Soll ich dich siezen oder passt Ihnen das Du?

Jeder hat ihn schon erlebt, diesen verzwickten Moment, wenn man einer Person nur eine Frage stellen möchte – und plötzlich nicht weiß, ob man mit ihr schon beim Du ist oder sie doch lieber noch siezen sollte. Schnell landet man dann bei Sätzen wie „Ich bräuchte einmal den Kugelschreiber dort drüben, bitte“, weil man die direkte Anrede vermeiden möchte.

Egal, ob im Praktikum, im Nebenjob oder auch im Privatleben: Immer wieder kommt es vor, dass wir nicht wissen, welche Ansprache die Richtige ist. Als Studierende schweben wir irgendwie in einer Art Zwischenphase: Einerseits sind wir zu alt, um automatisch geduzt zu werden, andrerseits fühlt es sich auch komisch an, Menschen im gleichen Alter zu siezen. Und wenn dann noch der Chef ins Spiel kommt, die strenge Mutter der besten Freundin oder der freundschaftlich wirkende Professor, dann ist die Verwirrung komplett. Deshalb haben wir euch gefragt „Welche unangenehmen Situationen hattet ihr schon mal beim Thema Du und Sie?“ und checken mit „Höflichkeits-Expertin“ und Chefredakteurin vom Großen Knigge, Alexandra Sievers, was sich in Sachen Anrede gehört und was nicht.

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Quelle: Privat

Der Große Knigge ist ein Ratgeber zum Thema Umgangsformen. Er fasst das zusammen, was heute zu guter Etikette gehört und gibt eine Orientierung für Verhaltensweisen. Der Ursprung des Knigge, wie man ihn heute kennt, liegt bei Adolph Freiherr von Knigge, der im 18. Jahrhundert sein Werk „Über den Umgang mit Menschen“ geschrieben hat.

Alexandra Sievers ist Chefredakteurin des Großen Knigge und hat einen Leitfaden zum Thema Siezen und Duzen verfasst. Außerdem ist sie zertifizierte Trainerin für Business-Etikette und Vorstandsmitglied der deutschen Knigge-Gesellschaft.

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Kann ich das Thema einfach offen ansprechen?

Tobias Kreutzer siezt vorsichtshalber. Wenn er sehr unsicher ist, vermeidet er die Anrede.

„Manchmal versuche ich gerade bei älteren Leuten, sie nicht direkt mit Namen anzusprechen und das Problem mit dem Sie und Du irgendwie zu überspielen.“ — Tobias Kreutzer (24), Philosophie und Politikwissenschaftsstudent an der TU Dortmund.

Alexandra Sievers kennt das Problem. Dennoch sagt sie ganz klar: „Das gegenseitige Anreden, am besten mit dem Namen, gehört einfach dazu. Jeder Mensch hört gerne seinen Namen – und wer ihn damit anspricht, weckt nicht nur seine Aufmerksamkeit, sondern sammelt auch Sympathiepunkte.“ Wenn man sich nicht sicher sei, könne man ohne Probleme so was sagen wie: „Ich habe festgestellt, dass sich hier im Unternehmen alle duzen. Wenn das so ist, würde ich mich gerne anschließen.“

Vor allem Unternehmen neigen immer mehr dazu, hierarchieübergreifend zu duzen, den Chef eingeschlossen. Das soll den vertrauensvollen Umgang untereinander stärken und flache Hierarchien unterstreichen. Trotzdem gelten weiterhin einige Regeln im Beruf, auf die Alexandra Sievers hinweist: „Der in der Hierarchie Höhergestellte bietet dem Niedrigergestellten das Du an. Auf gleicher Hierarchieebene bietet der Ältere dem Jüngeren, beziehungsweise der, der schon länger in der Firma ist, das Du an.“ Als Neuling in einer Firma sollte man also warten, ob einem das Du angeboten wird. „Im Zweifel ist das ‚Sie‘ immer der sicherere Weg“, sagt Sievers.

Was, wenn mich mein Gegenüber einfach duzt?

Mareike Tegethoff war sich jahrelang unsicher,

ob sie ihre Klavierlehrerin duzen oder siezen soll.

„Ich habe jahrelang Klavier gespielt und wusste bis zum Schluss nicht, ob ich meine Klavierlehrerin siezen oder duzen soll und irgendwann war es einfach zu spät zum Fragen. Ich selbst wurde immer von ihr geduzt.“ — Mareike Tegethoff (20), Studentin der Angewandten Kultur- und Literaturwissenschaften.

Alexandra Sievers: „Die Grundregel ist: Die Anrede sollte unter Erwachsenen immer auf Augenhöhe erfolgen! Deshalb ist es zwar von vielen jüngeren Menschen nett gemeint, einem Älteren das einseitige Du anzubieten, aber nicht in Ordnung. Denn theoretisch müsste der Ältere dann von sich aus ebenfalls das Du anbieten.“

Auch im Berufsleben gilt: „Grundsätzlich ist ein einseitiges Du unhöflich und respektlos. Wer duzt, sollte also auch damit rechnen, dass er zurückgeduzt wird. Wenn man also als Praktikant oder studentische Hilfskraft von jüngeren Mitarbeitern geduzt wird, kann man ruhig zurück duzen. Wenn die andere Person Sie darauf anspricht, können Sie selbstbewusst antworten: ‚Da Sie mich geduzt haben, habe ich das als Angebot zum gegenseitigen Du betrachtet. Wenn es Ihnen lieber ist, können wir gerne beide Sie zueinander sagen‘. Damit haben Sie das einseitige Du gleich unterbunden“
Aber Achtung: „Ältere Mitarbeiter und Vorgesetzte sollten nicht zurückgeduzt werden. Da warten Sie lieber, bis Ihnen das Du ausdrücklich angeboten wird.“

Muss ich als Lehrerin die Schüler alle siezen?

Isabelle Molitor fiel es sehr schwer, ihre Schüler zu siezen.

„Wir hatten mal ein Projekt an einer Berufsschule. Da mussten wir die Schüler siezen, obwohl sie genau so alt waren wie wir. Das ist mir sehr schwer gefallen. Da wurde sogar manchmal ein Schild von den Lehrern hochgehalten, um uns an das Siezen zu erinnern.“ — Isabelle Molitor (25), Lehramtsstudentin an der TU Dortmund.

Alexandra Sievers: „In der Schule besteht für Lehrer die Pflicht, ihre Schüler ab der 10. Klasse zu siezen, außer die Schüler sagen ausdrücklich, dass es beim Du bleiben soll.“ Generell sei es so, dass das Sie mehr Distanz herstelle als das Du: „Gerade wenn Lehrer und Schüler fast gleich alt sind und sich bei einer privaten Begegnung sicher duzen würden, kann das Siezen im Unterricht förderlich sein. Die Lehrkraft ist in diesem Fall nicht Teil des Teams, sondern Leit- und Führungsfigur. Diese Distanz wird durch das gegenseitige Sie verdeutlicht.“

Wie sieht’s bei E-Mails und am Telefon aus?

Laura Benthaus hatte im Praktikum eine unangenehme Situation mit dem Du und Sie.

„Ich habe im Praktikum mal eine E-Mail an jemanden geschrieben, den ich nicht persönlich kannte. In dem Unternehmen war das Duzen zwar üblich, trotzdem habe ich in der Mail die Sie-Anrede benutzt. Später habe ich den Mitarbeiter getroffen, und er sagte dann belustigt: ‚Du kannst übrigens auch Du zu mir sagen.‘ Das war mir etwas unangenehm.“ — Laura Benthaus (20), Studentin der Angewandten Sprachwissenschaften.

Alexandra Sievers: „Grundsätzlich gilt, dass ich für eine Person auf allen Kommunikationswegen dieselbe Anrede benutze. Bin ich mit ihr per Du, nutze ich das Du also sowohl im Brief als auch in der E-Mail, am Telefon und auch im persönlichen Gespräch. Genauso verfahre ich, wenn ich mit der Person per Sie bin. Die Ausnahme: Ich bin mit jemandem privat per Du und schreibe ihn geschäftlich an. Dann kann das Sie angebracht sein, zum Beispiel, wenn der Brief oder die E-Mail einen offiziellen Charakter hat und mein Schreiben auch von anderen Personen aus dem beruflichen Umfeld gelesen wird.“

Die fünf wichtigsten Regeln im Überblick

  • Der deutlich Ältere bietet dem deutlich Jüngeren das Du an, und niemals umgekehrt.
  • Wenn Dich jemand duzt: Immer abwägen, wer da vor Dir steht. Der gleichaltrige Praktikant? Zurückduzen! Der dreißig Jahre ältere Chef? Beim Sie bleiben, bis er Dir das Du anbietet! (Nichts ist unangenehmer als der Satz „Ich möchte aber bitte gesiezt werden“)
  • Wenn Du Dir unsicher bist, ist offen und direkt Nachzufragen fast immer die beste Lösung. Wenn Du Dich nicht traust, zum Beispiel deinen Chef direkt zu fragen, dann können vielleicht auch Kollegen helfen.
  • Lehrkräfte im Seminar oder im Unterricht siezen, privat kann man dann nach Bedarf zum Du zurückkehren.
  • Beim Telefonieren und E-Mail-Schreiben gilt die gleiche Anrede, die auch persönlich Usus ist. Ausnahme: Die Mail soll offiziell wirken.
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Wenn ihr mehr zum Thema Knigge und Umgangsformen erfahren wollt, bietet das Studierendenwerk Dortmund Donnerstagabend (18. Mai 2017) von 17 bis 20 Uhr einen Knigge-Abend an. Dort geht es um gutes Benehmen beim Vorstellungsgespräch und bei Tisch. Karten gibt es in der Mensa Sonnenstraße an der Fachhochschule oder im Mensagebäude auf dem Campus Nord.

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Beitragsbild: flickr.com/ Dave Linscheid (Lizenziert nach Creative Commons), Bearbeitung: Mona Ameziane
Bilder im Beitrag: Patricia Friedek

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