Fast Fashion: Altkleider überfluten den Markt

In Altkleider-Containern landet immer mehr Kleidung mit schlechter Qualität, beklagt die Entsorgung Dortmund GmbH (EDG). (Symbolbild) / Foto: Silja Thoms

Der H&M-Chef Karl-Johann Persson warnt vor Konsumscham, während die Altkleidercontainer aus allen Nähten platzen. Die Enden der Kette – Recycling und Altkleiderbranche – werden häufig vergessen. Ein Bericht über die Schattenseiten eines Mode-Phänomens namens „Fast Fashion“ und eine Branche, die zunehmend in Bedrängnis gerät.

Am Rand des Containers lugt der Ärmel eines grauen Pullovers hervor. Davor türmen sich Säcke, vollgestopft mit alter Kleidung. Ein Bild, das sich in vielen Städten Deutschlands wiederholt. Sie sind zum Bersten gefüllt mit T-Shirts, Hosen, Röcken, Mänteln – oder noch gar nicht so alter Kleidung – aber dennoch sind es Stoffe, die wir nicht mehr in unseren Kleiderschränken haben wollen. Kleidung scheint zu einer Wegwerfware geworden zu sein.

Ähnlich sieht es auch Zoe Mexner. Sie ist Studentin an der TU Dortmund und kauft seit sechs Jahren ausschließlich Second Hand-Klamotten. „Für mich war das eine Option, die Industrie zu boykottieren“, sagt sie. „Ich habe damals gesehen, wie die Kleidung produziert wird und wie die Arbeitsbedingungen zum Beispiel in Bangladesch sind.“ Ihr sei klar geworden, wie billig manche Anziehsachen in Deutschland seien, dass manche T-Shirts schon für zwei Euro gekauft werden können, aber die Bedingungen dahinter gar nicht betrachtet würden.

Die TU-Studentin Zoe Mexner kauft seit sechs Jahren nur Second-Hand-Klamotten / Foto: Zoe Mexner

Am Anfang bekam sie viele aussortierte Anziehsachen von Freunden. Irgendwann kaufte sie auch in weiteren Second-Hand-Geschäften. „Ich will die Massen an Anziehsachen überhaupt nicht mehr haben“, so Zoe. Die 21-jährige Studentin kauft sich mittlerweile nur noch Kleidung, die ihr gut gefällt, ganz nach der Regel: „Wenn ich ein Kleidungsstück sehe und nach einer Woche noch immer daran denke, ziehe ich in Betracht, es zu kaufen. Sonst aber nicht!“

Eine Branche in Bedrängnis

Immer weniger brauchbare Kleidung ist in den Altkleidercontainern zu finden. Das liegt vor allem an der sinkenden Qualität der Mode. Der Dachverband „Fairwertung“, ein Zusammenschluss gemeinnütziger Altkleidersammler, spricht vor allem von Billigpreistextilien, die dann von karitativen Einrichtungen sortiert und zum Verkauf angeboten werden. Allerdings bräuchten Recycling-Unternehmen qualitative Ware, um kostendeckend arbeiten zu können.

Außerdem könne die Altkleiderbranche die Masse an Kleidung nicht mehr aufnehmen. Kleidung in der Menge zu recyclen, ist laut Textilchemikern schlicht unmöglich. Die Technik ist dafür nicht ausreichend vorhanden. Denn: Mode besteht oft aus unterschiedlichen Stoffen. Es handelt sich bei einem Kleid nicht immer nur um Baumwolle oder Viskose, sondern es ist meist ein Mischgewebe. Dies chemisch zu trennen, ist laut Textilchemikern sehr schwer.

Das Problem gibt es auch in Dortmund. Matthias Kienitz, Sprecher der Entsorgung Dortmund GmbH (EDG), kritisiert das System: „Die Absatzmärkte sind zusammengebrochen.“ Wiederverwendbar seien die Alttextilien nicht mehr. Aus den Kunstfasern der Altkleider würden sich meist nur noch Putzlappen herstellen lassen.

Mode in Zahlen

Eine Greenpeace-Studie zeigt: Pro Jahr werden 100 Milliarden Kleidungsstücke hergestellt, jeder Deutsche kauft sich im Schnitt 60 neue Kleidungsstücke, über eine Million Tonnen Altkleider werden jährlich in Sammlungen abgegeben. Die Tendenz steigt. Zoe kauft sich mittlerweile nur noch drei bis vier Teile im Jahr. Eine Ausnahme im Vergleich zum deutschen Durchschnitt.

 

Deutsche kaufen  im Schnitt etwa 60 Kleidungsstücke pro Jahr, zeigt eine Greenpeace-Studie. Unsere Kleidungg tragen wir immer weniger lang. (Symbolbild) /  Foto: Pixabay

 

Durch das Phänomen „Fast Fashion“ tragen wir unsere Kleidungsstücke immer weniger, halb so lang wie noch vor 15 Jahren, wie eine Greenpeace-Studie zeigt. Nach ein paar Monaten sind die Kleidungsstücke ausgetragen und das nicht nur wegen schnell wechselnder Trends. Ein Damenshirt kann schon für fünf Euro gekauft werden. Ein Spottpreis. Oder ein Schnäppchen?

Reaktionen der Städte (Dortmund und die EDG)

Der steigende Druck auf die Altkleidercontainer sorgte bereits für erste Reaktionen.  Matthias Kienitz von der EDG spricht von zehn Prozent, das heißt 45 ihrer Altkleidercontainern, die in Dortmund abgebaut werden sollen. „Das soll an Standorten in der Stadt geschehen, die oft eine Fehlbefüllung aufgewiesen haben und mit Kleidung befüllt waren, die schlichtweg eine schlechte Qualität aufwies.“

Viele Kleider aus den Altkleidercontainern finden keinen Abnehmer mehr.  „Die Alttextilverwerter haben extrem hohe Lagerbestände, aber keine Verwertungserlöse“, sagt Kienitz. Das Material sei so schlecht, dass die Textilien nicht mehr verwertet werden könnten. Außerdem komme noch der Sammelaufwand und das Aufbringen von Personal hinzu. Am Ende habe man also  aus wirtschaftlicher Perspektive keinen Gewinn mehr, da die Verwerter die Anziehsachen nicht mehr weiter verkaufen können. Für ihn habe das ganz eindeutig etwas mit den Entwicklungen des Phänomens Fast-Fashion zu tun. „Wir merken seitdem einen deutlichen Unterschied: Es wird viel mehr Kleidung mit schlechter Qualität produziert als vor einigen Jahren“.

Auch Thomas Ahlmann vom Dachverband „Fairwertung“ sagt gegenüber dem ZDF, dass der Dachverband nicht wisse, was noch mit den Textilien geschehen soll: „Es wird für die Branche zunehmend schwieriger, eine sinnvolle Verwendung für diesen wachsenden Berg minderwertiger Textilien zu finden.“ Problematisch wäre es auch, wenn die  Alttextilien nach Afrika gebracht werden würden, denn dann würden sie dort die Märkte überschwemmen.

H&M-Chef hält nichts von Konsumscham

Eine Kollektion pro Jahreszeit scheint schon lange nicht mehr auszureichen. Marken wie Zara und H&M bieten bis zu 24 Kollektionen im Jahr an und kurbeln damit die Produktion von Textilien an. Das Geschäftsmodell der Modeindustrie war in den vergangenen Jahren weit weg von nachhaltig.

Der H&M-Chef Karl-Johann Persson warnt jedoch vor Konsumscham. Der Nachrichtenagentur „Bloomberg“ verriet er: Klimapolitik sei zwar „unglaublich wichtig“. Aber es werde oft dazu aufgerufen, aufzuhören Dinge zu tun, nicht mehr zu konsumieren. Dies habe nur „einen kleinen Einfluss auf die Umwelt, aber schreckliche gesellschaftliche Konsequenzen“, so Persson. Besonders legte er einen Fokus darauf, dass es ebenso wichtig sei „weiter Jobs zu schaffen und die Gesundheitsversorgung zu verbessern.“

Obwohl die TU-Studentin Zoe bereits auf vieles verzichtet, sei sie dem Konsum nicht vollständig entronnen. „Vielleicht ein bisschen“, sagt sie, „aber unbewusst beeinflusst wird man von Trends sicher.“

Die Schattenseiten von Fast Fashion

Während in den Industrieländern der Konsum steigt, tragen die Herstellungsländer die Folgen. Bangladesch und China sind besonders von Umweltfolgen betroffen. Nur 78 Textilunternehmen entgiften laut Greenpeace bis 2020 den Chemikalieneinsatz bei der Herstellung.

Im November 2012 starben mehr als 100 Menschen bei einem Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch. Viele kamen, eingesperrt in dem mehrstöckigen Haus, das lichterloh brannte, ums Leben. Etwa 1000 Näher und Näherinnen waren zum Augenblick des Unglücks im Gebäude.

Die Textilbranche steht bereits seit Jahren in der Kritik – die Arbeiter und Arbeiterinnen arbeiten unter schweren Bedingungen, sie erhalten einen Lohn, von dem sie kaum leben können. Den gesetzlichen Mindestlohn erhalten sie nicht und in den Fabriken gibt es so gut wie keine Sicherheitsvorkehrungen.

Die Textilbranche gilt als der zweitgrößte Wasser-Verschmutzer weltweit. Durch sie entstehen rund 20 Prozent der Wasserverschmutzung. Und nicht nur das: Der Anteil der Bekleidungsindustrie an den weltweiten Treibhausgasemissionen liegt bei über acht Prozent. Laut einer WWF-Studie stößt die Branche etwa 1,7 Milliarden Tonnen CO2 aus.

Der grüne Knopf

2019 startete das Pilotprojekt des Grünen Knopfs in Deutschland– ein Siegel, das die Bundesregierung ins Leben rief, um dem Druck der Modebranche entgegen zu wirken, nachhaltigere Produktionen zu ermöglichen und bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Unabhängige Prüfer sollen kontrollieren, ob die hergestellte Kleidung den Standards entsprechen. Alle drei Jahre wird neu geprüft.

Ein T-Shirt zum Beispiel muss 26 Kriterien erfüllen, um das grüne Siegel zu erhalten. Dazu gehören unter anderem das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit und kein Einsatz gefährlicher Chemikalien. Außerdem sollten Hersteller eine Unternehmenspolitik verfolgen, die auf Menschenrechte und Umweltschutz ausgerichtet ist.

Der grüne Knopf ist ein Anfang. So sieht es Zoe. Trotzdem wünscht sie sich eine stärkere Kontrolle und stärkere Regeln „von oben“. „Ich glaube, es müssen strengere Standards her, Sachen müssen teurer werden, damit wir nicht in diesen Massen kaufen“, sagt sie. Aber sie habe auch das Gefühl, dass sich in der jüngeren Generation etwas verändere, dass mehr Bewusstsein geschaffen werde, was wir mit der Welt machen.

 

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