Amusie: Lisa versteht Musik nicht mehr

Lisa möchte nicht erkannt werden. Illustration: Oskar Köppen

Von einem auf den anderen Tag hört sich Musik für Lisa falsch an. Sie versteht die Melodie nicht mehr. Zunächst kann ihr niemand sagen, was der Grund sein könnte. Erst als sie einen Experten findet, erfährt Lisa: Sie hat Amusie.

Die Kolleginnen reden über ihr Wochenende, die Uhr an der Wand tickt. Finger tippen auf Tastaturen herum, aus dem Radio kommt Musik. Ein typisches Büro einer Rentenversicherung. Hier arbeitet Lisa, sie ist 27. Es ist nie wirklich leise, aber das stört sie nicht. Bis auf das Radio. An manchen Tagen kann sie es nicht ertragen. „Dann hört es sich einfach eklig an“, sagt sie. An solchen Tagen bittet sie die Kolleginnen, die Musik leiser zu drehen. Auch wenn nicht alle verstehen warum, machen sie es gerne.

Lisa leidet an Amusie. Das ist eine Erkrankung, die bei Schädigungen bestimmter Verbindungen im Gehirn auftritt. Bei Lisa hat ein Schlaganfall vor drei Jahren die Störung ausgelöst. Zusätzlich war auch ihre gesamte linke Körperhälfte gefühllos. Davon ist heute nichts mehr übrig, die Amusie ist aber geblieben. Wäre der Schlaganfall früher behandelt worden, könnte ihr Leben heute anders sein. Anfangs konnte ihr niemand sagen, was überhaupt los ist. Erst durch einen Spezialisten erfuhr sie, warum die Musik, die sie hört, nicht mehr wie früher klingt.

Die Musikverarbeitung funktioniert nicht richtig

Dieser Experte ist Professor Stefan Evers. Der Neurologe hat neben seinem Medizinstudium auch Musikwissenschaften studiert und beschäftigt sich seitdem mit Amusie. „Das ist allgemein gesprochen jede Form der Störung von Musikverarbeitung im Gehirn“, erklärt Evers. Beim Hören von Musik werden Schallwellen im Ohr in elektrische Informationen umgewandelt. Der nächste Schritt ist der entscheidende: Ein Hirn-Areal erkennt, dass es sich um Musik handelt. Bei amusischen Menschen ist dieses Areal defekt. Die Musik wird zwar gehört, aber nicht mehr richtig verarbeitet, es wird kein Rhythmus mehr erkannt – oder keine Melodie. „Musik wird nicht mehr als Musik wahrgenommen, sie wird als Krach oder Lärm empfunden“, sagt Evers. Das betreffe in den meisten Fällen nicht die komplette Musik, viel häufiger seien es nur Teilbereiche. So könnten Betroffene zum Beispiel nur einzelne Instrumente nicht mehr hören.

Es hört sich fast jeden Tag anders an

Wenn Lisa Musik hört, fehlen manchmal Instrumente. Illustration: Oskar Köppen

Lisa erklärt es so: „Wenn da eine Gitarre und ein Klavier spielen, höre ich quasi das Klavier nicht mehr.“ Manchmal fehle aber auch die Gitarre. Bei Liedern, die sie noch aus der Zeit vor dem Schlaganfall kennt, merkt sie meistens, welcher Teil nicht stimmt. Wie Musik für sie klingt, ist von ihrer Tagesform abhängig. „Neue Lieder hören sich teilweise heute so an und morgen schon wieder ganz anders“, erzählt Lisa. In Situationen, in denen sie traurig ist, hat sie sich früher bestimmte Lieder angehört. „Das geht heute einfach nicht mehr. Da wird man dann schon traurig, weil man es nicht mehr so hört, wie es einmal war.“ Lisa hat damals leidenschaftlich gerne Radio gehört. „Irgendwie hatte ich immer überall Musik an. Das war immer das, was ich geliebt habe“, sagt sie. Sie erzählt, dass sie zu Beginn ihrer Amusie nur NDR-Info gehört habe, „weil da den ganzen Tag nur geredet wird. Da läuft ja keine Musik.“

Auch das Musizieren kann betroffen sein

Auch Stefan Evers hat die Erfahrung gemacht, dass amusische Menschen eher versuchen, Musik zu meiden. Das läge unter anderem daran, dass sie sonst ständig daran erinnert werden, was sie verloren haben. Das Hören ist nicht der einzige Teil, der betroffen sein kann. „Es gibt noch viele andere Formen, zum Beispiel, dass man Musik nicht machen kann“, sagt Evers. So könne ein guter Klavierspieler, der einen Schlaganfall erlitten hat, danach möglicherweise sein Instrument nicht mehr spielen, obwohl die Hände oder Arme motorisch nicht betroffen sind. In seltenen Fällen könne nur das Notenlesen oder -schreiben blockiert sein. Die Sprache hingegen sei durch Amusie selbst nicht beeinträchtigt.

„Mangelnde Begabung hat damit nichts zu tun“

Menschen, die von Geburt an amusisch sind, haben aber wohl das größte Problem, das Konzept von Musik nachzuvollziehen. Diese Menschen konnten nie hören, wie die Lieder für andere klingen. „Das ist so, als würde man einem Blinden Farben erklären“, sagt Mediziner Evers. Dass die Störung angeboren ist, bedeutet nicht, dass sie genetisch bedingt ist. „Auch mangelnde musikalische Begabung hat damit nichts zu tun,“ erklärt der Experte: „Amusie entsteht durch eine Erkrankung.“ Menschen, die mit der Störung geboren werden, müssen sich diese also im Mutterleib zugezogen haben und besitzen eine nachweisbare, strukturelle Gehirnerkrankung.

Amusie kann man nicht vorhersagen

Ärztinnen und Ärzte können auch nicht sicher vorhersagen, ob ein Mensch nach einer Gehirnstörung amusisch wird oder nicht. Das hängt unter anderem davon ab, ob Betroffene in ihrem bisherigen Leben beruflich mit Musik zu tun hatten oder nicht. Professionelle Musikerinnen und Musiker verarbeiten die Töne stärker mit der linken Gehirnhälfte, unmusikalische Menschen mit der rechten. Wenn nun eine Musikerin oder ein Musiker einen Schlaganfall in der rechten Gehirnhälfte erleidet, wird sie oder er wahrscheinlich nicht amusisch werden. „Da ist er dann eher immun gegen Amusie, das wird ihn nicht besonders stören“, sagt Evers.

Ein Schlaganfall ist nicht die einzige mögliche Ursache für die Störung. Sie kann auch durch einen Tumor, eine Entzündung, eine Vergiftung oder ähnliches ausgelöst werden. „Am häufigsten ist aber der Schlaganfall. Zwei Drittel aller gehirnerkrankten Patienten sind mittlerweile Schlaganfall-Patienten“, sagt Stefan Evers.

Schlaganfall – was ist das?

Bei einem Schlaganfall werden Teile des Gehirns nicht mehr richtig mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt und sterben ab.

Die zwei Hauptauslöser sind:

  • Ein Blutgerinnsel verstopft Gefäße. Es kann kein Sauerstoff mehr in den blockierten Teil des Gehirns transportiert werden.
  • Eine Arterie im Gehirn platzt. Die Blutung beschädigt das Gewebe.

Die Anzeichen für einen Schlaganfall sind unterschiedlich:

  • Plötzliche Lähmung oder Taubheit in einer Körperhälfte, dem Gesicht oder in einem Arm oder Bein
  • Sehstörungen oder gar vorübergehende Erblindung auf einem Auge
  • Sprachstörungen: falsches, undeutliches oder sehr langsames Sprechen oder andere werden sprachlich nicht mehr verstanden
  • Plötzliche Gleichgewichtsstörungen und Schwindel bis hin zur Bewusstlosigkeit

Wenn eins oder mehrere dieser Symptome auftreten, muss schnell gehandelt und direkt ein Notarzt gerufen werden. Bei einem Schlaganfall zählt jede Sekunde. Wenn die Behandlung frühzeitig beginnt, kann Gehirngewebe gerettet werden.

In der anschließenden Rehabilitation können Patientinnen und Patienten oft ihre verlorenen Fähigkeiten wiedererlangen.

Quelle: https://www.apotheken-umschau.de/Schlaganfall

Kein Arzt konnte Lisa sagen, was mit ihr nicht stimmt

Als Lisa mit 24 Jahren mit dem Verdacht auf einen Schlaganfall von ihrem Freund ins Krankenhaus gefahren wurde, hatte ihr zuerst niemand glauben wollen – sie sei einfach noch zu jung dafür. So wurde Lisas Schlaganfall viel zu spät behandelt. „Hätte man das früher schon diagnostiziert, hätte man da vielleicht doch ein bisschen was machen können“, erzählt sie.

Als sie abends im Krankenhausbett im Fernsehen eine Tanz-Show sieht, fällt ihr das erste Mal auf, dass sich ihre Musikwahrnehmung geändert hat. „Irgendwie hat das alles schon nicht mehr gepasst. Das kam mir so komisch vor.“ Sie spricht den Arzt auf das Problem an, dieser nimmt sie jedoch nicht ernst. Wieder zu Hause wird es schlimmer. Ihre Wahrnehmung von Melodien verändert sich stärker. Sie fängt an zu recherchieren: „Ich habe Ewigkeiten gegoogelt und irgendwann bin ich dann auf den Artikel von Doktor Evers gestoßen“, sagt Lisa. Über ihre Neurologin bekommt sie einen Termin bei ihm. Für Evers ist ihre veränderte Musikwahrnehmung vollkommen verständlich. Durch seine Erklärungen fällt es Lisa leichter, sich an ihre Krankheit zu gewöhnen. Sie sei inzwischen auch weniger oft deswegen bedrückt. „Der Schlaganfall ist jetzt drei Jahre her und so langsam gehört es irgendwie dazu“, sagt Lisa. „Die Zeit hilft dabei, dass man es irgendwie doch akzeptiert – akzeptieren muss.“

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