Sankt Martin: Viel mehr als nur ein Kinderzug

Laterne St. Martin

Heute (11. November) ist Martinstag. Bereits am Wochenende zogen viele Kinder mit bunten Laternen durch Dortmund. Mindestens 28 große Martinszüge gab es laut den Ruhr Nachrichten. Für viele Menschen sind diese Züge ein fester Bestandteil der Kindheit.  Aber woher kommt dieser Brauch überhaupt und wie wurde er vor 95 Jahren in Dortmund etabliert?

Die Legenden, die sich um Sankt Martin ranken, sind alt und umstritten, aber in einem Punkt ist man sich heute noch einig: Martin von Tours war ein selbstloser Mann. Er steht für das Teilen und Helfen. Aber wer war Martin von Thun?

Mit 15 Jahren trat Martin, auf Wunsch des Vaters, in die römische Armee ein. Das war um das Jahr 330 nach Christus. Schnell stieg er von der berittenen kaiserlichen Leibgarde zum Offizier auf, aber Martin sah seinen Weg nicht im Soldatendasein, sondern im Glauben. Laut Prof. Dr. Ballhorn, vom Institut für katholische Theologie der TU Dortmund, war es zu der Zeit noch sehr umstritten, ob man als Christ als Soldat dienen kann. Martin stehe deshalb auch für den Friedenshintergrund des Christentums. Nach seinem Tod wurde er heilig gesprochen und ist Schutzpatron der Armen und vieler Berufe wie zum Beispiel für Winzer und Schneider. Er soll viele gute Taten vollbracht und ein hilfsbereiter und geachteter Mann gewesen sein. Am 08. November 397 verstarb er und wurde am 11. November in der Stadt Tours beerdigt. An diesem Tag feiern wir heute noch Sankt Martin.

Warum feiern wir Sankt Martin?

Am Martinstag wird Martin von Tours und die Botschaften, die sein Handeln überbringt gefeiert: Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft. Der Legende zufolge ritt er an einem eisigen Tag an einem, nur mit Lumpen bekleideten, frierenden Bettler vorbei. Ohne weiter darüber nachzudenken, teilte er seinen warmen Mantel mit seinem Schwert und schenkte eine Hälfte dem Bettler. In dieser Nacht soll ihm der Bettler erschienen und sich als Jesus zu erkennen gegeben haben. Daraufhin ließ sich Martin taufen und die Menschen, die von seiner Tat erfuhren, baten ihn, Bischof von Tours zu werden. Martin war aber zu bescheiden und sah sich des Amtes nicht würdig.

Laterne am Sankt Martin
Laterne am Sankt Martin.

Laut Prof. Dr. Ballhorn sind diese Werte, die am Martinstag so kindlich vermittelt werden, fundamental und in unserer Gesellschaft immer noch sehr wichtig. Gerade heute, wo viele Flüchtlinge und arme Leute auf Unterstützung angewiesen und immer weniger Menschen bereit seien zu teilen. Das Fest mit all den bunten Laternen zeige, dass Teilen Licht bringe. „Der Martinstag ist ein christliches Fest, aber an den Zügen kann jeder teilnehmen.“ so Ballhorn. Man muss dafür nicht katholisch, evangelisch oder überhaupt getauft sein.

Warum isst man am Martinstag eine Gans?

Dazu gibt es mehrere Legenden. Eine besagt, dass Martin sich in einem Gänsestall versteckt hat, um das Amt als Bischof nicht anzutreten. Die Gänse schnatterten aber so laut, dass sie ihn verraten haben. Einer anderen Legende zufolge sei eine Gans während Martins Predigt in die Kirche gewatschelt und unterbrach ihn mit ihrem Geschnatter. Daraufhin wurde sie eingefangen und gebraten.

Der Brauch eine Gans am 11. November zu essen ist aber schon viel älter als diese Legenden um Sankt Martin. Damals war es der letzte Tag im Wirtschaftsjahr und der letzte Tag vor der sechswöchigen Fastenzeit. Auch Prof. Dr. Ballhorn nennt einen ganz banalen Grund: In dieser Jahreszeit hat man die Tiere geschlachtet, um sie nicht den Winter über durchfüttern zu müssen.

Wie kam der Martinszug nach Dortmund?

Vor genau 95 Jahren gab es den ersten Martinszug in Dortmund. Käthe Kaufhold war nicht nur Mutter von sieben Kindern, sondern auch die des Dortmunder Martinszugs. Seinen Ursprung fand der Martinszug im Garten der Familie Kaufhold in der Weddingenstraße 11. Dort wollte Käthe Kaufhold ihren Kindern die Tradition nahe bringen. Sie kam aus dem Rheinland, wo Sankt Martin schon als Fest gefeiert wurde. Geplant war die Feier ganz spontan und im familiären Rahmen. Die Kinder liefen mit Lampions durch den Garten und sangen Martinslieder. Nach und nach kamen aber immer mehr Nachbarskinder hinzu. Aus dem kleinen Stein, den Käthe Kaufhold ins Rollen gebracht, hat wurde eine ganze Lawine.

Martinszug Käthe Kaufhold und ihr Mann
Martinszug Käthe Kaufhold und ihr Mann

Ein Jahr später (1925) meldeten sich schon 35 Kinder vorher an, um am Martinszug teilzunehmen. Im drauf folgenden Jahr waren es dann sogar 70. Die Tochter von Frau Kaufhold, Katja Müller, erinnert sich in dem Buch „Zwischen allen Stühlen“, das 1991 von Kaufholds Schwiegersohn, Hans Müller, herausgebracht wurde. „Nun war der Garten zu klein, die Beete wurden zertrampelt. Deshalb zog meine Mutter aus dem Garten auf die Straßen der Gartenstadt.“ Es musste auch immer mehr vorbereitet werden. Die Kinder mussten sich, um besser planen zu können, für den Martinszug anmelden. “Wir haben die Kinder dabei nie nach ihrer Konfession gefragt. Arm oder reich spielte keine Rolle.”  Außerdem musste der Zug von der Polizei genehmigt werden, es wurden freiwillige Ordner gesucht und gab einen verkleideten St. Martin auf einem Pferd. Es spielte eine Kapelle und „an arme Kinder haben wir Brezel verschenkt“, erinnerte sich Katja Müller in dem Buch. „Es war ein Kinderfest für alle.“ Käthe Kaufhold bat die Lehrer, den Kindern die Martinslieder in der Schule beizubringen.

Die Tremonia berichtete 1934, 10 Jahre nach dem kleinen Martinsfest in Käthe Kaufholds Garten, wie die Kinder, mit teilweise selbst gemachten Fackeln, hinter Sankt Martin auf seinem Schimmel herliefen. Auch die „Rote Erde“, die Zeitung der Nationalsozialisten, veröffentlichte 1935 einen Artikel, der den Martinszug in den schönsten Bildern beschrieb.

1964 schrieb Friedhelm Baukloh im Westfalenspiegel über die Besonderheit, dass keine Institution oder kirchliche Gemeinde das Brauchtum wiederbelebt und in Dortmund eingeführt hat. „Insofern ist es eine Ausnahme, wie die Dortmunder Martinszüge zustande kamen.“

Verbot des Martinszugs durch die NS

Auch wenn man die Veranstaltung der Martinszüge auf den ersten Blick als unpolitisch betrachten würde, ist dem nicht so. Ein römischer Offizier, der den Glauben, statt den Krieg gewählt hat, schenkt einem Bettler einen Teil seines Mantels. Diesen politischen Charakter haben die Nationalsozialisten, laut Hans Müller, bald erkannt und versuchten, ihn langsam umzufunktionieren. Dazu sei 1934 ungebeten einen Spielmannszug der Hitlerjugend geschickt worden sein. In der Zeitung „Rote Erde“ schrieben sie von „Schmuckfackeln, die das Hakenkreuz trugen“, obwohl sie, Käthe Kaufhold zufolge, niemand gesehen hat. 1938 versuchte die NS-Frauenschaft den Martinszug an sich zu reißen. Käthe Kaufhold blieb jedoch standhaft und erklärte, dass sie den Zug weiter veranstalten werde. Sie äußerte sich dazu in Hans Müllers Buch „Kurz vor dem 10. November kam dann Frau Eilers, die Führerin der Dortmunder NS-Frauenschaft und sagte mir noch einmal dasselbe. Dabei wurde sie so laut und heftig, dass ich ihr die Tür wies.“ Am Abend vor dem Zug wurde ihr von einem Polizisten mitgeteilt, dass der Martinszug nicht stattfinden würde, da sich die NS-Frauenschaft nicht sicher sei, ob die Bevölkerung jetzt daran teilnehme.

Da Käthe Kaufhold der Zug verboten wurde, sich aber viele Kinder mit Fackeln vor ihrem Haus in der Gartenstadt versammelten, lud sie die Kinder in ihren Garten ein. Auf einmal kamen dann Kriminalbeamte, die die Feier stoppen wollten. Diese verwies sie von ihrem Grundstück. Als die Kinder nach Hause gingen, wurde ihnen von der Polizei das Singen der Martinslieder verboten. In den folgenden Tagen wurde Käthe Kaufhold von vielen Seiten gesagt, „dass man das Vorgehen der NS-Frauenschaft nicht billige, sogar von Mitgliedern der Organisation selbst.“

1939 wurde der Martinszug in Dortmund eingestellt. Er wurde von der NS verboten und passte nicht in die Kriegszeit. Erst Ende der 40er Jahre erweckte Käthe Kaufhold ihn wieder zum Leben. Es gab einen großen Martinszug, der durch die Gartenstadt und über die B1 führte und von einer Kapelle begleitet wurde.

Seitdem ist der Martinszug in Dortmund immer populärer geworden und nach und nach wurden auch in anderen Stadtteilen Züge veranstaltet. Heute laufen die Kinder zwar nicht mehr mit Fackeln, sondern mit bunten LED-Lichtern durch die Straßen. Die Laternen sind nur noch selten selbst gebastelt, aber der Brauch/ die Tradition des Martinszugs, das Teilen und Licht bringen, wird weitergeführt. In vielen Dortmunder Stadtteilen gibt es zusätzlich zu den Martinszügen auch Martinsmärkte und andere Veranstaltungen.

Martinssingen
Martin von Tuers (Sankt Martin) wird am 11. November gefeiert. Er teilte seinen Umhang mit einem Bettler. Kinder laufen beim Martinszug singend mit Laternen durch die Stadt.
Martinisingen
Martin Luther wird am 10. November (seinem Geburtstag) gefeiert. Dieser wurde in evangelischen Gegenden, wie Ostfriesland, während der Reformationszeit eingeführt. Martin Luther wurde als neuer Heiliger an die Stelle des St. Martins gesetzt. Einige Martin-von-Tours-Lieder wurden zu Martin-Luther-Liedern umgedichtet. Die Kinder ziehen singend mit Laternen von Haus zu Haus.

 

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