Blind und völlig normal

Blinde Menschen werden von anderen oft als hilflos wahrgenommen. Das ärgert viele Bilde, denn oft können sie ein eigenständiges Leben führen.

„Wahnsinn, ich finde das so bewundernswert, wie du das machst!“ – Diesen Satz hört Kevin Barth gar nicht gerne. Seit seiner Geburt ist er blind – und fühlt sich im Vergleich zu sehenden Menschen nicht benachteiligt. Zum Sehbehindertentag gibt er Anregungen für einen besseren Umgang miteinander.

„Ach, heute ist Tag der Sehbehinderten? Wusste ich gar nicht!“, sagt Kevin zur Begrüßung. Er findet solche Tage sowieso überflüssig. Für ihn ist das wie ein Fingerzeig. „Wir sind doch keine Produkte, die man faszinierend findet, sondern ganz normale Menschen.“ Sehbehinderte werden in der Gesellschaft häufig noch wie ein Kuriosum betrachtet. Egal, ob Gespräche unterbrochen werden, sobald jemand mit einem weißen Stock um die Ecke biegt, oder ganz ungefragt gesagt wird, wie bewundernswert mit dem „ach so schweren Los“ einer Blindheit umgegangen werde – Sehbehinderte wie Kevin bekommen beides natürlich über ihr Gehör mit. Und es ist einfach unangenehm und unangebracht.

Tag der Sehbehinderten
Kevin Barth studiert Journalistik an der TU Dortmund und ist ein richtiger Dart-Nerd

Ein bisschen mehr Entspannung, bitte!

Andere reagieren sehr unsicher und sehen sich dann häufig mit abweisendem Verhalten seitens der Sehbehinderten konfrontiert. „Oft machen sich die Menschen ein ganz eigenes Bild davon, was Sehbehinderte können und was nicht“, sagt Kevin. Dabei kann vieles über das Gehör ausgeglichen werden. Ob zum Beispiel an einer roten Fußgängerampel ohne Barrierefreiheit noch Autos fahren oder nicht, lässt sich ohne Hilfsmittel einfach über das Gehör feststellen. Kevin nutzt fast ausschließlich die öffentlichen Verkehrsmittel, weil er sich seine Unabhängigkeit bewahren will. Wenn er dann einmal länger zum Einsteigen braucht, weil er mit seinem Stock nicht durch das Gedränge am Bahnsteig zu seinem gewohnten Platz gehen kann, wird das manchmal mit Hilflosigkeit verwechselt. „Am besten ist es, einfach zu fragen, ob Hilfe benötigt wird“, sagt er. Überschwängliche Hilfsbereitschaft und ungefragter Körperkontakt können unangebracht sein: „Wer nicht richtig mit einem Blinden spricht, weiß ja gar nicht, ob er ihn nicht gerade sogar in die falsche Bahn bugsiert.“

Es gibt viele Arten von Sehbehinderten und jeder Sehbehinderte ist anders. Ein Patentrezept für den richtigen Umgang gibt es also nicht, da ist Fingerspitzengefühl gefragt – so wie in eigentlich jeder zwischenmenschlichen Interaktion. Für Kevin ist ganz klar: „Am wichtigsten finde ich Offenheit. Dass man miteinander spricht. Auch Sehbehinderte müssen klar kommunizieren und aufklären. Zu viele reagieren unwirsch auf die Unsicherheiten. Es braucht eine Annäherung von beiden Seiten. Von dem fehlenden Augenkontakt sollte man sich nicht irritieren lassen. Der ist ja für Sehende eigentlich sehr wichtig, aber manchmal kann man eben keinen Augenkontakt aufbauen.“ Insgesamt wünscht er sich eine größere Selbstverständlichkeit.

Warum die Selbstverständlichkeit?

Kevin findet, dass die Gesellschaft einfach wenig Erfahrung mit Sehbehinderten hat, wodurch sich Berührungsängste entwickeln. Er hat seine gesamte Schullaufbahn auf speziellen Schulen für Sehbehinderte verbracht. „Ich hätte mir gewünscht, auf eine integrative Schule zu gehen, aber schon mein Grundschullehrer war überfordert“. Durch die Blindenschulen wachsen die Sehbehinderten zwar unter gleichen Bedingungen auf, werden aber dann nach dem Abschluss ins kalte Wasser geworfen. Zumindest hat Kevin das so erlebt, als er nach dem Abitur mit dem Studium an der TU anfing. „Auch heute, nach fünf Jahren, habe ich noch nicht das soziale Umfeld, was ich mir eigentlich wünschen würde.“ Aktiv Kontakt zu anderen Sehbehinderten sucht er nicht. Es gehe ihm nicht darum, ob ein Mensch eine Behinderung hat oder nicht. Im Gegenzug möchte er von seinen Mitmenschen auch nicht als „der Kevin, der blind ist“ gesehen werden: „Meine Sehbehinderung soll nicht das Maß der Dinge sein, mit der man mich betrachtet“.

Dank Hilfsmittel ein ganz normaler Alltag

Mit welchen technischen Möglichkeiten Sehbehinderte ganz normal am Alltag teilnehmen, hat Kevin uns auch gezeigt. Für den Computer gibt es eine Software, die die Bildschirminhalte vorliest. Navigiert wird ausschließlich mit der Tastatur. „Die Software ist so teuer, dass ich sie mir von der Krankenkasse bezahlen lassen muss. Mit Smartphones ist das deutlich günstiger“, sagt Kevin. Die teuren behindertengerechten Tastentelefone wurden längst von ganz normalen Smartphones eingeholt: „Als das losging mit den eleganten Touchscreens, wollte ich natürlich auch viel lieber ein Smartphone haben. Zuerst war ich skeptisch, ob das überhaupt geht, aber es ist super bequem“. Über die vorinstallierte Voice-Over-Funktion werden auch beim iPhone Bildschirminhalte vorgelesen und akustische Anweisungen zur Bedienung gegeben. Beim einmaligen Berühren ertönt der Name der App, bei Doppelklick wird sie geöffnet. Somit ist mittlerweile so gut wie jede App für Sehbehinderte nutzbar. Auch Emojis können so ohne Probleme erkannt werden. Kevin hat sich die Abspielgeschwindigkeit hoch eingestellt, da es ihm sonst viel zu langsam geht. Wer daran nicht gewöhnt ist, hat manchmal Probleme zu folgen.

Wie das Voice-Over zum Beispiel die Wettervorhersage vorliest, könnt ihr hier hören:

Auch Chatverläufe bei WhatsApp, inklusive Emojis, werden auf diese Art vorgelesen. Wir haben euch drei Emojis zum Probehören herausgesucht:

 

So sieht der Herzaugen-Emoji aus.
Oben hört Ihr, wie der Herzaugen-Emoji beschrieben wird.

 

So sieht der Heiligenschein-Emoji aus.
Oben hört Ihr, wie der Heiligenschein-Emoji beschrieben wird.

 

So sieht der Affen-Emoji aus.
Oben hört Ihr, wie der Affen-Emoji beschrieben wird.

Für die Nutzung muss der Ton nicht laut eingestellt sein. Kevin hält sich das iPhone einfach mit dem Lautsprechern direkt ans Ohr. Die automatische Displayverdunkelung hat er dabei vorsorglich aktiviert: „Ich habe mir einmal mit leuchtendem Display einen Chat vorlesen lassen und mitgehört, wie eine alte Dame hinter mir meinte: ‚Schau mal, Hartmut, der Blinde da kann sich seine Nachrichten vorlesen lassen!‘ Damit nicht genug fing sie auch noch an, meine privaten Nachrichten laut vorzulesen. So passiert mir das nicht nochmal!“

 

Teaser- und Beitragsbild: flickr.com/angledblinds, lizenziert nach CC. Verändert durch die Einbindung von Schriften.

Bild von Kevin: Privat. Die Emojis sind Screenshots aus dem What’sApp-Messenger.

 

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