Wie Memes die Politik verändern

Memes sind schon lange nicht mehr nur lustige Bilder von Katzen und Kleinkindern. Immer öfter transportieren sie politische Botschaften und werden auch von Politikern genutzt, um ihr Programm im Netz zu verbreiten. Das verändert auch, wie im Netz und im realen Leben über Politik gesprochen wird.

Ausschnitt aus dem Comic „Boy’s Club“ von Matt Furie

Es war einmal ein kleiner, grüner Frosch mit großen Kulleraugen. Sein Name war Pepe. Geschaffen von dem amerikanischen Künstler Matt Furie lebte er seit 2005 in dem Webcomic „Boy’s Club“. Nach kurzer Zeit wurden Internetnutzer auf den Frosch aufmerksam. Sie verbreiteten ihn über das damals beliebte soziale Netzwerk MySpace. Es dauerte nicht lange, bis die Menschen Pepe veränderten und ergänzten, ihm etwa eine rote Clownsnase aufsetzten und ihn stilvoll ein Glas Wein trinken ließen. Mit der Sprechblase „feels good man“ wurde er erstmals weltweit bekannt. Pepe wurde zum Meme. Doch es dauerte nicht lange, bis ihn politische Gruppen für ihre Zwecke nutzten und ihn manche sogar zum Nazi-Frosch machten. Am Ende musste Pepe sterben.

Pepe ist ein Beispiel, doch auch andere Memes werden benutzt und verändert, um politische Statements zu setzen. Die Verbreitung von Bildern, vor allem im Internet, ist besonders effektiv, um politische Botschaften unter jungen Menschen zu verbreiten,  das zeigen verschiedene Studien zur Kommunikation im Netz. Die Bilder, die wir täglich sehen, bestimmen, wie wir die Welt sehen und gesellschaftliche Situationen und Konflikte bewerten.

Diesen Effekt machen sich Politiker im Wahlkampf zu nutzen. So erkannte US-Präsident Donald Trump während seines Wahlkampfes 2015 den Trend um das Pepe-Meme und teilte auf Twitter ein Bild, das eine Mischung aus dem Frosch und ihm selbst zeigt: Trumps Haare stechen hervor, auch die Augen des Trump-Froschs sind die des US-Präsidenten. Der Mund und die sattgrüne Hautfarbe des Mischwesens stammen eindeutig von Pepe. Mit einer Augenbraue angehoben und der Hand am Kinn steht es hinter einem Rednerpult mit der Aufschrift „Seal of the President of the United States“. Mit dem Titel „You Can’t Stump the Trump“ machte Trump auf ein YouTube-Video aufmerksam, in dem bearbeitete Ausschnitte aus TV-Debatten mit ihm gezeigt wurden, die ihn stets als Gewinner darstellten: Nachdem Trump ein Argument eines politischen Gegners gekontert hat, ertönt im Video zum Beispiel ein lautes Tröten, und alle fangen an zu jubeln. Sein Plan ging auf: Trumps Tweet wurde, wahrscheinlich auch dank Pepe, innerhalb kürzester Zeit tausendfach geteilt und internationale Medien berichteten über den Post.

Quelle: Screenshot von Tweet Donald Trumps

Alles kann zum Meme werden

Im Gegensatz zu einem klassischen viralen Trend lädt ein Meme dazu ein, es weiter zu bearbeiten und zu ergänzen, erklärt Medienwissenschaftler Felix Hasebrink, der an der Ruhr-Universität-Bochum lehrt und forscht. Memes sind außerdem nicht nur auf Bilder begrenzt. Auch Videos, Audio-Dateien, Sprüche oder sogar Tänze können zum Meme werden. So könnte beispielsweise auch der Harlem Shake oder die Ice-Bucket-Challenge als Meme bezeichnet werden. Wichtig ist dabei, dass die Memes eine einfache Ästhetik haben, mit der sich Menschen identifizieren können und die sich einfach weiterentwickeln lässt.

So wurde auch Pepe vom fröhlichen Frosch zum traurigen Frosch, vom traurigen Frosch zum wütenden Frosch und letztendlich zum Nazi-Frosch. Schon bald wurde er immer öfter  für politische Meinungsmache genutzt. Wer im Internet nach dem einst so friedlichen Frosch sucht, findet schnell Bilder, die ihn mit Hitlerbart, Schusswaffen zeigen; oder mit Hakennase und Kippa, die ihn wohl als Juden darstellen sollen. Die sogenannte Alt-Right-Bewegung aus den USA, die gegen Migration, Feminismus und Sozialismus steht, nutzte das Meme für ihre Zwecke und teilte die veränderten Bilder des Frosches auf Websites wie 4chan, 8chan oder reddit. Websites wie 4chan, oder die inzwischen zu 8kun umbenannte Seite 8chan, sind sehr umstritten, da es möglich ist, dort komplett anonym und ohne jegliche Kontrolle Bilder und Nachrichten zu posten. Zudem sollen sich auch Terroristen wie der Täter von Christchurch und der Täter aus Halle dort radikalisiert und ihre Gesinnung verbreitet haben.

Die Jugend spricht in Memes

Memes sind aber auch eine großartige Möglichkeit für Menschen, um an Politik teilzunehmen und sich einzubringen: Sie können Kritik üben, satirisch sein; oder einfach die eigene Meinung transportieren. Das erkannte auch das Projekt „bild machen„, welches Meme-Workshops für Lehrkräfte und muslimische Schüler anbietet. In den Workshops wird vermittelt, wie Memes zu lesen sind, aber auch welche Gefahren von ihnen ausgehen können. Die Teilnehmer des Workshops beschäftigen sich dabei im Speziellen mit Memes radikaler Islamisten. Die Schüler sollen lernen, Hass-Botschaften zu erkennen und im Gegenzug ihre eigenen Memes zu erstellen, in denen sie konstruktiv und auf unterhaltsame Weise ihre eigene Meinung darstellen. In der „Hall of Meme“ auf der Website des Projekts, wo sie vor Anfeindungen geschützt sind, werden die Werke der Schüler veröffentlicht.

Memes werden nicht nur von dem beeinflusst, was in der Politik passiert, sie beeinflussen auch selbst, wie in der Politik gesprochen wird. Ein aktuelles Beispiel dafür ist wohl „Ok Boomer“, was als Antwort auf Handlungen oder Reden von älteren Menschen mit konservativen oder als überholt geltenden Ansichten genutzt wird. Der Begriff „Boomer“ ist dabei eine Anspielung auf die sogenannte Baby-boomer-Generation der zwischen 1946 und 1964 geborenen Menschen. Nachdem das Meme erstmals über Tiktok Bekanntheit erlangte, wurde es auch in politischen Debatten genutzt. So sagte die junge neuseeländische Abgeordnete Chlöe Swarbrick „Ok Boomer“, als sie in einer Rede vor dem Parlament von einem älteren Mann unterbrochen wurde.

Pepe wird zum Hass-Symbol

2016 wurde Pepe der Frosch auf die Liste der Hass-Symbole gesetzt. Von der Anti-Defamation-League (ADL), einer amerikanischen Organisation, die sich gegen die Diskriminierung und Diffamation von Juden einsetzt. Damit steht Pepe auf der gleichen Liste wie das Hakenkreuz und der Hitlergruß. Auch wenn die ADL in dem dazugehörigen Artikel erklärt, dass nur ein kleiner Teil der Pepe-Memes für Hetze genutzt wird und natürlich nicht jeder, der ein Pepe-Meme nutzt, ein Rassist ist, fühlen sich viele Pepe-Fans missverstanden und verurteilt.

Nachdem Pepe immer öfter in einen rechtsextremen Kontext gesetzt wurde, wehrte sich auch sein Erfinder Matt Furie. Er distanziert sich von der rechten Politisierung seines Comics: “Es ist total irrsinnig, dass Pepe als Hass-Symbol genutzt wird und dass Rassisten und Antisemiten den einst so friedvollen Frosch aus meinen Comics als Ikone des Hasses benutzen“, sagte er gegenüber der New York Times. Daraufhin begann er, Klagen gegen diejenigen einzuleiten, die seine Zeichnung nutzen, um Hass zu verbreiten. In einem weiteren Comic, der 2017 erschien, zeigte er letztendlich die Beerdigung von Pepe, um sich endgültig von der neuen Bedeutung des Frosches zu distanzieren.

Pepe als Freiheitskämpfer

Viele Menschen benutzten Memes, ohne zu wissen, welche Bedeutungen ihnen in anderen Kulturen zugeschrieben wird. Auch so kann es zu Missverständnissen kommen. Das lässt sich beispielsweise in Hongkong beobachten, wo Pepe ein Symbol der Proteste gegen die Regierung wurde. Fragt man die Demonstranten, wissen diese allerdings nicht, welche Bedeutung das Meme in anderen Kulturen hat, berichtet die New York Times. In Hongkong ist Pepe ein pro-demokratisches Symbol, das für Freiheit steht. In einem Twitter-Video zeigt ein Nutzer, wie Demonstranten ein Bild von Pepe mit einem Presse-Helm an eine Wand in Hongkong sprühen. So verbreitet sich das Meme nicht nur digital, sondern auch in der realen Welt.

Memes können Rassismus verbreiten, aber auch Interesse für politische Themen schaffen. Sie verändern den Umgang junger Menschen mit Politik. Anstelle vieler Worte, reicht oftmals ein einziges Meme, um der eigenen Meinung Ausdruck zu verleihen. Das kann den politischen Diskurs unterhaltsamer und bunter gestalten, aber auch dazu führen, dass Kontext verloren geht und sich durch die fehlende Prüfung der Aussagen Fake-News und Hass schneller verbreiten.

Beitragsbild: Screenshot eines Tweets von Donald Trump

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