Kommentar: Dem Internet sei Dank!

Dieser Kommentar geht raus an alle Internet-Verbanner, Negativreder und Zukunfts-Phobiker – an diejenigen, die einfach plakativ gegen das Internet sind. Dieses “schlimme Internet, das unser aller Leben zerstört”, rettet aktuell unser Hinterteil.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder massive Kritik an den Internetplattformen. Das Internet und die sozialen Medien würden unsere Jugendlichen verderben, nur noch unsere Zeit stehlen und vieles mehr. Wenn einer der bekanntesten Internetkritiker unserer Zeit, Jaron Lanier, in seinem Buch “Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst” dazu auffordert, unsere Social-Media-Accounts zu löschen, ist das eine Sache.

Gegen durchdachte Meinungen, die Kritik an den Datenschutz und Nutzerrechten der Plattformen äußern, habe ich nichts. Da kann man gerne darüber diskutieren und ich würde in einigen Punkten zustimmen. Vor allem in Sachen Datenschutz ist noch Luft nach oben. Da muss man aufpassen. Trotzdem würde ich deshalb nicht meine Accounts löschen, sondern stattdessen behutsam mit meinen Daten umgehen.

Ein kurzes Gedankenexperiment in Zeiten der Corona-Krise

Ich gebe dir fünf Sekunden Zeit, um einmal zu überlegen: Was hättest du in den vergangenen Wochen ohne Internet gemacht? Genau diese Frage habe ich mir gestellt und musste kurz danach sehr schmunzeln. Der Semesterstart wurde verschoben, die Uni findet digital statt, der Job funktioniert für viele nur noch im Homeoffice und kennt ihr dieses “Freunde treffen” noch? Das ist das, was man “damals” als Hobby angegeben hat.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich ist das momentan ein Fremdwort. Ich konnte zum Glück feststellen, dass virtuelle Treffen natürlich nicht einem realen Treffen gleichen, aber momentan auf jeden Fall einen guten Ersatz darstellen. Trotz der nahezu kompletten sozialen Isolation fühlt man sich nicht alleine und kann den Kontakt zu seinen Lieben aufrechterhalten. Und die Vorfreude auf ein reales Wiedersehen steigt.

Aber ich wollte hier jetzt eigentlich nicht aufzählen, was uns alles zurzeit fehlt. Stattdessen will ich auf das eingehen, was wir dazu gewonnen haben und was besser geworden ist. Denn jetzt ist die Zeit, an die wir uns in Jahrzehnten erinnern und unseren Enkeln erklären werden: “Damals, als Corona alles auf den Kopf gestellt hat, haben wir verstanden, wofür das Internet wirklich da ist.”

Neuer Internet-Weltrekord

Aktuell ist die Internetnutzung in Deutschland so hoch wie noch nie zuvor. In Frankfurt ist einer der größten Internetknotenpunkte, der De-Cix. Dort wurde bereits am 11. März der Weltrekord im Datendurchsatz aufgestellt: 9,1 Terabit pro Sekunde. Natürlich steigt die Internetnutzung in den letzten Jahren kontinuierlich an, aber momentan ist eine überdurchschnittliche Steigung zu bemerken.

Grund dafür ist unter anderem die gestiegene Zahl der Leute im Homeoffice und der Nutzung der Streaming-Dienste weltweit. Wer hätte gedacht, dass selbst der Streaming-Riese Netflix an seine Servergrenzen kommt? “Die Netze sind derzeit stabil und gravierende Beeinträchtigungen werden aktuell nicht erwartet. Die Anbieter sind auf eine Zunahme des Datenverkehrs gut vorbereitet”, berichtete der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann. Damit das Netz mit der aktuellen Belastung klarkommt, haben Netflix, Youtube und andere Anbieter in ganz Europa laut Bundesnetzagentur ihre Streamingqualität heruntergesetzt.

Auch die Nutzerzahlen von FaceTime, WhatsApp-Videoanrufe oder Zoom gehen aktuell durch die Decke: Täglich nutzen nach Angaben des Unternehmens über 300 Millionen Personen den Videokonferenzdienst Zoom, obwohl dieser derzeit für seinen Datenschutz in der Kritik steht. Im Dezember 2019 waren es noch lediglich zehn Millionen Nutzer pro Tag.

Deutschland braucht den digitalen Ausbau

Wer hätte gedacht, dass der digitale Ausbau der Schulen, der so lange in aller Munde war, doch tatsächlich mal gebraucht wird? Lasst uns ehrlich sein: Ich persönlich finde die Vorstellung von einem Klassenzimmer, in dem nur noch Tablets statt Bücher, Blöcke und Stifte liegen, auch sehr unsexy. Aber an dieser Stelle hilft es wenig, sentimental zu werden und sich die “guten alten Zeiten” zurückzuwünschen, in denen nach der Meinung einiger “noch richtig was in der Schule geleistet” wurde.

Es ist nun mal Fakt, dass sich der Alltag von uns allen verändert hat und nicht nur dieser, sondern auch die Arbeitswelt immer digitaler und dadurch auch schneller wird. An dieser Stelle sollte grundsätzlich im Schulsystem, in den Ausbildungsstellen und Universitäten etwas umgestellt werden. Dort ist auf jeden Fall noch ganz viel Luft nach oben. Denn nicht nur in Zeiten von Corona, können wir von digital besser ausgestatteten Schulen und Arbeitsstellen profitieren.

Kennt ihr noch den Post von Naina Tsunami? Das war die Schülerin aus Köln, die 2015 auf Twitter schrieb: “Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.” Viele mussten ihr wohl zustimmen.

Digitale Medien und das Internet kommen in der Schule ebenfalls viel zu kurz. Wir sollten jetzt verstehen, wie wichtig es ist, es gut und richtig nutzen zu können. Bevor wir später im Job anfangen und uns wundern, wie die Programme funktionieren. Wir können uns nicht davor verstecken, dass unser Alltag und das Arbeiten immer digitaler wird. Wenn den Jugendlichen in der Schule nicht beigebracht wird, wie man sorgsam das Internet, die verbundenen Möglichkeiten nutzt und Gefahren erkennt, wer macht es dann?

Dem Internet sei Dank

Natürlich sollte Internet nicht unseren Tag komplett ausfüllen. An vielen Stellen kann es uns aber sehr gut unterstützen und unser Leben etwas erleichtern. Ich drehe meine Frage vom Anfang einmal um: Was habe ich in den letzten Wochen dank des “schlimmen Internets” alles machen können? Irgendwann war der Kleiderschrank komplett ausgemistet, die Wohnung geputzt, das Buch endlich angefangen zu gelesen. Und dann kam die Frage: “Was mache ich jetzt?” Liebe Enkelkinder, an dieser Stelle habe ich dann gemerkt, wofür das World Wide Web gut ist.

Mein Fitnessstudio hat geschlossen, die Trainingseinheiten auf dem Rasen und unter Wasser wurden auf unbestimmte Zeit abgesagt – und jetzt? Mit nur wenig Klicks habe ich auf Instagram und YouTube super Homeworkouts gefunden, welche die eigentlichen Hobbys etwas ersetzen können. Viele Youtuber und Instagrammer profitieren davon, dass immer mehr Menschen das Internet für sich entdecken. Sei es Influencerin und Model Pamela Reif, deren Follower-Zahl mit über 5,3 Millionen Nutzern explodiert. Ihre Live-Workouts auf Youtube machen über 90.000 Nutzer zeitgleich, jeder zu Hause. Durch das Internet aber sind alle miteinander verbunden.

Auch Joe Wicks, ein britischer Fitness-Coach, ist momentan erfolgreich. Er hat spontan die Reihe “P.E. with Joe” gestartet. In ganzen neun Jahren hat er sich auf Youtube rund 800.000 Follower erarbeitet. Seine Videos gingen in den letzten Wochen um die ganze Welt. Innerhalb weniger Tage folgen ihm nun über 2,3 Millionen Menschen.

Selbst Oma ist nun digital

Aber nicht nur die lange belächelten Youtuber und Instagramer profitieren davon, dass immer mehr Menschen das Internet für nützliche, alltägliche Dinge benutzen. Dank Corona wissen jetzt einige Großeltern und auch Eltern, wie diese „Videotelefonie“ funktioniert. Einfach mal Oma anrufen und sehen wie es ihr geht – in Zukunft kein Problem.

In der Vergangenheit wurde das Internet und die sozialen Netzwerke sehr häufig und stark kritisiert. Den Menschen, die Gefahren in den Datenschutzbestimmungen der großen Netzwerke sehen, gebe ich recht. Mit der allgemeinen negativen Einstellung gegenüber des Internets sollte im 21. Jahrhundert aber bitte endlich Schluss sein. Spätestens jetzt sollten wir die Vorteile dieser Errungenschaft erkennen. Denn ich persönlich habe in den letzten Wochen die vielen Vorteile entdeckt, die in der Nutzung des Internets stecken, solange man die Angebote in Maßen nutzt.

Wie es in diesen Zeiten üblich ist, verabschiede ich mich nun im stattlichen Homeoffice-Look: schickes Oberteil und Jogginghose. Ich bin bereit für die nächste Videokonferenz – dem Internet sei Dank!

Beitragsbild: Gabriel Benois/unsplash

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