Green Holidays – Vier Blogger erzählen, wie nachhaltiges Reisen geht

Von Lilli Hiltscher und Katharina Hellmann

Trotz des wachsenden Umweltbewusstseins fällt es vielen Menschen der Industrienationen noch immer schwer, auf Flüge zu verzichten. Im Jahr 2018 sind laut der Weltbank weltweit mehr als 4,2 Milliarden Menschen geflogen. Bei einer Weltbevölkerung von rund 7,6 Milliarden fliegt also fast jede zweite Person einmal pro Jahr. Und die Tendenz ist weiter steigend, obwohl Fliegen das vergleichsweise umweltschädlichste Verkehrsmittel ist. Laut Umweltbundesamt produziert ein Flugzeug im Durchschnitt 230 Gramm pro Personenkilometer an CO2-Emissionen. Das ist mehr als sieben Mal so viel wie ein Zug im Fernverkehr.

Was ist ein Personenkilometer?
Wenn 100 Menschen in einem Flugzeug von Jakarta in Indonesien nach Dortmund fliegen, fliegen sie etwa 11 000 Kilometer weit. Das sind dann 100 transportierte Menschen mal der Strecke von 11 000 Kilometern und somit 1 100 000 Personenkilometer. Wenn ein Zug mit 300 Passagieren an Bord von Dortmund nach Mainz fährt, sind das etwa 200 Kilometer Strecke für die 300 Menschen und somit 60 000 zurückgelegte Personenkilometer. Weil man so etwas mit Personenkilometern recht einfach vergleichen kann, ist dieses Maß auch beliebt, um die Umweltfreundlichkeit verschiedener Verkehrsmittel gegenüberzustellen.

Der Druck auf die Politik ist hoch. Die Politiker wollen Menschen dazu bringen, auf umweltfreundliche Verkehrsmittel umzusteigen. Dafür hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr das Klimapaket verabschiedet. Mit diesem soll der Preis für Flugtickets steigen. Die Preise der Bahn sind schon gesunken. Damit will die Bundesregierung auch ein Umdenken in der Bevölkerung bewirken. Denn für einen wirksamen Klimaschutz ist eine veränderte Mobilität unabdingbar.

Das sieht auch Dirk Reiser so, er ist Professor für nachhaltiges Tourismusmanagement an der Hochschule Rhein-Waal: „Entweder wir ändern jetzt noch etwas oder wir müssen in Zukunft mit enormen Konsequenzen rechnen.“ Er nennt einige Beispiele: die Erwärmung der Weltmeere, die Feuer in Australien, enorme Wanderbewegung, Klimazonen, die völlig unbewohnbar werden, Wasserknappheit aufgrund von Gletscherschmelze und Veränderungen der Tierwelt.

Deswegen ist es nötig, dass Menschen alle Bereiche ihres Lebens nachhaltiger gestalten. Und die Notwendigkeit dessen ist auch den meisten Deutschen bewusst: 2018 schätzten rund zwei Drittel der Befragten in einer repräsentativen Umfrage des Umweltbundesamtes Klimaschutz als wichtige Herausforderung ein. Dazu gehört auch die Planung von Reisen. Hier erzählen vier Blogger, wie sie versuchen, ihren ökologischen Fußabdruck beim Erkunden ferner Länder so gering wie möglich zu halten.

In sieben Monaten um die Welt

Schwer atmend sind Julia und Daniel die letzten Meter zu ihrem Ziel in Nong Khiaw hinaufgeklettert. Quelle: privat

Indien, Thailand, Laos, Malaysia, die Philippinen, Taiwan, Japan, Hawaii, Costa Rica, Peru, Bolivien, Spanien und von dort zurück nach Deutschland. Und das alles in verhältnismäßig wenig Zeit. Auch deshalb waren die Blogger Julia Vogt und Daniel Mannartz immer wieder auf das Flugzeug angewiesen, erzählen sie. „Im Voraus haben wir fast nichts geplant. Wir haben nur den ersten Flug nach Indien gebucht und uns die Route überlegt“, erzählt die Mannheimerin Julia. Während die beiden von Kontinent zu Kontinent reisten, bemerkten sie schnell, dass sie auf viel Ballast verzichten können. „Es waren viele kleine Schritte auf der Reise, wo wir gemerkt haben, dass wir bestimmte Dinge nicht brauchen“, sagt Daniel. Der beginnende Minimalismus der beiden hatte nicht nur zur Folge, dass sie keine Souvenirs mehr kauften und dadurch weniger Gepäck hatten. Ein Teil davon war auch, dass die beiden während ihrer Zeit in Indien Essen, das übrig blieb, an Kühe verfütterten, um keine Lebensmittel wegwerfen zu müssen.

Sie versuchten auch, beispielsweise auf das Fliegen zu verzichten. Doch gerade dabei stießen sie immer wieder an Grenzen: „Nachhaltiges Reisen ist wahnsinnig kompliziert, erfordert viel Zeit, Geduld und vor allem Durchhaltevermögen.“ Denn das Problem ist: Fliegen ist besonders bei längeren Strecken häufig deutlich günstiger als etwa eine Fahrt mit dem Zug, geht deutlich schneller und erfordert weniger Planung. Dabei bemerke man beim Fliegen oft gar nicht, wie viel Strecke man tatsächlich zurücklegt: „Wenn man sich überlegt, wie schnell wir einfach um die Welt fliegen könnten, ist das doch verrückt“, so Julia.

Die beiden Mannheimer stellten während der Reise fest, dass es oft gar nicht so wichtig sei, das Ziel wirklich zu erreichen. „Die bucket list mit Zielen, die wir am Anfang hatten, hat uns am Ende nicht mehr interessiert. Denn wir haben festgestellt, dass die viel wertvolleren Erfahrungen auf dem Weg gesammelt werden und nicht am Ziel“, sagt Julia. Julia und Daniel haben sich für erkannt, dass überlaufene Touristenziele nicht das Ziel einer Reise sein sollten, sondern man sollte die Zeit auf der Reise genießen.

Deshalb wollen sie sich in Zukunft auch mehr Zeit für Reisen in Länder nehmen, die sehr weit weg sind erzählen sie. „Natürlich können wir uns nicht jedes Jahr eine sechsmonatige Auszeit nehmen. Aber wenn wir weit reisen und fliegen, dann wollen wir in Zukunft nur noch für den Hin- und Rückflug in ein Flugzeug steigen. Und nicht mehr für Strecken von einem Zwischenziel auf der Reise zu einem anderen.“

Experte Dirk Reiser sieht hier auch die Arbeitgeber in der Pflicht: „Dafür wird ein Umdenken bei den Arbeitgebern nötig sein, die alle paar Jahre längere Auszeiten möglich machen müssen“. Das sei bisher nur jungen Leuten möglich, die noch keine Verpflichtungen durch Job oder Familie hätten.

Einer Sache sind sich Julia und Daniel aber auch bewusst: „Reisen wird nie wirklich nachhaltig sein“, sagt Julia. Das sieht auch Dirk Reiser so: „Das Absolutziel Nachhaltigkeit werden wir wahrscheinlich nie erreichen. Aber die Alternative wäre, gar nichts zu tun und das wäre noch schlechter.“

Mit Kriterien zum nachhaltigen Urlaub

Moritz Hintze ist Mitbegründer von Bookitgreen. Quelle: privat

Moritz Hintze hat eine Vision für das Reisen der Zukunft: Virtual Reality. Reiseerlebnisse in einer Virtual Reality seien die nachhaltigsten überhaupt. „Vielleicht kommen wir gesellschaftlich auch irgendwann dahin, dass diese Erlebnisse eine echte Alternative werden“, erzählt er: „Natürlich kann eine VR-Brille das Gefühl des am Strand Liegens nicht ersetzen. Aber wenn ich wirklich reisen möchte, um zum Beispiel neue Kulturen zu entdecken, kann ich dafür auch zuhause auf der Couch sitzen und mit Virtual Reality fremde Länder erkunden.“ Deshalb kommt es auf den Unterschied an, ob man im Urlaub zehn Tage in der Karibik am Strand liegen möchte oder ob man reisen wolle, um Neues zu entdecken, so Moritz.

Das Thema Nachhaltigkeit interessiert Moritz Hintze schon lange. Auch als Kind war ihm Umweltschutz wichtig: während seiner Zeit als Waldorfschüler und auch in seiner Freizeit, wenn es in den Familienurlaub auf einen Bio-Bauernhof ging.

Und heute? Heute ist Moritz Mitbegründer von Bookitgreen, einer Plattform, die „das Suchen und Buchen von nachhaltigen Reisezielen“ möglich macht. Bookitgreen orientiert sich bei der Bewertung von Unterkünften an 15 selbst aufgestellten Nachhaltigkeitskriterien, wie zum Beispiel, ob regionale Lebensmittel verwendet werden oder ob die Unterkunft mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. Denn nicht nur die Unterkunft ist entscheidend, wenn man nachhaltig Reisen will: „Es fängt bei der Anreise an, über die Unterkunft und geht bis zu den Ausflügen, die ich vor Ort unternehmen kann.“

Quelle: bookitgreen

In Zusammenarbeit mit Klimaschutzorganisationen wie Atmosfair bietet Moritz seinen Kunden die Möglichkeit, ihre Anreise zum gewünschten Ziel zu kompensieren, sollte diese doch mal nur mit dem Flugzeug möglich sein. Durch einen CO2-Ausgleich werden die schädlichen Treibhausgase zwar nicht unschädlich, aber es erfolgen Investitionen in erneuerbare Energien. „Dennoch sollte ein CO2-Ausgleich nicht als Ablasshandel verstanden werden“, so Moritz.

Auch Moritz findet Nachhaltigkeit wichtig: „Die Natur zeigt uns schon jetzt, dass es so nicht weitergeht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch wir hier direkt davon betroffen sind.“ Allerdings bedeutet das für Moritz nicht automatisch, dass ein kompletter Verzicht auf Reisen nötig ist: „Wir müssten schlicht und einfach verstehen, dass die Natur Grenzen hat und Ressourcen bei zu viel Beanspruchung verloren gehen.“

Wer trotzdem wie bisher verreisen möchte, für den hat Moritz aber auch noch einen Tipp: „Südosteuropa bietet das Gesamtpaket. Dort hat man Meer, Strand, Berge, Städte und die Anreise ist oft mit dem Zug möglich.“

Mit dem Zug von Deutschland nach Indonesien

Lisa reiste von Regensburg aus alleine bis nach Indonesien. Quelle: privat

„Als ich nach sechs Tagen mit Käsefüßen, fettigen Haaren und schmerzenden Hüftknochen in Peking ausgestiegen bin, war ich schon etwas erleichtert. Aber missen möchte ich dieses Erlebnis auf keinen Fall“, erzählt Lisa Schultes von ihrer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn.

Die Eisenbahn war nur eine von vielen Stationen auf ihrer Reise durch Asien, die sie mit Bus und Bahn bewältigte. 10 847 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Regensburg und der indonesischen Metropole Jakarta. Mit dem Flugzeug lässt sich die Entfernung recht schnell überwinden. Doch die 25-Jährige entschied sich bei der Planung für den Landweg.

Von Peking, dem Ende der Transsibirischen Eisenbahn, ging es über die vietnamesische Hauptstadt Hanoi und weitere Zwischenstopps in Kambodscha, Thailand und Malaysia nach Jakarta. „Das Reisen ist ein wundervolles Abenteuer, das Kulturen zusammenbringt und Horizonte erweitert“, sagt sie und schon deshalb sei es für sie keine Option, komplett auf Reisen zu verzichten. „Allerdings finde ich es auch wichtig, dass jeder, der die schönen Ecken der Welt bereist, dafür sorgt, dass sie auch schön bleiben und nicht durch den steigenden Meeresspiegel drohen zu versinken, wie beispielsweise Venedig oder die Everglades.“

Auch deshalb hat sich die Regensburgerin dafür entschieden, ohne Flugzeug zu reisen: „Nachhaltigkeit bedeutet für mich nicht, gar keine ökologischen Fußabdrücke zu hinterlassen. Vielmehr bedeutet es, nur so viele Fußabdrücke zu hinterlassen, wie auch wieder regeneriert werden können.“

Wenn sich ein Flug doch einmal nicht vermeiden lässt, wie beispielsweise der Rückflug von Jakarta nach Deutschland, nutzt Lisa die Möglichkeit der CO2-Kompensation. Experte Dirk Reiser empfiehlt dafür Organisationen wie myclimate und atmosphair: „Reisende können sich aussuchen, wie und wo ihr Geld investiert wird. Es soll die Emissionen, die an anderen Orten produziert werden, reduzieren, beispielsweise durch Brunnenbau, damit einzelne Dörfer nicht zu einem weit entfernten Brunnen fahren müssen“, erklärt er.

Bei zukünftigen Reisen will Lisa weiterhin so CO2-neutral wie möglich unterwegs sein: „Am einfachsten sind natürlich Reisen, die man vollständig mit Zug und Bus bewältigen kann. Aber meine Lieblingsinsel Mallorca möchte ich trotzdem noch besuchen. Und auch dort hat sie eine Alternative zum Fliegen gefunden: „Dorthin komme ich auch mit der Fähre vom spanischen Festland aus“, sagt Lisa.

Luxus und Klimaschutz – Kann das funktionieren?

Diallo und Hehl (v. l.) verbrachten schon viele Urlaube zusammen. Quelle: privat

Der Tourismus ist in vielen Ländern eine wichtige Einnahmequelle, auch wenn er oft die Umwelt zerstört. Franziska Diallo und Judith Hehl wollen trotzdem nicht komplett auf Reisen verzichten. Denn das würde vor allem auch der Wirtschaft in beliebten Urlaubsländern enorm schaden. „Wenn wir aus den reichen Ländern aufhören würden, dorthin zu fliegen, ginge es den Menschen vor Ort deutlich schlechter“. Touristen bringen oft viel Geld mit, das sie vor Ort beispielsweise für Souvenirs ausgeben.

Allerdings sollte das nicht der ausschlaggebende Grund sein zu verreisen, sagt Experte Reiser. Dem Tourismus an sich würde es nicht wirklich schaden, wenn sich die Reisegewohnheiten verändern: „Die Tourismusindustrie hat sich schon immer verändert, seit es sie gibt und sie passt sich stetig an. Allerdings ist der Prozess sehr langsam.“

Nachhaltiges Reisen habe demnach nicht automatisch etwas mit Verzicht zu tun. Viel könne man allein schon durch das eigene Verhalten am Urlaubsort bewirken: Müll vermeiden, kein Wasser verschwenden und in lokalen Restaurants essen. „Dieses Verhalten steht dann also im Gegensatz zu dem immer noch beliebten Pauschaltourismus“, so Diallo. 

Für die beiden Frauen ist dieses Verhalten mittlerweile ein Muss geworden, auch weil nicht jedes Urlaubsziel nachhaltig durch Zug oder Bus erreicht werden kann. „Gerade wer Naturschutzparks besucht, sollte darauf achten, nicht unnötig CO2 zu erzeugen, denn schon für die Einreise ist das ja nötig. Inmitten der Natur gibt es eben nicht unbedingt immer einen Bahnhof.“

Auch deshalb gründeten Franziska Diallo und Judith Hehl 2016 die Plattform Good Travel. Ähnlich wie bei bookitgreen geht es den beiden darum, die Suche nach nachhaltigen Reisezielen und Unterkünften zu erleichtern und Tipps zu geben, wie nachhaltiges Reisen gut funktioniert. 

Quelle: privat

Die Idee dazu entstand aus der eigenen Not heraus. Hehl und Diallo fahren öfter gemeinsam mit ihren beiden Familien in den Urlaub: „Sobald es daran ging, den nächsten Familienurlaub zu planen, stellten wir fest, wie viel Zeit und Mühe nötig sind, um diese Perlen im Meer von Angeboten zu finden“, so Gründerin Franziska Diallo. Und so ginge es auch vielen Freunden und Bekannten, wie die beiden Frauen berichten. 

Bei der Suche nach neuen nachhaltigen Zielen stoßen Franziska und Judith auch hin und wieder auf Luxushotels. Denn es sei oft einfacher, ein Luxushotel zu finden, dass auf Nachhaltigkeit setzt, anstatt eine günstigere Alternative. „Luxushotels verfügen in der Regel über größere finanzielle Ressourcen und können so tendenziell mehr nachhaltige Maßnahmen in Bereichen wie der Energieversorgung ergreifen,“ so Diallo. Da sich aber viele Menschen solche Hotels nicht leisten können, ist diese Alternative nicht massentauglich.

Beitragsbild: Instagramkanal von Julia und Daniel: 2bags2travel

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