“Als Kind habe ich meine Haare mit Chemie geglättet” – fünf Menschen über ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus

Anonym (20) aus Bochum

Die Protagonistin möchte anonym bleiben, da sie sich nicht wohlfühlt damit beim Thema Alltagsrassismus im Mittelpunkt zu stehen und kein Mitleid möchte.

Quelle: Daniela Arndt

Es fällt das Wort “Indien” im Klassenraum. Ob in Filmen oder als Thema im Unterricht. Und sofort drehen sich alle zu mir um. Ständig diese Blicke. Ich werde gefragt, ob ich denn auch Kühe anbete. Ein Mitschüler lässt sich das Wort „picken“ einfallen. Eine Anspielung auf das Pflücken von Baumwolle in Indien.

Dafür will ich mich niemals schämen müssen.

Dabei bin ich keine Inderin, sondern Tamilin. Meine Eltern kommen aus Sri Lanka. Das verstand in der Schule niemand. Dieser Alltagsrassismus hat mich mit der Zeit so unter Druck gesetzt, dass ich mich für meine Herkunft geschämt habe. Wo komme ich überhaupt her? Ich fühle mich in Deutschland zuhause, bin hier geboren und aufgewachsen. Mit der Heimat meiner Eltern kann ich nicht viel anfangen. Dennoch mag ich die dortige Kultur. Dafür will ich mich niemals schämen müssen.

Nicht nur von Mitschülern habe ich Alltagsrassismus erfahren. Auch durch die Lehrer. Während einer Streitigkeit zwischen einer Mitschülerin und mir hat mich meine Lehrerin auf das Geschehene angesprochen. Ich durfte mich jedoch gar nicht erst zu dem Thema äußern. In der nächsten Klausur gab sie mir eine schlechte Note und nahm mich im Unterricht nicht mehr dran. Wenn ich angesprochen wurde, hat sie mich angeschrien. Das hat mich extrem eingeschüchtert.

Ein Mitschüler sagte einmal zu mir: „Du bist a white girl trapped in a brown body.“

Bis heute prägt mich diese Erfahrung. Ich rede immer sehr leise, versuche mich überall anzupassen. Ich will mich deutsch verhalten, bin pünktlich und ordentlich. Ein Mitschüler sagte einmal zu mir: „Du bist a white girl traped in a brown body.“

In Zukunft will ich mich endlich in meiner Haut wohlfühlen, und mich nicht wie zwei verschiedene Menschen in meinen beiden Kulturen verhalten. Damit ich so sein kann, wie ich bin. Ohne mir Gedanken darüber zu machen, wie ich von anderen wahrgenommen werde.

Sind wir nicht alle ein bisschen rassistisch?

Professor Dr. Karim Fereidooni
Rassismus und Alltagsrassismus ist für Professor Karim Fereidooni immer wieder ein Thema. Als Juniorprofessor für die Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität in Bochum setzt sich der 36-Jährige unter anderem mit Rassismus-Kritik in pädagogischen Institutionen auseinander. Bereits für seine Dissertation forschte er dazu.

Stecken in jedem von uns alltagsrassistische Gedanken?

Der Alltagsrassismus ist in uns Menschen verankert, da wir ihn im Laufe unserer Sozialisation durch Kinderbücher, Erzählungen der Eltern, die Nachbarschaft und Schule lernen. Studien zeigen, dass Rassismus bereits bei Kindern ab drei Jahren eine Rolle spielt. In diesem Alter erlernen sie zwei Dinge: Zum einen, Männer haben mehr Macht als Frauen. Zum anderen lernen sie, von äußerlichen Merkmalen darauf zu schließen, ob jemand Macht hat oder nicht.

In Rollenspielen kommt dieses Bild zum Vorschein, indem die Kinder wissen, wer beispielsweise die Funktion eines Politikers übernehmen kann und wer nicht. Rassismus hat also nichts zu tun mit Intention, Intelligenz, dem Alter, Wohnort oder dem sozialen Status. Sondern mit Machtstrukturen.

Quelle: Prof. Dr. Fereidooni

Und wer hat diese Macht in unserer Gesellschaft inne?
Auf der ganzen Welt sind das ganz klar die weißen Menschen. Unter anderem durch die vom Rassismus geschaffenen Rassestrukturen. Auch wenn wir wissen, dass es keine Rasse gibt, wurden diese Konstrukte gebildet, um Unterdrückung zu legitimieren, wie in der Zeit der Aufklärung. Das bedeutet, dass es keinen Rassismus gegen weiße Deutsche gibt, denn Weißsein gilt überall auf der Welt als Norm.

Warum gibt es keinen Rassismus gegen Weiße?

Rassismus ist eine spezifische Spielart von Diskriminierung, die sich auf die zugeschriebene oder faktische Herkunft bezieht, von der Person, die abgewertet wird. Menschen, denen das Deutschsein nicht abgesprochen wird, die erfahren keinen Rassismus, sondern situative Diskriminierung. Es gibt keine Macht, die Weißdeutsche vom Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt oder Ähnlichem ausschließt. Weiße Menschen haben Rassismus und Rassen erfunden und sich an die Spitze der menschlichen Pyramide platziert.

Warum ist Alltagsrassismus 2020 immer noch ein großes Problem?

Rassismus ist in uns verankert, es wird nicht problematisiert und oftmals nicht thematisiert. Das Problem ist, dass viele im Glauben sind, dass es in der Mitte der Gesellschaft keinen Rassismus gebe. Es wird suggeriert, dass er nur etwas mit dem rechten Rand zu tun hätte und es ihn seit 1945 in Deutschland nicht mehr gäbe, denn dieses Land sei demokratisch. Es gibt einen Unterschied zwischen Alltagsrassismus und Staatsrassismus. Letzteren gab es zwischen 1933 und 1945, mit den Konzentrationslagern und den Nürnberger Rassegesetzen. Diese existieren zum Glück nicht mehr. Alltagsrassismus schon und das muss uns bewusst werden.

Welche Entwicklungen haben Sie in den vergangenen Jahren beobachtet?

Zum einen ist die BRD 2020 so rassistisch wie noch nie in der Geschichte. Als die AfD in den Bundestag eingezogen ist, wurde einiges sagbar, was vor zehn oder fünfzehn Jahren undenkbar war. Zum Beispiel, dass Politiker*innen von dem Holocaust-Denkmal als „Denkmal der Schande“ sprechen. Diese Partei hat Rassismus wieder ein Stück weit salonfähig gemacht. Gleichzeitig ist die BRD so rassismuskritisch wie noch nie.

2015 gab es eine Solidaritätsbewegung, bei der viele Menschen unter anderem an den Bahnhöfen gestanden und geflüchteten Menschen applaudiert haben. Ich würde also von einer Gleichzeitigkeit sprechen. Alle Gesellschaftsmitglieder müssen sich tagtäglich gegen Rassismus und Antisemitismus einsetzen. Denn der Kampf ist nie vorbei.

Wie bewerten Sie die Solidaritätsbewegung momentan in Europa, vor allem in Deutschland?

Es gibt Alltagsrassismus und die damit zusammenhängende Polizeigewalt auch in Deutschland. Schwarze Menschen leben seit über 400 Jahren in Deutschland und die Bundesrepublik muss sich unter anderem ihrem kolonialen Erbe stellen. Der erste Schritt gegen Rassismus vorzugehen ist, anzuerkennen, dass Rassismus überall virulent ist, wo Menschen zusammenkommen.

Könnte es durch den Tod von George Floyd zu einem Umdenken in der gesamten Gesellschaft kommen? 

Ein gesellschaftliches Umdenken kann nur stattfinden, wenn jede*r einzelne Bürger*in sich gegen Rassismus zur Wehr setzt.

Das Engagement gegen Rassismus muss – genauso wie der Einsatz gegen den Klimawandel – als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werde.

Dazu benötigen wir eine Solidarität von Menschen, die die unterschiedlichsten Erfahrungen gemacht haben.

Ist die Frage „Woher kommst du?“ Rassismus?

Wenn Sie die erste Antwort ihres Gegenübers akzeptieren, dann ist diese Frage nicht rassismusrelevant für mich. Aber leider wird Menschen of Color oder Schwarzen Menschen das Deutschsein abgesprochen, indem nachgebohrt wird. In einer Migrationsgesellschaft kann nicht vom Aussehen von Personen auf ihre Staatsbürgerschaft geschlossen werden.

 

Beitragsbild: unsplash / Zoe VandeWater

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