisse des Mikrozensus über Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland findet ihr hier.

Rassistische Einstellungen in der Bevölkerung

Die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt seit einigen Jahren, dass fremdenfeindliche und rassistische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung offenbar weit verbreitet sind. So stimmten im Jahr 2019

  • 54 Prozent der Befragten negativen Aussagen über Asylsuchende zu,
  • jeder vierte Befragte negativen Aussagen über Sinti und Roma zu,
  • fast jeder fünfte Befragte muslimfeindlichen Aussagen zu,
  • fast jeder zehnte Befragten der Aussage zu, dass Deutschland eigentlich anderen Völkern und Nationen von Natur aus überlegen sei.
  • Außerdem neigte jeder fünfte Befragte ganz deutlich zu rechtspopulistischen Einstellungen (unter Afd-Anhängern lag dieser Wert sogar bei 75 Prozent).

Gleichzeitig sind laut dem ARD Deutschlandtrend vom August 2018 35 Prozent der Befragten der Meinung, dass Rassismus in Deutschland ein kleines oder gar kein Problem ist. Dieser Wert lag bei Afd-Anhängern sogar bei 62 Prozent.

Zudem sind 37 Prozent der Befragten einer Studie von infratest dimap der Meinung, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus die Demokratie und das friedliche Zusammenleben in Deutschland nicht bedrohen. Laut 42 Prozent der Befragten würde die Demokratie und das friedliche Zusammenleben jedoch durch die Zuwanderung von Ausländern bedroht werden.

Der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung macht deutlich, wie weit verbreitet muslimfeindliche Einstellungen in Deutschland sind.
Die Befragung zeigt:

  • 52 Prozent der Befragten empfinden den Islam als bedrohlich.
  • 13 Prozent der Befragten stimmen der Forderung zu, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden solle.
  • 30 Prozent der ostdeutschen und 16 Prozent der westdeutschen Befragten gaben zudem an, dass sie Muslime nicht gerne als Nachbarn hätten.

Die Sicht der Betroffenen

Laut einer Befragung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat jeder dritte Mensch in Deutschland, in den zwei Jahren vor der Befragung, Diskriminierung erlebt. Fast jede vierte Person mit Migrationshintergrund gab zudem an, in den vergangenen 24 Monaten aus rassistischen Gründen oder aufgrund ihrer (ethnischen) Herkunft benachteiligt worden zu sein.

Jeder sechste Befragte gab jedoch auch an, nach der Diskriminierung etwas dagegen unternommen zu haben.

  • 27 Prozent der Befragten machten öffentlich auf die Diskriminierung aufmerksam.
  • 14 Prozent der Befragten holten sich Beratung ein.
  • 17 Prozent der Befragten beschwerten sich bei öffentlichen Stellen.
  • 6 Prozent der Befragten reichten Klage ein.

Auch das Kriminologische Forschungszentrum Niedersachsen (KFN) befragte 2010 Jugendliche der 9. Klasse, die einen Migrationshintergrund haben,  ob sie bereits ausländerfeindliche Übergriffe erlebt hatten.

Dabei gaben

  • 61 Prozent der Befragten mit afrikanischem Migrationshintergrund an, beschimpft worden zu sein. 4 Prozent gaben an geschlagen worden zu sein.
  • fast die Hälfte der Jugendlichen mit türkischem sowie mit asiatischem Migrationshintergrund an, beschimpft worden zu sein.
  • 40 Prozent der Befragten mit arabischem und nordafrikanischem Migrationshintergrund an, beschimpft worden zu sein.

Eine Studie der westfälischen Wilhelms-Universität Münster aus dem Jahr 2015 befragte zudem türkischstämmige Bürger in Deutschland zu ihrer Sicht auf Integration. Dabei gab über die Hälfte der Befragten an, sich als Türkeistämmiger als Bürger zweiter Klasse zu fühlen. 54 Prozent der Befragten sagten außerdem, dass sie, egal wie sehr sie sich anstrengen, nicht als Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt werden.

Ungleichheit in der Schule

In keinem anderen OECD-Land hat die soziale Herkunft eine so hohe Auswirkung auf die schulische Ausbildung wie in Deutschland. Laut dem Mikrozensus hatten 2018 rund 37 Prozent der Schüler in Deutschland einen Migrationshintergrund.

Der Lagebericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration zeigt zudem, wie groß die Unterschiede in Bezug auf Schulabschlüsse zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund sind.

2014 hatten demnach:

  • 40 Prozent der ausländischen Schulabgänger und 20 Prozent der deutschen Schulabgänger einen Hauptschulabschluss.
  • 44 Prozent der deutschen Schulabgänger und 16 Prozent der ausländischen Abgänger ein Abitur.
  • 13 Prozent der ausländischen Schüler und fünf Prozent der deutschen Schüler keinen Schulabschluss.

Ein Grund dafür, dass Schüler mit Migrationshintergrund auf Gymnasien unterrepräsentiert sind, ist die Lehrerempfehlung. Für die Empfehlung eines Lehrers, das Gymnasium zu besuchen, müssen Schüler mit Migrationsleistung nämlich eine höhere Leistung erbringen, als deutsche Schüler. Das zeigt eine Studie des Waxman Verlags.

Außerdem sind deutsche Schulen sehr segregiert. Der Mediendienst Integration schreibt zu diesem Thema:

  • “Rund 41 Prozent der Grundschüler aus Einwandererfamilien werden an ‘segregierten’ Schulen unterrichtet, an denen mehr als die Hälfte der Schüler einen Migrationshintergrund hat.
  • Knapp 15 Prozent der Schüler in Deutschland lernen an Grundschulen ohne Mitschüler aus Einwandererfamilien.”

Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt

Auf dem Arbeitsmarkt werden Menschen mit Migrationshintergrund ebenfalls diskriminiert. Das fängt schon bei der Arbeitssuche und Bewerbungen an, wie eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zeigt.
Laut der Studie erhielten 60 Prozent der Bewerber ohne Migrationshintergrund eine positive Rückmeldung auf ihre Bewerbung. Bei den Bewerbern mit Migrationshintergrund lag der Anteil der positiven Rückmeldungen bei nur 51 Prozent. Und das obwohl beide die gleichen Qualifikationen hatten.

Unterschiede zwische Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gibt es auch im Einkommen. Das zeigt der Standortfaktor Bildungsintegration des Statistischen Bundesamtes von 2009.

Laut dem Standortfaktor

  • verdienen 26 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund und nur 17 Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund unter 500 Euro Netto im Monat.
  • verdienen 26 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund und 32 Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund zwischen 1.300 und 2.600 Euro Netto im Monat.
  • sind nur ein Prozent der erwerbstätigen Menschen mit Migrationshintergrund, aber sieben Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund verbeamtet.

Resultierend daraus gibt es auch große Unterschiede in der Armutsgefährdung der verschiedenen Personengruppen. Laut dem Statistischen Bundesamt haben Menschen mit Migrationshintergrund eine Armutsgefährdungsquote von 27 Prozent. Menschen ohne Migrationshintergrund haben hignegen eine Armutsgefährdungsquote von nur 11 Prozent.

Und das alles, obwohl sogenannte “Migrantenunternehmer” in Deutschland 1,3 Millionen Arbeitsplätze geschaffen haben. In NRW existieren 300 von 1000 Arbeitsplätzen dank Migrantenunternehmern. Das zeigt eine Studie der Bertelsmannstiftung aus dem Jahr 2016.

23 Prozent der Studierenden in Deutschland haben laut dem deutschen Studentenwerk einen Migrationhintergrund. Davon entfallen vier Prozentpunkte auf sogenannte Bildungsinländer, also ausländische Staatsangehörige mit deutscher Hochschulzugangsberechtigung.

Ungleichheit auf dem Wohnungsmarkt

“Menschen mit Mi­grationshintergrund leben im Durchschnitt auf kleinerem Wohnraum und zahlen höhere Mieten.” Das schreibt die  Antidiskriminierungsstelle des Bundes in ihrer letzten Umfrage mit dem Titel “Rassistische Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt”.
Demnach zahlten im Jahr 2014 Menschen mit Migrationshintergrund durchschnittlich 8,41 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. Dabei standen jeder Person durchschnittlich 39,7 Quadratmeter zur Verfügung. Menschen ohne Migrationshintergrund zahlten durchschnittlich nur 7,69 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter und ihnen standen durchschnittlich 50,5 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung.

In der Umfrage gaben zudem 35 Prozent der Befragten an, dass sie in den letzten zehn Jahren Diskriminierung durch Vermieter aufgrund ihrer (vermeintlichen) ethnischen Herkunft erfahren haben.

Das bestätigt auch ein gemeinsames Experiment des Bayerischen Rundfunks und des Spiegels. Dabei verschickten die beiden Medien Wohnungsanfragen mit fiktiven deutschen und nicht-deutschen Profilen. Die Bewerber hatten dabei die gleichen Qualifikationen. Die Diskriminierung fand also nur aufgrund des Namens statt.

Die Auswertung der Daten zeigte:

  • In 27 Prozent der Fälle erhielt die Person mit einem arabischen Namen keine positive Rückmeldung, obwohl die Person mit dem deutschen Namen eine positive Rückmeldung bekam.
  • In 24 Prozent der Fälle erhielt die Person mit dem türkischen Namen keine positive Rückmeldung, obwohl die Person mit dem deutschen Namen eine positive Rückmeldung bekam.
  • In 12 Prozent der Fälle erhielt die Person mit dem polnischen Namen keine positive Rückmeldung, obwohl die Person mit dem deutschen Namen eine positive Rückmeldung bekam.
  • In acht Prozent der Fälle erhielt die Person mit dem italienischen Namen keine positive Rückmeldung, obwohl die Person mit dem deutschen Namen eine positive Rückmeldung bekam.

Und auch von Wohnungslosigkeit sind Menschen mit Migrationshintergrund stärker betroffen. Das zeigt eine Erhebung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V., wonach im Jahr 2016 37 Prozent der Wohnungslosen in Deutschland einen Migrationshintergrund hatten.

Beitragsbild: pixabay/Tumisu

 

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