„Kaufe nichts und spare 100 Prozent“ – Black Friday mal anders

 

„Geiz ist geil“: Nach dem Motto kaufen Millionen Menschen weltweit am Black Friday Dinge, die sie nicht brauchen. Aktuell findet jedoch die Gegenbewegung: der „Kauf-nix-Tag“ immer mehr Anklang. Wir erklären, wie Minimalist*innen und Aktivist*innen dadurch versuchen, Konsumkritik zu üben.

Millionen Menschen sind in diesen Stunden auf Schnäppchensuche. Es gilt: möglichst billig und möglichst viel zu kaufen. Nicht nur wegen des eigenen Geldbeutels, sondern auch der Umwelt zuliebe boykottieren einige Konsumkritiker*innen diesen Tag.

Das oppositionelle Konzept nennt sich „Kauf-nix-Tag“ und findet dank einer Initiative des Künstlers Ted Dave bereits seit 1992 Anklang in konsumkritischen und umweltbewussten Kreisen, insbesondere in Amerika. Der Konsumprotesttag soll Konsument*innen dazu ermutigen, ihr Kaufverhalten und ihren Lebensstil zu überdenken. Am Samstag nach dem Black Friday kaufen Anhänger*innen deswegen überhaupt nichts.

Woher kommt der Black Friday?
Seinen Ursprung hat der Black Friday in den USA. Er liegt traditionell auf dem Freitag nach dem Thanksgiving-Fest, welches immer am vierten Donnerstag im November stattfindet. Der Shopping-Feiertag entwickelte sich dadurch, dass sich viele Arbeitnehmer*innen in den USA freinahmen, um am verlängerten Wochenende die ersten Weihnachtseinkäufe zu machen. 

„Kaufen, kaufen, kaufen – neu, neu, neu – mehr, mehr, mehr!“

Adrenalinrausch in vollen Saturn-Gängen, schwitzende Menschenmassen in dicht bepackten Innenstädten und eine Rabatt-gierige Meute vermisst Michael Klumb am Black Friday schon lange nicht mehr. Sein Ansatz lautet: „Kaufe nichts und spare 100 Prozent“. Auf seinem Blog minimalismus-leben.de wirbt er nicht nur am Konsumtag des Jahres für seinen Lifestyle. Schon vor neun Jahren hat er sich von den meisten materiellen Dingen gelöst. Eines Tages stand er in seiner Wohnung und fühlte sich nicht mehr wohl: „Zu unruhige, volle Regale, zu viel Kram. Alles Dinge, um die ich mich kümmern musste. Die Spirale hat sich immer weiter gedreht. Dann habe ich anfangen, mich von Dingen zu trennen und die positiven Ereignisse nahmen ihren Lauf.“

Er war lange auf der Suche nach einer sozial-theoretischen Erklärung für das Rabatt-Phänomen, welches sich insbesondere am Black Friday zeigt. Prof. Hartmut Holzmüller, der an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der TU Dortmund Marketing lehrt, hat eine einfache Antwort darauf: „Menschen wollen sich am Black Friday inkludiert fühlen“. Werbung von Unternehmen suggeriere bereits Wochen vor dem „großen Tag“, dass man etwas verpasse, wenn man am Black Friday nichts kauft. Die leuchtenden 20, 30 oder 50 Prozentzahlen würden die Kauflaune stimulieren und schnell würden Dinge gekauft, die nicht benötigt werden. Holzmüller erklärt, dass es ein menschliches Grundbedürfnis sei, Freude an neuen materiellen Dingen zu empfinden. Der Konsumtag unterstreiche das Credo „kaufen, kaufen, kaufen – neu, neu, neu – mehr, mehr, mehr“ in den Köpfen der Menschen.

Und die Umwelt?

Viele streben also nach der kurzfristigen Befriedigung beim Kaufrausch. Nele Ochmann von „Campus for Future“ (CFF) in Dortmund findet hingegen, dass die Glückshormone einen ganz schnell die Folgen für die Umwelt vergessen lassen. Sie berichtet, dass die „Fashion Industrie zum Beispiel jährlich etwa 43 Millionen Tonnen Chemikalien verbraucht, von denen Teile in Flüsse und Grundwasser gelangen. Mit der Digitalisierung wird es noch schlimmer. Stichwort: die Plastikverpackungen im Onlinehandel.“

Eines der größten Probleme sei zudem, dass mittlerweile viele Produkte hergestellt werden, die kürzer halten. Sei es der billige Fast-Fashion-Pullover oder das neue iPhone. In diesem Punkt stimmt auch das Umweltministerium Aktivistin Nele zu: „Reparieren und länger nutzen ist besser als wegwerfen und neu kaufen“. Mit einem Statement ruft es in sozialen Netzwerken dazu auf,  das Kaufverhalten nicht nur am Black Friday zu überdenken.

Recyclen – nicht wegwerfen

Eine Entscheidung ist jedoch oft gar nicht so leicht zu treffen, denn die Reparatur eines Gerätes zum Beispiel in der Elektronikbranche ist häufig teurer als die Anschaffung eines neuen. Professor Rüdiger Hahn, welcher „Sustainability Management“ an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf lehrt, weist hier auf einen Lösungsansatz hin: „Es ist keine Notwendigkeit, dass alle Produkte einen linearen Weg gehen und am Ende der Lebensdauer entsorgt werden. So kann der Lebensweg von Produkten durch hochwertige Qualität verlängert werden, sodass es gerade nicht beim nächsten Black Friday ausgetauscht werden muss“. Man könne viele Produkte ebenfalls so designen, dass sie leichter wieder repariert werden können. Auch eine bessere Recyclingfähigkeit wäre denkbar. Denn „Umweltschutz und eine Bekämpfung des Klimawandels müssen endlich ernster genommen und damit auch der Black Friday kritisch hinterfragt werden“. Es ist also sinnvoll, den Kauf von Produkten zu hinterfragen und zu überlegen, ob man sie wirklich braucht oder es auch eine günstige Upcycling-Alternative gibt.

Kritik am Kapitalismus – nicht an Personen

Es muss es jedoch nicht immer der Verzicht sein. Für Minimalist Michael würde es bereits reichen, wenn Menschen ein Bewusstsein für ihre Käufe entwickeln. Große Unternehmen müssen seiner Meinung nach hingegen kritisiert werden und „nicht Einzelpersonen, die sich über den ein oder anderen Kauf im Sale freuen.“ Er selbst macht es am Black Friday so: „Ich kaufe höchstens ein paar Dinge für Weihnachten, die sowieso auf meinem Zettel standen, und freue mich dann über gesparte 10 bis 20 Euro. Aber nur zu kaufen, um ein Schnäppchen zu machen, oder weil etwas billig ist, ist der falsche Ansatz. Ich halte es in dem Fall so, dass ich mir Gedanken mache, was ich gerne hätte, dann kommt es für zwei Wochen auf eine Liste und dann hinterfrage ich den Wunsch erneut. Selbst dieser kurze Gedankenprozess schützt nicht nur den eigenen Geldbeutel, sondern vor allem die Umwelt.“

Wenn ihr wissen wollt, ob sich der „Black Friday“ wirklich lohnt, schaut mal in diesem Artikel vorbei. 

Teaser- und Beitragsbild: unsplach.com/LumenSoft Technologies

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