Altenpflege: “Wir sind kein Fastfood-Restaurant”

Pia ist 18 Jahre alt und macht aktuell eine Ausbildung in der Altenpflege.

Freiwillig den Weg in die ambulante Altenpflege einschlagen, der bekannt ist für Stress, Tod und Krankheit? Pia ist 18 und hat sich vor zwei Jahren genau dafür entschieden. Sie sagt: Ich habe meinen Traumjob gefunden, auch wenn es viele Probleme gibt.

Die Altenpflege: Ein Thema, mit dem viele sich nicht auseinandersetzen wollen. Denn für die meisten Studierenden ist es ja noch lange hin, bis sie womöglich darauf angewiesen sind. Auch für Pia ist dieser Gedanke noch weit weg. Trotzdem ist sie jeden Tag im Pflegeheim, auf einer Pflegestation oder mit dem ambulanten Pflegedienst unterwegs. Sie ist im zweiten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur ambulanten Altenpflegerin.

Jeden Tag hilft sie älteren Menschen auf die Toilette, gibt ihnen Medikamente oder zieht ihnen Kleidung an. Allerdings gehören diese Aufgaben noch zu den angenehmeren. „In meinem Praktikum im Pflegeheim hatte ich eine Patientin, die sich eingekotet hat. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, weil viele ältere Menschen den Stuhlgang nicht mehr kontrollieren können. Allerdings hat sie ihren Kot überall hingeschmiert und auch gegessen,“ erzählt sie. Viele Gleichaltrige würden das wohl nicht als ihren Traumjob bezeichnen. Aber bei Pia liegt es in der Familie: Ihre Schwester hat genau wie sie einen sozialen Beruf eingeschlagen. Sie ist Krankengesundheitspflegerin. Auch Pias Vater hat früher in der Altenpflege gearbeitet.

Traumjob Altenpflege trotz Gegenwind

Wenn Pia dreimal in der Woche zum Fussballtraining geht, hört sie oft die gleichen Sätze: Ihre Freundinnen und Freunde raten ihr, sich doch was anderes zu suchen. „Aber für mich ist es das Richtige“, sagt sie. Dafür nimmt sie vieles in Kauf: Jetzt in der Ausbildung arbeitet Pia nicht am Wochenende oder an Feiertagen. Danach aber wird sie zum Teil zwölf Tage hintereinander arbeiten und dann einen Tag oder ein Wochenende frei haben. Dazu kommen oft Überstunden für die Aufgaben-Dokumentation, die in die normale Arbeitszeit oft nicht mehr reinpasst.

Pia macht die Arbeit trotzdem gerne. „Es gibt mir einfach so viel zurück. Ich kann mich mit den alten Menschen unterhalten und von ihrer Lebenserfahrung lernen“, sagt sie. Beispielsweise hatte Pia eine Patientin, die früher ebenfalls in der Pflege gearbeitet hat. „Sie hat mir dann von ihrer Zeit im Beruf erzählt, Tipps gegeben und mir erklärt, was sich alles geändert hat.“ Zum Beispiel sei der Umgang mit den Patientinnen und Patienten deutlich anders. Die heutigen Pflegekräfte, so berichtet die Patientin, seien unfreundlicher und hätten kaum Zeit.

31.000 offene Stellen in der Altenpflege

Zu wenige Auszubildende entscheiden sich wie Pia für diesen harten Job, sagt Sigrid Averesch-Tietz. Sie arbeitet beim Verband der Ersatzkassen NRW als Pressesprecherin. In NRW gibt es 21.500 Auszubildende in der Altenpflege. Doch es wollen nicht genug Menschen diesen Beruf ergreifen: 2017 gab es, so Averesch-Tietz, in Deutschland 31.000 offene Stellen. Grund für die ausbleibenden Pflegekräfte sind laut der Sprecherin vor allem Zeitdruck, schwierige Arbeitsbedingungen, Wechselschichten und die geringe Bezahlung.

Ein wesentliches Problem in der Altenpflege sieht auch Pia im Zeitmanagement. Für die vielen Aufgaben sei die Arbeitszeit oft knapp bemessen. „Wir arbeiten hier nicht in einem Fastfood-Restaurant, in dem wir die Patienten und Patientinnen wie Pommes und Burger im Akkord abarbeiten können. Wir müssen uns die Minuten, die wir dafür brauchen, nehmen und nehmen können!“, sagt Pia. Für einen kurzen Augenblick weicht Pias Gelassenheit der Wut. Auch sie macht sich Gedanken: „Die Menschen sitzen ganz allein Zuhause, keiner kommt sie besuchen. Sie sind quasi eingesperrt in ihrem eigenen Zuhause, weil sie nichts mehr machen können. Wenn wir dann kommen, sind die meisten so überglücklich, dass sie uns teilweise zum Frühstück oder Kaffee einladen. Das geht aber nicht.“ Denn sie muss zur nächsten Patientin zum nächsten Patienten.

Der Druck sei schon sehr hoch, sagt Pia, doch sie nehme sich die Zeit, die sie nun einmal brauche. Schon beim Erzählen wirkt Pia gelassen. Kaum etwas kann sie aus der Fassung bringen. Diese Ruhe nimmt sie mit in ihre Arbeit. „Wenn es dann doch mal länger dauert, ruf ich beim nächsten Patienten oder bei der nächsten Patientin an und sage ihnen, dass es fünf oder zehn Minuten später wird“, erklärt sie. Sollte sie den nächsten Termin gar nicht mehr schaffen, weil zum Beispiel ein Notfall dazwischenkommt und ein Krankenwagen kommen muss, übernimmt eine Kollegin oder ein Kollege: „Wir unterstützen uns sehr, denn wir sind ein Team.“

Einsatz zahlt sich aus

„Manche Pflegebedürftige sind nicht einfach“, erklärt Pia: „Sie wissen nicht mehr was passiert oder warum wir zu ihnen nach Hause kommen.“ Oft aber sind es auch die Kolleginnen und Kollegen, die nicht einfach sind. Im Praxiseinsatz im Krankenhaus hat sie zum Beispiel mitbekommen, dass eine ältere Frau nicht mehr aufstehen konnte, weil ihr die Kraft fehlte. „Die Kollegin hat sie einfach zum Waschbecken gezogen, weil die Zeit drängte. Ich habe mir die Zeit genommen und die Aufgabe ausführlich gemacht. Die älteren Menschen möchten ja auch, dass ich mir die nötigen Minuten für sie nehme. Deswegen verstehen sie es auch, wenn ich mal etwas später zu ihnen komme.“ Aber das machen nicht alle Kolleginnen und Kollegen. Manche seien nur noch genervt und übertragen diese Stimmung dann auf alle, sowohl Pflegende als auch Pflegebedürftige. „Dann sind auch die Patientinnen und Patienten unzufrieden.“

Dabei ist Dortmund in der Altenpflege im Schnitt sogar besser aufgestellt als NRW, sagt Sigrid Averesch-Tietz. „In NRW kommt auf 5860 Einwohner ein ambulanter Pflegedienst. In Dortmund betreut ein Pflegedienst im Schnitt 4700 Einwohner.“ 2016 lebten in Dortmund 35.000 Menschen über 80 Jahre. Von diesen waren mehr als die Hälfte pflegebedürftig. Die ambulante Pflege ist so gefragt wie nie. Im Pflegebericht der Stadt Dortmund heißt es, dass ältere Menschen trotz Pflegebedürftigkeit möglichst bis zum Lebensende zuhause bleiben möchten. Deswegen werden mehr als zwei Drittel der Pflegebedürftigen in Dortmund daheim gepflegt. Viele Familien können diese Aufgabe allein nicht stemmen und holen sich Hilfe durch einen ambulanten Pflegedienst. „Die Bedeutung der ambulanten Pflege hat sich wesentlich erhöht“, sagt Averesch-Tietz.

„Manche Momente sind unvergesslich!“

Pia ist eine Situation dabei besonders im Gedächtnis geblieben: „Eine ältere Frau hat mir mal gesagt: ‚Ich bin froh, dass du hier so toll pflegst. Da können die letzten Wochen vor dem Tod noch schön werden.‘ Und genau da wusste ich, das ist mein Traumberuf.“ Ein Bürojob sei für sie keine Option: „Ich bin so ein Mensch, ich kann nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen.“ Sie braucht den Kontakt und genießt das Gefühl des Gebrauchtwerdens, sagt Pia.

Einige Patientinnen und Patienten erkennen nicht, dass Pia kommt, um sie zu unterstützen. Denn sie glauben, dass sie selbst noch alles allein schaffen. Wenn die Auszubildende ihnen dann hilft, werden sie aggressiv oder traurig. Diese Laune bekommt die angehende Altenpflegerin dann ab. Aber dafür, sagt Pia, machen andere Patientinnen und Patienten manche Tage für sie einzigartig: „Zu einer Frau komme ich seit dem Anfang meiner Ausbildung. Sie hat mir letztens gesagt: ‚Wir sind ein eingespieltes Team. Wenn du kommst, bin ich glücklich, denn dann weiß ich, dass ich keine Angst haben muss, weil du dich so sorgfältig um mich kümmerst.‘ Da fehlen einem erstmal die Worte.“

“Ich traue mir zu, Menschen bis zu ihrem Tod zu begleiten”

Die Krankheiten und der Tod schrecken wohl viele von dem Beruf ab. Das weiß auch Pia und hat es schon selbst miterlebt. „Uns ist ein Mann mit Kreislaufproblemen weggeklappt. Wir haben ihn dann ins Bett gebracht und so weit behandelt, dass er wieder stabil war. Kurze Zeit später ist er gestorben“, erzählt sie. Pia hat sich danach viele Gedanken gemacht, ob sie das hätte verhindern können. Dennoch habe sie die nötige Distanz aufgebaut, so dass sie inzwischen gut damit umgehen kann. Denn ihr ist bewusst geworden, dass sie nichts hätte ändern können. „Meine Kollegin und ich haben alles richtig gemacht. Wir haben ihm so gut es ging geholfen.“ Aus dieser Situation habe sie so viel mitgenommen, dass sie nach der Ausbildung gerne die Weiterbildung in der Palliativpflege machen möchte. „Ich traue mir das zu Menschen Monate oder sogar nur Tage vor dem Tod zu begleiten.

Pflegenotstand
Pflegekräfte, Angehörige und Politikerinnen und Politiker kritisieren seit langem den Pflegenotstand in Deutschland. Sie sind sich einig: Es muss sich etwas ändern. Denn der Pflegenotstand bedeutet, dass zu wenig Pflegepersonal vorhanden ist. In Deutschland fehlten Anfang 2018 laut Bundesministerium für Gesundheit 25.000 bis 30.000 Pflegekräfte in Pflegediensten und Pflegeheimen. Das vorhandene Personal steht unter enormem Zeitdruck und beklagt die schwierigen Arbeitsbedingungen. Darunter leiden letztendlich die Patientinnen und Patienten. Pflegeexperte Claus Fussek sieht die Pflegekräfte in der Verantwortung.

Gerne hätten wir Pia bei ihrer Arbeit begleitet und Eindrücke gesammelt, wie sie ihren Ausbildungsalltag in der ambulanten Altenpflege erlebt und verbringt. Allerdings war das zum Schutz der Patientinnen und Patienten nicht möglich.

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