Prokrastinieren is’ nicht – Wie eine Studentin mit Kind die Coronakrise meistert

Studierende mit Kind haben es auch ohne Corona schon schwer. Uni und Kinderbetreuung unter einen Hut zu kriegen, ist für viele jeden Tag eine neue Herausforderung. In Zeiten von Corona wachsen sie über sich hinaus, um halbwegs so etwas wie Normalität herzustellen.

Morgens um sieben Uhr geht’s normalerweise los: Lisa bringt ihren Sohn Emil zur Kita am Südcampus. Eine kurze Verabschiedung und dann fährt Lisa auch schon weiter zur Arbeit. Im Zug liest sie davor noch schnell etwas für die Uni. Auf der Heimfahrt das selbe Spielchen. Aber das war einmal.

Im Moment läuft alles wesentlich chaotischer ab. Neben ihrem Studium und dem Werkstudentenjob muss Lisa sich jetzt auch noch permanent um ihren zweieinhalb Jahre alten Sohn kümmern, denn die Kita ist wegen Corona geschlossen. Zusammen mit ihrem Mann versucht die 27-Jährige, den Alltag so gut es geht zu meistern. „Es sind immer sehr lange Tage im Moment und ich schaffe unter der Woche wesentlich weniger als vorher“, erzählt Lisa.

Schätzungsweise fünf bis sechs Prozent der rund 34.000 Studierenden an der TU Dortmund haben ein Kind oder sogar mehrere Kinder. „Eine genaue Zahl gibt es nicht, da wir das nicht abfragen können“, sagt Jeannette Kratz vom Familien-Service der TU. Im Regelbetrieb bietet die Uni den Studierenden mit Kindern viele Möglichkeiten: Ruheräume, Wickelräume, Betreuungsangebote und ein Ferienprogramm. In Zeiten von Corona fällt das alles weg. Trotzdem muss der Alltag für die ca. 2000 Mamas und Papas unter den Studierenden ja irgendwie weitergehen.

Jede Minute wird produktiv genutzt

Lisa hat sich mittlerweile an die Situation gewöhnt. Also so gut das eben geht, denn obwohl sie und ihr Mann ein eingespieltes Team sind, wünscht sie sich manchmal trotzdem ein bisschen mehr Normalität zurück. „Unser Tagesablauf ändert sich immer mal wieder, jetzt gerade sind wir beide im Homeoffice. Ich arbeite jetzt jeden Tag in zwei Zwei-Stunden-Blöcken, morgens von 8:30 Uhr bis 10:30 Uhr und dann nochmal von 15 Uhr bis 17 Uhr. Aber wenn zwischendurch nochmal Videokonferenzen sind, dann natürlich auch zwischendurch spontan.“ Und in der Zeit, wo sie nicht arbeitet, betreut sie Emil. „Das geht mittlerweile schon einfacher, weil die Spielplätze wieder geöffnet sind“, sagt sie. „Jetzt versuchen wir, so viel wie möglich mit ihm rauszugehen, in den Zoo oder auf den Spielplatz. Ich sehe, dass ihm das richtig gut tut, wenn er rutschen, wippen und schaukeln kann und sich auch mal ein paar Minuten alleine beschäftigen kann.“

Aber das bedeutet noch lange nicht, dass Lisa dann auch mal Freizeit hat, im Gegenteil. Sie habe in der Uni gerade viele Deadlines und müsse deswegen jede Möglichkeit nutzen: „Wenn sich ein kleines Zeitfenster auftut, weil Emil gerade zufrieden im Sandkasten buddelt, dann hole ich meine Textmarker und mein Buch raus und mache mir Notizen“ erzählt Lisa. Sie studiert Angewandte Literatur- und Kulturwissenschaften im Master und würde jetzt eigentlich schon ihre Abschlussarbeit schreiben, wegen Corona habe sie das aber nochmal ein bisschen geschoben, sagt sie.

„Prokrastinieren kann man sich gar nicht leisten beim Studieren mit Kind, erst recht nicht im Moment“

Während andere Studierende es kaum erwarten können, endlich wieder richtige Vorlesungen und Seminare auf dem Campus zu besuchen, kommt für Lisa die digitale Lehre gerade zur richtigen Zeit. Sie sagt, dass sie lange überlegt habe, ob sie ihr Studium pausieren soll oder den Werkstudentenjob. Sie arbeitet eigentlich in der Unternehmenskommunikation einer großen Firma, aber mit der Perspektive, dass Kitas erst ab September wieder mit dem Regelbetrieb beginnen wollen, habe sie sich entschieden, ab Juni nochmal für vier Monate in Elternzeit zu gehen. „Für ein paar Wochen funktioniert das vielleicht mal, das Kind auf dem Schoss zu haben und gleichzeitig zu arbeiten, aber bis September kann ich das Pensum jetzt auch nicht aufrecht halten“, erzählt sie. Daher habe sie sich entschieden, ihren Job vorübergehend an den Nagel zu hängen und lieber ihr Studium zu beenden.

Die Unisachen könne sie einfach flexibler machen: “Dem Professor ist es egal, ob ich mein Essay am Wochenende um 21 Uhr schreibe oder den Text, den ich bearbeiten soll, im Sandkasten lese. Auf der Arbeit kann ich die Meetings, die wir dort haben, halt nicht so einfach verschieben. Und die Kollegen sind ja auch nur zu bestimmten Tageszeiten erreichbar.“ Die digitale Lehre verlange zwar wesentlich mehr Disziplin, aber bis jetzt würde das ganz gut klappen, sagt sie. Schließlich müsse man die beim Studieren mit Kind sowieso haben.

Unterstützung gibt es in Zeiten von Corona wenig

Lisa und ihre Familie haben schon vor der Corona-Krise vieles alleine gestemmt, erzählt sie. Finanzielle Unterstützung gibt es von der Uni selbst wenig, sie verweist nur auf viele andere Angebote, zum Beispiel vom Studierendenwerk, dem AStA oder bestimmten Stiftungen „Die TU verfügt über ein großes Netzwerk, womit Studierenden mit Kindern geholfen werden kann“, erklärt Jeannette Kratz. „Seit 2008 gibt es den Familien-Service an der Uni. Er bietet allen Hochschulangehörigen mit Familienverantwortung, das heißt, auch Studierenden mit Kind/ern, Beratung und Vernetzung.“ Auch Lisa nutzt eigentlich gerne die Angebote des Familien-Service: „Den Eltern-Kind-Raum zum Beispiel haben wir viel genutzt. Emil hat auch so einen Kind-eines-Studierenden-Ausweis, mit dem kann er in der Mensa dann umsonst essen. Aber das geht halt jetzt im Moment alles nicht“, sagt sie.

Finanziell mache sich die neue Situation nicht so sehr bemerkbar, allerdings vom Aufwand her. Beispielsweise habe Emil früher in der Kita drei Mahlzeiten bekommen, Frühstück, Mittagessen und einen Nachmittagssnack. Jetzt müssen Lisa und ihr Mann diese Mahlzeiten für Emil vorbereiten und das koste einfach Zeit, sagt sie. „Wir setzen uns dann ja auch mit ihm hin beim Essen. Aber er krümelt dann ja auch alles voll, weil er noch klein ist und dann müssen wir wieder sauber machen. Es kommt einfach viel Arbeit dazu, die wir sonst nicht haben.“

Die einzige Sache, die ihr auch in dieser Zeit zugute kommt, sei die Tatsache, dass Studierende mit Kind bei der Kurswahl vorgelassen werden.“Das hilft sehr, damit ich die Kurszeiten etwas besser mit allem anderen vereinbaren kann“, erklärt Lisa.

Biergarten statt Kindergarten – Lisa zweifelt an den Entscheidungen der Politik

Einen Anspruch auf eine Notbetreuung in der Kita hat Emil nicht, sagt Lisa. Aber sie wundere sich manchmal sehr über die Entscheidungen in der Politik. „Was hat Emil zum Beispiel davon, wenn er jetzt bis zu den Sommerferien ganze zwei Mal in die Kita gehen soll? Er hat sich jetzt dran gewöhnt, dass er nur noch zuhause ist. Emil wäre glaube ich eher verwirrt, wenn er jetzt zwei einzelne Male in die Kita geht und dann wieder wochenlang nicht“, sagt sie. „Ich habe manchmal das Gefühl, die Politiker denken “ja wenn die Eltern im Homeoffice arbeiten können, dann ist doch alles in Ordnung“, aber das ist nicht so. Man kann dann nicht wie auf der Arbeit acht Stunden am Stück konzentriert arbeiten und das Kind will nichts und braucht nichts. Aber stattdessen wird die Bundesliga wieder weitergeführt und man kann in Biergärten gehen.“

Laut Lisa soll die Politik ihre Prioritäten nochmal überdenken und sich kreative Konzepte überlegen wie zum Beispiel geteilte Gruppen in Kitas oder eine Betreuung nur draußen. Sie fühle sich als Mutter auch ein Stück weit alleine gelassen, da momentan vor allem die Zeit fehle, um sich mit anderen Müttern und Kolleginnen auszutauschen, sagt sie. „Aber ich folge auf Instagram auch ein paar Mama-Bloggern und da ist es dann schön zu sehen, dass die sich über die gleichen Dinge wundern und aufregen, wie man selbst. Das tut ganz gut, wenn man sieht, dass man nicht alleine ist.“

Bildquelle: privat

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