Kommentar: Wie wir mit Fast Fashion umgehen können

Fast Fashion – wenn Mode zu einer der größten Klimabelastungen wird. Jede Woche gibt es eine neue Kollektion mit billigen, minderwertigen Klamotten. Die Auswirkungen sind uns meist durchaus bewusst: Millionen Tonnen weggeschmissene Kleidung, Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter und Millionen Tonnen CO2- Emissionen. Wie wir trotzdem kein schlechtes Gewissen beim Shoppen haben müssen. Ein Kommentar.

Meine Mutter hat einen begehbaren Kleiderschrank, mit grob geschätzt über 400 Kleidungsstücken. Und trotzdem sehe ich jedes Mal, wenn ich in ihr Zimmer gehe, einen Karton mit neu bestellten Klamotten auf dem Bett liegen. Dann habe ich sie mal ganz vorsichtig gefragt: „Mama, wie viele Klamotten in deinem Kleiderschrank hattest du bisher nur einmal oder kein Mal an?“ „Puh, ich glaube so 50 Prozent.“

Wie meiner Mutter geht es in Deutschland vielen Frauen und Männern. Verschiedene Umfragen belegen laut Greenpeace, dass so gut wie jeder Deutsche Kleidungsstücke im Schrank liegen hat, die nie getragen werden. Pro Jahr kaufen wir etwa 60 neue Kleidungsstücke, also pro Woche ein bis zwei. Da kommt man mit dem Anziehen auch eher schlecht hinterher.

Verbrennen ist günstiger als verkaufen

Fast Fashion ist seit Jahren eine dunkle Wolke, die sich über die sonst so bunte, gemusterte und vielfältige Modewelt zieht. Kleidung ist zu einem Wegwerfprodukt geworden: Im Jahr 2019 wurden in Deutschland laut der WELT 230 Millionen fabrikneue Kleidungsstücke unverkauft vernichtet. Kleidung ist so billig geworden, dass es günstiger ist, sie zu verbrennen, als sie zu recyclen oder zu spenden.

1,3 Millionen Tonnen Textilien werden von den Deutschen laut NDR jedes Jahr aussortiert. Kleidung hat eine immer schlechtere Qualität und kommt durch die ständig wechselnden Kollektionen schneller aus der Mode, sodass die wenigsten heutzutage Kleidung nur dann aussortieren, wenn sie kaputt ist oder nicht mehr passt. Dass die Recycling-Tonnen bei H&M nur eine Verkaufsmasche sind und nur 10 Prozent der Textilien aus den Altkleidercontainern bei Bedürftigen landen, brauche ich auch nicht mehr erwähnen.

Wir sind alle zumindest einmal Opfer dieses Geschäftsmodells geworden. Ständig lachen uns Angebote und Werbung auf unserem Handy an. Nur ein, zwei Klicks an der Bushaltestelle – und schon wieder etwas bestellt. Auch ich war eins dieser Schafe. Stundenlang habe ich auf Asos gestöbert und am Ende einen Warenkorb mit 700 Euro erreicht. Aber ein paar Dokumentationen, Artikel und YouTube-Videos zu Fast Fashion später, konnte ich nicht mehr mit reinem Gewissen in die Geschäfte gehen oder onlineshoppen.

Im Trend: Das schlechte Gewissen

Ein schlechtes Gewissen zu haben, ist erstmal gut. Es zeigt, dass man seine Taten reflektiert und ein meistens gesundes, moralisches Verständnis hat. Allerdings sollte es nicht zu einer alltäglichen Belastung werden. Heute müssen wir uns theoretisch bei jeder kleinen Entscheidung schlecht fühlen, sei es beim Einkaufen, im Umgang mit unseren Mitmenschen oder hinsichtlich unserer Mobilität. Aber ist das wirklich eine erstrebenswerte Lebensform?

Im Bezug auf Mode sollten wir die Schattenseiten der Modeindustrie im Hinterkopf doch eher als Kompass nutzen, anstatt uns davon lähmen zu lassen. Wir müssen meiner Meinung nach nicht aufhören, bei den Fast Fashion Giganten wie Zara, H&M und Co. einzukaufen und von jetzt an nur noch fair produzierte Bio-Mode zu kaufen. Wir müssen nur auf drei Dinge achten: den Konsum zurückschrauben, die Kleidung länger tragen und beschädigte Stücke reparieren (lassen). Laut einer Studie der Carbon Trust würde allein die Verlängerung der Lebensdauer unserer Kleidung von einem auf zwei Jahre die CO2-Emissionen um 24 Prozent reduzieren.

Wie Mode wieder Spaß machen kann

Für mich ist Mode eine Leidenschaft. Mode, wie ich sie kennen gelernt habt, bedeutet für mich Freiheit, Emanzipation, Kreativität, Kunst, Luxus und Ästhetik. Als kleines Mädchen habe ich immer die Modezeitschriften meiner Mutter gelesen, besonders die Editorials und Werbe-Kampagnen haben mir gefallen. Im Keller hatten wir einen Raum mit alten Klamotten meiner Mutter, mit denen meine Freundinnen und ich uns oft verkleidet und eigene Fotoshootings gemacht haben. Fun Fact: Einige dieser Vintage-Kleidungsstücke trage ich heute ganz normal im Alltag.

Seit einiger Zeit scheinen sich viel mehr Menschen für das Gegenmodell Slow Fashion zu interessieren. Das ist zwar eine gute Entwicklung, führt aber auch dazu, dass Vintage-Mode immer teurer wird. Das ist für viele dann keine Alternative, obwohl die Qualität der Kleidung von früher viel besser ist. Dann gibt es noch Apps wie Kleiderkreisel, wo es neben viel Schrott auch viel Neuware gibt. Am günstigsten ist es aber immer noch auf dem Flohmarkt. Wenn ich hier eine süße cremefarbende Häkelhandtasche für zwei Euro ergattere, die nur ich habe, dann freue ich mich noch mehr als bei einer viel zu überteuerten Gucci Bauchtasche, die jedes zweite Mädchen auf Instagram trägt.

Es gibt also schon viele Alternativen für Fast Fashion, aber die sind verständlicherweise nicht für alle etwas, denn wenn wir mal ehrlich sind, sieht Öko-Mode oft nach Öko-Mode aus. Genauso wie beim Fleischkonsum ist ein komplettes Verzichten für viele zu radikal. Und das müssen wir auch nicht. Wir sollten nur aufpassen und nicht zum Opfer der Marketing-Strategien der Konzerne werden, indem wir bewusst neue Kleidung kaufen, die wir wirklich brauchen und öfters anziehen werden. Aber es schadet auch nie, den Horizont zu erweitern und hier und da bei den Alternativen zu schauen.

Meine Tipps für ein besseres Gewissen beim Shoppen und Entlastung für den Geldbeutel:

  • Für nachhaltige Mode: Achtet auf den grünen Knopf oder schaut euch den Shopping-Guide für nachhaltige Mode im Ruhrgebiet an, das PDF findet ihr hier.
  • Macht mehrere Fotos von eurem Kleiderschrank, bevor ihr in die Geschäfte geht, damit ihr nichts doppelt kauft oder etwas, was nicht zu euren anderen Klamotten passt.
  • Vermeidet Impuls-Käufe: Wenn ihr ein Teil seht, was ihr unbedingt haben wollt, macht ein Foto oder Screenshot. Wenn ihr ein paar Wochen später immernoch an das Teil denkt, könnt ihr nochmal über einen Kauf nachdenken.
  • Kleidertausch oder verschenken, statt wegwerfen. Nur weil euch ein Teil nicht mehr gefällt, muss das nicht heißen, dass es einer Freundin oder einem Freund nicht gefällt.
  • Minimalismus Tipp: Für jedes neue Kleidungsstück muss ein anderes gehen. Somit platzt der Schrank nicht und die Qual der Wahl jeden Morgen vor dem Spiegel wird weniger.
  • Vermeidet One-Hit-Wonders: Überlegt bei jedem Teil wann, wo und wie oft ihr es anziehen könnt.
  • Bleibt eurem Stil treu und kauft nur Dinge, in denen ihre euch wohl fühlt. Wenn ihr ein trendige Schuhe oder Kleidung kauft, die gerade alle tragen, könnt ihr euch sicher sein, dass ihr diese Sachen in ein paar Monaten nicht mehr anziehen wollt.
  • Lasst euch durch Social Media nicht unter Druck setzen! Influencer werden dafür bezahlt, bestimmte Stücke zu tragen oder bekommen sie zugeschickt. Versucht erst gar nicht dort mitzuhalten.

Beitragsbild: Daniel von Appen auf Unsplash

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