Kostenlos in den Zoo: Wollen wir das wirklich?

Auch in diesen Sommerferien gibt es kostenlosen Eintritt in den Dortmunder Zoo für Kinder, Jugendliche und Studierende. Damit will die Stadt möglichst allen ein großes Freizeitangebot in Zeiten der Inflation bieten. Aber ist ein Zoobesuch überhaupt noch zeitgemäß?  

Foto: privat

Ja, findet Laura. Sie ist Studentin an der TU und überglücklich als sie ihre Patenschaftsurkunde in der Hand hält. Ihre absoluten Lieblingstiere sind Pinguine – das hat sich ihr Freund gemerkt. Zu ihrem 23. Geburtstag schenkt er ihr eine Patenschaft für einen der Humboldtpinguine im Dortmunder Zoo.  Eine solche Patenschaft ist insgesamt eher symbolisch, denn es gibt gar nicht genügend Tiere im Zoo, als dass jede*r die Patenschaft für ein einzelnes Tier übernehmen könnte.

Für Laura ist die Patenschaft aber nicht bloß ein Stück Papier, das in ihrem Wohnzimmer hängt. Es ist ein kleiner Kindheitstraum, der sich erfüllt. „Ich wollte schon immer was mit Pinguinen machen“, erinnert sie sich. Nun hat sie die Möglichkeit, ihre Lieblingstiere hautnah zu erleben. Denn neben der symbolischen Geste als Patin, besteht bei einem ersten Besuch die Möglichkeit, die Tiere zu füttern. „Dann stehe ich da in der Küche und bereite die Fische für die Fütterung vor. Da musste ich echt erstmal meinen Ekel vor den toten Fischen überwinden. Im Gehege war ich dann richtig vorsichtig, ich wollte ja auch nichts falsch machen. Aber das war einfach so cool“, erzählt sie begeistert.

Zoobesuch ethisch verwerflich?

Laura kann ihrer Tierliebe durch ihre Patenschaft einen neuen Ausdruck verleihen. Aber nicht alle Tierliebhaber*innen sehen den Zoobesuch noch positiv.

Mit der „Story von Louisa Dellert“ ist die Rede von dem Zoobesuch der Nachhaltigkeitsinfluencerin Louisa Dellert und dem Meeresbiologen Robert Marc Lehmann. Die beiden besuchten einen Zoo; dabei erklärte Robert Louisa viele Fakten zu den einzelnen Tieren, die man nicht auf den Schildertafeln vor den Gehegen findet. Beispielsweise wie viele Kilometer ein Tiger am Tag in freier Wildbahn laufe. Doch die beiden fühlten sich bei ihrem Besuch nicht wohl: „Ich wollte eigentlich gar nicht die Tiere füttern, weil wenn man denen in die Augen guckt und eigentlich weiß, wie die sich in der freien Natur verhalten, dass die hier eingesperrt sind, ist das eigentlich ganz scheußlich“, sagt die 33-Jährige in dem Klima-Podcast.

Tierschutz wird Deutschen immer wichtiger

In Deutschland lebt mittlerweile ein Prozent der Bevölkerung vegan. Das geht aus dem diesjährigen Ernährungsbericht des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hervor, der erst am Montag (11.07.2022) veröffentlicht wurde. Laut dem Bericht seien vegane und vegetarische Fleischersatzprodukte immer beliebter – warum? Darauf antworten 71 Prozent der Befragten: aus Tierschutzgründen. Im Vergleich: 2021 waren es 59 Prozent der Menschen, die hier den Tierschutz als Grund angaben.

Tierschutz ist also immer wichtiger geworden. Das sagt auch die Tierschutzorganisation PETA: „Tiere gelten nicht mehr als bloße Anschauungsobjekte, sondern werden zunehmend als Individuen und Persönlichkeiten gesehen. Besonders in der jungen Generation ist das Interesse an Klima-, Arten- und Tierschutz hoch. Es liegt daher in unserer Verantwortung, uns für den Artenschutz einzusetzen, aber das Einsperren von Tieren in Zoos ist nicht die richtige Vorgehensweise dazu.“

Dass Zoos zu Artenschutz beitragen, davon hält sowohl der Meeresbiologe Robert Marc Lehmann im oben genannten Podcast, als auch weitere Expert*innen nicht viel. „Die Behauptung, Zoos trügen zum Artenschutz bei, ist Augenwischerei“, erklärt Dr. Yvonne Würz auf KURT-Anfrage. Sie ist Biologin und Fachreferentin für die Bereiche Zoo und Zirkus für PETA. „Selbst bei den bedrohten Tierarten finden kaum Auswilderungen statt. Außerdem konzentrieren sich Zoos nicht auf die am meisten gefährdeten, sondern beliebtesten Tierarten“, sagt sie weiter. PETA setzt sich für ein Ende der Tierhaltung in Zoos ein. Laut PETA könnten Gelder der Städte besser verwendet werden: „Die freigesetzten Gelder in Millionenhöhe könnten wesentlich effektiver direkt zum Schutz der natürlichen Lebensräume eingesetzt werden“. Aktuell investiert die Stadt Dortmund 31 Millionen Euro in den Dortmunder Zoo.

Die Zoos und ihr Bildungsauftrag

Aber Zoos sollen doch einen Bildungsauftrag für die Kinder erfüllen, heißt es immer wieder. Yvonne Würz bittet von einem Zoobesuch abzusehen und empfiehlt Filmdokumentationen, Bücher oder auch neue Computertechnologien wie Virtual Reality, um die exotischen Tierarten besser kennenlernen zu können. Auch Robert Marc Lehmann und Louisa Dellert sehen keinen erfüllten Bildungsauftrag in Zoos. „Die Kinder lernen hier nichts, außer dass sie die Tiere kurz füttern, dann wieder auf ihr Handy gucken und dann wieder weiter wollen. Wenn sie etwas lernen, dann nur, dass die Tiere nur von links nach rechts watscheln, mit dem Kopf schütteln und das ist ja nicht das typische Verhalten“, kritisiert die Influencerin.

Der Zoo als Erholungsort

Die Kordofan Giraffe Maoli im Zoo Dortmund

Ein Tag im Zoo bedeutet für viele Menschen allerdings eine kurze Auszeit. Ein kleiner Urlaub, obwohl man doch gar nicht weit weg von seiner Heimat ist. Und genau das ist auch die Begründung des Stadtrats Dortmund für den kostenlosen Eintritt gegen Vorlage eines Schüler*innen- bzw. Studierendenausweises. Die Stadt will allen Familien möglichst unabhängig vom Einkommen möglichst viele Freizeitaktivitäten bieten. Und das kommt gut an: Knapp eine Million Menschen haben den Facebook-Post des Zoos Dortmund zum freien Eintritt in den Sommerferien gesehen. Zum ersten Mal gab es im vergangenen Jahr den kostenlosen Eintritt – damals mit Corona als Begründung. Jetzt herrscht in Deutschland eine starke Inflation, sodass sich viele Familien keinen Urlaub mehr leisten können. Da bietet ein Zoo Abwechslung und Erholung. Genau diese ist laut dem Begründer des modernen Zoos, Heini Hedinger, eine Kernaufgabe der Zoos. Der Zoo soll ein Erholungsort für den städtischen Raum sein. Mit den 178 verschiedenen Tierarten, circa 2000 Individuen und kreativ gestalteten Kulissen bietet der Zoo Dortmund genau das. 

Warum sollen Tiere im Zoo ein schlechtes Leben haben?

Marcel Stawinoga auf Sumatra

„Dass Leute das Konstrukt Zoo kritisieren ist ja keinesfalls neu“, erklärt Zoolotse Marcel Stawinoga vom Zoo Dortmund. Schon 1930 habe Hedinger von den kritischen Stimmen gesprochen, die es immer geben werde. Marcel Stawinoga findet es außerdem gut, dass die Menschen kritisch bleiben und ihnen die Tiere nicht einfach egal seien. „Die Kritik verbessert die Zoos ja auch“, sagt er. Er stelle aber immer wieder die Frage, warum man automatisch davon ausgehe, dass Tiere im Zoo ein schlechtes Leben führen. „Die Menschen haben manchmal, glaube ich, ein Bild von König der Löwen im Kopf, wo alles gut ist. Aber im echten Leben müssen die Tiere täglich um ihr Revier kämpfen und stehen im Überlebenskampf mit Artgenossen. Das haben sie hier nicht“, sagt der Zoolotse. „Wir alle arbeiten hier im Zoo, weil wir die Tiere lieben“, erklärt er weiter.

Zoo Dortmund in Bangladesch und Sumatra

Der Zwergplumplori Flori

Marcel Stawinoga engagiert sich in zwei Tierschutzprojekten, die er mit dem Zoo Dortmund organisiert. Dabei geht es um die Plumplori-Affen. Das ist der am häufigsten geschmuggelte Affe weltweit – zum Beispiel für Instagram-Fotos nach Thailand. Die Projekte sind in Bangladesch und Sumatra stationiert. In Sumatra gebe es beispielsweise keine Infrastruktur für die Plumplori-Affen. Die zwei Affen, die im Dortmunder Zoo wohnen – allerdings noch nicht öffentlich zugänglich – wurden ebenfalls geschmuggelt. Der eine wurde in Hessen beschlagnahmt, der andere ist im Handgepäck auf einem Flug von Bangkok nach München entdeckt worden. „Die Zoo Expertise spielt für unsere Projekte eine wichtige Rolle. Wie hält man die Tiere, geht mit ihnen um?“, erzählt Marcel Stawinoga.

Für einen Zoobesuch gibt es sowohl Für- als auch Gegenstimmen. Tierliebhaber*innen sind sich uneinig, ob sie durch den Zoobesuch ihre Tierliebe ausdrücken oder Tierleid fördern. Es bleiben Abwägungen, die jede Person für sich selbst treffen muss. Der Eintritt im Dortmunder Zoo bleibt bis zum 9. August für Kinder, Jugendliche und Studierende bis 27 Jahre frei. 

Beitragsbilder: Marcel Stawinoga

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