Hochbegabung: Das bedeutet es, allen einen Gedanken voraus zu sein

So sieht ein Leben mit Hochbegabung aus.
Ein Leben mit Hochbegabung ist anders. Foto: Pixabay

In jeder zweiten Klasse sitzt praktisch jemand, der hochbegabt ist, sagt Juniorprofessor Sebastian Bergold. Ganz normal also. Und trotzdem gibt es viele Vorurteile. Unsere Autorin wollte wissen, wieso das so ist. Sie hat eine Hochbegabte getroffen, die Mutter zweier hochbegabter Kinder und Wissenschaftler Bergold.

Das ist Hochbegabung

Ab wann ist ein Mensch hochbegabt?

  • IQ kleiner 70: geistige Behinderung
  • IQ 70 bis 84: unterdurchschnittliche Intelligenz
  • IQ 85 bis 115: durchschnittliche Intelligenz
  • IQ 116 bis 130: überdurchschnittliche Intelligenz
  • IQ größer 130: Hochbegabung

Kann ich Hochbegabung messen?

Um einen IQ möglichst objektiv messen zu können, gibt es den Intelligenzquotienten-Test, kurz IQ-Test. Hier gibt es viele verschiedene Teste, die sich etwa am Alter oder den zu untersuchenden Schwerpunkten orientieren. Einer der ersten aussagekräftigen IQ-Tests ist der Binet-Simon-Test. Er besteht aus 30 Aufgaben, die bestimmte Bereiche abfragen. Die Probanden müssen Zahlen wiederholen, aus dem Gedächtnis zeichnen oder Gewichte anordnen. Zudem gibt es etliche weitere Tests, wie den Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene, den Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Kinder oder die Raven Progressive Matrizen.

Quellen: https://psychotherapie-rupp.com/tag/iq-skala/, https://www.psychomeda.de/lexikon/iq-intelligenzquotient.html https://www.123test.com/de/Arten-von-IQ-Tests/ , http://www.paradisi.de/Freizeit_und_Erholung/Bildung/Intelligenz/Artikel/22343_Seite_2.php , https://psychotherapie-rupp.com/2014/08/14/intelligenz-teil-4-was-messen-iq-tests-und-was-ist-ihr-sinn-und-zweck/ , http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/8261/1/Funke_2006_Binet.pdf

Lea Schuz hat mit uns über ihre Hochbegabung gesprochen. Foto: privat
Lea Schuz hat mit uns über ihre Hochbegabung gesprochen. Foto: privat

LEA SCHULZ – die Hochbegabte

Lea ist hochbegabt. ​Die 15-jährige hat einen IQ von 138. Mittlerweile ist sie glücklich darüber. Das war nicht immer so.

Wie würdest du deine Hochbegabung beschreiben?

Ich unterscheide mich im Denken und in meiner Wahrnehmung ganz stark von anderen. Egal was ich denke, ich stelle mir alles in Bildern vor. Und das wiederum merke ich mir dann auch in Bildern.

Nenn uns mal ein Beispiel.

Ein gutes Beispiel ist einkaufen gehen. Bei einer Einkaufsliste merken sich viele die Worte. Ich aber merke mir meistens den Weg durch den Supermarkt. Den Weg als Bild kann ich mir besser merken als die einzelnen Worte. In der Schule macht das nur manchmal einen Unterschied. Ich bin ein ganz normales Mädchen mit einem Zweierdurchschnitt. Außer beim Auswendiglernen und Begreifen von Dingen. Dafür brauche ich weniger Zeit als meine Mitschüler und es fällt mir leichter.

Dann müsstest du doch nur Einsen schreiben.

Ich könnte, wenn ich möchte eine eins schreiben. Aber ich verstehe den Sinn dahinter nicht, alles perfekt auswendig zu können, indem ich meine gesamte Zeit ins Lernen investiere, während ich mit einer zwei auch gut durchkomme . Ich kann entweder eine eins oder eben eine zwei schreiben. Das kommt darauf an, wie wichtig ich ein Thema finde. Es gibt Themen, die lerne ich so, dass ich die Grundlagen verstehe, aber eben nicht perfekt. Da reicht mir eine zwei. Wenn ich eine eins will, lerne ich mehr.

Wie hast du herausgefunden, dass du so einen hohen IQ hast?

Zum einen durch einen IQ-Test und zum anderen habe ich mir selber Lesen und Schreiben beigebracht und konnte die erste Klasse überspringen. Ich hatte noch die Möglichkeit von der zweiten direkt in die vierte Klasse zu wechseln, das wollte meine Mama nicht.

Warum?

Sie hat gewusst, dass ich mich später wegen des Altersunterschieds nicht wohlfühlen würde. Jetzt bin ich 15 Jahre alt und in der elften  Klasse. Sonst wäre ich 15 und in der 12. Klasse und die anderen wären schon 18 Jahre.

Wie ging deine Schullaufbahn weiter?

Auf dem Gymnasium, auf das ich damals gegangen bin, habe ich die Fächer als langweilig empfunden. Dadurch habe ich mich nie wirklich konzentriert. Meine Noten waren nie so, dass man sagen würde: Wow, die kennt sich richtig gut aus. Ich hatte einfach keine Lust und habe keinen Sinn darin gesehen, das zu lernen. Anderthalb Jahre später habe ich die Schule gewechselt.

Was war der Grund?

Meine Mutter wollte den Wechsel schon früher, aber ich nicht. Ich habe mich nicht getraut auf neue Menschen zu zugehen, weil ich so eingeschüchtert von dieser Klasse war. Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass ich anders bin. Die Mädchen in der Pubertät fingen an zickig zu werden, zu lästern und Leute bloßzustellen. Da habe ich manchmal an mir selber gezweifelt . Und zu solchen Leuten wollte ich nicht noch einmal dazugehören. Also hat es sich anderthalb Jahre hinausgezögert, bis ich gesehen habe, dass ein Wechsel gut ist. Nach den anderthalb Jahren bin ich auf die Hiberniaschule, eine Schule mit Waldorfprinzipien, gegangen. Dort lerne ich Schmieden, Holzarbeit und Kochen. Das sind Dinge, die habe ich auf meiner alten Schule nicht gelernt.

Warum bringen dich diese Fächer an der neuen Schule weiter als beispielsweise Mathe?

Schmieden und Holzarbeit sind Dinge, zu denen würde ich sonst nicht kommen. Das macht den Kopf frei. Wenn ich den ganzen Tag gelernt habe und dann nach Hause gehe, brauche ich vorher eine Ablenkung. Die bekomme ich durch die handwerklichen Fächer. Sonst denke ich weiter ans Lernen und die Schule. Davon abgesehen sind Kochen, Nähen und Werken Grundkenntnisse für später. Bei den Fächern geht es nicht um Noten, sondern um Zusammenarbeit. Das bringt einen auch auf der sozialen Ebene viel weiter.

Gab es einen Punkt, an dem sich deine Einstellung zu deiner Hochbegabung geändert hat?

Das war genau bei dem Schulwechsel. Auf meiner alten Schule hat nur das gezählt, was auf dem Papier stand. Die Persönlichkeit wurde weggeworfen. Da habe ich nicht reingepasst. Die wollten sich gar nicht damit beschäftigen, wieso etwas so ist, wie es ist. Ich habe Selbstzweifel aufgebaut und mich gefragt, ob mit mir irgendetwas falsch ist. Erst später habe ich gemerkt, dass ich vielleicht einfach anders denke.

Bist du froh, dass du hochbegabt bist?

Ich weiß nicht, ob ich froh bin. In manchen Situationen ist es positiv und in manchen negativ. Wenn ich raus gehe, denke ich so viel nach. Ich sehe zum Beispiel einen Konflikt zwischen zwei Personen und stelle mir direkt so viele Fragen über diese Menschen. Teilweise kommt es beim Denken zu Problemen oder ich hinterfrage mich selbst. Ich habe mir manchmal gewünscht, nicht so viel nachzudenken und Dinge einfach so hinzunehmen – ohne mehr wissen zu wollen.

Wie hat sich die Hochbegabung auf dein Umfeld ausgewirkt?

Meine Mama und mein Opa haben auch einen sehr hohen IQ und denken genauso wie ich. Es ist cool, wenn ich mit den beiden reden kann. Meine Mama und ich sind dadurch wie Seelenverwandte geworden. Wenn ich mit anderen Leuten rede, verstehen die zum Beispiel nicht, was ich gerade denke. Ich denke in jeder Situation sieben Schritte weiter und überlege, was alles passieren kann, wenn ich jetzt auf eine bestimmte Art und Weise handle. Deswegen fällt es mir schwer, etwas spontan zu machen.

 

Sabrina Knief hat zwei hochbegabte Töchter. Foto: Simon Jost
Sabrina Knief hat zwei hochbegabte Töchter. Foto: Simon Jost

SABRINA KNIEF – Mutter von zwei hochbegabten Kindern

Sabrina hat zwei hochbegabte Töchter. Ihre Älteste heißt Carlotta (8). Mit ihr stand die Familie zum ersten Mal vor den Herausforderungen, die ein hochbegabtes Kind mit sich bringt.

Wie haben Sie erfahren, dass Carlotta hochbegabt ist?

Das war mehr zufällig. Der Kindergarten hat uns damals Motopädie empfohlen, weil Carlotta als kleines Kind motorische Schwächen gezeigt hat. Das Gesundheitsamt, über das die Motopädie beantragt werden muss, hat uns gesagt, dass wir uns auch die neurologische Entwicklung anschauen sollten. Später hat Carlotta in Datteln in der Kinderklinik einen Test gemacht, der eher auf Minderbegabung ausgerichtet war. Den Test hat sie mehr oder weniger nach oben hin zerschossen. Als Eltern konnten wir das zuerst gar nicht glauben. Der behandelnde Arzt meinte, Carlotta sei alles, nur nicht minderbegabt und mit ihr müsse man einen richtigen IQ-Test machen. Das haben wir aber damals noch beiseitegelegt. Der Test zur Überprüfung einer Minderbegabung hatte irgendeinen Knopf bei Carlotta gedrückt.

Das heißt sie hat sich verändert?

Genau. Sie fing an, sich selber Lesen und Schreiben beizubringen. Sie kam aus ihrem Zimmer nicht mehr raus und zuhause kam es zu Problemen. Da war sie vier. Sie wurde sehr ungehalten und konnte ihre Emotionen nicht mehr steuern. Mit gerade sechs haben wir sie final getestet und bekamen die Bestätigung, dass sie hochbegabt ist.

Waren Sie froh, als Sie das wussten?

Wir waren froh, dass die motorische Schwäche dazu beigetragen hat, dass so früh die Diagnose Hochbegabung gestellt werden konnte. So sind wir schnell in ein Netz von guten Ärzten und Therapeuten gekommen, die uns am Anfang unseres Weges begleitet haben. Wir beschreiben das als Glück.

Wie äußert sich die Hochbegabung bei Carlotta?

Sie kann Dinge viel schneller aufnehmen als andere und denkt viel weiter. Das ist oft schwierig. Wo andere Kinder zum Teil komplett sorgenfrei sind, muss Carlotta viel nachdenken. Sie macht zum Beispiel zurzeit einen Segelkurs. An einem Tag war es ein bisschen stürmischer und dann fragte sie mich: ‚Oh Mama, was ist, wenn ich kentere und unter das Segel komme?‘ In manchen Bereichen hemmen sie diese Gedanken.

Carlotta (8) ist hochbegabt. Foto: Simon Jost
Carlotta (8) ist hochbegabt. Foto: Simon Jost

Klingt so, als sei eine Hochbegabung nicht immer einfach.

Carlotta hatte Glück, auf eine Grundschule zu kommen, die sehr offen ist. Aber so eine kleine Schule stößt an ihre Grenzen. Am Ende der ersten Klasse musste Carlotta eine Klasse Mathematik überspringen, weil ihr der Stoff nicht mehr reichte und sie unterfordert war. Da hat so eine kleine Schule natürlich ein Problem, die Stundenpläne umzulegen. Viele Leute sagen, wenn sie Carlotta sehen: ‚Boah ist die verpeilt.‘ Auch ihre Klassenlehrerin sagte zu Beginn von Carlottas Schulzeit, dass sie Hochbegabte kennen würde. „Das seien immer die Kinder, die gute Noten schreiben und vorne weggehen.“ So ist das manchmal, aber halt nicht in allen Fällen. Es gibt in diesem Bereich auch  Kinder mit einem sehr hohen IQ, die aber mit ihren Leistungen deutlich unter ihren Möglichkeiten bleiben.

Wo macht sich die Hochbegabung, bei Ihnen im Familienalltag bemerkbar?

Wir müssen deutlich mehr für die Kinder tun, damit sie durch die Schulzeit gehen können und nicht immer Klassen überspringen müssen. Ich bin kein Fan vom Springen. Wir müssen vieles privat abpuffern und das kostet Geld, viel Geld. Wenn man Experten dazu holen möchte, kostet das Geld und muss selbst bezahlt werden. Meine Kinder – und da schlagen viele die Hände über den Kopf – haben fast jeden Tag ein Hobby. Das brauchen sie. In den Ferien merken wir das besonders. Ferien bedeutet für uns immer „Stress“, diese Kinder brauchen auch in dieser Zeit eine klare Tagesstruktur und geistige bzw. körperliche Forderung. Habe sie dies nicht, werden sie sehr unleidlich. Das Schlafbedürfnis ist bei meinen Kindern sehr gering, aber ohne Aktivität wird dies noch schlimmer und körperlich brauchen auch sie den Schlaf natürlich. Ich komme als Mutter da schon manchmal an meine Grenzen. Ich würde den Kindern noch viel mehr wünschen, kann es aber manchmal gar nicht.

Ist die Hochbegabung in Ihrer Familie eher ein Fluch oder eher ein Segen?

Ich würde sagen, jedes Kind kann was, jedes Kind hat Stärken und Schwächen. Für die Kinder ist es ein Segen, weil sie dieses Potenzial haben. Es ist für uns als Familie aber oft eine Bürde, eine Belastung. Fluch würde ich nicht sagen. Damit die Kinder eine Chance haben, sich gut zu entwickeln, muss man ganz viel eingreifen und auf ganz viele Dinge achten. Ich kann mit meiner achtjährigen Tochter keine Diskussionen führen, wie mit einer normalen Achtjährigen. Das ist ein ganz anderes Niveau.

Kommt das Thema Hochbegabung in der Gesellschaft zu kurz?

Es fängt damit an, dass ganz viel Aufklärungsbedarf besteht. Es fehlt Aufklärung bei den Lehrern in der Schule und generell in der Gesellschaft. Die wenigstens wissen, dass Hochbegabte, wenn sie extrem unterfordert sind, in manchen Fällen ihren eigenen Namen nicht mehr schreiben können oder nicht mehr wissen, was eins plus eins ist. Der Kopf schaltet dann buchstäblich ab. Auch eine hohe Anzahl an Wiederholungen löst so etwas aus. So ist das auch bei Carlotta. Es werden immer nur die Extrema herausgestellt, die kleinen Mozarts. Es gibt aber ganz viele Familien, die sind im Mittelfeld mit ihren hochbegabten Kindern und da muss was getan werden. Die Gesellschaft sollte sagen, dass hochbegabte Kinder ein Segen sind – dass man solche Kinder mit einem derartigen Potenzial hat. Aber das musst du fördern. Die 20 Prozent, die eher einen sehr niedrigen IQ haben, bekommen schon eine Förderung, die werden anders abgeholt. Die überdurchschnittlich intelligenten Höchstleister nehmen sich das, was sie benötigen und werden wahrgenommen und gefördert. Aber die begabten Kinder, die dazwischen unterwegs sind, müssen wir als Gesellschaft lernen zu entdecken und speziell zu fördern.

 

Sebastian Bergold ist Juniorprofessor an der TU Dortmund. Foto: Nikolas Golsch/TU Dortmund
Sebastian Bergold ist Juniorprofessor an der TU Dortmund. Foto: Nikolas Golsch/TU Dortmund

JUNIORPROFESSOR SEBASTIAN BERGOLD – der Wissenschaftler

Sebastian Bergold ist Juniorprofessor für Kinder- und Jugendpsychologie im Bildungskontext an der Technischen Universität Dortmund. Seiner Meinung nach haben viele Menschen ein falsches Bild von Hochbegabung.

Gibt es in unserer Gesellschaft ein bestimmtes Bild der Hochbegabung?

Zunächst einmal gibt es eine ziemlich große Diskrepanz dazwischen, wie sich die Wissenschaft mit dem Thema Hochbegabung beschäftigt und wie das Thema in der Gesellschaft wahrgenommen und in den Medien präsentiert wird.

Wie unterscheiden sich die Ansichten?

Man weiß aus Studien, dass in der Gesellschaft ein bestimmtes Stereotyp von Hochbegabten präsent ist: Hochbegabte seien mit ganz vielen Problemen, unter anderem mit psychischen Problemen, konfrontiert, sie seien sozial isoliert, hätten keine Freunde und besäßen keine sozialen Kompetenzen. In der Wissenschaft schauen wir uns die Daten an und sehen, wie es wirklich ist. Man findet keine oder nur sehr kleine Unterschiede zwischen Hochbegabten und Nicht-Hochbegabten. Und diese Unterschiede fallen tatsächlich meistens zugunsten der Hochbegabten aus. Eine Hochbegabung ist erstmal etwas sehr Positives, weil sie viele Möglichkeiten eröffnet und keineswegs per se mit Problemen verknüpft ist.

Was müssten Gesellschaft und Medien dahingehend anders machen?

Es müsste zutreffend und differenziert über Hochbegabte berichtet werden. Medien picken sich gern problematische Einzelfälle heraus, von denen es ja auch durchaus welche gibt. Es wird aber nicht darüber reflektiert, dass es genauso viele Nicht-Hochbegabte gibt, die ganz ähnliche Probleme haben. Insofern bleibt die Frage, ob die Probleme, die manche hochbegabten Kinder haben, überhaupt mit der Hochbegabung zusammenhängen. Das müsste klarer formuliert werden. Und man könnte auch über die unproblematischen Fälle berichten. Sie sind deutlich in der Mehrzahl, aber vermutlich sind sie für die Medien einfach weniger interessant .

Was macht eine Hochbegabung mit dem Kind selbst?

Eigentlich ist es meist nicht weltbewegend. Die Kinder oder Jugendlichen, die hochbegabt sind, fühlen sich in der Regel relativ normal. Es gibt einzelne Fälle, in denen die eigene Wahrnehmung der Hochbegabung zu Problemen führen kann, was dann aber vermutlich eher auf die Einflüsse der negativen Stereotype zurückzuführen ist. Diese Hochbegabten können sich dann in der Konsequenz mit der Gruppe der Hochbegabten de-identifizieren und zum Beispiel mit ihrer Hochbegabung aktiv hinter dem Berg halten. Es kann außerdem zum sogenannten Labeling-Effekt kommen. Eltern, die wissen, dass ihr Kind hochbegabt ist, beschreiben ihr Kind eher als problematischer. Aber auch hier bleibt die Frage, ob die Eltern vielleicht selbst stereotype Vorstellungen über Hochbegabte haben, die ihre Wahrnehmung des Kindes beeinflussen.

Woher kommen die Vorstellungen, dass Hochbegabte problematisch seien?

Der Mythos vom verrückten Genie ist schon sehr alt. Vermutlich ist er schon immer weit verbreitet gewesen, weil er dem Nicht-Hochbegabten eine Möglichkeit des Selbstwertschutzes bietet nach dem Motto: „Ich bin zwar nicht hochbegabt, aber dafür habe ich dann auch nicht die ganzen Probleme, die die Hochbegabten ja alle haben.“ Im 20. Jahrhundert wurde dieser Mythos noch einmal dadurch befeuert, dass Medien vorzugsweise über problematische Einzelfälle berichtet haben, weil sich das gut verkaufte. Auch methodisch zweifelhafte Studien, die ausschließlich Kinder aus Beratungsstellen untersucht haben, haben diesen Mythos genährt.

Gibt es ein zu idealisiertes Bild der Hochbegabung, oder herrscht das Bild des problematischen Hochbegabten vor?

Es gibt auf jeden Fall das problematisierte Bild, und das ist auch dominant. Aber es gibt sicherlich auch Eltern, die gerne wollen, dass ihr Kind hochbegabt ist, weil sie ein idealisiertes Bild von Hochbegabung haben. Hochbegabung heißt jedoch nicht unbedingt, dass das Kind automatisch mit Höchstleistungen glänzt. Viele denken bei Hochbegabung zudem sofort an Einstein oder Newton. Aber nicht jeder Hochbegabte ist ein herausragendes Jahrhundert-Genie. Hochbegabt sind, wenn man von der „IQ≥130-Definition“ ausgeht, etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Das mal auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet, ist eine ganze Menge. Man hat statistisch gesehen in jeder zweiten Klasse einen Hochbegabten sitzen. Es ist in diesem Sinne Normalität.

Gibt es ihrer Meinung nach überhaupt Schattenseiten der Hochbegabung?

Hochbegabung geht, ganz objektiv und nüchtern betrachtet nicht per se mit Schattenseiten einher. Die einzigen Probleme sind mögliche negative Einflüsse stereotyper Vorstellungen und eine nicht immer optimale Passung zwischen Lernbedürfnissen und Lernumwelt. Die einzige Subgruppe, die tatsächlich Probleme hat, sind die Underachiever, die hochbegabten Minderleister. Das sind Hochbegabte, die viel schlechtere Leistungen erbringen, als aufgrund ihrer Intelligenz erwartet werden würde. Wir wissen aus Studien, dass diese Hochbegabten Motivationsprobleme haben und eher ungünstige Persönlichkeitsmerkmale aufweisen. Sie sind zum Beispiel relativ unsicher und impulsiv . Allerdings zählen nur etwa 10 bis 15 Prozent aller Hochbegabten zu dieser Subgruppe. Und auch hier stellt sich wieder die Frage, inwieweit die Hochbegabung tatsächlich ursächlich für diese Probleme ist. Es gibt ja auch durchschnittlich Begabte, die mit solchen Schwierigkeiten kämpfen.

Beitragsbild: Pixabay

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