Zeitdruck beim Klimawandel – Wie viel Zeit noch bleibt

Ein Beitrag von Sophia Stahl und Philip Altrock

Demonstration von Fridays for Future gegen den Klimawandel in Dortmund.

„What do we want?“ – „Climate Justice“ – „When do we want it?“ – „Now!“ Die Bewegung Fridays for Future hat genau diesen Ruf im letzten Jahr berühmt gemacht. Wir haben mit Professor Manfred Fischedick darüber gesprochen, wieso das „NOW“ so wichtig ist.

Es ist der erste Demo-Freitag im Jahr 2020. Die Organisation Fridays for Future kann ihren Geburtstag feiern – oder eher muss. Geburtstagskuchen gibt es nicht. „Unser erstes Jubiläum sollte eigentlich kein Grund zum Feiern sein“, sagt ein Teilnehmer. Denn die Politik mache weiterhin nichts. Für ihn und seine Mitstreiter ist trotzdem klar: Sie brauchen jetzt, am besten gestern, einen politischen Wandel in der Klimapolitik.

Manfred Fischedick
Professor Manfred Fischedick

Manfred Fischedick hat im Bereich Energietechnik promoviert. Seit Januar 2020 leitet er mit einer Kollegin und einem Kollegen das Wuppertal Institut, das Konzepte für eine nachhaltige Gesellschaft entwickelt. Das Institut arbeitet dabei auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene.

Der Fokus von Manfred Fischedick liegt auf den Themen nachhaltige Energiegewinnung und Reduzierung des CO2-Verbrauchs.

Warum gibt es überhaupt Zeitdruck?

Die Erde wird Jahr für Jahr wärmer. Das vergangene Jahrzehnt war das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1781. Die Durchschnittstemperatur der Erde hat sich um etwa ein Grad Celsius in den letzten 100 Jahren erhöht. Für Professor Manfred Fischedick ist das viel zu schnell. „Temperaturbewegungen hat es zwar schon immer gegeben, aber noch nie in solchen zeitlichen Dimensionen“, betont er.

Es würde rund 10.000 bis 30.000 Jahre dauern, bis sich Temperaturen auf dem Planeten deutlich verändern, wie zum Beispiel bei einem Wechsel von der Kalt- zur Warmzeit. Der aktuell zu beobachtende Temperaturanstieg hat gerade ein Jahrhundert gebraucht. „Das ist zehn, zwanzig Mal schneller als in den historischen Ausmaßen“, so Fischedick.

Das heißt aber nicht, dass der Klimaschutz zu spät kommt, glaubt Fischedick. „Es wird Veränderungen geben, aber deren Intensitäten lassen sich noch begrenzen.“ Dafür müssten die Länder aber die eigentlich beschlossene 1,5-Grad-Grenze einhalten. 

1,5-Grad-Ziel
Auf dem Weltklimagipfel 2015 in Paris haben sich viele Länder darauf geeinigt, eine Erhöhung der Welttemperatur um zwei Grad Celsius zu vermeiden und sogar möglichst unter einer Erderwärmung von 1,5 Grad Celsius zu bleiben. Viele Länder auf der Welt haben dieses Abkommen unterzeichnet, darunter auch Deutschland.

Was kann der Klimawandel für Folgen haben?

Der Klimawandel wirkt sich unterschiedlich auf unser Ökosystem aus. Wir stellen euch fünf Beispiele vor – natürlich gehören noch mehr dazu.

Zunehmende Wetterextreme

Die Waldbrände in Australien, ausgelöst durch extreme Hitzeperioden, oder der Sturm „Sabine” in Deutschland: Solche Wetterextreme werden durch den Klimawandel weiter zunehmen. „Ganz aufhalten können wir diese Wetterextreme nicht mehr, aber wir können sie begrenzen“, macht Fischedick klar.

Starkregen ist auch eine Folge des Klimawandels.

Ein weiteres Beispiel der zunehmenden Wetterxtreme in Deutschland: Starkregen. Durch die globale Erwärmung kann die Luft mehr Wasser aufnehmen. Dadurch füllen sich die Wolken mit mehr Niederschlag. Die Folge: Manche Regionen bekommen gar kein Wasser durch Regen, andere wiederum zu viel.

Steigende Temperaturen

Im Juli 2019 haben die Messstationen in Lingen 42,6 Grad Celsius gemessen – der höchste Wert in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Doch nicht nur in Deutschland steigen die Temperaturen: In den letzten 150 Jahren ist die Weltmitteltemperatur um ein Grad Celcius angestiegen. Ein beliebtes Argument der Klimaleugner dabei: „Klimaveränderungen gab es schon immer.“ Das stimmt, allerdings in einer ganz anderen zeitlichen Dimension.

Klimaveränderungen in der vorindustriellen Phase dauerten mehrere Jahrhunderte und hatten Temperaturschwankungen von 0,1-0,4 Grad Celsius zur Folge. Bei steigenden Temperaturen durch den Klimawandeln sprechen wir folglich von einer ganz anderen Situation. In Deutschland gefährden heiße Sommer die Gesundheit der Schwächeren in der Gesellschaft: Säuglinge, Kranke und Senioren. Eine Studie hat ermittelt, dass diese Personen bei heißen Temperaturen schneller versterben. Sie gehören deswegen zur Risikogruppe.

Schmelzendes Eis

Die Antarktis und Arktis galten als „ewiges Eis.“ Jetzt schmelzen sie so schnell wie noch nie zuvor. Die Antarktis schmilzt zum Beispiel sechs Mal schneller als vor 40 Jahren. Wissenschaftler rechnen damit, dass die zentrale Arktis bei dem aktuellen Klimaschutz schon 2040 eisfrei ist. Die Erderwärmung verläuft an den Polen doppelt so schnell wie in anderen Gebieten. Falls das Eis am Nord- und Südpol ganz verschwindet, handelt es sich dabei um so einen sogenannten „Kipppunkt”. Dieser Effekt verstärkt dann selbstständig den Klimawandel: Das Eis kann Wärme besser speichern als das Meer. Es würde folglich noch wärmer werden. Das kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Auch bei uns wird es kaum mehr Eis und Schnee geben – eine weniger dramatische Folge: Laut Fischedick wird es schon 2050 keinen Wintersport mehr hier in Deutschland geben.

 

Durch die Erderwärmung wird das Eis der Arktis und Antarktis schneller schmelzen.
Sö könnte das zum Beispiel aussehen.

 

 

 

Das Klima „kippt um“ – Die Kippmomente

Ansteigender Meeresspiegel

Das schmelzende Eis an den Polen aber auch von den Gletschern der Berge hat für den Klimawandel eine weitere Folge: Der Meeresspiegel steigt an. Das Eis wird zu Wasser und fließt in das Meer – zwischen 1993 und 2011 stieg der Spiegel dadurch um circa drei Millimeter im Jahr. Das ist doppelt so schnell wie im vorherigen 20. Jahrhundert.

Der ansteigende Meeresspiegel und seine Auswirkungen auf Deutschland.

Der ansteigende Meeresspiegel kann Menschen und deren Existenzen bedrohen. Zum Beispiel leben Menschen in Bangladesch, Pakistan und Afghanistan unter dem Meeresspiegel. Wenn der Meeresspiegel nur um einen halben bis ganzen Meter steigt, würden ihre Dörfer und Städte im Meer versinken. 

Auch Inselstaaten wie die Malediven sind gefährdet. Aber auch unsere Küstenregionen haben schon jetzt Probleme. Wegen des ansteigenden Meeresspiegels muss zum Beispiel die Insel Sylt schon jetzt jedes Jahr neuen Sand anschaffen. Die Fluten tragen regelrecht die Sandbänke weg.

 An welchen Vorbildern können wir uns orientieren?

Deutschland braucht andere Vorbilder, denn Fischedick betont: „Deutschland ist noch lange nicht mehr der Musterknabe.“ Auch andere Länder, die bei uns oft am Pranger stehen – wie die USA oder China – machen mehr, als wir immer denken. „So gibt es in den USA tatsächlich starke Umweltorganisationen“, sagt Fischedick. Außerdem habe China im Gegensatz zu Deutschland die Chance der erneuerbaren Energie erkannt. Wie kein anderes Land baut China Solar- und Windenergie aus.

Noch weiter ist allerding Costa Rica. Die Energieversorgung wird nahezu ausschließlich aus erneuerbaren Energien gesichert. Außerdem sind 30 Prozent der Fläche unter Naturschutz gestellt. Dabei war Costa Rica bis in die 90er-Jahre nicht umweltfreundlich gestaltet, denn nur noch 21 Prozent des Landes war mit Regenwald bedeckt. Das lag zum Beispiel auch an der Landwirtschaft. Viele Tierarten drohten deswegen auszusterben. Die Regierung verstand das als Weckruf. In einer Krise der Rinderzucht nutzte die Politik die Chance, Bauern für die Bewaldung ihrer Fläche auszubezahlen. Mit Erfolg: Heute sind mehr als 50 Prozent der Fläche von Costa Rica mir Regenwald bedeckt.

Was muss jetzt getan werden?

Die Hoffnungen auf den Klimagipfel in Glasgow dieses Jahr sind hoch. Klar ist aber auch, dass bereits jetzt die wichtigsten politischen Entscheidungen in den einzelnen Ländern gefällt werden müssen.

Neben den zu treffenden Entscheidungen in der Politik auf nationaler Ebene gibt es aber auch bereits kommunale Maßnahmen, um dem Klimaschutz nachzuhelfen. Viele Städte in Deutschland planen verschiedene Methoden, mit denen sie ihre Emissionen reduzieren wollen, wie zum Beispiel einen Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel. Etwas größere Pläne beinhaltet das Spannen von Oberleitungen auf Autobahnen, um Lastwagen und LKW elektrisch fahren zu lassen. Ein Projekt dazu wird in der Nähe von Hamburg gerade durchgeführt.

Elektromobilität wird auch weiterentwickelt. Aber nicht nur Städte in Deutschland forschen an diesen Innovationen für den Klimaschutz,  die umliegenden Länder verfolgen ähnliche Ziele, meint Fischedick. Ganz Europa plane nämlich auf diese Weise, bis zum Ende des Jahrhunderts emissionslos zu sein.

Wie viel Zeit bleibt uns konkret noch?

Für Experten wie Fischedick ist die Antwort auf solch eine Frage klar: Nicht mehr viel. Er sagt: „Heute müssen wir die Richtung schon bestimmen.“ In zehn oder 15 Jahren mit Klimaschutz anzufangen, wäre für ihn viel zu spät. Die einzige Chance, die dann noch bleiben würde: Die sogenannten „negativen Emissionen”. Aktuell ist aber noch nicht sicher, ob diese Technik bis dahin zur Verfügung stehen wird. Laut Fischedick bedeutet dies: Wenn wir jetzt nicht mit unserer Möglichkeiten von heute das Klima schützen, riskieren wir, dass das in zehn Jahren gar nicht mehr möglich ist. 

Negative Emissionen
Eine Art von negativen Emissionen ist zum Beispiel das Pflanzen von Bäumen. Negative Emissionen ziehen aktiv CO2 aus unserer Atmosphäre. Allerdings ist auf unserer Erde nicht genug Platz, um alleine durch Bäume den Klimawandel zu stoppen. Deswegen müsste die Wissenschaft eine andere Technologie erforschen. Die Technologien sind bisher aber noch nicht ausgereift.

Noch könne das Ziel des Weltklimarats von einer Erderwärmung um lediglich 1,5 Grad Celsius erreicht werden, dafür müsse allerdings von der Politik jetzt reagiert werden. Für Fischedick steht fest:

„Wir sind schon nah an der zwölf dran.”

Aufgrund der politischen Ereignisse in diesem Jahr sprechen Wissenschaftler wie Fischedick auch nicht mehr von einem Klimawandel, sondern von einer Klimakrise. Sie machen das bewusst, damit der Zeitdruck deutlich wird. „Jetzt haben wir gerade noch die Chance. Zwei sehr, sehr zentrale Jahre stehen an. Entweder gewinnen oder verlieren wir die Chance”, betont der Wissenschaftler. Für ihn ist der Zeitdruck allgegenwärtig.

Bilder: Philip Altrock, Sophia Stahl, www.eventfotograf.in / ©JRF e.V.
Karte: Open Street Map

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