Das Duell: Der Grüne Knopf – richtiger Schritt oder falsches Signal?

Das Bundesentwicklungsministerium steht kurz vor der Einführung des „Grünen Knopfs“. Das erste staatliche Siegel, das nachhaltige Textilien auszeichnen soll. Melissa findet den Vorstoß gut – schließlich braucht die Branche dringend mehr Transparenz. Sarah ist skeptisch und sieht das eigentliche Problem nicht gelöst.

Melissa: „Der Grüne Knopf rückt die Debatte um nachhaltige Kleidung in den Fokus“

Mit dem grünen Knopf bekommt Deutschland sein erstes staatliches Textilsiegel – meiner Meinung nach ein wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Denn während in Zeiten von Fridays for Future alle Seiten mehr Umweltbewusstsein und Fair Trade fordern, ist genau das das Ziel des Grünen Knopfes.

Konsumenten sollen auf einen Blick erkennen, welche Produkte nachhaltig produziert worden sind und ob die Menschenrechte entlang der Lieferkette eingehalten wurden. Der Zeitpunkt könnte also nicht passender sein. Auch wenn das Siegel noch nicht perfekt ist – ich finde es gut, dass die Einführung nicht noch zwei, fünf oder zehn Jahre aufgeschoben wird. Denn die eigentliche Kraft des Siegels liegt in seiner symbolischen Wirkung.

Bewusst einkaufen statt gar kein Konsum

Viele Menschen machen sich bereits Gedanken über die Herkunft ihrer Kleidung und mit dem Grünen Knopf hat nun auch das Entwicklungsministerium einen weiteren Stein für mehr Nachhaltigkeit ins Rollen gebracht. Wenn der Grüne Knopf im Dschungel der rund 40 anderen Textilsiegel für mehr Klarheit sorgen kann, werden sich die Menschen auch darüber hinaus für mehr Nachhaltigkeit in der Textilindustrie interessieren.

Denn sind wir einmal ehrlich: In Zeiten, in denen Online-Shopping so einfach ist wie noch nie, in denen Influencerinnen und Influencer auf Instagram minütlich ihre neue Shoppingausbeute präsentieren und Mode zum Ausdruck der eigenen Persönlichkeit geworden ist, werden Menschen nicht einfach ihren Konsum von heute auf morgen herunterfahren. Auch wenn das sicherlich die umweltfreundlichste Methode wäre – realistisch ist es nicht.

Bevor man die Konsumenten auffordern kann, weniger zu konsumieren, ist es wichtig, sie überhaupt dazu zu bringen, sich über nachhaltige Mode Gedanken zu machen. Genau an dieser Stelle kann der Grüne Knopf einiges bewirken.

Natürlich ruft ein solcher Vorstoß auch Kritiker auf den Plan. Denn das Versprechen des Grünen Knopfes, die gesamte Wertschöpfungskette von Anfang bis Ende abzudecken und damit eine faire Produktion auf allen Ebenen zu gewährleisten, klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Besonders in der Modeindustrie ist die Wertschöpfungskette hoch komplex: Ein einziges Kleidungsstück durchläuft so viele Herstellungsschritte, dass selbst Designer Mühe haben, die Herkunft ihrer Textilien zu benennen. Die Sorge scheint also berechtigt.

Mehr Nachsicht bitte: Der grüne Knopf steht noch am Anfang

Zur Einführung im Spätsommer 2019 bewertet der Grüne Knopf „nur“ die Konfektionierung – also das Nähen der Kleidung – und die Textilveredelung, heißt es auf Anfrage aus dem Entwicklungsministerium. Damit deckt der Grüne Knopf (noch) nicht alle Stationen ab – auch das stimmt. Allerdings steckt das staatliche Textilsiegel gerade erst in der Pilotphase.

Wie bei jedem anderen Siegel wird auch beim Grünen Knopf sicher nochmal nachgeschraubt und Kontrollmechanismen verbessert werden. In den kommenden Jahren soll das Siegel dann die gesamte Lieferkette abdecken. Die bis dahin geltende „Unvollständigkeit“ zu kritisieren, ist verständlich. Dennoch sollte man das Siegel nicht nur auf mögliche Defizite reduzieren, sondern auch die vielen Chancen und Vorteile im Blick behalten. Wie effektiv der Grüne Knopf am Ende dann wirklich sein wird, bleibt sowieso abzuwarten.

Sarah: „Gut gemeint, aber leider verfehlt der Grüne Knopf das eigentliche Problem.“

Spätestens seit Fridays For Future bekommt man es immer häufiger mit dem schlechten Gewissen zu tun. Im Inland fliegen? Tomaten in Plastik kaufen? Guacamole essen? Schwierig. Und das ist auch gut so. Umweltschutz heißt Opfer bringen. Auch Kleidung kaufen bekommt in Sachen Nachhaltigkeit einen schlechteren Ruf. Viele sehen in dem Grünen Knopf dann vielleicht einen Freifahrtschein fürs Shoppen ohne Öko-Reue. Aber so einfach ist das nicht: Viel weniger zählt es, was wir kaufen – sondern, dass wir überhaupt etwas kaufen.

Die Designerin Katharine Hamnett sagte einmal: „Das ökologischste Kleidungsstück ist das, was man gar nicht erst kauft“. So lange das nicht der Grundsatz für unser Konsumverhalten ist, können Siegel wenig dabei helfen, die Modeindustrie maßgeblich nachhaltiger zu gestalten. In erste Linie muss man sich also fragen: Wie viele T-Shirts müssen überhaupt in meinem Schrank liegen? Lohnt es sich, ein Kleid nur für einen bestimmten Anlass zu kaufen? Und: Wie lange will ich ein Kleidungsstück eigentlich tragen? Denn auch das nachhaltigste Shirt schadet der Umwelt, wenn es nach einem halben Jahr wieder aussortiert wird. Laut einer Studie der Umweltorganisation Greenpeace aus dem Jahr 2016, kauft jeder Deutsche etwa 60 Kleidungsstücke im Jahr – trägt sie aber nur noch halb so lange, wie noch vor 15 Jahren.

Viele Modeketten haben ihr Geschäftsmodell aber an dieses Kaufverhalten angepasst. „Fast Fashion“ beschreibt die Geschäftsstrategie vieler großer Ketten. H&M, Zara und Co. verzichten auf das klassische Kollektions-Jahr und statten ihre Geschäfte stattdessen fast wöchentlich mit neuen Kleidungsstücken aus und reagierend rasend schnell auf aufkeimende Trends. Besonders diese Ketten stehen in der Kritik für ihre „Wegwerfmode“.

Ein neues Siegel verfehlt das eigentliche Problem

Wenn der Grüne Knopf hält, was er verspricht, sollten Kleidungsstücke, die ihn tragen, einen maßgeblichen Unterschied zur Massenware darstellen. Will der Verbraucher das? Nachhaltige Kleidung ist meist teurer, weniger trendgemäß und hat weniger verschiedene Kleidungsstücke zu Verfügung, als die konventionelle Herstellung. Das Problem ist es, dem Verbraucher diese Art des Konsumieren schmackhaft zu machen und ein echtes Umdenken voranzutreiben. Dabei kann ein Siegel nur bedingt helfen.

Sich nachhaltig zu kleiden, ist nicht einfach. Wer wissen will, ob ein Kleidungsstück mit seinen ökologischen und ethischen Vorstellungen zu vereinbaren ist, muss eine recht umfangreiche Recherche betreiben. Dabei stößt man schnell an seine Grenzen, denn die Wertschöpfungskette ist im Nachhinein meist nur schwer nachzuvollziehen.

Der grüne Knopf ist kein Allheilmittel

Auch das Siegel des Entwicklungsministeriums wagt sich da in unerforschtes Terrain: Bisher deckt kein Siegel die komplette Wertschöpfungskette der Textilindustrie ab. Der Grüne Knopf soll aber „perspektivisch den gesamten Textil-Kreislauf abbilden,“ so das Entwicklungsministeriums. Aber wann wird es wohl soweit sein?

Die Versprechungen des Grünen Knopfes sind groß. So groß, dass sie große Teile der Textilindustrie schon skeptisch gemacht haben. Der Grüne Knopf könnte in Sachen Transparenz vieles einfacher machen. Aber nur, wenn auch gut vermittelt wird, was das Siegel genau attestiert. Auch um das zu verstehen, müssen die Konsumenten ihre Hausaufgaben gemacht haben. Der Grüne Knopf kann viel Gutes bewirken – er ist aber kein Selbstläufer und löst das eigentliche Problem. Deshalb darf er nicht als Ersatz für kritisches Hinterfragen des eigenen Konsumverhaltens werden.

Foto: Melissa Leonhardt

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