Toxische Führungskultur: Wenn Angst zur Arbeit begleitet

Arbeiten gehen: Etwas, das zwar sein muss, aber auch Spaß machen darf. Natürlich gibt es Phasen, die stressig sind oder persönlich herausfordern. Wenn dazu aber noch Druck vom Chef kommt, kann das Betroffene im schlimmsten Fall in den Burnout führen.

Ob Machtmissbrauchs-Vorwürfe gegen Ex- Bild Chefredakteur Julian Reichelt oder Anschuldigungen gegen den Intendanten der Berliner Festspiele Thomas Oberender, der Mitarbeiter*Innen während seiner Amtszeit drangsaliert haben soll: In beiden Fällen haben Mitarbeitende angeblich unter der Macht ihrer Vorgesetzten gelitten.

Mit Dienstabtritt Oberenders nach zehn Jahren sind Stimmen von Mitarbeiter*Innen laut geworden, die von psychischem Druck bis hin zum Burn-Out berichten. Zwölf Frauen sollen nach Recherchen des rbb in Oberenders Amtszeit die Tätigkeit in seinem Büro gekündigt haben. Der international gefragte Kulturmanager habe Mitarbeiter*Innen verbal und psychisch unter Druck gesetzt. Oberender, wie auch vor ihm Julian Reichelt, bestreitet die Vorwürfe.

Besonderes Problem im Theaterbetrieb?

Thomas Schmidt, Professor für Theater- und Orchestermanagement in Frankfurt am Main, hat im Jahr 2019 die bislang einzige Studie zum Thema Macht und Struktur am Theater verfasst. Er benennt mehrere Gründe dafür, dass die Unternehmensstrukturen in Theaterhäusern besonders anfällig für Machtmissbrauch sind.

„Man kann sagen, dass der Intendant kaum Kontrollinstanzen hat. Er hat die Entscheidungshoheit über viele Bereiche.“ Dieser Umstand vereine sich mit der spezifischen Unternehmenskultur von Theaterbetrieben. Intendant*Innen verfügen über Ensembles und entscheiden über den Einsatz der Schauspieler*Innen. Damit hätten sie Einfluss darauf, wer eine kleine oder große Rolle bekommt und, sozial gesehen, auch über die Würdigung des Einzelnen.

 „Irgendwann waren alle Mitarbeiter außer mir krankgemeldet“

Von dieser mangelnden Würdigung berichtet auch ein Betroffener, der aufgrund seines Arbeitsverhältnisses gerne anonym bleiben möchte. Der Mann ist Mitte 20 und kommt aus dem Ruhrgebiet. Er ist Berufeinsteiger im sozialen Bereich und Mitglied einer Selbsthilfegruppe für Burn-Out Betroffene.

Er sieht den Ursprung des Drucks in seinem Beruf vor allem in dem Zwang, wirtschaftliche Schieflagen auszugleichen und Belegungszahlen zu erreichen. Dieser Druck sitze den Führungskräften im Nacken. „Irgendwann waren alle Mitarbeiter außer mir krankgemeldet und ich wurde per Dienstanweisung verpflichtet, weitere Dienste zu übernehmen. Solche Situationen wurden oft geschickt unterschwellig kommuniziert. Wenn jemand in einer Notsituation sagt: ‚Sie sind der Einzige‘ und es um Menschen geht.“

Personalmangel sei zudem immer ein Problem gewesen. Das habe auch dazu geführt, dass indirekt geraten wurde, Corona-Tests auszulassen, damit durch einen positiven Test nicht noch mehr Mitarbeitende ausfallen. Der direkte Umgang mit der Leitung sei nach einer Eingewöhnungszeit ebenfalls immer schwieriger geworden. Probleme wurden zwar mit den Leitungen reflektiert, aber: „Je nach Leitung glich das manchmal einem Verhör.“

Isolation, Demotivation, lange Krankheitsphasen

Der Berufseinsteiger berichtet von permanenter Anspannung und Schlafstörungen. „In der akuten Phase habe ich durchschnittlich ungefähr vier Stunden geschlafen. Das ging von schlaflosen Nächten, bis hin zu fünf bis sechs Stunden.“ Er habe einfach nicht abschalten können und sei mental und physisch total erschöpft gewesen. Dazu kamen Konzentrationsprobleme und Selbstzweifel „’Wie soll ich das alles im Dienst abdecken? Stelle ich mich an? Leiste ich genug?‘ Das hat mich immer gedanklich beschäftigt und es gab keinen Cut.“

Die Folgen von Stress, Belästigung und Machtmissbrauch am Arbeitsplatz können nach dem Paper der Biotechnologie-Firma Novartis vielfaltig sein und weitreichende Folgen haben. Verlust des Selbstwertgefühls, psychische und physische Erkrankungen, soziale Isolation oder Demotivation des gesamten Teams, bis hin zum Scheitern der Zusammenarbeit und lange Krankheitsphasen im beruflichen Feld.

Woran erkenne ich ein gesundes Arbeitsklima?

1.) Die Kommunikation läuft transparent und alle Betroffenen werden mit einbezogen.
2.) Es herrscht ein respektvoller Umgang untereinander. Konflikte werden angesprochen und nicht hinter dem Rücken ausgefochten. Vielleicht wirkt ein Betriebsrat unterstützend mit und bietet ein Beschwerde- und Konflikmanagement.
3.) Führungspersonen stellen mit den Beschäftigten Regeln der Zusammenarbeit auf. Nach der gemeinsamen Erarbeitung hängen Sie diese Regeln gut sichtbar für alle aus. So haben Beteiligte die Möglichkeit zur Reflexion.

Quelle: kununu.com, bund-verlag.de, kommitmensch.de

Was tun, wenn ich unter einem ungesunden Arbeitsumfeld leide?

Für Betroffene gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen. Arbeitsrechtliche Hilfe gibt es zum Beispiel bei Betriebsräten oder Mitarbeitervertretungen. Manche Unternehmen investieren zudem in Supervisionen, die das Betriebsklima durch Selbstreflexionen und Beratung verbessern können.

Neben Selbsthilfegruppen und und telefonischen Beratungen wie z.B. der psychologischen Studienberatung, gibt es auch den Bundeverband für Burnout-Prophylaxe. Bundesvorsitzender des Verbands Holger Kracke beschreibt das Beratungsangebot für Betroffene als Hilfe zur Selbsthilfe. „Wir geben keine Anweisungen an Betroffene, was zu tun ist.“ Menschen, die bspw. durch das berufliche Umfeld stark verunsichert und belastet sind, sollen ihre Selbstwirksamkeit wieder entwickeln und spüren, dass sie durch lösungsorientierte Schritte aus schwierigen Lebenslagen hinausfinden.

Wer in einer ähnlichen Situation ist und das Gefühl hat, professionelle Hilfe zu benötigen, kann sich unter den folgenden Nummern melden:

Zentrale Stu­dien­be­ra­tung – Psychologische Stu­dien­be­ra­tung der TU Dortmund: 0231-755 5050

Telefonseelsorge Dortmund: 0800-1110 111

Beitragsbild: headwayio/unsplash

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