In Teilzeit studieren kann viel Druck nehmen: Warum es trotzdem eine Ausnahme bleibt

Rund 12,9 Prozent aller Studierenden in NRW studieren in Teilzeit – Tendenz steigend. Damit liegt NRW in Deutschland auf Platz zwei. In Dortmund ist das Angebot rar, an der TU gibt es gerade mal einen Teilzeit-Studiengang. Das zeigt eine aktuelle Übersicht des Centrums für Hochschulentwicklung von Ende Oktober. Paulina und Laura sind zwei der Teilzeitstudentinnen.

„Für mich war vorrangig der finanzielle Aspekt entscheidend“, begründet Paulina ihren Wechsel vom Vollzeit- zum Teilzeitstudium. „Das Vollzeitstudium war für mich mit mehreren Nebenjobs einfach nicht mehr realisierbar.“ Zunächst hatte sie an der Fachhochschule Dortmund „Soziale Arbeit“ studiert. Gerade das Semesterpraktikum in Vollzeit hätte sich mit ihren Nebenjobs nicht vereinbaren lassen. Vor ihrem Wechsel an die Hochschule Düsseldorf hatte sie sich informiert, ob es ein Teilzeitstudium nicht auch näher an ihrem Wohnort gebe, aber Fehlanzeige. „Bei den Hochschulen kann man oft nur unter bestimmten Voraussetzungen in Teilzeit studieren, die auch nachgewiesen werden müssen“, bemerkt Paulina. Dazu zählen, zum Beispiel, familiäre Verpflichtungen als Eltern oder die Pflege von Angehörigen. „Jetzt kann ich mir die Seminare freier einteilen und studiere aktuell sogar in Vollzeit wegen des digitalen Semesters.“ Daneben bleibe noch Zeit für den Nebenjob in der Sozialarbeit und die Lücke zur Mindestsicherung stockt das Jobcenter auf.

Was Paulina berichtet, bestätigt eine aktuelle Übersicht des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). In NRW ist die Quote an Teilzeitstudierenden im Bundesvergleich zwar überdurchschnittlich hoch. Laut CHE-Geschäftsführer Prof. Dr. Frank Ziegele liegt das daran, dass es einige wenige Hochschulen gibt, die hauptsächlich Teilzeitstudierende haben und so die Statistik verzerren. Darunter etwa die Fernuniversität Hagen und private Hochschulen. „Die Zahl der de facto in Teilzeit Studierenden, die aber in Vollzeit eingeschrieben sind, liegt vermutlich noch weit höher“, bemerkt Ziegele.

Nur 31 von knapp 34.000 studieren an der TU in Teilzeit

An Dortmunder Hochschulen ist das Angebot an Teilzeitstudiengängen überschaubar. An der TU Dortmund ist einer von insgesamt 238 Studiengängen in Teilzeit studierbar. Nur 31 von knapp 34.000 Studierenden waren im Wintersemester 2018/19 an der TU in Teilzeit eingeschrieben. „Faktisch kann aber jeder in seinem Tempo studieren, sodass ein Studium neben Beruf und Familie möglich ist“, kommentiert die Leitung der Hochschulkommunikation der TU, Eva Prost. An der Fachhochschule nebenan gebe es aktuell vier Teilzeitstudiengänge, teilt deren Pressestelle mit.

Wirft man einen Blick auf andere Hochschulen im Ruhrgebiet, scheint es auch anders zu gehen: Die Universität Duisburg-Essen bietet etwa 38 solcher Studiengänge an. „Man kann jeden Studiengang in Teilzeit anbieten, es geht darum wie Teilzeit organisiert ist“, erläutert Frank Ziegele. Biete man ein Pflichtmodul nur alle zwei Semester an, funktioniere es nicht. Als einen großen Nachteil im Teilzeitstudium sieht Ziegele, dass kein Anrecht auf Bafög besteht.

Konzept des lebenslangen Lernens statt einer kurzen Ausbildung

„Studierende sind heutzutage viel heterogener als früher und die Lebensrealitäten sind unterschiedlich“, so der CHE-Geschäftsführer. Alleinerziehende oder Menschen, die zuvor eine Berufsausbildung gemacht haben, seien dafür ein gutes Beispiel. Statt einer Ausbildungsphase, die mit dem Studium endet, sei vielmehr das Konzept des „lebenslangen Lernens“ aktuell.

Laura (28) studiert Sozialarbeit in Teilzeit an der Hochschule Düsseldorf.

Das trifft auch auf Laura zu. Die 28-jährige Dortmunderin studiert seit vier Jahren an der Hochschule Düsseldorf Sozialarbeit in Teilzeit. Sie wollte ihre Stelle als Rechtsanwaltsfachangestellte neben dem Studium behalten und dachte ursprünglich dies sei nur mit einem Teilzeitstudium vereinbar. Seit einem Jahr studiert Laura zusätzlich noch Kommunikationsdesign in Vollzeit. „Im Jahr 2018 habe ich mit dem Digitalen Zeichnen angefangen und dann kleinere Aufträge für Flyer und Logos gemacht.“ Irgendwann waren es so viele Aufträge, dass ihre Freunde nicht mehr verstanden wieso sie Soziale Arbeit und nicht Grafikdesign studiert.

Im letzten Wintersemester startete sie schließlich doch ins Kommunikationsdesignstudium und hat mittlerweile sprichwörtlich ihr Hobby zum Beruf gemacht: Seit März hat sie ihr eigenes Gewerbe für Fotografie und Print und arbeitet außerdem als Pädagogische Mitarbeiterin mit Wohnungslosen. Trotz des hohen Arbeitsaufwands neben der Uni ist sie in Sozialarbeit schneller als die Regelstudienzeit es vorsieht. Wegen des Teilzeitstudium hat sie keinen Anspruch auf Bafög, trotzdem sieht sie auch die Vorteile „Der Druck im Vollzeitstudium ist einfach ein anderer.”

Studium in Teilzeit: Flexibilität vs. Unileben

Auch Paulina sieht es ähnlich. In Teilzeit sei man flexibler, könne sogar mehr studieren, wenn es zeitlich möglich ist. Aber: „In Vollzeit kriegt man mehr mit vom Unileben und hat mehr Kontakte“. Andererseits gebe es in ihrem Fall mehr Verständnis dafür, wenn sie arbeiten muss und deshalb nicht zur Vorlesung kommen kann. Ihre Meinung ist, dass nicht alle dieselben finanziellen Voraussetzungen haben, um in Vollzeit zu studieren. Das verbaue vielen die Möglichkeit, überhaupt an die Hochschulen zu kommen.“

Beitragsbild: StartupStockPhotos/Pixabay

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