Darum stecken sich immer noch zu viele Menschen mit HIV an

„Viele denken immer noch, dass Aids ein schwules Problem ist“, sagt Tim Wegner von der Aidshilfe Dortmund. Ist es aber nicht. Vor allem Heterosexuelle unterschätzen das Risiko und verhalten sich leichtsinnig beim Thema Sex. 

Der Welt-Aids-Tag am 1. Dezember soll wachrütteln. Denn die sexuell übertragbare Krankheit ist in den letzten Jahren trotz vieler Kampagnen in den Hintergrund gerückt. „Gerade junge Leute denken: Ich nehme die Pille und dann ist gut“, sagt Tim Wegner. Er leitet den Bereich „Prävention“ der Aidshilfe Dortmund. „Ich habe den Eindruck, dass die Risikobereitschaft wieder zugenommen hat.“

Aids „nur noch eine Randnotiz“

Genauso wie Tim Wegner kümmert sich auch Prof. Dr. Norbert Brockmeyer täglich um Menschen, die sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten infiziert haben. Er arbeitet im Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin des Bochumer Universitätsklinikums. Der Mediziner ist der Ansicht, dass die Sensibilität für das Thema fehlt: „Die Leute meinen: Mich kann es ja eh nicht treffen“. Der Hype um das Thema, den es um die Jahrtausendwende noch gab, habe nachgelassen. Aids sei inzwischen „nur noch eine Randnotiz“.

Die aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Institutes bestätigen die Erfahrungen der beiden. 3100 Neuinfektionen gab es 2016 in Deutschland — damit bleibt die Zahl seit zwar seit Jahren konstant, sinkt aber nicht.

Ein weiteres Problem: Bei Heterosexuellen steigen die Neuinfektionen seit 2010 an. Bis 2016 haben sie sich auf etwa 750 fast verdoppelt. Bei ihnen sei der Scham noch deutlicher höher als bei den Männern, die Sex mit Männern haben, sagt Brockmeyer. „Homosexuelle Männer hören viel häufiger etwas zu dem Thema und haben womöglich auch Freunde, die selbst betroffen sind.“ Vorurteile und Angst gibt es trotzdem: „HIV-Positive werden immer noch stigmatisiert“, sagt Tim Wegner, der Betroffene berät.

So engagiert sich das Schwulenreferat der TU Dortmund

Diagnose wird oft erst spät gestellt

Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass 12.700 Menschen in Deutschland zwar mit HIV infiziert sind, das aber gar nicht wissen. Bei ihnen wurde die Krankheit bisher nicht diagnostiziert. Vor allem bei heterosexuellen Männern würden Ärzte selbst bei klassischen Symptomen oft nicht daran denken, einen HIV-Test zu empfehlen. 

Wer nicht von der Krankheit weiß, kann weder sich selbst noch andere informieren und schützen. Noch immer haben Männer, die Sex mit Männern haben, das größtes Risiko, sich mit dem HI-Virus anzustecken – trotz rückläufiger Zahlen. Im vergangenen Jahr infizierten sich 2.100 homosexuelle Männer mit HIV. 2006 waren es noch 400 mehr. Insgesamt macht die Gruppe in Deutschland aber weiter den größten Teil der HIV-Infizierten aus.

Tim Wegner von der Aidshilfe hat den Eindruck, dass vor allem „die jungen Schwulen und Bisexuellen nachlässiger werden“. Zwar würden sich immer mehr testen lassen. Trotzdem müssten es weitaus mehr sein, die am besten zweimal pro Jahr prüfen lassen, ob sie infiziert sind.

„Anti-Aids-Pille“ soll vor Infektion schützen

Damit es erst gar nicht zu einer Infektion kommen kann, setzen Ärzte wie Prof. Dr. Norbert Brockmeyer nun auf kleine blaue Tabletten. Die sogenannten „Prep-Pillen“ sind für Menschen mit besonders hohem HIV-Risiko gedacht — also zum Beispiel häufig wechselnde Sex-Partner haben.

Die Pillen verhindern die Vermehrung des HI-Virus im Körper. Laut der Deutschen Aidshilfe verhindert das Präparat eine HIV-Infektion beim Sex so zuverlässig wie Kondome. Vor anderen sexuell übertragbaren schützt es allerdings nicht.

Seit Oktober kostet das Medikament 50 Euro pro Monat, vorher waren es 800 Euro. Brockmeyer kennt bereits Studien zur Wirkung der „Anti-Aids-Pille“ aus den USA und England: „Die belegen, das wir damit die Zahl an Neuinfektionen deutlich senken können – auch in Deutschland.“

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Beitrags- und Teaserbild: Pia Billecke

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