HPV ist auch Männersache

Fast jeder von uns hat sich damit bereits infiziert, ohne es zu merken: die Humanen Papillomviren (HPV). Meistens heilt die Infektion von allein wieder aus, manche Virustypen können aber schwerwiegendere Folgen haben. So gehen zwischen 40 und 50 Prozent aller Kehlkopfkrebsfälle und 99 Prozent aller Gebärmutterhalskrebsfälle auf eine HPV-Infektion zurück.

Über HPV, Folgen und möglichen Schutz vor einer Infektion hat KURT mit Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer vom WIR-Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin in Bochum gesprochen. Prof. Dr. Brockmeyer ist Facharzt für Dermatologie, Venerologie und Allergologie mit Schwerpunkt Onkologie und STI (sexuell übertragbare Infektionen).

Prof. Dr. Brockemeyer vom WIR-Zentrum (Foto: Birgit Greifenberg/ dpa)

Prof. Brockmeyer, wie viele HPV-Arten gibt es und wie viele davon können zu Krebs führen?

Es gibt unserem Wissensstand nach über 200 HPV-Arten. Zu Krankheiten können recht viele davon führen, allerdings sind die meisten davon Niedrigrisikotypen.  Solche Typen verursachen etwa Feigwarzen. Mit einem davon hat sich fast jeder schon mal infiziert. Interessanter sind die Hochrisikotypen. Diese sind etwa für 99 Prozent aller Gebärmutterhalskrebsfälle verantwortlich.

Bedeutet eine Infektion mit einem Hochrisikotyp, dass man sicher einen Krebs entwickeln wird?

Bei Menschen mit gesundem Immunsystem heilt eine HPV-Infektion, auch mit Hochrisikotypen,  in 80-85 Prozent der Fälle von selbst aus. Passiert das nicht, bilden sich oft zelluläre Veränderungen. Daraus kann sich Krebs entwickeln, muss es aber nicht. Wir sehen sehr häufig, wie diese Zellveränderungen von selbst wieder abgestoßen werden. Das Risiko für immunsupprimierte Menschen, die etwa HIV haben oder eine Nierentransplantation hatten, ist deutlich höher.

Gebärmutterhalskrebs betrifft Frauen.  Gibt es bei Männern etwas Vergleichbares?

Bei Männern sehen wir HPV-bedingte Zellveränderungen sehr häufig im Analbereich und am Glied. Der Analbereich scheint aber sensibler zu sein für Tumore. Bei Peniskarzinomen hatten die Betroffenen fast immer auch anale Veränderungen.

Die Forschung weiß aber inzwischen, dass HPV auch für Kehlkopf- und Speiseröhrenkrebs verantwortlich ist.

Das stimmt. Wir sehen eine deutliche Zunahme an Kehlkopfkrebs in den letzten Jahren, vor allem in der westlichen Welt. Dort sind 40-50 Prozent der Kehlkopfkarzinome auf HPV zurückzuführen. Das hat vor allem damit zu tun, dass Oralsex immer üblicher wird. Wenn der Partner oder die Partnerin HPV hat, besteht bei ungeschütztem Oralsex eine nahezu 100-prozentige Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken.

Ist dieser Anstieg der Kehlkopfkrebs-Fälle nur bei Männern bemerkbar? Frauen haben doch genauso Oralsex.

Es ist auch bei Frauen zu einem deutlichen Anstieg gekommen. Ob der Anstieg bei Männern überproportional höher ist, kann ich nicht sagen. Weitere Risikofaktoren sind aber auch der Konsum harten Alkohols und Rauchen. Dieses Verhalten ist bei Männern häufiger und kann zu den erhöhten Fallzahlen beitragen.

Kann man sich vor den Hochrisikotypen schützen?

Es gibt eine Impfung, die gegen 9 HPV-Typen schützt. Damit sind sowohl die Hochrisikotypen als auch gängige Niedrigrisikotypen abgedeckt. Da wir leider keine Indikatoren haben, wie eine HPV-Infektion bei unterschiedlichen Menschen verlaufen wird, muss die ganze Bevölkerung geimpft werden, um HPV-Karzinome auszurotten.

In Deutschland wurde erst 2018 entschieden, dass auch Männer sich gegen HPV impfen lassen sollen.

Dass nur Mädchen und Frauen geimpft werden sollen, war auch immer etwas, womit ich nicht einverstanden war. Deswegen habe ich mich in meiner Arbeit sehr dafür eingesetzt, dass auch Jungen geimpft werden.  Männer können natürlich Frauen auch anstecken, genauso wie andersherum auch. Ein Problem war eben auch, dass man die ganze Zeit nur den Gebärmutterhalskrebs im Blick hatte. Dass HPV zu Kehlkopfkrebs führen kann, fand man ja erst später heraus.

Kann man auch geimpft das Virus immer noch übertragen?

Man kann das Virus manchmal auch dann noch als Schmierinfektion übertragen, etwa beim Petting oder über Sexspielzeuge. Um HPV wieder von den Fingern zu bekommen, muss man wirklich sehr lange seine Hände waschen und ein gutes Desinfektionsmittel benutzen. Darüber zu diskutieren, das sind in meinen Augen aber Sandkastenspiele. Mehr Menschen sollten sich impfen lassen, um HPV-Kondylome und -Karzinome endlich auszurotten.

Welchen Schutz bieten Kondome?

Kondome können nur da schützen, wo sie genutzt werden und das ist eher ein kleiner Bereich des Körpers. Beim Oralsex etwa sollte man Lecktücher nehmen.  Viele Menschen haben infektiöse Zellveränderungen aber auch an den Schamhügeln oder sogar den Oberschenkeln – da helfen Kondome oder Ähnliches nicht.

Bei den üblichen Tests auf Geschlechtskrankheiten wird HPV meistens nicht mit einbezogen. Warum?

Das ist schon vernünftig. Bei HPV behandeln wir nämlich nicht das Virus, sondern die Symptome. Und die Durchseuchungsrate ist einfach so hoch, dass es keinen Sinn macht, jede*n zu testen. Meistens gibt es auch gar keinen Behandlungsbedarf. Wir testen erst, wenn wir ein Risiko sehen oder einem Risiko vorbeugen wollen. Das ist beispielsweise bei Frauen im Zervixbereich.  Beim sogenannten PAP-Test werden Stufen der zellulären Veränderung gemessen. Eine höhere PAP-Stufe bedeutet ein höheres Risiko für Krebs.

Sollten Männer – ähnlich wie Frauen – sich halbjährig untersuchen lassen, auch im Rachenbereich?

Wenn sie mit unterschiedlichen Partner*innen Sex hatten, wäre das sicherlich sinnvoll. Geschlechtskrankheiten haben ja häufig keine Symptome, werden aber weiter übertragen.

Bei manchen monogam lebenden Personen wird HPV diagnostiziert, obwohl der Partner gesund ist. Bedeutet das zwangsläufig, dass der Partner fremdgegangen ist?

Nein. HPV kann auch jahrelang im Körper schlummern, ohne bemerkt zu werden. Daher ist das ein schlechter Indikator für Fremdgehen.

Denken Sie, dass im Vergleich zu anderen Geschlechtskrankheiten über HPV zu wenig aufgeklärt wird?

Über HPV sollte auf jeden Fall noch viel mehr aufgeklärt werden, das stimmt. Aber ich würde nicht behaupten, dass beispielsweise darüber weniger aufgeklärt wird als etwa über Chlamydien.   Menschen sollten aber das Risiko, das HPV in sich birgt, bekannt sein. Wir haben dafür auf unserer Seite einen Test, mit dem man sein Risiko für HPV und Handlungsempfehlungen bezüglich dessen herausfinden kann.

 

 

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