Zwischen Bodyshaming und Body Positivity: Gegen den Schönheitswahn

Der Körper und sein Aussehen können Auslöser von Beleidigungen sein. Schönheitsideale sind oft tief in der Gesellschaft verankert, sagt eine Professorin. Und wer die nicht verkörpert, ist schnell dem Hass der anderen ausgesetzt. Doch dem Scham steht eine Bewegung gegenüber, die mehr Akzeptanz verlangt.

Als die Beleidigungen kamen, versuchte Ricarda Lang sie wegzuschieben. Sie wollte nicht lesen, was bei Twitter oder Facebook über sie geschrieben wurde. Aber am Ende tat sie es trotzdem. Immer wieder. Dick, hässlich, widerliches Schwein. Sie habe viele solcher Kommentare bekommen, erzählt Lang – alles nur wegen ihres Aussehens. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass das Ignorieren nicht funktioniert“, sagt sie am Telefon. Zunächst war sie verunsichert, habe sich viele Gedanken gemacht. Soll ich diesen Post jetzt schreiben oder nicht? Immer wieder stellte sie sich die Anschlussfrage: Habe ich gerade die Zeit und die Kraft, mich mit diesem Hass auseinanderzusetzen?

Die 25 Jahre alte Studentin Ricarda Lang ist Bundessprecherin der Grünen Jugend. Regelmäßig sitzt sie mit den Parteispitzen in Berlin zusammen, sie ist eigentlich immer unterwegs. Schon durch ihr Amt steht Lang im Fokus. Deswegen nutzte sie nach den Hasskommentaren ihre Reichweite, um das Thema in der Öffentlichkeit zu platzieren. Sie postete ein Bild von sich: ein Eis in der linken Hand, einen Aufkleber in der rechten – die Aufschrift: „Stop commenting on my body“. Unter dem Spruch ein ausgestreckter Mittelfinger.

Schönheitsideale: „Die Stereotype sind tief verankert“

Es war das erste Mal, dass sich Lang öffentlich zu diesem Thema äußerte. „Das Dicksein war für mich auch immer ein Scham-Ding“, sagt sie. „Ich dachte, wenn ich nicht darüber rede, fällt es am Allerwenigsten auf.“ Heute redet sie viel über eben dieses Thema, das Bodyshaming. Der Begriff beschreibt ein Verhalten, bei dem Menschen nur aufgrund ihrer körperlichen Erscheinung beleidigt werden. Es kann als eine Art des Mobbings betrachtet werden. So etwas tritt nicht ausschließlich im Internet auf, aber die Anonymität im Netz macht es einfacher. Wer als schön oder hässlich gilt, darüber entscheidet eben oft das kulturelle Schönheitsideal.

„Die Bilder werden durch die Gesellschaft vermittelt, hauptsächlich durch Medien. Die Stereotype sind tief verankert“, sagt Elke Grimminger-Seidensticker, Professorin für Sportdidaktik an der TU Dortmund. Zum Teil würden diese Bilder aber auch von Eltern und dem Freundeskreis geprägt. Ein Mädchen gelte bestenfalls als zart und schlank, ein Junge als stark und kräftig.

„Es trifft im Hinblick auf Übergewicht gleichermaßen beide Geschlechter,“ sagt die Professorin über Bodyshaming. So würden Übergewichtige eher als faul oder undiszipliniert angesehen werden. Am 26. Juni spricht Grimminger-Seidensticker bei der Veranstaltungsreihe „Sowohl als Auch“ an der TU Dortmund zu genau diesem Thema und möglichen Auswegen.

„Body Positivity“, ein ambivalentes Feld

Als Gegenstück zum Bodyshaming existiert mittlerweile die Bewegung „Body Positivity“. Anhänger wollen erreichen, dass jeder Mensch seinen Körper als einzigartig annimmt und gut behandelt. Die Bewegung lebt, wie so oft, vor allem in Sozialen Netzwerken – aber es gibt auch andere Kanäle. Grimminger-Seidensticker etwa besucht Schulen, arbeitet dort pädagogisch, um ein ähnliches Denken zu fördern. „Wir zeigen zum Beispiel, wie Fotos in Zeitschriften entstehen. Und letztendlich ist das, was wir in der Zeitschrift sehen, ein Kunstwek – und nicht die reale Abbildung.“ Die Mehrzahl der Schüler sei erstaunt, wenn sie davon erfuhren.

„Es geht darum, gesellschaftliche Diskurse aufzubrechen,“ sagt die Wissenschaftlerin. Doch Body Positivity ist ein breites und ambivalentes Feld. Sie ist keine Ausrede für ein krankhaftes Körperbild und soll kein Übergewicht oder Unterernährung verherrlichen. Die Bewegung strebt an, jeden Körper zu akzeptieren, auch wenn er nicht dem Ideal entspricht. Allerdings kann sie auch ein neues Ideal schaffen, dem nicht jede Person gerecht werden kann.

Bei Ricarda Lang half das offene Gespräch, um sich gegen die Beleidigungen zu wehren. Sie gibt heute Interviews, schreibt Texte und hält Vorträge. Lang erhalte viel Unterstützung über die Parteigrenzen hinweg. „Es gibt nicht die eine Lösung für alle“, sagt sie. „Aber mir hat es total geholfen.“

Beitragsbild: Siora Photography on Unsplash

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