FC Schalke 04: Kampf zwischen Tradition und Kommerz

Tönnies-Abgang, Ausgliederung, Salary Cap, Bürgschaft – wie einer der deutschen Traditionsvereine wirtschaftlich in eine Abwärtsspirale gerät und welche Möglichkeiten ein Neuanfang bringen könnte. Eine Analyse – passend zum Start der neuen Bundesliga-Saison.

Abgesehen von der enttäuschenden sportlichen Leistung hat die Corona-Krise offengelegt, wie schlecht der Fußballverein FC Schalke 04 wirtschaftlich aufgestellt ist. Vor allem der Ruhrgebietsclub war darauf angewiesen, dass – egal wie – wieder Bundesliga-Fußball gespielt wird, damit die TV-Gelder fließen.

Die hatte man nämlich längst ausgegeben. Nicht nur TV-Gelder, sondern auch die Einnahmen aus Sponsoring-Verträgen für die kommenden Jahre hatte Schalke im Vorhinein verbraten. Das ist gängige Praxis in der Bundesliga. Doch der Stillstand der Liga hat schließlich gezeigt, wie knapp die Finanzen auf Schalke kalkuliert waren. Selbst eingeschworene Schalker waren überrascht. Zwar hatte man in den vergangenen Jahren einige teure Spieler verpflichtet, jedoch auch immer wieder Talente wie Leroy Sané  oder Julian Draxler für viel Geld verkauft.

Ein Grund: Das lukrative internationale Geschäft ist weit entfernt. Teilnehmer der Euro- oder Champions League bekommen viel Geld durch die Fernsehübertragung der Spiele. Allein die Teilnahme an der Gruppenphase bringt den Vereinen mehrere Millionen Euro. Schafft es ein Klub in die KO-Phase, gibt es weitere Millionen. In den letzten zehn Jahren hat Schalke sechsmal international gespielt, doch in den letzten beiden Saisons nicht mehr. Stattdessen häufen sich die Schulden an. Der Verein steckt in der wahrscheinlich größten Krise der Vereinsgeschichte. In den vergangenen Monaten überschlugen sich die Ereignisse.

Der mächtige Mann ist weg

Mit Clemens Tönnies ist der langjährige Geldgeber und Chef des Schalker Aufsichtsrates am 30. Juli 2020 zurückgetreten. An seine Stelle rückt der bisherige Stellvertreter Jens Buchta. Tönnies war durch rassistische Äußerungen in der Vergangenheit vorbelastet. Der Corona-Skandal in seiner Fleischfabrik brachte das Fass letztlich zum Überlaufen. In den vergangenen 19 Jahren ging fast jede Entscheidung über Tönnies’ Schreibtisch – doch seine Zeit auf Schalke ist jetzt vorbei.

Das ist schade um einen fähigen Geschäftsmann und großzügigen Sponsoren, der Schalke in der Vergangenheit mehrmals als mächtiger Vorstandsvorsitzender in die Champions League geführt hat. Doch Tönnies war schon lange bei vielen Schalke-Fans unbeliebt. Es gab einen ständigen Konflikt zwischen Vereinsführung und Fans, zum Beispiel in der Debatte um Viagogo oder dem Umgang mit Spruchbändern gegen Dietmar Hopp. Das hat auf jeden Fall zur Unruhe auf Schalke beigetragen.

Viele hatten Tönnies geduldet, weil sie sich durch ihn mehr Finanzkraft und wirtschaftliche Expertise versprochen hatten. Doch Corona hat offengelegt: Zumindest gegen Ende seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender hat Tönnies auch wirtschaftlich viele Fehler gemacht.

Kommerzialisierung der Liga

Die Bundesliga ist nicht mehr ein Wettbewerb der Vereine, sondern auch einer der Rechtsformen. Es starten Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH), Aktiengesellschaften (AG) oder auch Kommanditgesellschaften auf Aktien (GmbH & Co KGaA). Schalke ist einer von nur noch fünf echten Vereinen in der Bundesliga. Bei allen anderen Bundesligisten bestimmen weniger die Fans, mehr die Investoren.

Die Ausgliederung der Profiabteilung auf Schalke ist seit Jahren immer mal wieder Thema – intern und auch auf den Mitgliederversammlungen, zu denen sich jährlich bis zu 10.000 Anhänger in der Arena versammeln. Doch den über 100 Jahre alten Verein FC Schalke 04 zu erhalten, macht nicht nur aus fußballromantischer Sicht Sinn.

Auch wirtschaftlich wäre eine Ausgliederung zum jetzigen Zeitpunkt fatal. Die Gründung einer Aktiengesellschaft würde einmalig viel Geld einbringen. Doch zu den aktuellen Krisenzeiten wäre eine Schalke-Aktie schlecht bewertet und damit wenig Geld wert. Schalke würde sich verkaufen und das auch noch zu einem viel zu geringen Preis.

Kulturgut Schalke

Neulich sorgte ein anders Thema für Schlagzeilen: Das Land NRW will Schalke aus der Krise helfen. Durch eine Landesbürgschaft in Höhe von etwa 35 Millionen Euro für den Ruhrgebietsclub. Schalke hatte am Ende des Geschäftsjahres 2019 Verbindlichkeiten in einer Höhe von 197 Millionen Euro angehäuft. Daher ist es für die Königsblauen schwer, an neue Kredite zu kommen, weil Banken befürchten, der sowieso schon hochverschuldete Verein könne den Kredit nicht zurückzahlen.

Bei einer Bürgschaft übernimmt das Bundesland die Verantwortung für den Kredit. Falls Schalke also in Zukunft nicht in der Lage wäre, das Geld zurück zu zahlen, würde das Land NRW mit Steuergeldern einspringen. Neue Kreditaufnahme wird dadurch wieder einfacher, zudem verlangen die Geldhäuser weniger Zinsen. „Der Verantwortung, die mit einer solchen Bürgschaft verbunden ist, ist sich der FC Schalke 04 bewusst“, schreibt Schalke auf der eigenen Website.

Damit sind Schalkes Probleme nicht auf einen Schlag gelöst, helfen tut die Finanzspritze mit billigen Krediten jedoch enorm. Seit vielen Jahren bürgen Bundesländer immer wieder für Fußballvereine. In Nordrhein-Westfalen haben etwa der MSV Duisburg, Alemannia Aachen, Borussia Mönchengladbach oder Borussia Dortmund diese Form der Unterstützung erhalten. Normalerweise zahlten die Klubs ihre Schulden zurück, ohne dass Steuergelder des Landes verwendet werden mussten.

Schalke gehört zu den größten Arbeitgebern in Gelsenkirchen – einer der ärmsten deutschen Kommunen. Entlassungen wären teuer für die Stadt. Nach Informationen der F.A.Z. bürgt das Land zudem für weitere Schalker Schulden und die Stadtwerke haben Stadionanteile. Ein Absturz des Vereins würde satte Verluste für den öffentliche Haushalt bedeuten.

Der Weg aus der Krise wird jedoch und lang

Die Vereinsführung gibt sich demütig, gesteht Fehler in der Vergangenheit ein und will jetzt auf Sparkurs gehen. Schalke überlegt, einen Salary Cap, also eine Gehaltsobergrenze, einzuführen. Dadurch könnten die Spieler maximal 2,5 Millionen Euro im Jahr verdienen. Der Plan ist es, auf die gute Jugendarbeit in der Knappenschmiede zu setzten und die Talente anschließend für viel Geld zu verkaufen.

All das scheint irgendwie wie der Anfang vom Ende. Das Ende für Schalke als Spitzenklub. Schalke wird sich in den nächsten Jahren wohl erst einmal weiter mit dem Mittelmaß zufriedengeben müssen. Und das verspricht nicht unbedingt mehr Einnahmen. Das Sportliche bildet nun mal die Grundlage zur Vermarktung eines Fußballklubs.

Doch es gibt Hoffnung: Schalke hat 150.000 Mitgliedern und viele weitere Fans. Hinter dem Klub stehen so viele Menschen, die Schalke auch als Unternehmen wohlwollend gegenüberstehen und hoffen, dass der Klub mithilfe seiner Unterstützer den Weg aus der Krise finden wird.

Wie lange sich ein gesundes Schalke als Verein gegen die ganzen neureichen Bundesligisten wie RB Leipzig oder TSG Hoffenheim durchsetzen kann, wird sich zeigen. Das hängt wahrscheinlich davon ab, wie viele sich davon in Zukunft in der Bundesliga tummeln. Und wie der sportliche Weg weitergeht – auch in der neuen Saison mit Beginn am Freitagabend in München.

Beitragsbild: unsplash.com/Dominik Kuhn

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