Studentin und Mutter – ein Spagat über der Gender Care Gap

Die Pandemie schickt nicht nur die Erwachsenen ins Homeoffice. Viele Kinder können nicht zur Schule oder in die Kita. Den Sorgeauftrag übernehmen die Eltern – nur meistens ungleich verteilt. Frauen leisten in den meisten Fällen den größeren Teil der Sorge- und Betreuungsarbeit für die Kinder. Die „Gender Care Gap“ betrifft auch Studenten*innen, die Nachwuchs zu Hause haben. 

Der Laptop ist hochgefahren. Ein Notizblock liegt bereit. Stifte sind auch da. Irgendwas fehlt… etwas zu Trinken! Katharina geht nochmal ins Nebenzimmer, bleibt an der Treppe stehen. Es ist leise, fast zu leise für ihren Geschmack. Sie fragt sich ob, unten wohl alles gut ist. Ob er wohl alles im Griff hat? Katharina schüttelt den Kopf und geht wieder zu ihrem Schreibtisch. Sie weiß eigentlich, dass alles gut ist, sonst hätte er ihr Bescheid gesagt. Jetzt aber schnell in Zoom einwählen, hoffentlich läuft das Internet. Erfolgreich. Und die Vorlesung geht auch schon direkt los. Den Anfang hat sie mal wieder verpasst. Wovon spricht der Professor nochmal? Nach ein paar Minuten hat sie den Anschluss gefunden, doch dann schweifen die Gedanken wieder ab…. Ist wirklich alles gut bei den beiden? Bekommt er das hin? Hat er ihm schon Essen gegeben? Ist er eingeschlafen? Ist vielleicht was passiert? Einmal schnell runterspringen kann ja nicht schaden, oder?

Mutter und Studentin in einem – geht das?

Katharina Masterstudentin
Katharina studiert an der Uni Witten

Solche Situationen sind normal für Katharina. Sie ist 26 Jahre alt und Masterstudentin an der Universität in Witten. Außerdem ist sie stolze Mutter eines 15 Monate alten Sohnes. Ihr Ehemann promoviert an der TU Dortmund im Bereich Maschinenbau. „Es ist immer ein Spagat“, erzählt die junge Mutter. Das Studium bekommt in letzter Zeit leider nicht die volle Aufmerksamkeit, weil sie immer mit einem Teil ihrer Gedanken beim Kind ist. Auch Katharina sitzt, wie alle Studierende, im Home Office. Aber das Haus ist voll: Sohn und Ehemann sind auch zu Hause. Katharinas Ehemann hat einen Heimarbeitsplatz, aber nur in Teilzeit. An manchen Tagen muss er ins Büro. Da hat Katharina als Studentin scheinbar einen flexibleren Alltag. Tagsüber passt meistens sie auf den Kleinen auf, unterstützt wird sie dabei von den Großeltern des Kleinen, was für Katharina ein sehr großes Privileg ist.

Für die junge Mutter ist die Situation ungewohnt: „Die räumliche oder geografische Distanz fehlt. Normalerweise bin ich an der Uni, und wenn ich dort bin gebe ich – soweit es natürlich geht – die Verantwortung für meinen Sohn ab. Zu Hause ist immer mindestens ein Auge und ein Ohr bei ihm“, erläutert die Studentin. Sie würde im Home Office nicht so richtig in den Studentenmodus reinkommen. „Das Schlimmste ist die innere Zerrissenheit“, sagt Katharina. Sobald sie es dann doch mal schafft, sich auf ihr Studium zu konzentrieren, packt sie das schlechte Gewissen. Sollte sie sich vielleicht doch gerade um ihr Kind kümmern? Die Grenzen zwischen Katharina als Mutter und Katharina als Studentin verschwimmen. Sie gesteht selbst, dass besonders in den ersten Lebensmonaten ihres Sohnes die Mutterrolle überwiegt. „Doch irgendwann ist das Kinderbuch für den eigenen Kopf einfach nicht mehr genug“, sagt Katharina.

Frauen übernehmen 52,4% mehr der Sorgearbeit

Zu Coronazeiten sind fast alle Kindertagesstätten und Kindergärten geschlossen, das heißt, der komplette Sorgeauftrag fällt in vielen Familien auf die Eltern zurück. „Studien belegen, dass vor allem Frauen die Betreuungsaufgaben zu Hause auffangen“, sagt Jeannette Kratz vom Familienservice der TU Dortmund. Und genau das ist ein Problem. Die sogenannte „Gender Care Gap“ beschreibt die Sorgelücke zwischen den Geschlechtern. Das Bundesfamilienministerium veröffentlichte in einer aktuellen Studie, dass Frauen ungefähr 52,4% mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit aufbringen als Männer.

Auch Katharina und ihr Partner haben sich ausgiebig mit der Sorgefrage befasst. Mittlerweile sind die beiden ein eingespieltes Team. Doch in den ersten Monaten nach der Geburt stellte die Sorgefrage einen Stressfaktor in der Beziehung dar, erläutert die Studentin: „Selbst, wenn man im Paar versucht, es so gerecht wie möglich aufzuteilen, hakt die Gesellschaft meistens dazwischen“. In den Köpfen vieler Menschen ist die Frau immer noch zum größten Teil für die Kinder zuständig, meint Katharina.

Gender Care Gap als gesellschaftliches Problem

Neben dem Studium ist Katharina im Stadtrat in Witten aktiv. Sie erinnert sich an eine Sitzung, während der sich ihr Ehemann um den gemeinsamen Sohn gekümmert hat. Vor der Sitzung fragten sie mehrere Mitglieder, wo denn Katharinas Sohn sei. „Einem Mann würde man aber eine solche Frage nie stellen“, sagt die junge Mutter. Bis heute ärgert sie sich über solche Fragen und die mitschwingenden Vorwürfe. „Die Frau wird immer mit der Familie verknüpft, während der Mann als alleinige Person betrachtet wird”, sagt Katharina. Das sei aber nicht nur ein Problem für die Frauen, meint die Studentin. Auch Männer würden darunter leiden. Wenn ein Mann nach der Geburt seines Kindes länger zu Hause bleibt und die Frau wieder arbeiten geht, würde dieser als verweichlicht dargestellt.

„Familienthemen sind auch immer Geschlechterthemen”, sagt Familienbeauftragte Kratz. Sie ist dafür zuständig, junge Eltern im Studium zu unterstützen. „Wir sind in der Universität gut vernetzt, um eine Vermittlung zwischen den Lehrenden und Studierenden mit Kindern zu fördern“, erläutert Kratz. Jeder Fall sei individuell – sie bemerke aber, dass sich mehr Mütter als Väter melden würden. Kratz betont, dass es besonders wichtig ist, allen Eltern zu zeigen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind.

Unterstützungsnetzwerk für Eltern an der TU Dortmund
An der TU Dortmund gibt es den Familien-Service mit vielfältigen Angeboten: Die Eltern bekommen Beratung und Unterstützung im direkten Gespräch, es gibt Informationen auf den Seiten des Familienportals der TU Dortmund, auf dem Campus sind Arbeits- und Ruheorte für Schwangere und Hochschulangehörige mit Kindern und das Elterncafé bietet die Möglichkeit mit anderen Eltern in Kontakt zu kommen– aktuell in der Form eines Webex-MeetingWeitere Anlaufstellen für Studierende und Beschäftigte an der TU Dortmund sind die Personalräte, Beschwerdestellen sowie Soziale Ansprechpartnerinnen und AnsprechpartnerFür Hochschulangehörige mit Familie sind auf den Seiten des Familienportals viele Informationen mit Links zu Artikeln, die sich mit dem Gender Care Thema auseinandersetzen, sowie Hinweise zu Beschäftigungsideen für Kinder in unterschiedlichen Altersstufen im Home Kindergarten und Home Schooling.

Home Office auch in der Zukunft

Aktuell ist Katharinas Kind zu Hause – einen Kitaplatz hat sie erst ab August 2021. Doch auch das Studileben von zu Hause ist bald zu Ende, nach ihrem Abschluss will Katharina auf jeden Fall arbeiten gehen. „Wir haben uns schon viele Gedanken gemacht, wie es nach Corona weitergeht. Wer, wann und wie auf unseren Sohn aufpassen wird, wenn wir beide ins Büro müssen“, erklärt die Masterstudentin. Die 26-jährige erhofft sich von zukünftigen Unternehmen Verständnis. Nicht nur bei sich selbst, sondern auch für ihren Mann. Arbeitgeber*innen sollten anerkennen, dass auch der Mann nach Hause muss, wenn das Kind krank ist. „Es sollte normal sein, dass die Betreuung im Paar gerecht aufgeteilt wird“, sagt Katharina. Sie ist aber zuversichtlich, dass die Pandemie auch gute Folgen haben wird. Zum Beispiel erkennen Unternehmen, dass die Arbeitskräfte nicht immer vor Ort sein müssen und auch aus dem Home Office arbeiten können. Ihr Mann möchte auf jeden Fall ein bis zwei Tage pro Woche im Home Office bleiben, auch nach der Pandemie. So könnten sich die beiden die Betreuung gut aufteilen.

Wenn Katharina in ein paar Jahren dann doch Vollzeit arbeitet, wären flexible Arbeitszeiten für sie ein Traum. Sie würde gerne arbeiten können, während ihr Kind bei der Kita ist und vielleicht noch etwas von zu Hause, sobald der Sohn schlafen gegangen ist. Eine gerechte Aufteilung zwischen ihr selbst und ihrem Partner in der Betreuung ihres Kindes ist der jungen Mutter sehr wichtig. „Wir bekommen das schon irgendwie hin“, sagt Katharina.

 

Beitragsbild: Standsome Worklifestyle @standsome Unsplash.com

 

 

 

 

 

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