Depp vs. Heard: Warum #MeToo diesen Prozess verloren hat

Egal ob YouTube, Instagram, TikTok oder Twitter: In den letzten sechs Wochen waren die sozialen Netzwerke voll von Videoschnipseln aus dem Gerichtsprozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard. Eine Schlammschlacht vor den Augen der Weltöffentlichkeit, bei der alle verloren haben, aber besonders die #MeToo-Bewegung. Ein Kommentar.

Das Urteil ist gefallen. Am Mittwoch (1.6.2022) hat die Geschworenenjury am Bezirksgericht der Stadt Fairfax im US-Bundesstaat Virginia sowohl Johnny Depp als auch Amber Heard der Verleumdung schuldig gesprochen. Allerdings in unterschiedlicher Schwere: Sie muss ihm 10,35 Millionen US-Dollar zahlen, er ihr 2 Millionen US-Dollar. 

Vom 3. Februar 2015 an waren Johnny Depp und Amber Heard verheiratet – bis nur rund 15 Monate später die Trennung des Paares bekannt wurde. Heard hatte im Mai 2016 die Scheidung eingereicht. Wer das Ex-Ehepaar in den vergangenen Wochen vor Gericht verfolgt hat, kann sich kaum vorstellen, dass diese beiden Kläger*innen einmal verheiratet waren. Unvorstellbar, dass dort einmal Liebe geherrscht hat, wo heute nur noch Hass zu sein scheint. Wie konnte es so weit kommen?

Die Schlammschlacht beginnt

Kurz nach Bekanntwerden der Trennung erhob die Schauspielerin Vorwürfe der häuslichen Gewalt gegen ihren Noch-Ehemann und zeigte ihn an. Der Polizei sagte sie, Depp habe sie jahrelang verbal und physisch misshandelt, vor allem unter dem Einfluss von Alkohol und weiterer Drogen. Heard habe demütigende und bedrohliche Attacken erleiden müssen, wann auch immer sie ihm widersprochen habe. Depp selbst hatte die Vorwürfe des Missbrauchs und der Gewalt stets abgestritten. 

2017 zog Heard die Vorwürfe wieder zurück, die Ex-Eheleute einigten sich gerichtlich: Er zahlte ihr damals sieben Millionen US-Dollar. Sie gab an, das Geld an eine gemeinnützige Organisation spenden zu wollen. Im Laufe des jetzt zu Ende gegangenen Prozess musste Heard einräumen, das Scheidungsgeld bislang nicht gespendet zu haben.

Verklagst du mich, verklag ich dich

Die Verleumdungsvorwürfe, um die es im aktuellen Gerichtsverfahren zentral ging, bezogen sich auf zwei Sachverhalte. Johnny Depp war der erste, der Klage eingereicht hatte – auf 50 Millionen US-Dollar Schadenersatz. Er sah sich verleumdet, als Amber Heard im Dezember 2018 in einem Gastbeitrag für die Washington Post darüber schrieb, dass sie ein Opfer häuslicher Gewalt sei – ohne dabei jedoch seinen Namen zu nennen. Die Jury gab Depp am Mittwoch (1.6.2022) weitgehend Recht. Heard habe ihn in dem Artikel mit böswilliger Absicht verleumdet, denn es sei klar, dass sie ihn gemeint habe. Daher muss sie Depp 10,35 Millionen US-Dollar zahlen. Der zeigte sich in einem auf Instagram veröffentlichten Statement erleichtert:

„Truth never perishes“,

schrieb er. Die Wahrheit werde niemals untergehen. 

 

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Und die Vorwürfe Heards gegen Depp? Als Reaktion auf die Verleumdungsklage ihres Ex-Mannes hatte die Schauspielerin nämlich auch ihrerseits Verleumdungsklage eingereicht. Ihre Forderung – doppelt so hoch wie die von Depp: 100 Millionen US-Dollar Schadenersatz. Von ihren Vorwürfen erkannte die Jury nur einen als valide an: Depps ehemaliger Anwalt Adam Waldman habe Heard verleumdet, als er ihr in der britischen Daily Mail vorgeworfen hatte, die Missbrauchsvorwürfe bewusst und mit Hilfe ihrer Freund*innen inszeniert zu haben. Da Waldman im Namen von Johnny Depp gehandelt habe, könne dieser dafür haftbar gemacht werden, entschied die Jury. Dafür soll Depp nun 2 Millionen US-Dollar an Heard zahlen. Heard selbst reagierte enttäuscht auf das Urteil.

Weit und breit nur Verlierer

Von Beginn an war dieser Prozess aufgeladen mit Schablonen und Stereotypen, die dem Fall Heard vs. Depp übergestülpt wurden – und zwar vor allem von selbsternannten Fans und Supportern, die das Gerichtsverfahren mit Hashtags wie „JusticeforJohnnyDepp“ und „JusticeForAmberHeard“ in den sozialen Netzwerken kommentierten. Damit haben sie dem Prozess den Charakter eines Boxkampfs verliehen, als wäre das Niveau der Veranstaltung durch die öffentliche Übertragung nicht schon niedrig genug gewesen.

Offensichtlich blind für eine differenzierte Betrachtung des Falls formierten sich insbesondere die Anhänger*innen des Pro-Depp-Lagers. Während der Urteilsverkündung feierten sie den Schauspieler mit „Johnny, Johnny“-Rufen vor dem Gerichtsgebäude. Es bleibt schleierhaft, wie man jemanden, dessen offenbar ernsthafte und zum Teil auch tragische Probleme gerade vor den Augen der Weltöffentlichkeit seziert werden, so abfeiern kann, als habe er gerade einen leidenschaftlichen Sieg für die gute Sache errungen. Gewonnen hat diesen Prozess niemand.

Kampf der Narrative

Die übergestülpten Schablonen, die vielfach wiederholt wurden, um den Fall zu beschreiben, haben die beiden Ex-Eheleute aber auch selbst für sich genutzt. Auf der einen Seite stand das Narrativ der wehrlosen Ehefrau, die von ihrem mächtigen Mann unterworfen wird und für deren Geschichte die patriarchale Gesellschaft blind ist. Diese Erzählung kommt der Wahrnehmung von Amber Heard – ihrem auf Twitter veröffentlichten Statement nach zu urteilen – wohl am nächsten. Das Urteil werfe die Vorstellung zurück, dass Gewalt gegen Frauen ernst genommen werden muss.
Heard als Gallionsfigur des Feminismus.

Johnny Depps Anwälte hingegen waren den gesamten Prozess über damit beschäftigt, Amber Heard als durchgeknallte, öffentlichkeitsgeile Lügnerin darzustellen. Eine vom Depp-Lager berufene Sachverständige attestierte dessen Ex-Frau gar eine mögliche Borderline-Persönlichkeitsstörung. Der „Sieg“ vor Gericht ermöglicht es Depp jetzt, sich als Wahrheitskämpfer aufzuspielen, dessen Leben und Karriere völlig zu Unrecht unter erstunkenen und erlogenen Behauptungen vorsätzlich zerstört werden sollten.

In Wahrheit war es dreckig

Die Wahrheit kennen wohl nur die beiden Klagenden. Aber nach allem, was durch die öffentlichen Verhandlungen nach außen gedrungen ist, kann man zu dem Schluss kommen, dass die Wahrheit irgendwo zwischen den inszenierten Narrativen liegt. Mir scheint zumindest, dass dieser Fall weder eine Heldin noch einen Helden für irgendeine Sache beinhaltet, als vielmehr zwei tragische Figuren in einem Morast aus Drogenmissbrauch, Gewalt und toxischer Missgunst. Hier wurden keine Kämpfe für Gerechtigkeit oder Gleichberechtigung gekämpft, sondern Fingerkuppen abgetrennt, mit Handys geworfen und Bettwäsche mit Fäkalien beschmiert.

Die größte Verliererin ist aber jemand, die gar nicht im Gerichtssaal anwesend war: Die #MeToo-Debatte. Denn anstatt die Missbrauchsvorwürfe oder gesellschaftlichen Machtverhältnisse in den Vordergrund zu rücken, konnten Beobachter*innen einer öffentlichen Schlammschlacht zweier menschlich scheinbar komplett verwahrlosten Persönlichkeiten beiwohnen.

Aus dem Fall Depp vs. Heard sollte man daher eine Lehre ziehen: Bei allen berechtigten Debatten über strukturelle gesellschaftliche Probleme sollte man es vermeiden, Einzelfälle und deren Protagonist*innen in heroisierende Narrative zu kleiden, die ihnen ganz offensichtlich eine Nummer zu groß sind.

Beitragsbild: Ekaterina Bolovtsova/Pexels

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