NRW ist bei Startups beliebter als Berlin

Das frühere Startup Mekka in Deutschland, Berlin, ist erst einmal vom Thron gestoßen. In dem Bundesland werden laut dem aktuellen Deutschen Startup Monitor 2018 inzwischen weniger Startups gegründet als in Nordrhein-Westfalen. In NRW fanden im vergangenen Jahr 19 Prozent aller Startup-Gründungen statt, in Berlin lediglich 15,8 Prozent.

Allein nach der Betrachtung ausgewählter Regionen wie etwa München oder Stuttgart/Karlsruhe ist Berlin trotzdem wieder Spitzenreiter, denn auf diese Region verteilen sich 15,8 Prozent der Befragten Startup-Gründer des Startup Monitors. Gefolgt von der Metropolregion Rhein-Ruhr, in der 11,2 Prozent der Neugründungen ihren Ursprung finden. Dort finden also über die Hälfte aller Startup-Gründungen in NRW statt. Auf dem dritten Platz befindet sich die Region um Hamburg mit 7,3 Prozent. Die Anzahl der Gründungen von Startups liefern einen wichtigen Indiz über die wirtschaftliche Entwicklung einer Region oder eines Landes. In der ökonomischen Theorie sind sie nämlich ein Indikator für Ideenreichtum und Innovation. Innovation stellt eine wichtige Treibkraft der Wirtschaft dar und bildet eine grundlegende Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit am freien Markt. Der Deutsche Startup Monitor ist die gründlichste und umfangreichste Studie in ihrem Themengebiet. Der Bericht ist jedoch nicht vollständig repräsentativ, da die Grundgesamtheit aller Startups nicht zu ermitteln ist.

NRW als attraktiver Standort für Startups

Auch wenn die Metropole Rhein-Ruhr nicht mit dem Nonplusultra Ultra des Silicon Valley mitziehen kann im Bezug auf die Innovationsdichte, sind die Gründungsaktivitäten keinesfalls zu unterschätzen. Das Bundesland NRW stellt laut den Gründern des Startup Adventsome Calendars durch seine vielen gut vernetzten, pulsierenden Städte eine gute Standortwahl für Gründer dar. Dieser Aspekt ist für einen Großteil der Befragten des Startup-Monitors von eher hohen bzw. hohen Bedeutung. Zudem trägt die hohe Bevölkerungsdichte dazu bei, dass es viele potentielle Kunden gibt, die unmittelbar gewonnen werden können.

Dr. Michael Gerhard, CEO GeoMobile

Diese Vorteile erkannte auch GeoMobile Gründer Dr. Michael Gerhard (52). Sein Startup, das eigentlich schon fast keines mehr ist, weil es schon fast zehn Jahre alt ist und sein Unternehmen die frühkindliche Phase hinter sich hat, nahm 2009 in Dortmund seinen Betrieb auf. Mit seiner Marke Ivanto kombiniert er die Tätigkeiten in der Softwaretechnologie und Softwareentwicklung mit zahlreichen Forschungsprojekten. Diese verfolgt in Form von Apps das Ziel einer barrierefreien, urbanen Mobilität inklusive einfacher Bedienbarkeit für Menschen mit Handicap und smartem Routing, das zum Beispiel den sichereren Weg von A nach B ermittelt. Aus der Sicht von Michael Gerhard sind die Vorzüge NRWs zum einen das dichte Hochschulnetz mit den vielen Absolventen, die direkt in die Unternehmen strömen und in den Startups nach Arbeit suchen. Zudem sei laut Gerhard die dezentrale Organisation beispielsweise in der Infrastruktur, also der „Flickenteppich, gar nicht mal so schlecht“, da sich dadurch mehr Optionen für die Kooperation mit Unternehmen ergeben. In Berlin hingegen sei alles sehr zentral. So gibt es in Berlin ein Verkehrsnetz und in NRW über 20. Das Gründerstipendium, das man auch in NRW erhalten kann, sei ein Ansporn für potentielle Startup-Gründer, da das Vorhaben ansonsten zu risikoreich sei. Gerhard setzt in NRW zudem auf die etwas langsamere Entwicklung von Startups, die dafür aber stetiger und stabiler verlaufe. In Berlin liefe alles etwas schneller ab, dafür aber auch deutlich unsicherer als in NRW. Zugute kommt dem Land NRW, dass sich viele Kooperationen zwischen Startups und etablierten Unternehmen ergeben. Ein massives Manko sieht Gerhard wie viele Gründer allerdings bei der Unterstützung durch die Politik in Sachen der Finanzierung.

Verbesserungen in der Politik sind nötig

Deshalb gibt es auch noch erhebliche Verbesserungsvorschläge, etwa in der Politik: Viele befragte Startup-Gründer bemängeln politische Defizite. Gefordert wird seitens der Gründer, dass die bürokratischen und regulatorischen Hürden abgebaut werden sollten. Auch hier ist die Kapitalbeschaffung ein wichtiger Aspekt, der von der Politik stärkere Beachtung finden sollte, um die Finanzierung und Umsetzung der eigenen Ideen zu vereinfachen. Einige sehen in der Integrierung von Entrepreneurship, also dem Unternehmergeist, ins Bildungswesen eine Förderung der Startup-Szene. Diese Forderungen stellen sie an die Große Koalition in Berlin.

Von der Landespolitik zeigen sich die Befragten zum Teil unzufrieden. Die Landesregierung NRW wird von ihnen auf einer schulischen Skala mit 3,8 bewertet. Bestes Bundesland ist hierbei Thüringen mit einer Schulnote von 2,9. Gerhard selbst würde der Arbeit der Landesregierung eine 3 geben, und verweist auf die Leitmarkt-Agentur NRW und die Gründerstipendien. Aber „in Berlin gehen die Banken leichtfertiger mit den Krediten für Startup-Pläne um“, so Gerhard.

Beitragsbild: unsplash/Franck V.  Foto: privat

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