Kommentar: Wenn die Regierung über deinen Körper entscheiden darf

In den USA ist erneut die hitzige Debatte zwischen Pro-Choice und Pro-Life Anhänger*innen aktiv. Das Recht auf einen bedingungslosen Schwangerschaftsabbruch steht auf der Kippe. Eine Regierung darf nicht die  Entscheidungsmacht über den Körper der Frau verfügen. Ein Kommentar.

Trigger Warnung. In diesem Text kommen Inhalte vor, die bei manchen ein Unwohlsein hervorrufen können. 

Das Magazin „Politico“ leakte am Montagabend (02.05.2022) einen Entwurf einer Urteilsbegründung des Obersten US-Gerichts. Damit steht das bestehende Recht auf einen bedingungslosen Schwangerschaftsabbruch auf der Kippe. Pro-Choice Anhänger*innen zeigen sich empört und wütend.

Andere Bundesstaaten wie Texas verbieten eine Abtreibung nach der sechsten Schwangerschaftswoche, also sobald ein Herzschlag des Fötus feststellbar ist. Doch wieso sollte eine Regierung die Entscheidungsmacht über den eigenen Körper der Frau besitzen? Wieso sollte die Regierung über das Leben der Frau bestimmen dürfen?

Ein Verbot wäre ein Schritt in Richtung Mittelalter

Wir leben in einem Zeitalter, wo Freiheit und Recht das Grundgerüst von Demokratien sind. Doch es passiert trotzdem, dass in genau diesen Demokratien Frauen Unterdrückung und Einschränkung durch Gesetze erfahren. Ein Verbot, über den eigenen Körper bestimmen zu dürfen, passt nicht in die Werte einer Demokratie. Was ist mit den in der Verfassung verankerten Werten? Diese scheinen für Frauen nicht zu gelten.

Pro familia sagt in einer Fachpublikation von 2017: Die sexuellen und reproduktiven Rechte basieren auf den allgemeinen Menschenrechten und halten explizit fest, dass jeder Mensch frei entscheiden kann, ob, wann und wie viele Kinder er/sie bekommen möchte (IPPF 2008, Artikel 9, 3, 5). Daraus ergibt sich das Recht der Frau auf einen Schwangerschaftsabbruch.“

Wir sind doch so stolz darauf, in einer Demokratie zu leben, aber trotzdem scheitern wir daran, die Grundrechte einer Frau zu bewahren. Bewegen wir uns nicht damit als Gesellschaft in die falsche Richtung? Es ist traurig, dass in diesem Zeitalter für so etwas Selbstverständliches protestiert werden muss. Es ist vor allem traurig, dass sich Frauen nun fürchten könnten. Davor, über ihren eigenen Körper und ihr eigenes Leben bestimmen zu wollen.

Nein, sie kann selbst über ihren Körper und ihr Leben entscheiden

Manche von ihnen stehen schon so unter einem immensen gesellschaftlichen Druck und befinden sich in einer Lage, in der ein Schwangerschaftsabbruch für sie unvermeidbar scheint.

Pro familia beschreibt einen Schwangerschaftsabbruch wie folgt: „(Es) ist eine sehr persönliche, von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängige Entscheidung. Eine Beschränkung einer solchen Möglichkeit greift fundamental in das Leben der Frauen ein und hat gravierende Folgen für ihre reproduktive und sexuelle Gesundheit.“

Trotz Verhütung kann es zu Schwangerschaften kommen. Die psychische Belastung, ungewollt ein Kind auf die Welt bringen zu müssen, ist sehr hoch. Man darf auch nicht vergessen, wie traumatisch und schmerzhaft die Geburt eines Kindes sein kann. Nein, sie kann selbst über ihren Körper und ihr Leben entscheiden.

Man kann den Gedanken auch weiterführen. Eine Frau kann auch Opfer von einer Vergewaltigung sein. Sie darf das Kind nicht abtreiben und muss es austragen, welches Ergebnis eines traumatischen Erlebnisses ist. Hier stellt sich genauso die Frage, ist man mental so gesund, dass man das Kind richtig versorgen und erziehen kann? Nein, sie kann selbst über ihren Körper und ihr Leben entscheiden. 

Eine gut durchdachte Entscheidung

Das statistische Bundesamt erhob 2020 Daten zu Schwangerschaftsabbrüchen und Beweggründen in Deutschland. Rund 20.700 Schwangerschaften wurden künstlich abgebrochen und hier kommt der wichtigste Punkt. Rund 96 Prozent davon erfolgten nach einer Beratung durch eine staatlich anerkannte Organisation. In solchen Situationen durchdenkt jeder Mensch eine schwerwiegende Entscheidung mehr als nur einmal. Die Frauen durchgehen also eine sorgfältige Beratung und Freunde und Familie unterstützen die Frau, wenn sie möchten, bei der Entscheidung.

Eine Studie von Medizinerin Corinne Rocca und ihrem Forschungsteam an der Universität von Kalifornien untersucht die Langzeitfolgen von Schwangerschaftsabbrüchen. Das Ergebnis zeigt, dass von den 667 befragten Frauen, rund 95 Prozent von einer „richtigen Entscheidung“ sprechen.

Fotograf: Felix Speiser

Laura Sophie Dornheim war Anfang 30 als sie ungewollt schwanger wurde, trotz Verhütung. Sie ist diplomierte Wirtschaftsinformatikerin und Feministin. Auf Twitter und auch im echten Leben erzählt sie die Geschichte über ihren Schwangerschaftsabbruch und setzt sich aktiv für das Recht der Frauen ein.  Sie erzählt, wie sie nach ständigem Überlegen, vielen Pro- und Contra- Listen und einem Gespräch mit ihrer Mutter, sich für einen Abbruch entschieden hat. „Es war ein medizinischer Eingriff, nichts worauf man sich freut, aber auch nichts was total schlimm war. Dann ist mein Leben einfach weitergegangen.“ Sie betont auch, wie man heutzutage den Schwangeren unterstellen würde, dass sie nicht wissen, was das Beste für sie ist. Doch der Grund, warum sie danach so offen und aktiv über Schwangerschaftsabbrüche spricht, liegt tatsächlich auch in der deutschen Gesetzeslage.

Über seinen eigenen Körper zu entscheiden, ist immer noch eine Straftat

Laura sagt deutlich: „Die Gesetzeslage in Deutschland ist nach wie vor eine Katastrophe. Nicht so wie in Polen oder wie es in den USA zu befürchten ist, aber es ist immer noch eine Straftat“. Laut Artikel 218 ist ein Schwangerschaftsabbruch strafbar. Abtreibungen sind jedoch nicht strafbar, wenn diese in den ersten zwölf Wochen von Ärzt*innen vorgenommen werden und sich Frauen mindestens drei Tage vor dem Eingriff bei einer staatlich anerkannten Stelle beraten lassen. Artikel 219a soll laut Koalitionsvertrag gestrichen werden. Der Artikel verbietet Ärzt*innen, für Schwangerschaftsabbrüche zu werben.

Wir leben also in einem Land, das Schwangerschaftsabbrüche strafbar macht. Aber das bedeute genauso, dass es strafbar ist, über das eigene Leben zu entscheiden. Deutschland ist noch nicht ganz so weit mit den Ansichten, obwohl es sich für eine moderne zivilisierte Demokratie hält. „Es manifestiert diese Tabuisierung und Stigmatisierung“, so Laura.

Liebe Welt, wir haben 2022

Ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen wäre ein großer Schritt in die Vergangenheit. Die Strafbarkeit von Abbrüchen ist auch noch nicht ganz auf dem Niveau unseres Zeitalters. Wir müssen für Frauen ein Leben mit Entscheidungsfreiheit ermöglichen. Ein Gesellschaft, in der es akzeptiert wird, seine Schwangerschaft abzubrechen. Die jetzigen Debatten und Gesetzeslagen zeigen: In Demokratien muss sich in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüchen noch einiges verändern.

Beitragsbild: Unsplash/Maria Oswalt

 

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