“You’re Fired”?

Randalierer am Kapitol in Washington

Vier Jahre. Vier lange Jahre. So lange sitzt der Selbstbräuner-In-Chief nun schon im mächtigsten Sessel der Welt. Und genau so wenig, wie wir es wahrhaben wollten, dass er da Platz nehmen durfte —  genau so wenig will er nun wahrhaben, dass er wieder aufstehen muss. Eigentlich überrascht es da nicht, dass der Präsident, der Twitter für Politiker salonfähig gemacht hat, nun damit seine Radikalen in die Salons der Politiker treibt. Eine Glosse.

Widersprüche über Widersprüche, Gesetzeswidrigkeiten mit Gesetzeswidrigkeiten zu bekämpfen — so lautet Donald Trumps Kampfansage an Sinn und Verstand. “Wir handeln nicht mit Terroristen” ist normalerweise ein Mantra der US-Regierung. Bei Trump und manchen seiner Kultisten wäre inzwischen ehrlicher: Wir handeln wie Terroristen. Sein Schrei nach Gerechtigkeit scheint sich in ungerechten Reihen wohl am besten zu verfangen.

Sind das die Unterstützer, die man möchte? Die, die keinen Respekt vor Demokratie und Rechtsstaatlichkeit haben? Das fragen sich die Republikaner jetzt sicherlich. Endlich! Denn nicht, dass dieses Klientel etwas Neues wäre. Jahrelang haben sich republikanische Politiker an die Spitze der Trumpismus-Welle gestellt — nur um schlussendlich davon überrollt zu werden.  Nehmen, was gerade da ist, das war das Gebot der Stunde. Ähnlich dachten wohl auch die Randalierer am Mittwoch — und nahmen kurzerhand die halbe Einrichtung aus dem Kapitol mit.

Bis zum bitteren Ende…

Verkleidet als Freiheitskämpfer waren sie gekommen. Als Kämpfer gegen die Freiheit sind sie gegangen. Die angeblich Unterdrückten wollen sie sein, aber sie waren es, die unterdrückten. Es war ironisch, wie ein gewählter Präsident zum Sturm aufs eigene Parlament aufrief. Und es ist ironisch, wie die Black Lives Matter Protestanten Terroristen sein können während Randalierer, die die heiligste Stätte der amerikanischen Demokratie in einen Kriegsschauplatz verwandelten, doch  “very special people” sind.

Mann muss sich fragen, wie weit würde Trump am liebsten gehen? Oder eher gehen lassen, um eben nicht selbst gehen zu müssen. Bleiben will er nämlich. Also in seinem kuschligen Sessel im Weißen Haus. Egal was das kostet. Unterstützer, Kontrahenten, Feind oder Freund sind da alle nur Mittel zum Zweck. Für seine Sache gehen er und seine Kultisten über Leichen, auch wenn sie diese in den eigenen Reihen finden. Ob Bill Barr oder Jeff Sessions — das Beispiel seiner Justizminister zeigt: Sobald einem Günstling auch nur ein wenig Rückgrat nachwächst,  sagt Trump: “You’re fired!”

…um jeden Preis

Bei all dem stellt sich noch eine Frage: Was liebt Trump mehr, sein Land oder seinen Sessel? Ein Präsident, der doch tatsächlich bereit ist, die wichtigste demokratische Institution des Landes auf dem Altar seiner Egomanie zu opfern. Und wirkliche Opfer hat diese Aktion ebenfalls gefordert. Opfer in Form von Menschenleben, Opfer in Form von Integrität und auch Opfer für den Präsidenten selbst. Denn immer mehr seiner einst loyalen Untergebenen nehmen nun Reißaus vor ihrem orangegebräunten Propheten. Um es so zu sagen, dass auch der Präsident folgen kann: Es ist leicht, den Abschlag zu machen. Viel schwerer ist es aber einzulochen. Auch wenn man um das Wasser des Korruptionssumpfes herumgekommen ist — vor dem Treibsand im Bunker der Demagogie sollte man sich hüten. Denn einmal darin versinkt man immer tiefer. Und dort lauert dann Nancy Pelosi mit einem zweiten Impeachmentverfahren. Für den Präsidenten: Auch auf dem Grün des 18. Loches kann man noch disqualifiziert werden.  Davor wird ihn auch kein wütender Mob retten können.

Teaser- und Beitragsbild: flickr.com/Blink O’fanaye  lizenziert nach CC-BY-NC.

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