Die unbemerkte Seuche: Nie war die Vogelgrippe schlimmer

In diesem Jahr sterben so viele Vögel wie noch nie an der Vogelgrippe. Vieles deutet darauf hin, dass uns diese Krankheit lange begleiten wird. Sind Wildvögelbestände dadurch gefährdet? Und wie können Landwirt*innen ihr Geflügel schützen? 

Im Schatten des Coronavirus tobt aktuell ein weiteres Virus: die Vogelgrippe. Es ist der schwerste Ausbruch, den es jemals in Deutschland gegeben hat. Biologin Elke Reinking vom Friedrich-Löffler-Institut berichtet, welche Dimensionen diese Krankheitswelle bereits angenommen hat. „Seit Anfang Oktober letzten Jahres wurden über 250 verendete Wildvögel in Deutschland erfasst. Außerdem sind beinahe 60 Geflügelzuchtbetriebe betroffen.“

In NRW ist die Situation noch vergleichsweise entspannt. Nach derzeitigem Stand des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) gibt es keine Neuinfektionen unter Hausgeflügel seit Dezember. Doch auch hier ist man alarmiert. Denn jederzeit kann es zu neuen Infektionen kommen – und im Winter fühlt sich der Erreger besonders wohl.

Das Vogelgrippe-Virus bleibt – vielleicht für immer

Die Geflügelpest ist in der Vergangenheit immer wieder unterschiedlich stark ausgebrochen. Doch diesmal übersteigen die Fälle die bisherigen Höchstwerte aus dem Jahr 2006. Irgendetwas scheint diese Virusvariante, H5N1, von den vorherigen zu unterscheiden. Normalerweise verschwindet der Erreger während des Sommers aus Nord- und Mitteleuropa, um dann im Winter zurückzukehren. Angesichts der vielen verendeten Vögel im Herbst vermutet Reinking aber, dass das Virus im Vorjahr „übersommern“  konnte und Deutschland nie verlassen hat. Das ist beunruhigend, denn wenn sich die Seuche verstetigt, könnte sie zu einem fortwährenden Problem werden.

Entscheidend ist, wie sich die Lage im Sommer entwickelt. Wütet das Virus weiter ungebremst, hieße das, dass die Vogelgrippe endemisch geworden ist. Dann trtäten Infektionen künftig beständig auf einem hohen Niveau auf – mit weitreichenden Konsequenzen. In gewissen Regionen (vor allem dort, wo sich viele Wildvögel tummeln) wäre vielleicht keine Geflügelzucht mehr möglich. Denn meistens gilt: Ist ein Vogel infiziert, ist der Tod gewiss.

Für Menschen ist die Vogelgrippe ungefährlich

Bisher deute nichts darauf hin, dass die aktuell Virusvariante H5N1 ein gesundheitliches Risiko für Menschen darstellt. Es ist sind nur wenige Fälle aus Russland und Großbritannien bekannt, in den sich Menschen mit einer Art der Geflügelpest infiziert haben. „Ohne die Erkrankung dieser Menschen trivialisieren zu wollen, spricht einiges dafür, dass besondere Umstände, wie sehr enger Kontakt zu dem Geflügel, zu einer Infektion geführt haben“, sagt Reinking.

Gefährdet die Geflügelpest die Artenvielfalt?

Aufgrund der hohen Sterberate unter infizierten Vögeln wächst die Sorge vor einem Artensterben bei Wildtieren. Noch sei es zu früh, um die Konsequenzen für die Artenvielfalt in Deutschland zu beurteilen, erklärt Kathrin Schidelko von der Nordrhein-Westfälischen Ornithologengesellschaft. Kurzfristig würden die Wildvogelbestände vermutlich einbrechen. Dies sei aber auch eine Frage des Maßstabs. Betrachte man alle Wildvögel, die in Europa leben, sei der Einfluss des Virus bisher kaum spürbar. Dennoch könne es in einigen Gegenden durchaus zu Verschiebungen kommen. In Israel zum Beispiel sei die Population der Kraniche deutlich geschrumpt. „Es ist nicht unrealistisch, dass die Vogelgrippe eine Gefahr für die Artenvielfalt darstellen kann“, so Schidelko.

Oberste Priorität: Eindämmung!

Und wie sieht es bei Nutztieren aus? Im Unterschied zu anderen Krankheiten schädigt das Virus das Geflügel unmittelbar. Bei Hennen bricht die Legeleistung innerhalb weniger Tage ein, sie fressen nicht mehr, leiden unter Atemnot und torkeln mit struppigem Gefieder herum. Binnen kürzester Zeit erliegen sie der Seuche.

In der Geflügelhaltung kann man einen Ausbruch schnell erkennen. Sterben mehr Tiere als im „normalen“ Betrieb, nehmen die Höfe Kontakt zum Veterinäramt auf. Was dann passiert, ist strikt durch EU-Richtlinien festgelegt. Werden Vogelpesterreger nachgewiesen, ist die oberste Priorität die Eindämmung der Krankheit. Meist müssen in dem Betrieb sämtliche Tiere getötet werden. Im Kreis Vechta, in Niedersachsen, beispielweise wurden auf einem Hof vor Weihnachten sechs Puten positiv auf das Virus getestet. Daraufhin musste alle 12.000 Tieren gekeult werden.

Balanceakt zwischen Seuchenschutz und artgerechter Haltung

Tobias Erve ist Landwirt und arbeitet im eigenen Familienbetrieb, dem Steffenhof in Dortmund. Auch sie halten Hühner. Er beobachtet die Lage gelassen, beeinflussen kann er das Infektionsgeschehen ohnehin nicht. „Näher rücken kann das immer. Das kann passieren, muss aber auch nicht.“

Seine Tiere zu schützen, ist nicht einfach. Erve vertraut auf die grundsätzlichen Maßnahmen zur Biosicherheit, wie dem unmittelbaren Umziehen vorm Betreten des Stalls. Das ist besonders wichtig, da die Landwirt*innen Erreger oft über die Kleidung zum Geflügel bringen. Erves Hühner haben aber Freilauf und können sich somit leichter anstecken. Die Tiere zu ihrem Schutz im Stall zu lassen, kommt ohne behördliche Genehmigung aber nicht in Frage, wenn der Bauer sein Freiland-Siegel behalten möchte. Erve geht es da so wie allen Bio- und Freilandbetrieben. Sollte die Krankheit tatsächlich endemisch werden, müsste die Politik auch über eine Anpassung der EU-Vorschriften diskutieren – ein Balanceakt zwischen Seuchenschutz und artgerechter Haltung.

Teaser- und Beitragsbild: pixabay.com/Alexas_Fotos, lizenziert nach CC.

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