Ein Fingerschnipp zur „Traum-Welt“

Wie es ist, im Traum alles tun zu können, das weiß Jonas Pongratz. Der 22-Jährige kann seine Träume selbst steuern. Seit vier Jahren ist er Klarträumer und gibt auf Youtube Tipps, wie man selbst einer wird.

In seinem ersten Klartraum sitzt Jonas Pongratz in der Schule: Erdkunde-Unterricht. Er wundert sich, denn es ist Wochenende. Als Jonas versteht, dass die Szene nicht echt ist, wacht er auf. Nur wenig später schläft er wieder ein. Wieder sitzt er im Klassenraum. Er sieht sich um und bemerkt, dass ihm nichts und niemand bekannt vorkommt. Weder die Schülerinnen und Schüler noch die Lehrerin oder das Gebäude. Er steht auf, will fliegen. Seine Beine lösen sich vom Boden, aber sein Oberkörper möchte nicht mitziehen. Jonas schwebt kopfüber. Es dauert, bis er sich aufrichten kann. Wenig später schwebt er über dem Schulgebäude. In der Luft spürt er den Wind. Er blickt nach unten und entdeckt ein Mädchen, für das er seit einiger Zeit schwärmt. Als er hinabgleitet, um es zu küssen, wacht er erneut auf.

In diesem Traum konnte Jonas selbst entscheiden, wie er handelt. Ein Indiz dafür, dass er einen sogenannten ,,Klartraum“hatte. Die Schlafforschung geht davon aus, dass Klarträumer eine fast vollkommene Kontrolle über das haben, was im Schlaf passiert. Experten bezeichnen das Phänomen als luzides Träumen. Den Träumenden ist hierbei bewusst, dass sie träumen. Das können sie nutzen, um ihre Traumwelt zu beeinflussen – oder um sie zu beobachten, was für viele Menschen den Reiz darin ausmacht.

 „Klarträumen ist lernbar wie Fahrradfahren“

 Jonas Pongratz ist 18 Jahre alt, als er das erste Mal klarträumt. Kurz zuvor hat er den Film Inception gesehen und sich gefragt, ob das Gezeigte funktionieren kann. In dem Thriller von Christopher Nolan können die Hauptpersonen ihre Traumwelt für eigene Zwecke manipulieren. Im Internet recherchierte Jonas in Videos, Wikis und Foren. Kurz darauf hat er seinen ersten Klartraum – ohne sich eine Methode dafür angeeignet zu haben. „Ich habe mich einfach extrem dafür interessiert und dadurch hat es funktioniert. So geht es auch vielen Zuschauern meiner Videos“, sagt er. Auf seinem YouTube-Kanal „Kylonas“ setzt sich der 22-Jährige mit dem Klarträumen auseinander.

Jonas Pongratz alias „Kylonas“ zeigt auf YouTube wie man luzides Träumen erlernen kann.

Als er 2013 mit seinem Kanal startet, ist Jonas der erste deutsche Klartraum-Youtuber, sein Kanal zählt rund 5000 Abonnenten. Mit seinen Videos will er zum luziden Träumen motivieren und bestimmte Techniken vorstellen. „Ich versuche zu zeigen, dass Klarträumen normal ist und man es wie Fahrradfahren lernen kann“, sagt er. Auf seinem Kanal zeigt er nicht nur, wie man selbst luzide träumen kann, sondern erzählt auch von eigenen Erfahrungen und beantwortet Fragen seiner Zuschauerinnen und Zuschauer.

„Das Gefühl, so etwas zu erschaffen, ist unfassbar“

Seinen schönsten Klartraum hatte Jonas Pongratz vor zwei Jahren. „Ich bin bei mir Zuhause gestartet und geflogen. Als ich in der Luft war, wollte ich austesten, wie hoch ich fliegen kann“, erzählt er. Irgendwann kam er im Weltall an und bemerkte, dass er immer höher fliegen konnte. Die Erde unter ihm wurde kleiner. „Dann habe ich darüber nachgedacht, dass es cool wäre, einen Planeten zu erschaffen. Ich habe einen Knetball geformt und ins All geworfen. Mit einem Fingerschnipp habe ich dort Wälder und Städte entstehen lassen“, sagt der Youtuber.

Weil die Städte menschenleer waren, brachte er mit einem Gedanken Leben hinein. „Das war ein sehr überwältigender Moment. Von einem Moment auf den anderen war pures Leben um mich herum. Fahrende Autos, Menschen, ein Blumenladen. Das Gefühl, so etwas zu erschaffen, ist unfassbar.“

„Es gibt keine goldene Pille“

Nicht alle lernen so schnell luzide zu träumen wie Jonas, denn nur wenige Menschen können spontan oder natürlich klarträumen, besitzen also seit ihrer Geburt die Fähigkeit dazu. Diese Menschen können zum Teil sehr häufig ihre Träume klar erleben. Jonas ist davon überzeugt, dass jeder Mensch dazu fähig ist, luzide zu träumen. Im Schnitt dauere es ein bis zwei Wochen – einige benötigten jedoch Monate. Eine Technik, die bei jedem funktioniert, gebe es nicht, sagt der Youtuber: „Es gibt keine goldene Pille, die man sich einwerfen kann, damit es klappt.“

Professor Dr. Michael Schredl leitet das Schlaflabor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. (Foto: Referat für Kommunikation und Medien / ZI Mannheim)

Für Professor Michael Schredl sind Motivation und Begabung wichtig, um luzides Träumen zu erlernen. Der Traumforscher leitet das Schlaflabor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. Menschen wie Pongratz zählt er zu den begabten Klarträumern. „Es gibt Leute, die einmal davon gehört haben und es direkt umsetzen können.“ Bei Schredl selbst hat es drei Monate gedauert, bis er seinen ersten Klartraum hatte. Die Fähigkeit sei weit verbreitet. In einer repräsentativen Studie hat er herausgefunden, dass 50 Prozent der Probanden mindestens einmal im Leben einen luziden Traum hatten. Bei den häufigen luziden Träumern könne man von fünf Prozent ausgehen. Noch nicht bewiesen sei, ob wirklich jeder luzides Träumen lernen könne. „In zwei Studien gab es bei den Probanden keine Ergebnisse, obwohl sie die Techniken angewandt haben“, sagt Schredl.

Die meisten Klarträume entstehen in der REM-Phase. Diese Phase tritt alle 60 bis 90 Minuten ein und wechselt sich mit Non-REM-Phasen ab. „Man benötigt für das subjektive Erleben im Klartraum eine gewisse Grundaktivierung des Gehirns“, sagt Michael Schredl. Im REM-Schlaf sei das Gehirn aktiver als in anderen Phasen des Schlafes. So sei es für die Träumenden leichter, zusätzlich den präfrontalen Kortex zu aktivieren. Dieser Teil des Gehirns liegt direkt hinter der Stirn. Er ist für das selbstreflektierende Denken zuständig und im REM-Schlaf für die Erkenntnis, dass man gerade träumt. Wissenschaftlich anerkannt ist das Klarträumen seit den 1980er Jahren.

Eine Hand mit sieben Fingern

Laut Jonas Pongratz gibt es zwei Haupttechniken, um luzides Träumen zu erlernen: die DILD- und WILD-Methode. DILD steht für Dream-Initiated Lucid Dream. Ziel ist es hier, dass die Träumenden mitten im Traum bemerken, dass die Situation nicht real ist. Dazu führen sie Realitätschecks aus, die sie zuvor im Wachzustand trainiert haben. Diese Realitätschecks werden am Tag drei- bis viermal intensiv wiederholt, sodass sie im Gehirn gespeichert und im Traum angewandt werden. „Man kann zum Beispiel auf seine Hand gucken und die Finger zählen. Dann sieht man weg, sagt sich, dass man sieben Finger hat, und sieht wieder auf die Hand. Wenn man wieder hinguckt, sieht man immer noch fünf Finger“, erklärt Jonas. Im Traum hingegen habe die Hand dann auf einmal sieben Finger, was ein Zeichen dafür sei, dass es sich eben um einen Traum handele. Es gibt eine lange Liste dieser Realitätschecks, die man trainieren kann.

Liste einiger Realitätschecks

Realitätschecks am eigenen Körper

Nase/Mund: Schließe Nase und Mund. Kannst Du trotzdem atmen? Wenn ja, dann befindest Du Dich in einem Traum. Wenn du Nase und Mund schließt – kannst du trotzdem atmen?

Finger/Hand: Hier gibt es verschiedene Realitätschecks. Sieh Dir Deine Hand an. Kannst Du fünf Finger sehen? Und ist es Dir vielleicht möglich einen Finger durch Deine Hand zu stecken? Auch kannst Du ausprobieren Deine Hände nach hinten zu biegen soweit es geht. Sind Deine Hände unnatürlich elastisch, träumst Du. Auch kannst Du an einem Finger ziehen und schauen, ob er dadurch länger wird.

Drehen: Dreh Dich schnell um Dich selbst und schau was passiert, wenn du stehenbleibst. Dreht sich Deine Umgebung immer noch? Und bist Du noch am gleichen Ort?

Fliegen: Versuch zu fliegen oder zu schweben.

Realitätschecks in der Umgebung

Uhren: Zeigen die Uhren eine realistische Uhrzeit? Verändert sich die Uhrzeit unnatürlich schnell, wenn Du wegsiehst?

Materialität: Kannst Du durch Wände gehen oder fassen? Versuch durch Gegenstände zu greifen.  Funktioniert es?

Physikalische Gesetze: Stimmen die physikalischen Gesetze stimmen, dort wo Du dich befindest? Wenn Du etwas fallen lässt, fällt es dann auch oder schwebt es?

Dies ist nur ein Auszug an möglichen Realitätschecks. Man kann sich aussuchen, was einem gefällt.

Schlafexperte Michael Schredl empfiehlt, mehrmals am Tage allgemein zu hinterfragen, ob man sich in einem Wach- oder Traumzustand befindet, und nicht unbedingt spezifische Checks heranzuziehen. So stoßen die Schlafenden im Traum schneller auf etwas, das nicht den Gesetzen der Physik entspricht, wenn sie beispielsweise weiter springen können als im Wachzustand, und können so erkennen, dass sie träumen. Die Vermutung, dass luzide Träume anstrengender sind als normale, ist wissenschaftlich nicht belegt: „Es gibt keine verlässlichen Daten, die dafür oder dagegen sprechen“, sagt Schredl.

Nach seinem ersten Klartraum eignete sich Jonas Pongratz die DILD-Methode an, weil er sich nicht erneut automatisch in einen luziden Traum versetzen konnte. Mittlerweile übt er keine Realitätschecks mehr ein. Nach vier Jahren schafft er es auch ohne, ein- oder zweimal in der Woche luzid zu träumen.

Die zweite Haupttechnik ist die WILD-Methode (Wake-Initiated Lucid Dream), mit der sich der erste Klartraum in der Regel noch schneller erreichen lässt. Dabei stellt man sich den Wecker auf vier bis fünf Stunden nach dem Einschlafen, bewegt sich nach dem Aufwachen für zwei bis drei Minuten und versucht danach wieder einzuschlafen. Die Schlafenden streben an, den Geist wachzuhalten, indem sie sich eine Szene immer wieder vorstellen, während der Körper einschläft. So kann die Szene zum Traum werden. Mit dieser Technik ist es laut Jonas Pongratz möglich, bereits in der ersten Nacht luzide zu träumen.

Die WILD-Methode erklärt Jonas auf seinem Youtube-Kanal: 

Geld möchte Jonas mit dem Klarträumen nicht verdienen. Für ihn ist das ein Hobby. Er plant, noch in diesem Jahr eine App herausbringen. Sie soll ein Traumtragebuch mit zahlreichen Features sein. Beruflich möchte der 22-Jährige später zum Thema Künstliche Intelligenz oder zu selbstfahrenden Autos forschen.

Lernen wie im Schlaf: Vortragen im Traum

Da die Klarträumenden ihren Traum kontrollieren können, entstehen meist angenehme Situationen. So ist es möglich, Albträume zu bekämpfen. Wenn jemanden ein Monster verfolge, könne man sich im Moment der Klarheit umdrehen und es in ein Kaninchen verwandeln, sagt Jonas. Es gebe aber auch sogenannte präluzide Träume, in denen unangenehme Sachen passieren könnten. Ein luzider Traum unterscheidet sich vom präluziden hinsichtlich des Bewusstseinsstadiums, sagt Schlafforscher Michael Schredl. „Der luzide Träumer weiß, dass er träumt. Der präluzide Träumer hingegen denkt über den Zustand nach, vermutet, es könnte ein Traum sein, ist sich aber nicht sicher und kann nicht aktiv handeln.“

Nur vom Klarträumen möchte der YouTuber nicht leben. Er träumt von einer Zukunft in der Forschung.

Laut Michael Schredl sind luzide Träume allerdings nicht immer ein effektives Mittel, um Albträume zu bekämpfen: „Es gibt Daten, die dagegen sprechen. Wir haben Menschen untersucht, die wenig Kenntnis von luziden Träumen hatten. Darunter gab es eine Gruppe, die wusste, dass es sich um einen Traum handelte, aber trotzdem Angst empfunden hat.“ Den Betroffenen müsse wissen, dass man im luziden Traum aktiv handeln kann und somit nutzen kann, um Albträume zu bekämpfen.

Es gibt Sportlerinnen und Sportler, die ihre Träume nutzen, um zu trainieren. „Für eine Studie mussten die Probanden abends, im luziden Traum und morgens Darts werfen. Diejenigen, die im Klartraum fast störungsfrei geübt hatten, waren morgens besser“, sagt Michael Schredl. Allein die Vorstellung von komplexen Bewegungen könne dazu führen, den Bewegungsablauf zu verbessern; das ist im Sport schon lange unter dem Begriff Mentalem Training bekannt. Und auch an der Uni kann luzides Träumen von Vorteil sein. „Wenn man ein wichtiges Referat halten muss, kann man es im Traum proben. Man kann einen Hörsaal schaffen und vor Kommilitonen und dem Professor reden“, sagt Klarträumer Jonas Pongratz. Er studiert im vierten Semester Informatik in Kassel und hat seine Träume unter anderem genutzt, um dort zu programmieren.

Der Kampf gegen das Aufwachen

Klarträume sind nicht stabil, sagt Jonas. Gerade am Anfang sei es einfach, aus den Träumen „rauszufliegen“ – vor allem im Moment der Klarheit. „Man muss dagegen ankämpfen aufzuwachen, weil man wie durch einen Sog dazu gedrängt wird. Dann muss man sich auf die Traumwelt konzentrieren“, schildert er.

Für Traumexperte Michael Schredl sind Gefühle der Haupt-Trigger beim Aufwachen. „Wenn die Emotionen zu stark werden, wacht man auf. Das ist wie beim Albtraum. Beim Übergang vom normalen in den luziden Traum empfinden die Träumenden oft Freude, es endlich geschafft zu haben. Diese Freude lässt einen leicht aufwachen.“ Diese Erfahrung hat Schredl in seinem ersten luziden Traum selbst gemacht. Auch eine schwindende Konzentration oder das Ende einer REM-Phase könne zum Aufwachen führen. „Das wurde aber noch nicht untersucht“, sagt Schredl.

Teaser- und Beitragsfoto: Ted Visoso, lizenziert nach CC BY-NC-ND 2.0, weitere: Leonie Krzistetzko / Referat für Kommunikation und Medien des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim.

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