Beratungsstellen trotzen Corona mit digitalen Angeboten

Wenn Martina Breuer den Hörer abnimmt, hört sie oft Sätze wie: „Mein Mann ist kurz einkaufen, die Gelegenheit muss ich jetzt schnell nutzen.“ Breuer ist Geschäftsführerin und Beraterin in der Dortmunder Frauenberatungsstelle. Gewalt an Frauen – ob mit Fäusten oder Worten: Sie nimmt in der Coronakrise zu.

Die eigene Wohnung wird wegen Ausgangsbeschränkungen, Quarantäne und Home-Office regelrecht zu einem Gefängnis für viele Betroffene. „Die Frauen sind isoliert, die Situation insgesamt sehr eingeengt. Man kann sich weniger aus dem Weg gehen.“ Dazu komme der Druck und die oft finanziell angespannte Situation durch Corona.

In der Frauenberatungsstelle in Dortmund gehen laut Breuer täglich etwa zehn Anrufe von betroffenen Frauen ein. „Diese Zahl spiegelt jedoch nicht die Realität wider“, sagt sie im Hinblick auf die durch Corona noch einmal höhere Dunkelziffer. Es gebe für viele Frauen nun kaum Möglichkeiten mehr, zu telefonieren und um Hilfe zu bitten. Das dürfte laut Breuer auch der Grund dafür sein, warum die Anzahl der Anrufe bisher nicht angestiegen ist. Trotzdem, das ist der Beraterin wichtig: „Wir sind weiterhin erreichbar und für die Frauen da!“ Die Mitarbeiterinnen sind 24 Stunden pro Woche telefonisch erreichbar – doppelt so lange wie vor der Coronakrise. In Kürze soll optional auch eine Videoberatung starten.

Fallzahlen von häuslicher Gewalt steigen (noch) nicht an

Bisher scheinen sich die schlimmen Befürchtungen zumindest nicht in Zahlen niederzuschlagen. Die Dortmunder Polizei sagt auf KURT-Anfrage, es habe seit Beginn der Corona-Maßnahmen keine Auffälligkeiten bei den Anzeigen zur häuslichen Gewalt gegeben. Organisationen wie der Dortmunder „Runde Tisch gegen Gewalt“ sprechen jedoch von einem gestiegenen Gewaltrisiko durch die Isolation. Jörg Ziercke, Chef der Opfer- und Präventionsberatung „Weißer Ring“, sagt: „Wir müssen leider mit dem Schlimmsten rechnen.“ In China hätten sich die Fälle von häuslicher Gewalt durch das Zuhausebleiben verdreifacht. Tatsächlich ans Licht kämen die Fälle jedoch meist erst, wenn der „normale“ Alltag wieder beginne.

E-Mail und Telefon sind nicht immer ein Ersatz

Diesen „normalen“ Alltag hätten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im „Sunrise“ in Dortmund am liebsten schnell wieder zurück. Hier treffen sich sonst gut 30 junge queere Menschen täglich im „Offenen Treff“. Der fällt wegen Corona jetzt weg. Jasmine Klein leitet das „Sunrise“ und berät mit dem Team queere Jugendliche und junge Erwachsene bis 23 Jahre beim Coming-Out oder in Alltagsfragen. „E-Mail oder Telefon können diesen persönlichen Schutzraum des Offenen Treffs nicht wirklich ersetzen“, sagt Jasmine Klein. Deshalb werde nun zumindest an virtuellen Treffs gearbeitet. „Es ist wichtig, dass wir eine Connection untereinander anbieten.“

Wir sind für euch da!

Auch in den sozialen Netzwerken ist „Sunrise“ wegen Corona nun deutlich aktiver, mal gibt es eine Yogaübung auf Instagram, um zu Hause Stress abzubauen, mal einfach nur einen netten Text. „Am wichtigsten ist für uns, den Kontakt aufrechtzuerhalten und zu zeigen: Wir sind für euch da!“ Jasmine Klein würde es deshalb gut finden, möglichst bald wieder Treffen vor Ort anbieten zu können, wenn auch nur mit einer Hand voll Personen und vorheriger Anmeldung. Solange die Beschränkungen durch Corona aufrecht erhalten werden, bedeutet das eigene Zuhause für viele Menschen Stress, Druck und im schlimmsten Fall Gewalt.

Geheimes Codewort kann Hilfe ermöglichen

Martina Breuer von der Dortmunder Frauenberatungsstelle hofft daher auf mehr Sensibilität in der Gesellschaft. Nachbarn sollten Ohren und Augen offen halten. „Lieber einmal mehr die Polizei rufen als nichts zu tun.“ Potenziell gefährdeten Frauen rät Breuer, etwa ein Code-Wort mit einer guten Freundin zu vereinbaren, damit diese dann unbemerkt die Polizei rufen kann.

Beitragsbild: Alexas Fotos / Pixabay

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