Corona und Diskriminierung: Betroffene kämpfen gegen anti-asiatischen Rassismus

Kommentare und vermeintlich lustige Sprüche aufgrund ihrer Herkunft sind für asiatisch gelesene Menschen in Deutschland nichts Neues. Sie gehören zu ihrem Alltag. Seit aber das Coronavirus, nachdem es in China ausgebrochen war, auch nach Deutschland kam, nimmt anti-asiatischer Rassismus in Form von Diskriminierung, Beschimpfungen oder sogar gewalttätigen Angriffen noch mehr zu. Thuy-Tien Nguyen ist selbst betroffen und setzt sich dafür ein, dass sich etwas ändert. 

Alleine bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes sind bis zum 20. April 58 Fälle zu Diskriminierung im Zusammenhang mit dem Coronavirus und der ethnischen Herkunft eingegangen – darunter verweigerte Arzttermine, Beleidigungen, Beschimpfungen auf der Straße und Drohungen. Auch bei anderen Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt sind laut der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung Annette Widmann-Mauz über 100 Berichte über Corona-spezifische rassistische Übergriffe gezählt worden.

Thuy-Tien Nguyen wohnt in Köln und hat diesen neuen Rassismus bereits selbst erlebt: „Anfang Februar wurde ich in Köln am Bahnhof von einer Männergruppe rassistisch beschimpft, unter anderem auch als ‚Corona-Opfer‘. Das Gleis war voll und trotzdem ist niemand eingeschritten oder hat gefragt wie es mir geht“, erzählt die Lehramtsstudentin. Sie hat das Gefühl, dass die Menschen hemmungsloser geworden sind, sich in der Öffentlichkeit rassistisch zu äußern und zu verhalten – zum Beispiel an Bahnhöfen, auf der Straße oder im Supermarkt.

In den Köpfen dieser Menschen werde eine ganze Ethnie für die Pandemie verantwortlich gemacht, so Nguyen. Und auch in den Medien werden diese rassistischen Vorstellungen reproduziert: Mit Titeln wie „Made in China“ auf dem Cover des Spiegels oder „Angst vor Kölns Chinesen“ auf dem Cover des Kölner Express sowie immer wiederkehrenden Fotos von asiatisch aussehenden Menschen mit Mundschutz in den verschiedenen Medien – teilweise ohne inhaltlichen Bezug.

Mehr Aktivismus gegen rassistische Diskriminierung

Um dem entgegenzutreten, werden nun immer mehr junge Menschen mit asiatischem Hintergrund aktiv: Unter dem Hashtag #IchBinKeinVirus berichteten zunächst viele Betroffene auf Twitter von ihren Erfahrungen mit Diskriminierung im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Im März entstand unter dem gleichen Namen schließlich ein Projekt, das Erfahrungsberichte sichtbar machen und den Austausch zwischen Betroffenen, Aktivistinnen und Beratungsstellen ermöglichen soll.

Auch der Verein „korientation“, ein Netzwerk für „Asiatisch-Deutsche Perspektiven“, setzt sich schon seit Langem gegen anti-asiatischen Rassismus ein. Seit März ist auch Thuy-Tien Nguyen Mitglied des Vereins und koordiniert dort das Medienkritik-Projekt „Corona-Rassismus“. Sie sammelt Beiträge mit rassistischen oder diskriminierenden Framings, wendet sich an Medien, die solche Beiträge veröffentlichen, und kritisiert diese – erklärt ihnen aber auch, was an ihren Inhalten problematisch ist und warum. Auf die Studentin aufmerksam wurde der Verein durch einen Tweet von ihr, in dem sie die Bebilderung eines Beitrags der Tagesschau kritisierte.

Dieser Tweet ging auf Twitter ziemlich viral – die Tagesschau entschuldigte sich schließlich. Andere Medien hingegen hätten keine Reaktion auf die Kritik des Vereins gezeigt oder seine Mitglieder sogar auf den sozialen Medien blockiert.

Mit ihrer Arbeit möchte Thuy-Tien Nguyen vor allem erreichen, dass anti-asiatischer Rassismus mehr Aufmerksamkeit bekommt und sich auch die Medien mehr Gedanken darüber machen: „Wir wollen an die Verantwortung aller Medienschaffenden appellieren und erreichen, dass es mehr Bewusstsein für dieses Problem gibt, damit es sich nachhaltig ändert. Denn Bilder wecken nun mal Assoziationen und Sprache hat Macht“, erklärt die Aktivistin. Es gehe nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen, sondern darum „zu kritisieren und zu benennen, was an den Inhalten falsch und problematisch ist“.

Der Alltagsrassismus ist geblieben 

Im Alltag erfährt die Studentin immer wieder Rassismus – und das nicht erst seit der Corona-Pandemie: „Rassismus war für mich auch vorher schon ein großes Thema, weil es anti-asiatischen Rassismus schon immer gab, auch hier in Deutschland. Soweit ich mich erinnern kann, hat es mich immer betroffen. Das fing schon in der Grundschule an und hat nie aufgehört.“ Sprüche, Beschimpfungen und Fragen wie „Isst du eigentlich auch Hunde?“ begleiten Thuy-Tien Nguyen schon ihr Leben lang – „on top“ komme seit der Corona-Krise nun auch noch, dass alle asiatisch aussehenden Menschen für die Pandemie schuldig gemacht würden. Sichtbar werde dieser Rassismus durch Vorfälle wie der am Kölner Bahnhof, rassistische Äußerungen oder Beleidigungen.

Wichtig zu betonen sei außerdem, dass Rassismus nicht immer von Rechtsextremen kommt, sondern „auch von Nachbar*innen, Mitschüler*innen, Lehrkräften oder Leuten, die einem im Supermarkt begegnen“, so Nguyen. Gleichzeitig habe sie das Gefühl, dass anti-asiatischer Rassismus im Zuge der Corona-Pandemie mehr thematisiert werde und sich jetzt mehr Asiatisch-Deutsche vernetzen und einsetzen – zum Beispiel in Vereinen wie „korientation“, Gruppen wie „DAMN“ (Deutsche Asiat*innen Make Noise) oder auf Twitter unter Hashtags wie #IchBinKeinVirus.

 

Beitragsbild: Thuy-Tien Nguyen

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