Grundrechte lassen sich nicht ausschalten

Statt in Regenbogenfarben wird das Münchener Stadion beim EM-Spiel gegen Ungarn heute Abend in den Nationalfarben leuchten. Mit dem Verbot verrät die UEFA ihre eigenen Werte. Ein Kommentar.

Mit der Kampagne #EqualGame setzt sich die UEFA seit Jahren für die Gleichberechtigung von Menschen ein. Auf der Webseite heißt es stolz: “The game is open to all” – Geschlecht, Herkunft, Religion oder sexuelle Orientierung der Menschen spiele dabei keine Rolle. Doch der Einsatz für Grundrechte hört für die UEFA offenbar dann auf, wenn diese systematisch bedroht sind. Das Beleuchtungsverbot ist ein Verrat an den eigenen Werten: Angesichts systematischer Diskriminierung von Mitgliedern der LGBT-Bewegung in Ungarn sollte die UEFA die Solidarisierung mit betroffenen Menschen unterstützen und nicht behindern.

Die LGBT-Community wird entrechtet

Viktor Orbán unterdrückt die LGBT-Community seit Jahren. Das Gesetz, welches seine Regierung in der letzten Woche verabschiedet hat, ist dadurch kaum noch überraschend: Die mediale Darstellung von nicht-heterosexueller Sexualität soll verboten werden. Orbán entscheidet so darüber, wer Norm ist und wer nicht. Durch dieses Gesetz wird versucht, homosexuelle und intersexuelle Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen und abzuwerten. Alfonso Patisano, Vorstandsmitglied des Lesben- und Schwulenverbandes, bezeichnet dies als „Höhepunkt einer Unsichtbarmachung und Entrechtung von Lesben, Schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen“ in Ungarn. Am liebsten wäre es Viktor Orbán offenbar, wenn es die LGBT-Gemeinschaft überhaupt nicht gäbe.

Mit einer würdevollen und gleichberechtigten Behandlung von Mitgliedern der LGBT-Community hat die Gesetzgebung der ungarischen Regierung deshalb schon lange nichts mehr zu tun. So riskiert Orbán einen Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention und auch mit den Werten der #EqualGame-Kampagne ist die ungarische Politik nicht vereinbar. Doch die Gleichberechtigung von homosexuellen und intersexuellen Menschen preist die UEFA offenbar nur an, wenn sie dadurch nicht mit Gegenwind zu rechnen hat.

Grundrechte sind politisch nicht verhandelbar

Die UEFA flüchtet sich in die Passivität und begründet das Beleuchtungsverbot damit, dass sie „eine politisch und religiös neutrale Organisation“ sei. Dass die UEFA sich nicht wahllos in politische Entscheidungen einmischt, ist unbestritten wichtig. Niemand möchte, dass einzelne Politiker*innen oder Interessensverbände Großereignisse instrumentalisieren, um Aufmerksamkeit zu bekommen. In diesem Fall handelt es sich allerdings weder um eine Person, die die öffentliche Bühne ausnutzt, noch handelt es sich um einen einzelnen Interessensverband. Durch die Beleuchtung der Arena würden die UEFA für etwas einstehen, was nicht verhandelbar sind.

Die UEFA muss eine Unterscheidung zwischen eigenen politischen Positionierungen und der Verteidigung von Grundrechten machen. Aus dem gleichen Grund, weshalb Spieler*innen auf ihren Trikots das “Respect-Logo” tragen, muss die UEFA sich auch gegen die Diskriminierung von Mitgliedern der LGBT-Bewegung einsetzen können. Eine solche Positionierung ist weniger eine politische Positionierung als die Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung. Jeder Staat, dessen Fußballverband Mitglied der UEFA ist, hat sich dazu verpflichtet, die UN-Menschenrechtscharta einzuhalten. Die Umsetzung dieser Menschenrechte sollte auch die UEFA unterstützen.

Gut fürs Image, aber irgendwie auch lästig

Wenig hilfreich ist der Vorschlag der UEFA, die Arena an einem Tag zu beleuchten, der “besser mit den bestehenden Veranstaltungen übereinstimmt.” Für die Aktion angedacht ist zum Beispiel der Christopher Street Liberation Day am 28. Juni. Dieser Vorschlag erweckt nur noch mehr den Eindruck, dass Grundwerte und Menschenrechte für die UEFA nur von Bedeutung sind, wenn sie gut fürs Image sind.

Die Gültigkeit der Grundrechte lässt sich jedoch nicht einfach pausieren. Das ist weder möglich, wenn in Katar Stadien gebaut werden sollen, noch wenn man gerade keine Lust auf Ärger mit Orban hat. Solidarisierung ist ganz besonders dann notwendig, wenn sie unbequem ist. Aus diesem Grund ist es der komplett falsche Ansatz „den richtigen Zeitpunkt“ für Solidarisierung danach auswählen, wann diese am wenigsten Gegenwind zu erwarten hat.

Sichtbarkeit ist wichtig

Wenn die UEFA sich nicht gegen die Diskriminierung der LGBT-Bewegung in Ungarn positionieren möchte, ist es umso wichtiger, dass das andere machen. Unter anderem vom CSD Deutschland werden im Stadion nach eigenen Angaben bis zu 11 000 Regenbogenfahnen an die Zuschauer*innen verteilt. Deutschlandweit werden heute Abend Stadien in Regenbogenfarben beleuchtet und auch an Münchener Gebäuden wie dem Rathaus wird die Regenbogenfahne zu sehen sein. Diese Zeichen sind richtig und nicht nur wirkungslose Symbole, um das Gewissen zu beruhigen.

Klar muss aber auch sein, dass eine solche Solidarisierung selbstverständlich nicht davon entbindet, sich darüber hinaus gegen Diskriminierung einzusetzen. Bei Regenbogenbildern auf Instagram und Flaggeschwenken kann es nicht bleiben und dennoch ist die Sichtbarkeit von Sexualität abseits von Heterosexualität enorm wichtig. Die UEFA hätte heute Abend für diese Sichtbarkeit sorgen können. Diese Chance bleibt nun ungenutzt und stattdessen müssen wir uns wieder einmal fragen, wie ernst die UEFA ihre eigenen Werte nimmt.

Teaser- und Beitragbild: Allianz Arena / B. Ducke

 

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