Kommentar: Physisch oder psychisch – Krank ist krank

“Ach, der hat ja eh ein Rad ab. Er ist ja schließlich auch in einer Therapie”. Nicht zum ersten Mal habe ich so eine Aussage gehört. Immer wieder bekomme ich dieses Schwarz-Weiß-Denken mit: Wer in Therapie ist, ist nicht ganz richtig. Leute, die in einer stationären Behandlung sind, sind vollkommen irre. Solche Aussagen können doch in der heutigen Zeit nicht mehr richtig sein.

Immer noch ein Tabu-Thema

Man könnte meinen, dass sich die Einstellung in Bezug auf Therapien in den letzten Jahren gewandelt hat und die Toleranz gestiegen ist. Schlagzeilen wie “Noch nie war die psychische Versorgung so gut” unterstützen diese These. Zudem hört man häufig, dass es in anderen Ländern, wie zum Beispiel in Brasilien, ein viel größeres Problem ist und da wirkt unser Land im Vergleich manchmal sehr fortgeschritten.

Aber auch in Deutschland zeigt sich ganz klar: Wer in psychotherapeutischer Behandlung war oder ist, muss mit vielen Nachteilen rechnen. So ist zum Beispiel das Abschließen einer Berufsunfähigkeitsversicherung nach einer Therapie häufig erst einmal nicht mehr möglich. Viele Versicherungen akzeptieren die Interessenten häufig nicht und es kann zu einer Wartezeit bis zu fünf Jahren kommen. Da lässt sich definitiv nicht von einer Toleranz für psychische Probleme reden. Man muss dort ja auch nicht angeben, ob man in den letzten fünf Jahren den Arm gebrochen hatte. Auch hier in Deutschland fehlt es an einigen Stellen noch an Toleranz. Es muss noch Einiges getan werden.

Einfach mal mehr darüber reden

Julia Engelmann singt in ihrem Lied “Grapefruit”: “Wenn du einen Beinbruch hast, gehst du auch zum Orthopäden. Wieso kannst du dann nicht auch mal mit ‘nem Psychologen reden?” Eine psychische Krankheit sollte meiner Meinung nach nichts anderes sein, als eine physische und doch treffe ich immer wieder auf negative Konnotationen. Ich habe noch nie mitbekommen, dass irgendwer das Thema offen angesprochen hat. Immer scheint eine gewisse Angst mitzuschwingen, von dem Gegenüber verurteilt zu werden.

Und dabei sollte es genau das Gegenteil sein: Man sollte von seinen Depressionen genauso erzählen können, wie von einer Mittelohrentzündung und von seiner Stunde bei dem Psychotherapeuten genauso berichten können, wie von dem Besuch beim Zahnarzt. Häufig wird das Thema jedoch verschwiegen. Dabei könnte es so einfach sein, zu seinen Freunden zu sagen: “Ey Leute, ich hab mich übrigens für eine Therapie entschieden” und alle sollten positiv darauf reagieren. Ja, sogar stolz auf die Person sein.

Hier könnt ihr euch Hilfe suchen:
  • An der Uni: Zentrale Studienberatung – Psychologische Studienberatung
    Tel.: 0231 755-5050
    (Telefonische Sprechzeiten: Montag bis Freitag 8:30 – 9:00 Uhr)
    Mehr Infos gibt es hier
  • In Dortmund: Insgesamt 12 Anlaufstellen des „Psychologischen Beratungsdiens“
    Eine Übersicht findet ihr hier

Sich Hilfe zu holen, ist mutig und schlau

Nach einem Bericht der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde vom Juli 2019 sind jedes Jahr in Deutschland mehr als ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen, das heißt also knapp 18 Millionen Menschen. Allerdings nehmen laut dem Bericht nur 18,9 Prozent von den Betroffenen Hilfe in Anspruch.

Auch schon im Studium

Ein Bericht von der Krankenkasse Barmer aus dem Jahr 2018 stellt fest: Zirka jeder sechste Studierende ist psychisch krank. Wenn man sich ein Seminar mit 30 Leuten vorstellt, sind also theoretisch 5 davon psychisch krank. Wir sind also auch in unserem Uni-Alltag von psychischen Problemen umgeben. Häufig können sie auch der Auslöser für einen Studienabbruch sein und dennoch wird es selten diskutiert. Und wenn es mal angesprochen wird, dann kann es schnell auch in eine Richtung gehen, in der die Betroffenen mit seinen Problemen im Studium nicht ernst genommen werden, ganz nach dem Motto: “Ach, dann ist das vielleicht nicht das richtige Studium für dich.” Dass es dabei gar nicht um den Studiengang geht, sondern es sich um eine richtige Krankheit handelt, sehen viele nicht.

Eine Freundin von mir belegt gerade ein Seminar an ihrer Uni in Kanada, in dem es darum geht, wie man mit Freunden umgeht, die psychische Probleme haben. Dort wird über das Thema auch im Uni-Alltag viel gesprochen. Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen. Noch mehr Aufklärungsarbeit betreiben, das Thema ernst nehmen und es offen ansprechen.

Ach, du auch?

Bei so vielen Betroffenen in Deutschland ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir alle jemanden kennen, der an psychischen Problemen leidet oder dass wir eventuell sogar selbst betroffen sind und es uns vielleicht nicht eingestehen. Und warum wissen wir es nicht? Weil wir nicht darüber sprechen. Weil es immer noch ein Tabu-Thema ist. Und weil wir Angst haben, verurteilt zu werden. Doch lasst es uns thematisieren. Und schon werden wir sehen: Es ist überhaupt nicht schlimm. Wenn man es offen anspricht, kann man auf Verständnis treffen und dann wird es sein wie bei einem Beinbruch und einer sagt: “Ach, das hatte ich auch”.

Beitragsbild: Dan Meyers/ Unsplash

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