Dortmunder Innenstadt: Ballkleider, Gardinen und rechtsextreme Kleidung

Tønsberg  –  in Norwegen eine Touristenstadt, in Dortmund ein Laden, der rechtsextreme Kleidung der Marke Thor Steinar vertreibt. Während die Stadt in Norwegen ein beliebtes Ausflugsziel darstellt, ist das Geschäft in Dortmund in einem Hinterhof versteckt. Protest gegen die Eröffnung Ende August regte sich trotzdem, das zeigen auch die gelben und roten Spuren der letzten Farbangriffe auf dem Tønsberg-Banner.

Thor Steinar wurde unter anderem von dem brandenburgischen Verfassungsschutz als „szenetypisch“ für Rechtsextreme bezeichnet. Hinter Thor Steiner steht die Firma Mediatex GmbH. Die Marke spielt mit versteckten Symboliken und germanischen Mythen. Sie bleibt dabei abstrakt, um nicht verfassungsrechtlich belangt, aber eindeutig genug, um von Rechtsradikalen erkannt zu werden.

Das lässt sich auch an dem Namen ausmachen. So ist Thor der germanischen Donnergott, dieser steht vor allem für Gewalt. Steinar hingegen könnte ein Hinweis auf den General der Waffen-SS, Felix Steiner sein. Mit der norwegischen Stadt Tønsberg  ist außerdem nicht nur die Assoziation mit der norwegischen Landschaft möglich. Während des Zweiten Weltkrieges befand sich dort nämlich auch ein Konzentrationslager der Deutschen. Unsere Interviewanfrage von KURT bei der Geschäftsstelle von Thor Steinar wurde mit „Kein Interesse“ telefonisch abgelehnt.

Tønsberg ist das einzige Geschäft in den alten Bundesländern, das die Marke Thor Steinar vertreibt

Insgesamt gibt es 11 Geschäfte in ganz Deutschland, die Thor Steinar vertreiben. In den alten Bundesländer gibt es nur eine Anlaufstelle: Tønsberg in Dortmund. Im März wurde erst ein anderer Thor Steinar-Laden in Essen geschlossen. Dort fühlte sich der Vermieter hinter das Licht geführt. Er habe nicht gewusst, was hinter der Marke stecke. Ähnlich soll sich auch der Vermieter von Tønsberg in Dortmund laut Ruhrnachrichten geäußert haben.

In manchen Städten konnten Vermieter mit dieser Taktik Thor Steinar-Läden kündigen. Sie gaben an, arglistig getäuscht worden zu sein. Dort hatten die Mieter das mögliche Klientel der Marke verschwiegen. Beim Dortmunder Fall sieht das allerdings anders aus. Im Vertrag stehe laut Ruhrnachrichten, dass die Mode von Thor Steinar verkauft werde. Wegen arglistiger Täuschung kann der Vermieter den Vertrag nun nicht mehr kündigen.

Die Kündigung des Mitverhältnisses ist unwahrscheinlich

Die Dortmunder wollen sich trotzdem nicht damit abfinden. Seit der Eröffnung  demonstrieren sie jeden Montag gegen den Laden. Andere Geschäfte in der näheren Umgebung finden das zwiespältig. Eine Verkäuferin gab an, dass nun montagabends nach 18 Uhr ihr Geschäft wie leer gefegt sei. „Durch die Polizei und den vielen Menschen fühlen sich viele Kunden unwohl“, erklärt sie. Trotzdem lobt sie das Engagement. Ihrer Meinung nach müssen die Demonstrationen stattfinden: „Müsste ich nicht arbeiten, würde ich mitmachen.“

Klarer positioniert sich die Lebenshilfe auf dem Brüderweg gegen Tønsberg. Der stellvertretender Geschäftsführer Krystian Waletzko macht deutlich, dass er die Teilnahme seiner Mitarbeiter an den Demonstrationen  befürwortet. „Mitarbeiter von allen Ebenen unseres Hauses nehmen an den Demonstrationen teil.“

Die Grundhaltung der Lebenshilfe, Menschen mit Beeinträchtigungen zu helfen, spreche schon allein gegen Thor Steinar. Unterstrichen wird das nochmal durch ein Plakat an der Tür: Auf der Signalfarbe Gelb steht: „Dortmund hat keinen Platz für Rechtsextremismus.“

Stadt Dortmund untersagt Nutzung des Stadtwappens von Thor Steinar

Die Partei „die Rechte“ heißt stattdessen mit einer Mitteilung  auf ihrer Internetseite und der Überschrift: „Schöner leben mit Naziläden: Thor-Steinar eröffnet Geschäft in Dortmund“! Tønsberg willkommen. Außerdem kündigten sie die Demonstration gegen das Geschäft auf Twitter an, sodass mehrere Rechtsextreme vor dem Geschäft während der Gegendemonstration patroullierten. Die Rechte twitterte darauf:  „Wir passen dann mal auf ;)“

Der Politikprofessor Dierk Borstel. Foto: FH Dortmund

Politikprofessor bezweifelt langfristigen Erfolg von Tønsberg in Dortmund

Dass das Geschäft ein Treffpunkt für Rechtsextreme werden kann, befürchtet der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Borstel trotzdem nicht. „An einen riesigen Erfolg glaube ich nicht, dafür ist das Onlinegeschäft zu stark.“

Wie lange das Geschäft in der Dortmunder Innenstadt bleibt, ist für ihn noch unklar. Die entscheidende Frage für ihn lautet: „Wird der Laden ein fester Bestandteil der Innenstadt?“ Und darauf können schließlich alle Bürger in Dortmund Einfluss nehmen.

So könnt ihr rechtsextreme Verweise erkennen:

Bezugnahme auf die germanische Mythologie: Die NS-Ideologie sah in der vermeintlich germanisch-nordischen Rasse die überlegenere Menschenrasse. Deswegen nahmen sie oft Bezug auf das Heldentum der germanischen Mythen. Namen und Symbole sind häufig in Markennamen (Thor Steinar), auf Kleidungsstücken und Schmuck vorhanden. (Bundesamt für politische Bildung)

Bezugnahme auf die deutsche Kolonialgeschichte: Zwischen Ende des 1883 und 1915 besaß Deutschland Kolonien in Afrika, China und im Pazifik. Bezüge auf die damals erschlossenen Gebiete lassen einen rechtsextremen Hintergrund vermuten. (Demokratie und Vielfalt)

Unter anderem an folgenden Abkürzungen:
HKNKRZ:  Hakenkreuz
NTNLSZLST: Nazionalsozalist
(Bundesamt für Verfassungsschutz)

Unter anderem an folgenden Zahlenkombinationen:
88: Heil Hitler
13: Adolf Hitler
28: B & H (Blood and Honour, verbotenes Netzwerk von Neonazis)

Quelle: Bundesamt für Verfassungsschutz

Beispiel von Thor Steinar:
Das T-Shirt auf dem Screenshot vom 7. Oktober 2019 ist im Onlineshop von Thor Steinar  zu finden. Zuerst ist ein rechter Hintergrund schwer zu erkennen. Allerdings können doppeldeutige Aussagen erkannt werden. Auf dem T-Shirt ist geschrieben: „Willkommen Südwestafrika 1883 Lüderitzbucht Schwimmen auf eigene Gefahr“. Auf den ersten Blick erinnert das T-Shirt eher an einen Urlaub. Interessant dabei: Das T-Shirt bezieht sich auf das Gebiet des heutigen Namibias. Das war von 1884 bis 1919 eine deutsche Kolonie.  Adolf Lüderitz, ein deutscher Tabakhändler, war nach dem Kauf einer Bucht 1883 der erste Landbesitzer in „Südwestafrika“. Die Schrift kann folglich als Verweis auf die deutsche Kolonialzeit verstanden werden.

Screenshot eines T-Shirts von der Marke Thor Steinar. Aufgenommem am7.10.2019, Dortmund, https://www.thorsteinar-outlet.de/de/maenner/t-shirts/t-shirts/1065/t-shirt-suedwest

Der Bezug wird allerdings noch deutlicher, wenn dabei die Kriege zwischen den deutschen Kolonien und den in Afrika einheimischen Nama und Hereros berücksichtigt werden. Zum Beispiel wurden deutsche Soldaten dabei in der Stadt Lüderitz stationiert. Auf der Haifischinsel errichteten deutsche Truppen ein Konzentrationslager für die Hereros und Nama. Der Haifisch auf dem T-Shirt könnte darauf verweisen. Beim Niederschlag der Nama und Hereros starben rund 90.000 der Stammeszugehörigen. Im Lager starben die Menschen an: Seuchen, Unterernährung und den Folgen der Zwangsarbeit. Die Assoziation mit der deutschen Kolonialgeschichte scheint eher gewollt als bloßer Zufall. Der Aufdruck „Schwimmen auf eigene Gefahr“ wirkt in diesem Zusammenhang besonders makaber. Mittlerweile spricht auch die Bundesregierung in diesem Zusammenhang von einem Völkermord an den Hereos und Nama.

Beitragsbild: Sophia Stahl

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