Endstation: EU-Außengrenze

Natalie und Jan helfen Flüchtlingen. Während sie als Ärztin Menschen in Thessaloniki versorgt, kann er momentan nur von Dortmund aus anpacken. Ob in Griechenland oder Deutschland: Die Corona-Pandemie macht den beiden die Arbeit schwer. Zwei Protokolle.

Seit 2015 versucht die Europäische Union, Mitgliedsstaaten dazu zu bringen, mehr Geflüchtete aufzunehmen. Bislang vergeblich. Im Januar befanden sich der UNO Flüchtlingshilfe zufolge 119.500 Geflüchtete in Aufnahmecamps in Südeuropa und warteten auf ein Asylverfahren. Dieses dauert in den meisten Fällen mehrere Jahre. Die humanitären Zustände vor Ort sind oft katastrophal: Zu viele Menschen hausen auf engstem Raum, die medizinische Versorgung ist unzureichend, die Hygiene mangelhaft. Jetzt macht Corona alles noch schlimmer. Das, woran die Europäischen Staaten scheitern, versuchen Flüchtlingshelfer*innen wie Natalie und Jan aufzufangen. Die Ärztin aus Berlin versorgt Menschen im Diavata Camp in Thessaloniki. Dort würde Jan auch gerne helfen. Aufgrund der Pandemie muss er aber zu Hause bleiben. Auch in Griechenland erschwert das Virus Natalies Arbeit. In Protokollen schildern die beiden, wie sie die vergangenen Monate erlebt haben.

Januar

Natalie Faddul (30) arbeitet als ehrenamtliche Ärztin bei Medical Volunteers in Thessaloniki, Griechenland.

Foto: Natalie Faddul

Jeden Morgen packe ich meinen Rucksack mit Verbandsmaterial und Medikamenten, die die Patienten dringend benötigen, und laufe durch das Camp. Die meisten Medikamente sind Sachspenden. Wenn die Beschwerden der Geflüchteten über unsere Ressourcen hinausgehen, müssen sie ins Krankenhaus. Momentan sind wir hier aber im Lockdown. Das heißt, keiner darf das Camp verlassen – außer im Notfall. Als die ersten Geflüchteten im Camp positiv getestet wurden, wurde das Camp inklusive jeder Versorgung abgeriegelt. Auch Ehrenamtliche und NGOs wurden verwiesen. Glücklicherweise durften wir von „Medical Volunteers“ (MVI) am Ende doch wieder ins Camp. Das aber auch nur, weil eine Partnerorganisation mit der MVI zusammenarbeitet die Menschen mit Windeln, Babynahrung, Essen und Medizin versorgen.

Die meisten Geflüchteten haben Alltagsbeschwerden wie Kopf- und Magenschmerzen oder Hautinfektionen aufgrund der mangelnden Hygiene im Camp. Das war schon vor der Pandemie so. Durch den Lockdown haben wir außerdem erneut gemerkt, dass psychiatrische Hilfe fehlt. In den vergangenen Monaten gab es vermehrt Frauen und junge Mädchen, die sich selbst verletzt haben. Im Camp ist es aber meist schwierig, an die Frauen heranzukommen, da sie den Haushalt machen, ihre Kinder betreuen oder aus religiösen Gründen das Haus nicht ohne ihre Männer verlassen.

Warten, hoffen, beten

Viele der alltäglichen Probleme der Geflüchteten wären einfach gelöst, wenn man die Lebensumstände in den Camps humaner gestalten würde. Früher oder später wird sich das Virus weiterverbreiten. Dafür haben wir nicht genug medizinische Ressourcen. Aktuell wird außerdem weder kontrolliert, ob die Menschen auf dem Gelände eine Maske tragen, noch, ob sie genügend Abstand halten. Für die Behörden ist alles in Ordnung, solange das im Camp und nicht außerhalb geschieht. Wer positiv getestet wird, muss in einen abgeschotteten Isolationsraum. Davor haben Geflüchtete aber aufgrund ihrer Traumata extreme Angst. Deswegen weigern sich viele, einen Test zu machen.

Foto: Daniela Arndt

Jan Hersemann (25) studiert Soziale Arbeit an der FH Dortmund und ist ehrenamtlicher Helfer bei „Grenzenlose Wärme“.

Vergangenes Jahr konnte ich aus persönlichen Gründen nicht nach Griechenland fahren. Jetzt können wir nicht wegen Corona. Das ist mehr als frustrierend. Ohne die Hilfe der ehrenamtlichen Helfer*innen und NGOs läuft dort aber nichts.

Die staatliche Hilfe, die angeboten wird, reicht längst nicht aus. Es ist auch hirnrissig, zu glauben, dass das stark verschuldete Griechenland die Situation mit ein wenig finanzieller Unterstützung alleine regeln kann. Deswegen sind NGOs und ehrenamtliche Helfer*innen so fundamental.

Grenzgang

Wir helfen nicht nur bei Projekten mit, sondern sind auch Ansprechpartner*innen für Geflüchtete. Das geht oft auf die Psyche, aber die Begegnungen pushen einen, weiterzumachen. Als ich das erste Mal für zwei Wochen in Thessaloniki war, habe ich überlegt, ob ich nicht noch einmal kurz nach Deutschland fahren soll, um meine Sachen zu packen und dann ein Jahr zu bleiben. Leider hat es bei mir aber zeitlich nicht gepasst, da ich zu dem Zeitpunkt mein Duales Studium gemacht habe und jetzt studiere.

Es ist schwer, zu warten, weil wir die Camps und Geflüchteten vor Ort gesehen haben. Die Menschen brauchen Hilfe! Wenigstens haben wir gerade noch unsere Spendenaktionen, die wir von Deutschland aus starten können. Wir sind also momentan eher ein Spenden-Logistik-Verein. Wir sammeln viele Sachspenden. Das wollten wir eigentlich nicht mehr machen, aber irgendwas wollen wir ja tun.

Der Weg nach Griechenland
Von Januar bis Juni 2021 sind nach Angaben von der UNO Flüchtlingshilfe mehr als 1.286 Flüchtlinge über den Seeweg nach Griechenland gelangt. Viele Flüchtlinge nehmen den Weg übers Mittelmeer, um zum Beispiel von der Türkei an die griechische Küste zu gelangen. Um die Infrastruktur in den Camps aufrechtzuerhalten, hat die Europäische Union in den vergangenen sieben Jahren 2,9 Milliarden Euro an Hilfsgeldern an Griechenland gezahlt. Das zeigt die European Stability Initiative (ESI) mithilfe von Zahlen der Europäischen Kommission von Eurostat und der Internationalen Organisation für Migration. Die Türkei hat hingegen seit 2016 infolge der EU-Türkei-Erklärung 6 Milliarden Euro erhalten. Die Vereinbarung besagt, dass die griechischen Behörden überprüfen müssen, ob die Flüchtlinge ein Recht auf Asyl haben, nachdem diese in Griechenland angekommen sind. Wer nicht bleiben darf, soll in die Türkei abgeschoben werden. Dafür soll die EU im Gegenzug die gleiche Zahl asylsuchender Syrer*innen aus den Lagern in der Türkei in ihre Mitgliedsländer umsiedeln.

Februar

Natalie

Foto: Natalie Faddul

Geflüchtete haben momentan Glück im Unglück – es ist nämlich extrem kalt. Dadurch durften selbst manche nicht registrierten Familien mit Kindern in die Container. Das war im Herbst noch anders. Hier musste zum Beispiel eine Familie ohne Asylantrag ein frisch geborenes Baby in ein undichtes Campingzelt legen, bei Minusgraden, Sturm und Regen. Trotzdem ist der Winter immer hart. Letztens ist wieder eine Wasserleitung eingefroren. Dann hatten wir mal wieder vier Tage kein fließendes Wasser.

Obwohl das Diavata Camp zu einem der besseren Geflüchtetenscamps in Griechenland gehört, ist es alles andere als schön. Hier herrscht eine klare Hierarchie. Die rund 1600 registrierten Geflüchteten haben Platz in Zelten oder sogar Containern. Wer inoffiziell im Camp wohnt, kann sich bestenfalls in einem Zelt verstecken oder muss unter freiem Himmel schlafen. Da sie nicht registriert sind, haben diese Menschen keinerlei Zugang zu den Hygieneanlagen, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung, die das Camp bereitstellt. Alltag bedeutet für sie:

Bloß kein Aufsehen erregen.

Erst heute wurde ein ungemeldeter Geflüchteter ohne Papiere festgenommen. Er hatte versucht, einen anderen Geflüchteten beim Laufen zu stützen, da dieser gerade eine Amputation hinter sich hatte. Dadurch wurden die Polizisten im Camp auf ihn aufmerksam. Sie haben den Mann erwischt. Jetzt wird er ausgewiesen. Das steht hier beinahe auf der Tagesordnung. Das Problem ist, dass sich Geflüchtete nicht zu den Ärzten trauen, weil sie Angst davor haben, ausgewiesen zu werden. Man lernt hier echte Kämpfer kennen. Die Behörden zeigen allerdings klar: Lasst die Leute nicht rein oder schiebt sie wieder ab.

Jan

Wir hängen immer noch in einer ewigen Warteschleife. Auch, wenn ich mich mittlerweile etwas daran gewöhnt habe, nicht fahren zu können, nervt es. Das zeigt sich leider mittlerweile auch in unserer Arbeit. Wir machen zwar viel, aber es ist natürlich nicht das Gleiche, sich um die Spenden-Logistik zu kümmern, als vor Ort aktiv zu helfen. Bei vielen Helfenden ist die Energie nicht mehr da, Zeit in das Ehrenamt zu investieren, weil man hier einfach festsitzt und die Arbeit schlauchend ist.

Wir hoffen, dass unsere Tour zum kommenden Jahreswechsel trotz Corona stattfinden kann. Dafür wäre es sinnvoll, wenn wir früher geimpft würden. Aktuell gehören wir ja keiner der Priorisierungsgruppe an. Ich will jedoch auch keine Ansprüche oder Forderungen stellen.

Trotzdem sind wie froh. Unsere Sachspenden in Griechenland und Bosnien sind sicher angekommen. Wir merken aber, dass wir diese Aktionen nicht mehr mit dieser Intensität weiterführen können: Wir sind aktuell ziemlich wenige für so viele Spendeneinnahmen. Wir sind halt einfach kein reiner ehrenamtlicher Spenden-Verein. Wir helfen eigentlich vor Ort.

März

Natalie

Foto: Natalie Faddul

Die Corona-Situation im Camp hat sich verschlimmert. Es gibt mehr positive Tests, das bedeutet nicht nur strengere Maßnahmen, sondern auch mehr Anspannung im Camp. Ohne negativen Test dürfen Geflüchtete ihre Container und Zelte nicht mehr verlassen. In den Containern befinden sich acht bis zwölf Leute. Die winzigen, stickigen Container dürfen nicht gelüftet werden – was aus medizinischer Sicht überhaupt keinen Sinn ergibt. Der Rest, der in den Containern keinen Platz findet, muss in Turnhallen von Schulen unterkommen. Medizinische Versorgung oder Hygieneanlagen gibt es hier nicht – Geflüchtete bekommen höchstens eine Matratze und eine Decke.

Covid bringt aber noch mehr Probleme: Für Geflüchtete wird es nun nämlich schwieriger, ein Asylverfahren aufzunehmen. Sie müssen den Antrag bei den Asylämtern stellen, wegen der Pandemie sind die aber alle geschlossen. Für Geflüchtete, die kürzlich ankommen sind, ist es somit praktisch unmöglich, das Asylverfahren in Gang zu bringen.

Wo Träume platzen

Normalerweise würden nun ehrenamtliche Helfer ein wenig Hoffnung bringen. Sie haben neue Energie, Ideen und hören den Menschen zu. Diese Hoffnung brauchen die Geflüchteten, da es noch dauern wird, bis sich etwas an der politischen Lage ändert. Denn in den letzten sechs Jahren hat sich kaum etwas verändert.

Im Mai werde ich das Camp nach mehr als einem Jahr verlassen. Ich weiß zwar, dass ich vielen Menschen helfen konnte, aber es ist immer wieder ernüchternd, zu sehen, dass man nicht viel an der Situation selbst ändern kann. Ich fühle mich schlecht, weil ich weiß, dass ich mich frei bewegen kann – die Geflüchteten aber nicht. Ab August helfe ich im Libanon. Bis dahin brauche ich selbst mal eine kurze Pause, um Gefühle, Menschen und Eindrücke zu verarbeiten.

Jan

Foto: Daniela Arndt

Leider spaltet sich unsere Gruppe immer mehr. Nicht alle haben noch Lust auf Online-Meetings per Zoom, in denen wir über weitere Spendenorganisationen quatschen. Wir hoffen, dass die Helfer*innen in unserem Verein nicht ihre Motivation verlieren, weil wir nicht nach Griechenland fahren können. Momentan glauben wir nicht mehr daran, dass wir unsere Tour machen können. Auch, wenn mittlerweile viele aus dem Verein geimpft sind. Es wäre zu viel Aufwand, krampfhaft zu versuchen, nach Griechenland zu fahren, da wir ein kleiner Verein sind.

Als wir 2017 mit unserem Verein angefangen haben, hatten nicht nur die Geflüchteten sondern auch wir mehr Hoffnung. Wir haben aber sofort gemerkt, dass es im Gespräch mit ihnen nicht möglich ist, zu sagen:

„Hey, ich denke, dass du in zwei Monaten in Deutschland bist.“

Und das wird sich auch in Zukunft erstmal nicht ändern. Grund dafür ist, dass die Abschottungspolitik der EU besser funktioniert und Geflüchtete zusätzlich Jahre auf einen Antrag in Griechenland warten müssen. Die logische Konsequenz, dass Geflüchtete gerecht auf europäische Staaten verteilt werden, ist nach sechs Jahren weit in die Ferne gerückt. So weit, dass kaum noch jemand daran glaubt.

Weiter kämpfen

Update Natalie

Ich bin im Mai in Berlin angekommen. Meine Freunde und Familie haben mich aufgefangen. Am Anfang war es ziemlich schwierig, die Zeit zu verarbeiten – es herrscht einfach eine völlig andere Realität im Camp. Ich bin gegangen, weil ich eine Pause brauchte. Mit mir ist jedoch leider nicht das Problem gegangen und das macht mich fertig. Mittlerweile geht es mir aber besser als am Anfang. Ich freue mich auf das neue Projekt im Libanon. Vor allem, weil es von syrischen Ärzten geleitet wird. Sie sind selbst geflüchtet und wissen somit am besten über die Leiden der Menschen Bescheid und, was diese brauchen.

Update Jan

In unserem Verein geht es endlich bergauf. Wir haben mit dem Asta der TU Dortmund in den vergangenen Wochen eine riesige Spendenaktion gestartet. Die Spenden durften wir dank der Lockerungen endlich wieder mit mehreren Helfer*innen sortieren. Das gibt wieder das Gefühl von Gemeinschaft. Außerdem gibt es wieder Hoffnung, dass wir unsere Neujahrstour im Dezember wahrnehmen können. Solange keine vierte Corona-Welle auf uns zurollt. Dann könnten fünf bis zehn Leute endlich wieder nach Griechenland fahren und helfen.

Die Konfrontation

Verschiedene Behörden wurden von der Kurt-Redaktion mit den Vorwürfen konfrontiert, die Natalie und Jan im Interview geäußert haben. Pressesprecher*innen der Europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache (Frontex) wollten sich nicht zu den getätigten Aussagen äußern. Frontex soll Mitgliedsstaaten seit 2004 beim Schutz ihrer Außengrenzen dienen. Die Agentur verwies an die griechischen Behörden, welche jedoch auf diverse Anfragen nicht reagierten. Anis Cassar, Sprecher des Europäischen Unterstützungsbüro für Asylanfragen (EASO) war hingegen bereit, Stellung zu einigen Aussagen zu nehmen. Die EASO ist seit 2011 zuständig für die Unterstützung der Zusammenarbeit der Europäischen Union im Bereich Asyl.

Anis Cassar, Pressesprecher der EASO:

The EU is also working with the Greek authorities on improving reception standards on the Greek islands, such as through a new pilot project in Lesvos. To the contrary, the EU boasts the only multinational asylum system in the world; something which is unprecedented. Bringing together 27 Member States to converge practices is inevitably a challenging task and implementation is certainly not perfect, but a great deal has been accomplished in a relatively short span of time.

 

Beitragsbild: julie ricard/unsplash

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