Online-Konzerte: Kommentare statt Applaus

Balkon-Konzert
Foto: Laurien Brinkert

Seit Wochen sitzen viele Menschen zu Hause. Und seit einigen Tagen ist bekannt: Alle Großveranstaltungen bis zum 31. August werden abgesagt. Das bedeutet: 2020 hat einen Sommer ohne Festivals und Konzerte. Von den kreativen Alternativen wie Online-Konzerten oder Balkon-Partys, die während dieser Ausnahmesituation entstehen, berichtet KURT-Reporterin Marlen Stuka.

Seit Beginn der Quarantäne ist meine Bildschirmzeit am Handy so hoch wie nie zuvor. Ich scrolle träge durch die niemals enden wollenden Instagram-Posts. Immer öfter bin ich dabei auf Livestreams verschiedenster Musiker und Bands gestoßen. Manche Künstler veranstalten ganze Konzerte in ihren Instagram-Live-Videos. Einige sind kunstvoll in Szene gesetzt, meistens sind es jedoch einfache Aufnahmen aus ihren Wohnungen. Quasi Konzerte aus den Wohnzimmern der Künstler in die Wohnzimmer der Zuschauer.

Irgendwie schaffen diese kleinen Videos es, so privat zu wirken, dass für mich die Grenzen verschwimmen. Während ich den Livestream der Dortmunder Band Walking On Rivers gesehen habe, habe ich darüber nachgedacht, dass es jetzt zur selben Zeit in einem anderen Teil von Dortmund passiert. Dass der Sänger der Band gerade mit einer Gitarre in seinem Zimmer sitzt, sein Handy ansingt und ich mich durch mein Handy hindurch irgendwie angeguckt fühle, ist schon ein wenig surreal. Würde Instagram mir nicht zeigen, wie viele andere Menschen gerade zuschauen, und würden nicht immer wieder Kommentare und Herzen über meinen Bildschirm fliegen, würde ich denken, dass dieses Konzert nur mir gewidmet ist. Und mir kam es auch etwas befremdlich vor, dass mir so viel dargeboten wurde an visuellen und auditiven Eindrücken – obwohl der Sänger gar nicht weiß, wer ihm da eigentlich zuschaut. Es fühlt sich für mich etwas befremdlich an, dass ich so direkt angeschaut werde, ohne gesehen zu werden. Aber wie nehmen das die Menschen wahr, die vor der Kamera stehen und den Livestream machen?

Wie ist es auf der anderen Seite des Livestreams?

Der Sänger der Dortmunder Band Walking On Rivers, David Laudage, hat während der Corona-Zeit schon zwei Livestreams auf Instagram gemacht. Er sagt: “Ich finde es ein bisschen absurd, dass so ein Livestream Konzert überhaupt funktioniert; dass man sich da hinsetzt und einem 200 Leute zugucken wie man spielt.” David Laudage ist 26 Jahre alt und Student an der TU-Dortmund.

Von den rund 2.500 Abonnenten ihrer Instagramseite haben, laut der Band, insgesamt um die 400 Leute eingeschaltet. Im ersten Livestream hat David eigene Songs, beim Zweiten Cover gespielt, die sich die Zuschauer im Vorhinein bei einer Umfrage in ihrer Instagram Story wünschen konnten.

Die Zuschauer sitzen nicht nur vor ihrem Bildschirm, sie haben durch Tools wie Umfragen und Kommentare oft die Möglichkeit, auf den Verlauf des Streams Einfluss zu nehmen. Die Kommentare werden dem Host des Streams zeitgleich angezeigt, sodass er darauf eingehen kann – wenn er denn möchte. David findet die Kommentarfunktion sinnvoll, da er dadurch mit den Zuschauern kommunizieren kann.

Finn und Jonas Ulrich, zwei 21-jährige Musiker aus Dortmund, haben Instagram durch Corona für sich wiederentdeckt. Sie haben seit knapp zwei Jahren keinen Livestream mehr gemacht. Die Zwillinge haben die Kommentare bei ihrem ersten Corona-Livestream nicht beachtet. Zum einen, weil das Handy zu weit weg stand, sodass sie gar nicht die Möglichkeit hatten die Kommentare zu lesen und zum anderen, weil sie einfach drei ihrer Songs gespielt haben, ohne sich ablenken zu lassen oder viel zu erzählen. Das haben sie bei ihrem zweiten Livestream, knapp zwei Wochen später, geändert. Sie haben spontan Liederwünsche aus den Kommentaren gespielt, von ihrer kommenden Single erzählt und zwischendurch mit ihrer Oma telefoniert.

Aber warum eigentlich Livestreams?

Finn und Jonas hätten sich etwas gezwungen gefühlt, ein Live-Video zu machen, weil das gerade fast jeder Künstler auf Instagram mache und sie nicht in Vergessenheit geraten wollen. Sie haben vorab auch einige Nachrichten erhalten, die sie dazu aufgefordert haben und auch von ihrem persönlichen Umfeld kamen Anstöße dazu.

Corona habe auch  der Band Walking On Rivers die Chance genommen, den Menschen ihre Musik direkt zu präsentieren. David und seine Band halten wöchentlich Videokonferenzen ab, in denen sie sich über die aktuelle Situation austauschen und unter anderem die Livestreams planen.

Sowohl Finn und Jonas als auch Walking On Rivers sind von Konzert- und Festivalabsagen betroffen. Das nimmt diesen noch eher unbekannten Künstlern die Chance an Reichweite zu gewinnen.

Die Livevideos auf Instagram sehen zwar in erster Linie nur die Leute, die den Künstlern auch auf Instagram folgen, jedoch rufen sie sich so bei ihren Followern wieder ins Gedächtnis.

Weder Finn und Jonas noch die Bandmitglieder von Walking On Rivers geraten durch die Absagen in finanzielle Nöte, weil sie nicht von der Musik leben, aber: “Durch Corona können wir nicht das machen was wir am liebsten machen, nämlich spielen”, sagt David.

WoR auf der Bühne
So sieht der Blick von der Bühne normalerweise bei der Band Walking On Rivers aus. Foto: Ingmar Wein

Obwohl sich der Großteil der Online-Konzerte auf Instagram abspielt, bietet auch YouTube die Möglichkeit dazu. Laut Finn und Jonas sei YouTube ein besseres Medium für Livestreams, weil dort der Sound im Vorfeld abgemischt werden könne und man das Video mit einer guten Kamera aufnehmen könne.

Sind Livestreams eine neue Möglichkeit für die Künstler?

David sieht Livestreams als Chance aufzutreten und trotz der Quarantäne die Musik in die Welt zu tragen. Er sieht auch positive Aspekte an Online-Konzerten. “Man spielt in einem cleaneren Rahmen. Da bin dann nur ich, akustisch, unverstärkt und ohne irgendwelche Effekte. Ich sitze einfach an meinem Schreibtisch, so wie ich auch Songs schreiben würde.”

Dieses Setting ist für ihn vertraut und er findet es “eigentlich ganz schön, dass die Leute auch diese Seite mal sehen. Das hat irgendwie eine ganz nette und intime Atmosphäre.” Zudem bietet Instagram auch die Chance, mit den Leuten in Kontakt zu bleiben. Die Kommentare, die parallel zum Video mitlaufen, schaffen eine Bindung zwischen der Band und den Leuten, die ihre Musik hören, sagt David. Und auch die anderen Bandmitglieder werden durch ihre Kommentare Teil des Streams. Durch diese Interaktivität kann David stärker auf die einzelnen Zuschauer eingehen, als das bei herkömmlichen Konzerten möglich ist. “Bei normalen Konzerten sind die Songs, Übergänge, Ansagen und der ganze Ablauf genau geplant. Im Livestream ist alles ein bisschen spontaner”, beschreibt David die Unterschiede.

Trotzdem empfindet David einen Livestream auch als befremdlich. “Es ist strange. Man hat einen Bildschirm vor sich und sieht zwar die Zahl der Menschen, die zugucken, aber es ist ganz anders als würde man auf einer Bühne stehen wo man merkt, dass alle einen direkt angucken.”

Der Aufwand für einen Instagram-Stream ist gering. David hat bei dem ersten Stream nichts im Voraus geplant. “Ich habe einfach auf ‚ich gehe live‘ gedrückt und ein bisschen improvisiert. Das hat super funktioniert.” Normalerweise steht er bei Konzerten mit vier anderen Musikern auf der Bühne. Auch wenn es schön sei mal allein zu spielen, mache es als ganze Band mehr Spaß. “Es ist viel leiser, man hat nicht diese ballernden Boxen um sich, man sieht die Leute nicht und es ist eine ganz andere Atmosphäre, als wenn da viele Leute zusammen in einem Raum sind, die die Musik genießen.“

Trotz der abwechslungsreichen Livestreams fehlen Walking On Rivers ihre normalen Konzerte. “Da geht es auch um den Moment, in dem wir Live spielen. Und dieser Moment fehlt uns gerade.”

Livestreams sind kein Alternative

Jonas und David gucken selbst auch gerne mal Livestreams von anderen Künstlern. Aber sobald man Instagram öffne, sehe man so viele Livestreams, dass der Reiz ein bisschen verloren gehe, empfindet David die momentane Situation.

Damit das nicht passiert, haben Finn und Jonas sich dazu entschieden, nicht regelmäßig Livestreams zu machen. Sie stehen Instagram generell kritisch gegenüber und sehen es eher als Werbeplattform. Für sie ist es unangenehm, mit dem Handy zu sprechen  – ohne physisch anwesende Zuschauer. “Wir fühlen uns dabei ein bisschen wie Idioten”, fasst Jonas ihr Gefühl zusammen. Bei normalen Konzerten stehen sie zu fünft auf der Bühne und gehen gerne auf die Zuschauer ein. Das ist für sie bei Instagram quasi unmöglich. “Konzerte leben vom Publikum”, deshalb wird ihr Instagram Account nach der Corona-Krise für sie auch wieder an Bedeutung verlieren, sagen Finn und Jonas.

Womit füllen sie während der Quarantäne ihren Tag?

David ist durch die freie Zeit während der Quarantäne zwar entspannter, macht aber im Endeffekt genauso viel wie vorher. Neben Uni Sachen und Organisationskram schreibt er auch neue Musik. Er trifft sich auch ab und zu mit einem Bandmitglied, der ein kleines Studio zu Hause hat.

Während der Quarantäne-Zeit verbringen die Zwillinge Finn und Jonas noch mehr Zeit miteinander. Sie finden jetzt endlich Zeit, ihre Steuererklärung zu schreiben und ihren angemieteten Proberaum zu nutzen, der gleichzeitig als Studio fungiert. Dort arbeiten sie an neuer Musik, planen Projekte und Merchandise und entwerfen ein neues Logo.

Die nächste Single der beiden erscheint am 08. Mai – also zwei Tage vor dem Muttertag. Dieses Datum haben sie bewusst gewählt. „Der Song unterscheidet sich musikalisch und textlich sehr von den Liedern die wir bis jetzt herausgebracht haben“, sagen Finn und Jonas.

Zuschauerperspektive

Online-Konzerte sind meistens kostenlos und laden zum Tanzen, zum lauten und schiefen Mitsingen ein. Das kann man auch ungehemmt tun, denn niemand schaut einen schief an oder fühlt sich davon gestört. Abgesehen von den Mitbewohnern und Nachbarn. Außerdem gibt es keine langen Fahrwege und Warteschlangen und vor den Toiletten müssen die Fans bei Online-Konzerten auch nicht anstehen. Oft werden die Livestreams gespeichert, sodass die Zuschauer weder an einen Ort noch an eine bestimmte Zeit gebunden sind.

Man bekommt eine andere Sicht auf die Künstler und ist Teil eines, meist sehr spontanen, Erlebnisses. Mal ruft die Oma von Finn und Jonas mitten in einem Lied an, oder Davids Mitbewohner ruft, dass er schon mal die Puzzleteile für später vorsortiert. Obwohl jeder bei sich zuhause ist, ist man doch zusammen in diesem virtuellen Raum, in dem man miteinander kommunizieren kann und in gewisser Weise teilen alle eine ähnliche Erinnerung daran. Auch wenn man nicht weiß, wer die Leute sind, mit denen man sie teilt.

Die Zuschauer kommen den Künstlern durch Livestreams sehr nahe, aber für mich fühlt es sich eher an, als hätte ich einen Film geschaut und kein eigenes Erlebnis. Auch wenn man zur Musik tanzen und als kleiner Mensch endlich mal die Künstler zu Gesicht bekommen kann, ist es doch nicht vergleichbar mit einem Konzertbesuch in einer kleinen stickigen Halle, gedrängt an anderen Menschen und ihren Ellenbogen in den Rippen.

Neben all den Online-Aktionen gibt es auch Konzerte und Partys, die Menschen für ihre direkte Nachbarschaft veranstalten und damit wieder in das richtige Leben abseits der Bildschirme bringen.

Balkon-Party im Blaulicht 

Dass in Corona-Zeiten nicht alles online stattfinden muss, haben die BölkerBrüder im Kreuzviertel gezeigt. Lukas Bölker hat sich von den Italienern dazu inspirieren lassen, eine Balkon-Party zu veranstalten.

Er hat hat kurzerhand Flyer für die Anwohner ausgehangen und sein DJ-Pult auf dem Balkon seiner WG aufgebaut. Die Nachbarn standen mit Wunderkerzen an den Fenstern, auf den Balkonen oder vereinzelt im Hof und haben mitgetanzt.

Balkon Konzert mit Polizei
Statt die Party der BölkerBrüder abzusagen, feiert die Polizei mit. Foto: Philine Kerst

Als  plötzlich die Polizei mit drei Streifenwagen in den Hof einfuhr, wurde es kurz still. Doch sie kamen nicht, um die Party zu untersagen. Die Polizisten stiegen aus, ließen ihr Blaulicht als Partybeleuchtung an und feierten mit. Als um 22 Uhr der Applaus langsam verklang und Lukas die Anlage abgebaut hat, war ihm klar, dass diese Stille nicht lange anhalten würde.

Um der Aktion nicht ihre Einzigartigkeit zu nehmen, plante Lukas mit Florian, dem zweiten Kopf der BölkerBrüder, etwas ganz anderes. Drei Wochen später wurde mit Florian am Keyboard und Anna Mayenschein am Mikrofon der Balkon erneut zur Bühne.

https://www.instagram.com/p/B-7qSDCnWcO/

Zu der Livemusik haben die Anwohner zusammen, aber jeder bei sich, gefrühstückt. Die BölkerBrüder wollen mit diesen Aktionen zeigen: “Gemeinsamkeit geht auch, wenn alle zu Hause bleiben.”

Übersicht einiger Online-Konzerte und -Festivals

Es lohnt sich die Instagram-Accounts seiner Lieblingskünstler im Auge zu behalten und ab und zu das Fenster aufzumachen, um hinaus zu lauschen. Vielleicht veranstaltet ja gerade eine Balkon-Party.

Damit ihr auf jeden Fall versorgt seid, findet ihr hier eine Übersicht einiger Online-Konzerte und -Festivals:

Zusammenstellung einiger Online-Konzerte

Kostenlose Angebote:

Auf der Instagramseite des Rolling Stone Magazins finden montags, mittwochs und donnerstags um 20 Uhr Konzerte statt.

Auf der Instagramseite des Diffus Magazins findet man nicht nur regelmäßig Online-Konzerte, sondern auch Interviews mit verschiedenen Bands wie Giant Rooks und Allie Neumann. Die Interviews sind auch im Nachhinein auf dem Instagram-Account abrufbar.

Arte bietet auf der Website eine große Auswahl verschiedener Künstler und Musikrichtungen.

Igor Levit spielt auf seinem Flügel. Die Konzerte aus seinem Wohnzimmer lassen sich kostenlos auf Twitter abrufen.

Konzerte auf Spendenbasis:

Konzerte Tv noir finden auf Spendenbasis (1 bis 50 Euro) statt.

Auf der Website dringeblieben.de kann man die Preisklasse selbst auswählen. Die niedrigste Preisklasse liegt meist bei fünf Euro.

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