Kommentar: eSport – Die Fußlümmelei von heute

Mit eSport ist es ein wenig so wie mit Fußball im Kaiserreich. Die hohen Sportfunktionäre sind entsetzt und angeekelt bei dem Gedanken, dass so eine niedere Tätigkeit den traditionellen Sportvereinen die Mitglieder wegnehmen könnte.

Der Vizepräsident des DOSB (Deutsche Olympische Sportbund) Walter Schneeloch (71) sieht im eSport „eine Gefahr für unsere Gesellschaft“. Für DFB-Präsident Reinhard Grindel (57) ist eSport eine „absolute Verarmung“. Auch Uli Hoeneß (66) meint, „es wäre totaler Schwachsinn, wenn der Staat nur einen Euro dazugeben würde. Junge Leute sollen Sport auf dem Trainingsplatz treiben.“ In solchen Aussagen spiegelt sich vor allem eine Angst wieder. Die Angst, zukünftig möglicherweise den eigenen Nachwuchs an den eSport zu verlieren. Die Diskussion erinnert an die Anfänge des Fußballs in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts. Da wurde Fußball noch als Fußlümmelei bezeichnet. Der Sport, in dem Schienbeine verletzt werden können und Dreck an den Hosen kleben bleibt, galt als barbarisch und undeutsch.

Also wird jetzt mit viel abwertenden Worten versucht, der Daddelei am Rechner so lange wie möglich ein schlechtes Image zu verpassen. Walter Schneeloch hat auf der DOSB Mitgliederversammlung folgendes gesagt: „Unsere Kinder werden immer dicker und kränker. Was wäre es für ein fatales Signal, wenn wir dann auch noch etwas unterstützen, bei dem man fünf Stunden an der Konsole hängt, und hinterher behauptet ein Kind, es habe ausreichend Sport gemacht?“

Die Eltern hat man schnell auf seiner Seite, wenn man in den Köpfen Bilder von ungesunden und dicken Kindern festsetzt. So kann der Vater mit seiner Chipstüte vor dem Fernseher seinem Kind mit guten Argumenten das Fortnite-Spielen verbieten. „Junge das ist ungesund! Du hörst jetzt auf zu spielen! Warum? Weil ich das sage! Und jetzt komm auf die Couch und guck mit mir Champions League! Willste n Bierchen?“

Das Klischee von dicken Nerds vor dem PC ist längst überholt

Aber wer dicke, ungesunde Kinder mit professionellem Gaming in einen Topf wirft, hat sowieso nicht wahnsinnig viel verstanden. Das zeigt, wie wenig sich der DOSB Vize mit dem Thema auseinandergesetzt hat.

Die Zeiten, in denen Gamer noch verpickelte, dicke Nerds mit langen fettigen Haaren waren, sind längst vorbei. Wahrscheinlich gab es diese Zeiten auch nie. Guckt man sich die modernen Progamer an, sieht man oft schlanke und trainierte Jungs. Die meisten professionellen Teams legen mittlerweile viel Wert auf gesunde Ernährung und körperliche Fitness. Denn auch im Gaming wurde längst erkannt, dass Höchstleistungen nur möglich sind, wenn Körper und Geist zu 100% fit sind.

Und sollte man nicht gerade aus angeblicher Sorge um die Gesundheit das Spielen in Vereinen fördern? In einem Umfeld, wo den Jugendlichen Werte vermittelt und klare Regeln vorgegeben werden?  In einem Umfeld, in dem auf einen Ausgleich durch körperliche Bewegung und eine gesunde Ernährung wert gelegt wird?

Im eSport sind alle gleich

Gucken wir uns die wichtigsten Werte des traditionellen Sports an. Toleranz und Respekt. In keinem traditionellen Sport können sich so unterschiedliche Menschen messen, wie beim Gaming. Es ist egal, ob du männlich oder weiblich bist, ob du jung oder alt bist, aus welchem Land du kommst, ob du dick oder dünn bist. Im eSport kann sich jeder mit jedem messen. Außerdem ist es egal, ob jemand eine körperliche oder geistige Einschränkung hat. Inklusion wird gar nicht extra als Aushängeschild benutzt, Inklusion ist ganz einfach normal und benötigt keine besondere Erwähnung. Und genau das soll unserer Gesellschaft schaden, wie zum Beispiel Walter Schneeloch meint?  Es geht gar nicht wieder um die alte Diskussion, ob eSport nun Sport ist oder nicht. Man könnte wieder die Vergleiche mit Schach, Billiard oder Darts anführen, aber darum geht es nicht. Aber dass eSport eine Gefahr für unsere Gesellschaft ist, das kann man so nicht stehen lassen.

eSport ist eSport und Sport ist Sport

eSport ist eSport und Sport ist Sport. Das bedeutet aber nicht, dass eSport weniger Wertschätzung verdient hat. Diese Anerkennung der älteren Herren der Sportverbände hat der eSport auch gar nicht nötig. Die steigenden Zahlen der Gamer und Zuschauerzahlen sprechen für sich. Schon lange sind Weltmeisterschaften von Dota 2, League of Legends und CS:GO weitaus beliebter als viele traditionelle Sportarten. Das League of Legends Worlds Finale haben mehrere Millionen Menschen gesehen (laut ESC.WATCH weltweit 200 Millionen). Längst geht es auch im eSport um Sponsoring, enorme Spielergehälter und Preisgelder von bis zu 25 Millionen Euro pro Turnier. Es liegt an den Sportbünden und Sportverbänden, ob sie ein Teil vom Kuchen haben möchten oder sich dauerhaft der Entwicklung verschließen möchten.

Beitragsbild: ESL |Adela Sznajder

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