Angriffe auf Journalisten häufen sich: So geht ein Betroffener damit um

WDR-Reporter Christof Voigt war mit der Kamera bei einer nicht erlaubten Demonstration in der Dortmunder Innenstadt am Samstag (9. Mai) dabei. Er wies eine Frau (links) auf den erforderlichen Mindestabstand hin. Kurze Zeit später wurden er und ein Kollege von Demonstranten angegriffen, mutmaßlich von Rechtsextremen. Beitragsbild: Nordstadtblogger

Die Angriffe auf Journalisten häufen sich: Anfang des Monats gab es zwei Vorfälle auf ARD- und ZDF-Teams in Berlin. Am Samstag (9. Mai) erleben WDR-Reporter Christof Voigt und sein Kollege Gewalt gegen Journalisten in der Dortmunder Innenstadt am eigenen Leib – und das nicht zum ersten Mal. „Das letzte Jahr war sehr intensiv“, sagt er. Unterkriegen lässt er sich trotzdem nicht.

„,Freiheit‘ und ,Widerstand‘ haben die Demonstranten gerufen“, erzählt WDR-Reporter Christof Voigt im Gespräch mit KURT. Er war einer der Journalisten, die bei der Demo in der Dortmunder Innenstadt am Samstag angegriffen wurden. Laut Polizei demonstrierten auf dem Alten Markt 150 Teilnehmer gegen die Corona-Einschränkungen. Voigt selbst schätzt, dass es mehr als doppelt so viele waren. Fest steht: Die Stadt Dortmund hatte die Demonstration aus infektionsschutzrechtlichen Gründen kurz vorher verboten. Unter die Teilnehmer mischten Rechtsextremisten und Neonazi, um die Demonstrationen für ihre Zwecke zu missbrauchen. Das geht aus einer Pressemitteilung der Polizei Dortmund hervor.

Christof Voigt berichtet schon mehreren Jahren über die Rechtsextremeszene in Dortmund und drehte mit einem Kollegen am Samstag auf der Corona-Demonstration in der Innenstadt. Auf dem Friedensplatz hätten die Neonazis begonnen, Grundgesetztexte zu verteilen. „Damit haben sie das Einschreiten der Polizei provoziert“, sagt der 46-jährige WDR-Reporter. Das Verteilen des Grundgesetzes habe ein Infektionsrisiko dargestellt, da der Mindestabstand nicht mehr eingehalten wurde.

Kamera aus der Hand geschlagen

Bereits als WDR-Reporter Voigt auf dem Alten Markt ankam, wurde ihm von Kollegen berichtet, dass sie von Personen aus der rechten Szene bedrängt worden seien. Nicht nur im Bereich des Alten Markts, auch auf der Hansastraße kam es im Anschluss zu Angriffen auf Journalist*innen. Ein Christof Voigt bekannter Nazi habe ihn beschimpft und sei auf ihn zugekommen. „Dann ging alles ganz schnell“, sagt der WDR-Reporter. Der Mann habe ihm die Videokamera aus der Hand geschlagen, die daraufhin seinen Kollegen am Kopf traf und diesen leicht verletzte. Der mutmaßliche Täter wurde von der Polizei festgenommen. Die beiden Journalisten haben Anzeige erstattet.

Das war nicht das erste Mal, dass Christof Voigt verbal und non-verbal angegriffen wurde. „Das letzte Jahr war sehr intensiv“, sagt er. Unter anderem bekam der WDR-Reporter vergangenes Jahr zwei Monate Polizeischutz. Auch in seinem privaten Umfeld habe er Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen aufgrund seiner exponierten Rolle als Berichterstatter getroffen.

Angriff auf die Pressefreiheit

„Das war ein feiger Angriff auf Journalisten, die ihrer Aufgabe nach Berichterstattung nachgekommen sind“, äußert sich Frank Stach, Landesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes NRW (DJV) aus Dortmund, in einer Pressemitteilung. Solche Überfälle seien eine ernstzunehmende Gefahr für Kolleg*innen und ein Angriff auf die Freiheit und Unabhängigkeit von Presse und Rundfunk.

„Der Ton ist rauer geworden“, sagt Volkmar Kah, Geschäftsführer des DJV NRW. Extremistische Gruppen würden zunehmend gewaltbereiter gegenüber Journalist*innen werden. Man müsse Medienbildung mehr in die Gesellschaft tragen. „Es hat sich eine Kultur entwickelt, die vom Wort zur Tat schreitet“, sagt Volkmar Kah.

Auch Reporter ohne Grenzen hat sich zu den Vorfällen der vergangenen Wochen geäußert: „Wer Journalistinnen und Journalisten angreift, greift das Grundrecht auf Pressefreiheit an. Gerade in Zeiten einer Pandemie müssen Medienschaffende frei und ohne Angst vor Gewalt berichten können, um die Bevölkerung zu informieren und eine freie Meinungsbildung zu ermöglichen“, erklärt Geschäftsführer Christian Mihir.

60 Prozent der befragten Journalisten wurden schon angegriffen

Rund 60 Prozent der befragten Journalist*innen wurden im vergangenen Jahr mindestens ein Mal angegriffen. Zum zweiten Mal hat das Bielefelder „Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung“ (IKG) in Zusammenarbeit mit dem Mediendienst 322 Medienschaffende in ganz Deutschland befragt. 2017 waren es etwa 42 Prozent. Die sogenannten „Hot Topics“ aus Sicht der Befragten sind insbesondere die Themen „Migration“, „AfD“ und „Flüchtlinge“. Der überwiegende Teil der Angreifer komme aus einem rechten politischen Spektrum (82,4 %). Das Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit hat von Anfang 2015 bis März 2020 119 gewaltsame Angriffe auf Journalist*innen registriert. Auch hier kam die Mehrheit (77%) aller Vorfälle zwischen 2015 und 2020 aus dem rechten Lager.

Diese Erfahrung hat auch WDR-Reporter Christof Voigt gemacht. Den Helden solle man als Journalist auf keinen Fall spielen. Wenn man bei Demos mit Rechtsextremisten ist, dann solle man mit den Kollegen von anderen Medien vor Ort Kontakt aufnehmen, schauen wo die Polizei steht und wer der Ansprechpartner ist. Auch ein bestimmtes, selbstbewusstes und ruhiges Auftreten sei wichtig, sagt der WDR-Journalist. Aber das komme nur mit Erfahrung.

Journalist Christof Voigt macht weiter. Denn: Gerade in Situationen, wo es etwas zu entlarven gibt, seien Journalisten dazu verpflichtet zu berichten, sagt er.

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